10 Cent die Zeile, 7 Euro das Foto

Irgendwie ist dieses Mediengeschäft schon komisch.  Auf der einen Seite wird man ja, ganz gleich wo, kaum müde immer wieder zu betonen, wie wichtig doch diese Dings, diese Qualität ist. Vor allem jetzt in den Zeiten, in denen jeder bloggen und twittern und publizieren kann, was er will, selbst dann, wenn diese Dings, diese Qualität ganz und gar nicht sichergestellt ist. Logischer Rückschluss daraus: Die Qualität ist ausschließlich von denen zu sichern, die erstens dafür ausgebildet und zweitens dafür bezahlt werden. Und zwar besser als die „dummschwätzenden Medienblogger“, die „versuchen ein paar lousy Pennys zu verdienen, dabei aber nicht mal auf Hartz-IV-Regelsatz kommen“ (Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer).

Auf der anderen Seite liest man dann wiederum Geschichten wie diese, in denen es darum geht, dass manche Lokalschreiber für 10 Cent pro Zeile und 7 Euro je Foto arbeiten (müssen). Nicht, dass man darüber überrascht wäre; die Klage über solche Honorarsätze läuft, seit ich meine ersten Zeilen für eine Zeitung geschrieben habe – und das ist immerhin schon 24 Jahre her. Trotzdem rechnet man dann mal nach, was das konkret bedeutet. Nämlich folgendes: Wenn jemand im Monat jeden Tag eine Geschichte mit 150 Zeilen in seinem Blatt hat und ein Foto pro Geschichte, dann kommt er am Monatsende auf ein Zeilenhonorar von 420 € und ein Fotohonorar von 196 €, was zusammen die stolze Summe von 616 € ergibt und gar nicht mal so weit weg ist vom „Hartz-IV-Regelsatz“. Auch zum durchschnittlichen Gehalt einer Auszubildenden im Friseurgewerbe ist es nicht mehr weit; die angehende Friseuse verdiente allerdings 2007 im Durchschnitt 8 Euro mehr als der Lokalschreiber. Da ist es dann schon etwas schwierig daran zu glauben, dass nur im echten und bezahlten Journalismus die wahre Qualität stattfinden soll; unser 616 €-Schreiber jedenfalls muss schon verdammt viel Idealismus und Grundkenntnisse im Überleben des Alltags ohne Geld mitbringen, wenn die Rechnung halbwegs aufgehen soll. Man behauptet also im Ernst im Journalismus, man müsse Qualität sichern – indem man Leute schreiben lässt, die schlechter als ein Friseurslehrling bezahlt werden (und damit habe ich jetzt nix gegen Friseusen gesagt).

Auf der anderen Seite – und das meine ich ernst – kann ich natürlich jeden Verleger verstehen, wenn er diese Honorare nicht spürbar nach oben setzt. Es wäre nämlich sein schneller Ruin. Um von diesen Sätzen leben zu können, müssten Journalisten das Drei- oder Vierfache bekommen und man kann sich leicht ausrechnen, was es für ein Haus bedeuten würde, stiegen die Honorare mal eben um das Vierfache an. Was gleichzeitig aber auch wieder zeigt, in welcher Falle inzwischen viele Zeitungen sitzen. Wollten sie wirklich die vielbeschworene Qualität liefern, müssten sie ihr Produkt erheblich verteuern (geht nicht). Liefern sie aber weiter maue Texte von Hausfrauen und pensionierten Oberstudienräten und ansonsten gut abgehangenes Agenturzeugs, wird der Laden auch nicht besser laufen. Schon gar nicht, wenn man weiter am Fetisch Papier hängt und nicht darüber nachdenkt, ob nicht die reine Onlineproduktion mittelfristig die einzig wirklich ökonomische und letztlich auch inhaltliche Perspektive ist. Das Regionalblatt bisheriger Prägung jedenfalls ist klinisch tot. Es weiß es nur noch nicht.

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