Not zwitschering

Seit ein paar Wochen komme ich mir ziemlich alt und etwas rückständig vor. Das mag zum Teil damit zusammenhängen, dass ich ziemlich alt und etwas rückständig bin. Zum anderen aber auch damit, dass ich – ja, zugegeben – dass ich nicht twittere. So. Jetzt isses raus und Sie dürfen faule Eier werfen. Ein Blogger, der nicht twittert! Ein Journalist, der nicht twittert! Ein begeisterter und bekennender Onliner, der nicht twittert!

Ich geb´s ja zu: Ich hab´s mir eine ganze Zeit angeschaut, wer und was so alles twittert, habe viele kluge Analysen gelesen und mir von Sascha Lobo in der SZ erklären lassen, warum dieses Mikro-Blogging die Zukunft von ungefähr aller Kommunikation ist. Ich habe die Debatte zwischen Thomas Knüwer und seinem Handelsblatt-Kollegen vor allem unter der Perspektive verfolgt, dass twittern uns als Journalisten echt weiterbringt und ich habe einige Twitter-Feeds gelesen und mich wirklich bemüht, es richtig klasse zu finden, wenn mir einer auf 140 Zeichen mitteilt, dass er gerade im Zug sitzt und aus dem Fenster schaut. Vergebens, alles vergebens.

Vor kurzem war ich eingeladen beim Journalistentag in Bochum. Und da wurde auch ganz viel getwittert, wenn ich das der Verbandszeitschrift der DJV-NRW richtig entnehme. Eine Besucherin beispielsweise twitterte, dass sie es schade fände, dass auf „meinem“ Panel Frank Syré kurzfristig abgesagt habe und nicht dabei sei. Ich fand das natürlich auch schade, versuchte mir aber vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn ich als normaler Gast dort gewesen wäre und mir dann jemand per Twitter mitgeteilt hätte: Schade, dass Frank Syré nicht dabei ist. Oder: Im Forum Ost beginnt jetzt das Panel XY. Hm.

Ich weiß zwar nicht, wie ich meinen Arbeitsalltag künftig ohne Twitter bewältige und ob mich überhaupt nochmal jemand auf ein Panel einlädt; jetzt, wo es raus ist. Aber ehrlich gesagt: Manche Dinge sind einfach nur Gimmicks. Und werden es auch immer bleiben. Es rauscht und zwitschert  soviel in meiner Umgebung, man könnte es auch ein mediales Grundzwitschern nennen – da verzichte ich  ziemlich gerne auf noch einen 140-Zeichen-Kanal. Ein bisschen Ruhe kann ja auch was für sich haben.

6 Gedanken zu „Not zwitschering

  1. Das mit der Ruhe ist auch bei mir der Grund, wieso ich Twitter nicht nutze. Ich hab wirklich nichts dagegen, finds eigentlich ganz spannend und nett – nur: wenn ich mit Twitter anfange, fürchte ich, hänge ich nur noch mehr im Internet und vernachlässige wichtigere Sachen. Je kleinteiliger die Kommunikation, desto stärker der Zwang, laufend nach Updates zu linsen.

    Das mag für jemanden ok sein, dessen Alltag sich ohnehin in grossem Masse im Netz abspielt. Wenn man allerdings die Kiste auch mal ausmachen muss, um anderweitig produktiv zu sein, ist Twitter nur ein weiterer Grund, wieso man sich nicht vom PC lösen kann.

  2. wieso sollte man dafür gebasht werden? ich zwitschere gerne, andere eben nicht. so isses halt. glaube nicht, dass man etwas verpasst, wenn man nicht mitzwitschert. und es kann natürlich sein, dass ich in zwei, drei Jahren das Kurzzeitgedächtnis eines Goldfisches habe, weil ich mir nicht mehr als 140 Zeichen merken kann 😉

  3. Danke für diesen Bekennerblog. Jede Woche wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Und immer laufe ich hinterher.
    Es grüßt das Old School Web 2.01 (Mist, 155 Zeichen)

  4. Ist mir aus der Seele gesprochen! Und ja, man kommt sich tatsächlich etwas alt vor, wenn man als Online-Mensch und Journalist so etwas nur mit Skepsis beobachtet. Aber ich denke, es gibt so oft neue Trends, dass man sich unbeschadet nur diejenigen raussuchen kann, die zu einem passen.

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