Twittermoms Abgang

Ich geb´s zu, momentan bin ich gerade etwas — irritiert. Wenn ich mir das eine oder andere anschaue, was momentan in Sachen Vodafone passiert, dann bin ich mir nie so ganz sicher: Ist das jetzt erst gemeint — oder nimmt mich da einfach jemand subtil auf den Arm und ich merke es einfach nur nicht?

Beispielsweise diese Nummer hier: Da schreibt Bloggermama Schnutinger, die auch in diesem grauenvollen Spot mitsingt, einen Eintrag in das Vodafone-„Blog“ ( falls man das „Blog“ nennen darf), in dem sie die Schilderungen ihres Mama2.0-Alltags wie folgt beendet:

Seit drei Monaten habe ich ein neues Handy, das HTC Magic mit Internetanschluss. Tolles Ding, mit wenig Knöpfen dran, das ist äußerst praktisch. Mein altes Handy hatte viel zu viele Knöpfe. Zu viele Knöpfe sind nicht gut, da gibt es für mich zu viele Möglichkeiten, versehentlich an ein Knöpfchen zu kommen. Mit dem neuen Handy geht das alles zum Glück leichter, ich erwische immer das richtige Knöpfchen und ich kann die Fotos sogar direkt auf die Plattform Flickr ins Internet hochladen und in mein Blog stellen. So geht mir nichts mehr verloren und meine Handyrechnung beschert mir seitdem auch keine böse Überraschung mehr.

Ich bin kein Werber und verstehe auch nicht viel davon, aber: Geht´s noch plumper? In einem solchen Zusamenhang spielt auch die avisierte Zielgruppe „Generation Upload“ (gähn..) keine große Rolle mehr, selbst niederbayerische Landfrauen würden sich angesichts solch plumper Anbiederung an das beworbene Produkt genervt abwenden. Hätte es ein Praktikant geschrieben, würde man ihn vermutlich dezent fragen, ob er im Wörterbuch mal nachschauen kann, ob er den Begriff „subtil“ findet.

Vodafone allerdings, offensichtlich immer noch in einem durch nichts zu begründenden 2.0-Rausch, setzt noch einen drauf und lässt einen Kommenar auf der Seite zu (oder platziert ihn vermutlich sogar selbst), bei dem ich einfach nicht weiß: lustige Satire — oder, was man befürchten muss, meint das jemand ernst:

Mich interessiert, mit welchen Telefonen meine Freunde telefonieren und welche Erfahrungen sie mit anderen Communities gemacht haben! Ich freue mich, wenn ich den Kontakt zu Bekannten halten kann.

Das Internet ermöglicht mir, mich selbst zu verwirklichen und meine Wünsche in realisierbare Konzepte zu übersetzen – gemeinsam mit anderen. So bilden wir eine starke Gemeinschaft. Wir sind sympathisch und doch intelligent.

Das HTC Magic mit Internetanschluss werde ich sicher einmal ausprobieren. Es ist sehr praktisch und genau auf meine Bedürfnisse zugeschnitten.

Die Konsequenz aus dem Bullshit ist klar: Unter dem Blogeintrag finden sich über 150 zum größten Teil bitterböse Kommentare, Felix Schwenzel hat das Ganze verrissen, wie man es bissiger (und fundierter) kaum machen kann, die vermeintliche Zielgruppe schwankt zwischen Amüsement und schäumender Wut.

Dafür ist Twittermom jetzt beleidigt und will nicht mehr bloggen. Oh my god, what comes next?  Sascha Lobo ist eingeschnappt und rasiert sich aus Protest den Irokesen ab?

Was mich letztendlich ein wenig zerrissen zurücklässt: Auf der einen Seite bin ich ja viel zu nett, um Menschen derart böse abzubügeln und eigentlich würde man Frau Twittermom am liebsten trösten und sagen: Komm, ist nicht schlimm, schreib halt weiter, muss ja nicht über diese komische Firma sein, die dich eingekauft hat.

Auf der anderen Seite finde ich es gerade aber wiederum mächtig toll, dass es dann halt doch kluge und unabhängige Köpfe gibt, die sich nicht von jedem PR-Quark einfangen lassen und einer Ansammlung mäßig inspirierter PR- und Vetriebsochsen in kurzärmligen Karohemden zeigen, dass die Welt eben nicht so tickt, wie sie in irgendwelchen mäßig insprierten Akademien gelernt zu haben glauben.

4 Gedanken zu „Twittermoms Abgang

  1. Okay, dumm gelaufen für die Frau Schnutinger. Was mich allerdings sehr, sehr befremdet, das ist die boshafte Verbissenheit, mit der sich jetzt einige Leute aus der Blogosphäre an den Protagonisten des Vodafone-Spots abarbeiten. Warum? Weil es Vodafone ist? Ich habe den ganz dummen Verdacht, dass sich niemand in der Weise aufgeregt hätte, wenn es um PR für ein Apple-Produkt gegangen wäre. Weil Lobo & Co. womöglich Geld bekommen haben? Darf sich Selbstvermarktung im internet nicht mehr lohnen? Weshalb vermarktet man sich dann selbst im Internet?

    Die deutsche Blogosphäre muss in meinen Augen noch den Beweis erbringen, dass sie mehr ist als ein Haufen eitler, missgünstiger Selbstdarsteller. Und im Moment sieht es nicht danach aus, dass sie das schafft.

    Frank Kemper

  2. …“selbst niederbayerische Landfrauen…“ ? Ich verwehre mich gegen diese Verunglimpfung, da Sie vermutlich nicht eine einzige weibliche Einwohnerin des genannten lieblich-herben Landes kennen, was hier bisher allerdings auch nicht gravierend als Mangel erlebt wurde, ich aber, wie Sie sich mit zunehmender Länge dieses Satzes wohl denken können, dieser in der Mehrzahl sehr kritischen, intensiv in neue Technologien auch beruflich involvierten, bloggenden, twitternden, twitpicenden, iPhonenden und was nicht noch, also insgesamt explizit webaffinen Spezies angehöre und mir daher Ihre undifferenzierte, abwertende Zuordnung und Klassifizierung meiner Heimat und meiner Geschlechtsgenossinen, vor allem in dem genannten Kontext energisch verbitte. Guten Tag.

  3. Auch Guten Tag. Sie werden mir als gebürtigen, bekennenden und dort auch lebenden Niederbayern sicher zugestehen, dass ich die eine oder andere niederbayerische leibhaftige Landfrau schon gesehen habe, wenn auch eher selten twitternd oder iphonend. Zum Beleg meiner grenzenlosen Niederbayern-Liebe empfehle ich übrigens auch sehr den Besuch meines Flickr-Accounts, über den sich andere Menschen schon massiv aufgeregt haben, weil ihnen die fotografierte Niederbayern-Verehrung definitiv zu weit geht.

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