Der Westen und die Hobby-Chirurgen

Die Medientage in München, die man mit gutem Willen als etwas oberflächliche Bestandsaufnahme von Dingen, über die schon alles, nur nicht von jedem gesagt sind und bei bösem Willen als ritualisierte Irrelevanz bezeichnen könnte, sind also auch vorbei. Und nachdem vermutlich nix wirklich Weltbewegendes mehr passieren wird und im TV die Rückblicke neuerdings auch schon immer Anfang Dezember kommen, schauen wir doch mal zurück in das Jahr der selbstausgerufenen Revolutionen.

Zwei Dinge sind für mich die Flops des Jahres – oder nennen wir sie, etwas weniger unfreundlich, die am meisten überschätzten Dinge. Das eine ist der Westen, dieses groß beworbene und angekündigte WAZ-Portal, gestartet nach der enormen Entwicklungszeit von fast eineinhalb Jahren und erwartet als der völlig neue Standard für Onlineauftritte von Tageszeitungen. Herausgekommen ist ein Ding, bei dem man sich zunächst einmal die Frage stellt, was um Himmels willen daran so lange gedauert hat und wer bitte schön so begabt war und viele Elemente, die man schon mal irgendwo anders gesehen hat, zu einem neuen Eintopf zusammenzuwürfeln. Ein journalistisches Pichelsteiner, wenn man so will. Die Startseite sieht so aus wie alle Startseiten im Spiegel-Online-Land inzwischen aussehen, die Texte sind so, wie (fast) alle Texte von Tageszeitungen in Deutschland aussehen: akkordartiges Kopieren von Agenturen, wer die Tastenkombination für copy&paste beherrscht, hat als Redakteur im und beim Westen einen klaren Startvorteil.

Nun könnten mir der Westen und die WAZ ziemlich egal sein, weil ich weder im Westen wohne noch die WAZ lese. Aber dennoch lohnt es, sich mit diesem Projekt auseinanderzusetzen – weil es so wunderbar für die Problematik der Onlineprojekte der meisten Tageszeitungen (und einiger anderer auch) in Deutschland steht. Zum einen: Das Elend beginnt meistens damit, dass man in diesen Zeiten, in denen alle nur noch von den digitalen Segnungen der Web2.0-Welt sprechen, zunehmend weniger Wert auf das legt, was Medien immer noch ausmacht: Journalismus. Inhalte. Verlässlichkeit. Geist. Witz. Esprit. Man kann zwar jetzt im Westen mit Karten und Tags und ähnlichem Krimskrams durch die Gegend navigieren und sich derart präzise reinzoomen, dass man jede Straßengabelung in Münstermaifeld erkennt. Aber hinter den Straßen von Münstermaifeld befindet sich dann wieder nur die altbekannte journalistische Ödnis. Soll heißen: Man hat Geld und ordentlich Zeit und Technik in die Hand genommen, um dem Haus einen Anstrich zu geben. Allerdings, jeder Handwerker weiß das: Schimmel kann man nicht einfach nur übertünchen und übermalen, man muss ihn wirksam und an der Wurzel beseitigen. Bevor jetzt das Argument kommt, Lokaljournalismus biete eben nur selten Themenm, die zu publizistischen Höchstleistungen anspornen: Die Aufbereitung der überregionalen Themen ist genauso trostlos und uninspiriert.

Man sieht übrigens exakt an diesem Beispiel, wie unsinnig es ist, die gesammelten Web2.0-Spielerein in den Vordergrund zu schieben. Vor der zwei kommt immer noch die eins – soll heißen, die Grundlage dafür, dass beispielsweise Interaktion, Kommunikation, Diskussion funktionieren, ist immer noch ein Inhalt, der es lohnt, diskutiert zu werden. Bei dem Feuerwehr-aus-Hünxe-Kladderdatsch diskutiert niemand mit, was noch nicht verwunderlich ist, weil es dazu nicht viel zu diskutieren gibt. Aber auch über Themen, die durchaus diskussionwürdig sind, wird eben nicht diskutiert: Aktuell wird diese Geschichte hier auf der Startseite als „viel disktiert“ angepriesen. Wenn sechs Kommentare viel sind, dann ist diese Definition sicher richtig. Ich tendiere allerdings zu der Neigung, dass es Blogger gibt, die sich ernsthaft um ihr kleines Blog Sorgen machen müssten, wenn sie mit einem Beitrag gerade mal auf sechs Kommentare kämen. Was muss sich dann eigentlich erst Europas größte Regionalzeitung denken?

Sie könnte bzw. müsste sich folgendes denken: Kein Wunder, dass die Diskussionen nicht bei uns, sondern bei anderen statt finden. Wir fordern zwar ausdrücklich zur Diskussion auf und stellen auch die entsprechenden technischen Hilfsmittel zur Verfügung, aber leider, leider bieten wir keinerlei publizistischen Anreiz zum Diskutieren. Woran sollen sich auch Debatten entzünden? An andernorts in inflationärer Zahl ebenso vorhandenen Agenturmeldungen? An Bleiwüsten mit mediokren Meldungen aus Hünxe?

Wenn sie schlau sind, geben sie sich folgende Antwort: Erstmal müssen wir eine publizistische Grundlage schaffen, damit wir als relevant wahrgenommen werden. Wir könnten die Erosion an Publikum und an Relevanz stoppen, wenn wir uns um ordentlichen Journalismus kümmern. Deswegen nehmen wir erst einmal dafür, nämlich für gute Journalisten, deren Aus- und Weiterbildung und somit letztendlich für gute Inhalte Geld in die Hand – Geotagging kann dann später mal kommen.

Wobei das mit dem Geld so eine Sache ist. Wenn es denn stimmt, dass die WAZ Bloggern für das Schreiben eines Blogs 300 Euro im Monat anbietet, dann wird schnell klar, an was es hakt. Und nachdem es vermutlich nicht gerade so ist, dass es im Westen eine hohe Zahl von Idealisten gibt, deren höchstes Glück es ist, für den Westen zu bloggen, dann kann man sich ausrechnen, was von 300-Euro-Bloggern zu erwarten ist: das, was man eben bekommt, wenn man einen Beitrag mit einem Honorar in einer Größenordnung von 10 bis 20 Euro bezahlt. Das Schicksal des Westens ist also ebenso vorgezeichnet wie das vieler anderer Tageszeitungen auch: Die Erosion geht weiter, langsam, schleichend, aber eben stetig. Weil man nicht bereit ist zu investieren in das, was Medien über Wasser hält, nämlich Inhalte und Leute, die vernünftige Inhalte produzieren können.

Womit wir bei der zweiten Heißluftnummer dieses Jahres wären, nämlich dem User Generated Content, den Zuschauer-, Leser und so genannten Hobby-Reportern. Wenn man die Diskussion halbwegs ernst nehmen würde, dann würde sich alleine schon der Begriff Hobby-Reporter ad absurdum führen. Ganz persönlich wäre ich ziemlich dankbar, wenn die Sachen, die für mich wichtig sind, von Leuten gemacht werden, die ihr Handwerk verstehen. Es wäre also schön, wenn ich, falls ich in die Verlegenheit käme, nicht einem Hobby-Richter gegenübertreten müsste. Der nette Hobby-Chirurg von nebenan wäre auch nicht derjenige, unter dessen Messer ich mich gerne legen würde und ich würde vermutlich auch nicht schlecht staunen, würde mich jemand mit den Worten „Ihre Papiere bitte, ich bin Hobby-Polizist“ anhalten. Will ich dann von Hobby-Reportern informiert werden?

Man darf die Dinge nicht durcheinander bringen. Wenn es Leuten Spaß macht, sich ihre Fotos, Filme, Texte in Communitys gegenseitig zu präsentieren, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil, man staunt immer wieder, wie großartig manche Dinge sind, die dort ausgestellt werden. Natürlich ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn ein etabliertes, professionelles Medium auf Amateurmaterial zurückgreift, wenn es denn geprüft ist und irgend etwas Vernünftiges hergibt. Niemand will auch mehr zurück in die Steinzeit der Non-Kommunikation mit Lesern und Zuschauern. Dass allerdings Heerscharen von Menschen draußen vor der Tür stehen, mit den Hufen scharrend, Kameras und Aufnahmegerät in der Hand, um endlich journalistischer Hilfs-Sheriff zu werden, gehört zum größten Nonsens, der in den letzten Jahren erzählt worden ist (und das will was heißen in unserer unsinnsreichen Branche).

Die Web2.0-Spielereien im Westen und die Hobbyreporter-Phantasien haben also etwas gemeinsam: Sie sind irgendwelche Sekundär-Geschichten, nicht per se abzulehnen, aber eben auch völlig irrelevant, wenn man nicht in der Lage ist, anständige Inhalte zu erstellen.

Und dann schließlich und letztlich noch ein letztes Wort: Natürlich wollen sie alle mit ihren Me-Too-Angeboten Marktführer werden und Spiegel Online vom kommerziellen Thron stoßen.  Man muss Spiegel Online auch nicht zwingend großartig finden, aber so lange es vermeintliche Mitbewerber gibt, die Geschichten abliefern, die man wegen ihrer unfassbaren Fehlerhaftigkeit nicht mal schlecht oder gar nicht bezahlten Praktikanten zutrauen würde – solange steht SPON völlig zurecht da, wo es steht.

It´s the content, stupid!

12 Gedanken zu „Der Westen und die Hobby-Chirurgen

  1. Ab welcher Untergrenze von Kommentaren sollte man denn als Blogger sich überlegen, ob sich das noch lohnt? Ich habe oft Beiträge mit weniger als sechs Kommentaren…

  2. Da hast du mich falsch verstanden. Ich meine keineswegs, dass Blogs erst ab einem gewissen Quantum von Kommentaren lohnenswert sind – ich hab hier auch meistens unter 6 Kommentaren. Aber ich bin auch nicht Europas größte Regionalzeitung. Umgekehrt: Wenn du mal bei den großen Blogs schaust, da sind 100 und mehr Kommentare pro Beitrag keine Seltenheit. Insofern finde ich es bezeichnend und frappierend, wenn beim Westen der Beitrag mit 6 Kommentaren als „viel diskutiert“ auf der Startseite besonders herausgestellt wird.

  3. Mit dem Beispiel der Feuerwehr Hünxe hast Du dir aber ein schlechtes Beispiel ausgesucht.
    Hünxe ist ein Dorf, absolut ländlich. Da liest man die Zeitung und diskutiert am Gartenzaun mit dem Nachbar darüber, was man gelesen hat.
    Ich weiß das nur zu gut, ich komm aus dem Dorf 😉

    Aber das Problem mit dem Internet ist nicht nur auf Hünxe zu beziehen. Dinslaken hat über 70.000 Einwohner. Webabtivität? So gut wie Null.
    Man schaue sich das http://www.Dinportal.de an. Bezeichnend für die Aktivität der Bürger.

    Das der Westen so wenig Blogger hat liegt auch daran, dass sie nach ihrem Aufruf sich als Blogger zu bewerben, bei vielen gar nicht mehr gemeldet hat die sich beworben haben.
    So auch bei mir. Keine Zusage, keine Absage, gar nichts.
    Jetzt sucht man Händeringend nach Bloggern. Selbst schuld sag ich da nur

  4. Naja, noch ist das ganze ja auch neu und ich gehe davon aus, dass man den Wert, ab dem etwas als meist kommentiert gilt ändern kann – wenn da mehr kommentiert wird.

    Noch ist es ja nicht so weit.

    @Silent:
    Das ist natürlich dumm gelaufen.

  5. Manche Verleger kommen mir vor wie Gestütsbesitzer, die mit immer schlechteren Zossen an immer mehr Rennen teilnehmen, in der Hoffnung, so mehr gewinnen zu können.

  6. Also halbwegs der Reihe nach:

    Wir haben tatsächlich immer noch einen reichlich nervigen Fehler bei der Anzeige der Kommentarzahlen – die meistkommentierten Artikel liegen weit über den genannten sechs Kommentaren und auch im Lokalen herrscht keineswegs Ödnis (auch wenn es bei 140 Orten natürlich große Unterschiede gibt, was auch nicht anders zu erwarten war).

    Wir machen in der Onlineredaktion schon jetzt nicht einfach nur Agenturjournalismus, wollen die Zahl der eigenen Geschichten aber schon noch deutlich steigern. Wir brauchen aber auch noch ein bißchen Zeit, um uns als Redaktion im Live-Betrieb aufeinander einzuspielen (ein Haufen motivierter, teils auch sehr erfahrener Journalisten ist eben nicht gleich eine eingespielte Redaktion, was Dir sicherlich nicht neu ist). Die Steuerung der Seite lässt sich im Testbetrieb leider nur begrenzt „üben“, weil da Sachen wie Kommentar- und Forumspflege usw. nicht anfallen. Je weniger Leute langfristig tatsächlich am Newsdesk mit der Betreuung der Seite selbst beschäftigt sind, desto mehr sind frei für Recherche.

    Und nun zu den berüchtigten 300 Euro: Wir haben keinen Einheitstarif für Blogger, auch wenn das jetzt gerne so dargestellt wird. Was wir zahlen, hängt ganz stark davon ab was uns angeboten wird (so funktioniert das auf dem freien Markt, munkelt man). Mit einer einzigen Ausnahme zahlen wir allen Bloggern derzeit deutlich mehr (und die eine Ausnahme bloggt auch nicht mehrmals pro Woche).
    Ja, dafür habe ich sogar Beweise, denn ich unterschreibe die Verträge und die monatlichen Honoraranweisungen. Wenn wir also jemandem nur 300 Euro geboten haben, dann war uns seine Idee wohl nicht mehr wert (auch wenn das jetzt harsch klingt) und wenn er dann abgelehnt hat, das natürlich sein gutes Recht. Niemand wird gezwungen, für uns zu schreiben. Diejenigen, die es tun, haben sich bislang allerdings noch nicht beklagt.
    (Bei allen Preisen bitte ich übrigens auch zu bedenken, dass Regionalverlage generell im Print niedrigere Zeilenhonorare zahlen als überregionale Zeitungen und ich das Gefüge nicht komplett zerschiessen will.)

  7. Kannst du uns bitte mal erklären, Katharina, in welche ehernen Gesetzestafeln es eingehauen steht, dass der Printjournalist stets mehr Geld erhalten müsse als der Blogger?

  8. @Chat Atkins: In überhaupt keinen Tafeln, zumindest keinen mir bekannten. Deshalb habe ich das auch mit keinem Wort gesagt. Mir kommt es nicht darauf an, wer von beiden mehr verdient, sondern dass das Verhältnis zwischen beiden gewahrt bleibt. Ich meinte damit eher, dass ein Blogger nicht generell das achtfache unserer Freien im Print verdienen sollte.

  9. Schön langsam werde ich aber wuschig, nochmal zur Verdeutlichung: Die 300-Euro-Mails sind topaktuell, die letzte mir bekannte ging am 7. November raus, und da geht es

    – um das kontinuierliche Füllen
    – und Betreuen
    – von von der WAZ selbst angefragten Spezialblogs
    – von Leuten, die man monatelang hingehalten hat und
    – die durchaus was können und
    – deren bekannte Vorstellungen zur Entlohnung man über Wochen und Monate kannte, und auch nicht als Grund für eine Absage wahrnahm.

    Nebenbei steht in der Mail, dass allen 20 externen Bloggern, die demnächst starten, für die ersten 3 Monate 30 Euro bezahlt werden, und man sich damit als Provinzmedium schon mehr leiste, als alle anderen in Deutschland.

    Das sind die Fakten. Dass die bisherigen Blogger bei der WAZ besser bezahlt werden, kann schon sein, schliesslich sind es bei Westpoint zum grössten Teil normale Mitarbeiter der WAZ aus dem Altbestand, selbst wenn die dort unter Pseudonym schreiben (Runningblog). Wenn die WAZ nicht für die 20 ausgeguckten Externen mehr zahlen will, sagt es doch einfach, aber dieses Lavieren und Kleinreden des Nachweisbaren ist schon ein wenig komisch.

  10. Wenn ich Katharinas und Don A.s Mails mal beide als wahrheitsgemäß im Kopf ‚addiere‘, dann sind diese 300 Euro für einen externen Blogger also das Achtfache von dem, was eine freie Printe bei der WAZ verdient. Was sagt denn der DJV dazu?

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