Wir waren Heimat

Vermutlich gibt es kaum eine Gattung des Journalismus (vielleicht nicht mal irgendwo sonst in der Arbeitswelt), in der Schein und Sein derart weit auseinanderliegen wie im Lokaljournalismus. Auf der einen Seite könnte man meinen, es könne nichts Edleres geben, als für „das Lokale“ zu schreiben, wenn man die entsprechenden Lehrbücher, die diversen Aufsätze und natürlich die (Sonntags-)Reden zum Thema hört: Das Lokale sei es, was die Menschen wirklich interessiere; Lokalredaktionen seien das unverzichtbare Rückgrat jeder mittelgroßen Tageszeitung – eine These, die vermutlich jeder Chefredakteur unbesehen unterschreibt. Als beispielsweise die „Passauer Neue Presse“ im Frühjahr 2009 einen neuen Chefredakteur installierte, beeilte der sich zu versichern, man werde demnächst noch lokaler als bisher. Wenn Chefredakteure oder Verlagschefs solcherlei bekanntgeben, ist gerne die Rede davon, dass man „näher am Menschen“ sein werde (da ist dann immer ein wenig Misstrauen angebracht, aber dazu später mehr). Der Anspruch ist (oder sollte zumindest sein): Wir sind Heimat.

Zeitungen stehen übrigens mit dem Loblied auf den Lokaljournalismus keineswegs alleine. Auch das Fernsehen und das Radio leisten sich lokale Ableger; in Bayern geht die Liebe zum Lokalen sogar soweit, dass Lokalfunk seit Jahrzehnten mehr oder minder stark staatlich subventioniert wird. Dass lokaler Rundfunk oder Lokal-TV dadurch irgendwie besser geworden wären, hat man zwar nicht beobachten können, dennoch: Ohne Lokalfunk wäre es um den Journalismus in Bayern schlechter bestellt, befindet die staatstragende CSU – und fördert ihn deswegen nach Kräften (selbstverständlich ganz ohne Eigennutz). Lokalsender werden subventioniert, weil man sie haben will, nicht etwa weil sie so unverzichtbar gut wären.

Auf der anderen Seite stehen dem Alltagsrealitäten gegenüber, die so gar nicht in das Bild vom so bedeutsamen und relavten Lokaljournalismus passen wollen. Volontäre stemmen eine Lokalausgabe schon mal mehr oder minder alleine. Im Lokalfunk werden Journalisten so bezahlt, dass man bei genauerer Betrachtung nur noch von Selbstausbeutung sprechen kann. Im Blatt (und auf Sendung) finden sich miserable Beiträge, die in keiner „großen“ Redaktion durchrutschen würden. Wie überhaupt einiges anders als im „richtigen“ Journalismus. Beispielsweise, dass Nicht-Journalisten plötzlich Journalisten spielen dürfen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn man meint, gute Journalisten müssten als Grundvoraussetzung mindestens eine Promotion und 15 Auslandspraktika mitbringen. Einer der besten Lokalredakteure, die ich kennengelernt habe, war vorher – Gastwirt. Trotzdem werden die begabten Seiteneinsteiger immer eher die Ausnahme bleiben. Die Realität in der Praxis der meisten Lokalredaktionen sind hingegen die pensionierten Oberstudienräte, die Verienschronisten, die gelangweilten Hausfrauen; kurz gesagt: all jene, die entweder aus Vereinsinteresse schreiben oder aber meinen, Deutsch könne jeder, mithin dürfe sich also auch jeder als Journalist versuchen. Und auch hier machen die Privatfunker keine große Ausnahme, wobei die technischen Zugangshürden etwas höher liegen als bei der Zeitung und somit die natürliche Selektion strenger ausfällt als bei der Zeitung. Trotzdem hat man bei kleinen Lokalsendern auch schon mal den Sportreporter gehört, der im Hauptberuf Versicherungsvertreter bei der Allianz oder „Berater“ bei der örtlichen Raiffeisenbank war und demenstprechend kaum einen Satz unfallfrei über den Äther gebracht hat. Die Faustregel: je kleiner die Redaktion, desto bizarrer die Inhalte.

Dazu gehört auch die Unart der „verkauften“ Beiträge, meistens nur kaum sichtbar oder gleich gar nicht als Werbung gekennzeichnet. Insbesondere im Lokalfunk und im TV sind die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion fließend oder zumindest sehr kreativ ausgelegt. Was intern häufig als eine unverzichtbare Finanzierungsquelle ausgelegt wird, ist inhaltlich eine Bankrotterklärung. Man kauft sich Programm und keiner draußen soll es merken: Was bei großen Sendern für handfeste Aufregung sorgen würde (oder zumindest sollte), wird im Lokalen häufig mit einem Augenzwinkern hingenommen. Geht halt nicht anders, wer wird´s denn bitte so genau nehmen.

Dabei könnte ja der Lokaljournalismus durchaus mehr sein als das lieblose Aneinanderreihen schlechter Texte. Nicht umsonst werden jährlich echte Perlen der lokalen Berichterstattung aus allen Mediengattungen mit Preisen ausgezeichnet. Nur: Man muss schon sehr genau hinsehen, um sie zu finden. Dann aber, wenn man sie findet, haben sie eines gemein: Sie machen die Themen, die für die Menschen relevant sind. Das klingt erst einmal so furchtbar banal, ist es aber anscheinend nicht. Das Komische an vielen Lokalredaktionen ist ja gerade, dass sie diese simple Maßgabe strikt missachten. Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.

Das wiederum wird gerne in den Redaktionen als Generalabsolution verwendet: Die Leute wollen es ja nicht anders, die Leute üben einen massiven Druck aus. Also gibt man dem Druck nach, man resigniert, man macht irgendwann keinen Journalismus mehr, sondern versucht sich als allumfassender Chronist, der es letztendlich niemandem mehr recht machen kann (was man ein Stück weit auch verstehen kann, wenn man mal in einer kleineren Lokalredaktion gebarbeitet hat: Es ist wirklich kein sehr großes Vergnüngen, wenn man sich täglich am Telefon beschimpfen lassen muss).

Es ist natürlich schrecklich einfach, sich hinzustellen und mit dem Finger auf die Lokaljournalisten zu zeigen und ihnen dabei zu sagen, dass sie so ziemlich alles falsch machen. Wahr ist ja schließlich auch, dass es branchenintern kaum Anreize gibt, sich um einen Job im Lokalen zu bemühen. Wer sich ein oder zwei Jahre in einer Lokalredaktion ausbilden lässt – geht gerade noch. Wer nach fünf oder zehn Jahren immer noch da sitzt, verliert erheblich an Reputation auch unter den Kollegen. Die „da draußen“ sieht, entgegen aller anderslautenden Beteuerungen, auch intern nicht sehr angesehen. Wer Lokalfunk macht, sieht sich unterschwellig immer auch der Frage ausgesetzt, warum er es nicht zu einem richtigen Sender gebracht hat. Afghanistan schlägt Niederwinkling: Dem Leitartikler in der Regionalzeitung schlägt immer noch deutlich mehr Bewunderung entgegen als demjenigen, der sich jeden Tag mit dem journalistischen Schwarzbrot der kommunalpolitischen Berichterstattung beschäftigt. Dabei ist das ja irgendwie unfair: sich auf dem publizistischen Hochsitz zurückzulehnen und zufrieden zu beobachten, wie man Kanzlern, Präsidenten und Kardinälen einen ordentlichen Blattschuss verpasst hat, ist leicht. Die Gefahr, sich mit dem Kardinal oder dem Kanzler persönlich auseinandersetzen zu müssen, ist meistens eher gering. Wohingegen der Mann/die Frau fürs Lokale einen erheblich größeren Anteil an Courage benötigt — das Risiko, dem Bürgermeister, dem man gerade eben via Kommentar noch ordentlich eine mitgegeben hat, beim Bäcker zu begegnen, ist ungleich größer.

Man darf sich das allerdings nicht so einfach vorstellen, dass ein Lokalredakteur durch eine Art Dauerfeuer irgendwann mürbe gemacht wird. Gefährlicher sind die subtilen Methoden. Die, mit denen der Journalist irgendwann zum Teil des Ganzen gemacht wird. Man gibt ihm ein Gefühl der Bedeutung, der Zugehörigkeit, man lässt ihn an der Macht schnuppern. Und man kompromittiert ihn: Die Ehefrau braucht noch einen Job? Da war doch im Landratsamt noch was frei. Sie wollen in unserer Gemeinde bauen? Schaun mer mal, ob wir da nicht noch ein nettes Grundstück finden. Wer irgendwann mal Bestandteil einer Gemeinschaft wird, gilt schnell nicht mehr als kritischer Geist oder scharfer Beobachter, sondern als Nestbeschmutzer. Das übrigens auch beim Publikum: Skandale passieren bekanntermaßen immer nur bei den anderen. Die überaus paradoxe Haltung zum Lokaljournalismus findet also auch bei den Lesern, Hörern, Zuschauern ihre Fortsetzung: Man schimpft über die alltäglichen Belanglosigkeiten, die im Lokalteil zu finden sind, würde aber gleichzeitig schnell auf die Barrikaden gehen, gäbe es einen Skandal — gegen die Journalisten versteht sich, nicht gegen die Auslöser des Skandals. Bleibt also auch hier die Frage, ob man es einem Lokaljournalisten verdenken kann, wenn er sich den Realitäten beugt und irgendwann ein Thema einfach Thema sein lässt.

Sollte man also Lokalredaktionen in einer Art Rotationsverfahren turnusmäßig neu besetzen? Klingt erst einmal naheliegend, ist aber ganz so einfach nicht, weil zu einem guten Lokaljournalismus ja genau das gehört, was so schnell zur Falle werden kann: profunde Kenntnisse der Verhältnisse vor Ort, gute Beziehungen – nirgendwo ist das so wichtig wie im Lokaljournalismus. Wichtige Voraussetzungen, die aber auch schnell zur Falle werden können.

Was müsste man also tun? Die meisten Verlage und Sender wüssten es nur zu gut, werden es aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht tun. Natürlich müsste man, weil es ja immerhin das Kerngeschäft ist, die Leute, die dieses Kerngeschäft betreiben, in jeder Hinsicht stärken. Man müsste ihnen mehr Personal geben und natürlich auch: besseres Personal, bessere Ausbildung. Eigentlich müssten die Besten, die in einem Haus arbeiten, das Lokale machen (man weiß natürlich, dass dies nie passieren wird). Sie bräuchten eine viel, viel bessere technische Infrastruktur, bessere Bezahlung, bessere Perspektiven. Man müsste Lokaljournalismus vom Stigma des Minderwertigen befreien, man müsste begreifen, dass es in einer globalisierten, digitalisierten Welt zu den ganz wenigen Möglichkeiten eines Alleinstellungsmerkmals gehört, kompetent über Lokales zu berichten.

Noch freilich gibt es für Verlage und Sender wenig Gründe umzudenken. Noch lesen die Menschen notgedrungen die Lokalblätter, weil es wenig Alternativen gibt. Noch hören sie Lokalfunk, weil es speziell in Bayern für Betreiber und Politik wenig Anreize gibt, das subventionierte System zu ändern.

Aber was machen die eigentlich alle, wenn irgendjemand mal begreift, dass man auch im Lokalen mit digitalen, umfangreichen, schnellen, nutzerfreundlichen und vor allem deutlich konstengünstigeren Medien Inhalte für alle produzieren kann? Die Struktur des heutigen Lokaljournalismus trägt keine zehn Jahre mehr. Irgendwann kommen solche, die es verstanden haben. Die jetzigen Verlage und Sender dürften dann allerdings Auslaufmodelle sein.

(Dieser Text erscheint demnächst in einem Sammelband, der von Claus Kaelber herausgegen wird. Genauer Titel und Bezugsquellen folgen nach. Über das Thema „Lokaljournalismus“ diskutiere ich übrigens im Januar 2010 in Dortmund bei einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung.)

18 Gedanken zu „Wir waren Heimat

  1. Naja, ich unterschreibe das dann mal. Leider viel Wahres im obigen Text. Da die Freunde aus den Lokalredaktionen im Print das aber sicher etwas anders sehen, freue ich mich schon heute auf spannende Diskussionen beim Forum Lokaljournalismus in Dortmund!

  2. Schonungslos und wahr. Wie wenig Bedeutung die Zeitungen trotz aller gegenteiligen Beteuerungen dem Lokaljournalismus zusprechen, sieht man vor allem im Web. Dort müsste das Lokale schon auf der Homepage ins Auge springen, denn lokale Inhalte sind das einzige, was die Webpräsenzen der Lokalzeitungen einzigartig machen könnte. Stattdessen stehen austauschbare dpa-Meldungen, Sudokos und andere absurde Klickstrecken im Vordergrund.

  3. Weil ich ein fauler Mensch bin, würde ich diesen Text im Wintersemester gern in voller Länge in einer Vorlesung der Reihe „Journalistisches Arbeiten“ zitieren. Ich bekomme das bestimmt nicht zutreffender hin.
    Kompliment!

  4. Woher nehmen Sie eigentlich die Chuzpe, bei diesen Feststellung nur den Lokaljournalismus zu beschreiben und nicht für alle Arten des Journalismus. Ich kenne das sehr wohl aus dem Bundeshauptstadtjournalismus, aus dem Fachjournalismus in allerlei „Branchen“ und aus dem Reisejournalismus und – vor allem – aus dem Feuilleton. Insofern erscheint mir dieses Bild des Qualitätsjournalismus ein exakte Beschreibung des Offenbarungseides der Aufklärung zu sein, der den „exakten Wissenschaften“ noch bevorsteht.

  5. Ich finde es beeindruckend, wie wenige Fortschritte die externe Lokaljournalismus-Kritik in den knapp 40 Jahren gemacht hat, seit der Ex-FAZ-Mitherausgeber Jürgen Tern ein Kapitel über „Die ungeliebte Lokalredaktion“ gleich mit dem entwaffnenden Satz eröffnete: „Ist bei den Tageszeitungen der lokale Teil die Einbruchstelle für Interessenten und Korruptionisten?“

    Nun verstehe ich gut, dass es einfacher ist, aus der Kenntnis von zwei, drei bayerischen Lokalteilen auf alle zu schließen statt sich einen zeitraubenden und arbeitsintensiven Überblick zu verschaffen. Wie es sich auch auf einschlägigen Veranstaltungen über Lokaljournalismus am besten debattieren lässt, wenn man es nur mit solchen Kollegen tut, die entweder bereits fest in die üblichen Lob- und Zitatennetzwerke auf gegenseitige Preisverleihung eingeklüngelt und verrudelt worden sind, Interesse hätten, dies zu werden, oder bloß noch nicht begriffen haben, wo in unserer kleinen publizistischen Welt die Strippen laufen. Sie kennen Sie sich da besser aus als ich.

    Dass die Mehrheit der Lokaljournalisten in Deutschland sich an solchen Debatten nicht einmal gegen Bezahlung beteiligen würde, hat vor allem einen simplen Grund: Die Kollegen arbeiten zuviel, als dass sie ihre knappe Freizeit freiwillig mit gefühltem Schwachsinn verbringen würden. Ich nehme allerdings an, dass Sie ja als gewesener SevenOne Intermedia-Bereichsleiter, Redaktionsdirektor von Kirch New Media und ZDF-heute-CvD gar nicht den Anspruch erheben, über ihre Klientel hinaus mit Lokaljournalisten statt über sie zu sprechen. Ich werfe Ihnen das nicht vor, ich verstehe das sehr gut. Die schöne, sinnfreie Debatte Online vs. Print fällt ja gerade blöderweise der Wirtschaftskrise zum Opfer, in deren Verlauf noch mancher Wolkenkuckucksheimer (auch aus Ihrer Kundschaft?) Bauklötze staunen wird, wie schnell man vom Innovationsführer zum Auslaufmodell mutieren kann.

    Wo selbst die Banker wieder Boni kriegen, wäre eine Thematisierung, Analyse und Aufarbeitung des aufschlussreichen, weil vorhersehbaren Vollversagens des Wirtschaftsjournalismus während der Finanzkrise zwar naheliegend, aber irgendwie auch anstrengend. Und was soll man schon sagen über den Qualitätsbegriff des journalistischen Adels, der unglaubliche Lasten des Wissens aus politischen Hinterzimmern mit sich herumträgt, diese aber leider nicht aufschreiben kann, weil er sonst achtkantig aus dem Hinterzimmer flöge, nun ja. Das hohe Ethos des Sportjournalismus in Deutschland kann man ja mal in der Halbzeitpause besprechen. Und wer will schon den Motor-, Reise- und Verdauungsjournalismus thematisieren; alle drei Sparten sind ja regelrechte Inbegriffe mentaler Aufrichtigkeit und faktischer Unbestechlichkeit.

    Da ist es ist doch wirklich einfacher, wenn wir uns darauf einigen, dass die Versager der Branche im Lokaljournalismus zu suchen sind. Das wird schon allein deshalb – wie immer – prima klappen, weil guter Lokaljournalismus außerhalb seiner Region ja nicht so leicht auffällt.

    Tränen gelacht habe ich allerdings, dass Sie im Lokalen miserable Beiträge entdeckt haben wollen, „die in keiner “großen” Redaktion durchrutschen“ würden. Oder dass im Lokalen einiges anders sei als im “richtigen” Journalismus, „beispielsweise, dass Nicht-Journalisten plötzlich Journalisten spielen dürfen“! Man kann Ihrem Text vieles vorwerfen, aber nicht, dass Sie sich nicht alle erdenkliche Mühe gäben, von keinem Lokaljournalisten ernst genommen zu werden. Sie waren selbst mal bei N24 und – sorry – entblöden sich nicht, die „Unart der “verkauften” Beiträge“ im Lokaljournalismus zu verorten? Dass Sie laut Selbstbezichtigung den Mut aufbringen wollen, ihre gesammelten.. äh.. Erkenntnisse nicht nur einem sicher bedeutsamen Sammelbändchen anzuvertrauen, sondern auch auf dem Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung vorzutragen, begrüße ich ausdrücklich. Lassen Sie dich davon keinesfalls abbringen. Gegen groben Unfug hilft nur Öffentlichkeit. Das sagt Ihnen wahrscheinlich jetzt nichts. Ein Lokaljournalist Ihres Vertrauens könnte es Ihnen sicher erklären.

  6. Prima, dass Sie sich so intensiv mit meiner Vita auseinandergestzt haben. Hâtten Sie jetzt noch ein wenig genauer recherchiert, dann wüssten Sie auch, dass ich zwölf Jahre als Lokalredakteur gearbeitet habe und insofern keinen Lokalredakteur meines Vertrauens brauche. Passt aber vermutlich nicht so schön in das Klischee vom arroganten Ex-ZDF-Mann, der sich über Lokaljournalismus lustig macht. Und zu Ihren anderen Argumenten: Wenn Sport – oder Reisejournalisten Blödsinn machen oder N24 Beiträge verkauft, ist das im Lokalen dann auch ok? Das ist ja mal ne lustige Idee.

  7. Oha – „Zerfleischt euch doch!“ oder netter ausgedrückt: „Divide et impera!“

    Nebenbei: Ob nun ‚lokal‘ oder ‚metropolitan‘ – der Journalismus wird nicht von den Journalisten zu Grunde gerichtet, sondern von den Verlegern. Denn ihnen gehören die Zeitungen, an denen die Leser zunehmend verzweifeln …

  8. Ich weiß nicht, ob das nur die Verleger sind. Als ich heute den Aufmacher der Frankfurter Allgemeinen Sontagszeitung über die vier Hessen-Abweichler las, die erwägen(!) nach(!) der Bundestagswahl vielleicht(!) eine Partei zu gründen, hab ich mich gefragt, wen interessiert das? Die Antwort folgte nach einem zweiseitigen Artikel auf Seite 2 und 3: Der Politikchef der Sonntagszeitung hat ein Buch über die vier geschrieben, das am Dienstag erscheint. Der Anlass des Artikels war nicht die politische Bedeutung, sondern das Buch. Hier kann man wohl nur die Duldung des Verlegers einer solchen unverschämten Eigenwerbung als seinen Schuldanteil ausmachen. Eine Redaktion, die so etwas für opportun hält, ist für mich erledigt. Zum Glück gibt es ja auch beim bedruckten Papier Interaktivität: Ich hab mein Abo gekündigt.

  9. Nicht zu vergessen, dass der Lokaljournalismus auch „näher“ an den Anzeigenkunden ist als die meisten anderen Redaktionen.
    Auch das mag Grund für die fehlende Distanz und mangelnde Fokussierung auf die Leser sein.
    Bei einer Handvoll wichtiger Anzeigenkunden wird es nicht leicht, kritisch zu berichten und den „bunten Sonntag“ des lokalen Einzelhandelsverbundes zu ignorieren, weil man andere Dinge für wichtiger hält.

    Sehr undankbares Umfeld für Idealisten, so fürchte ich.

  10. Das geht, sehr gut sogar. Ich glaube, das steht in meinem Text auch: Es gibt Perlen, aber man muss schon sehr genau hinschauen, um sie zu finden. In meiner Heimatzeitung übrigens habe ich am Wochenende eine Presserklärung der Landrätin gefunden, fast wortgetreu abgedruckt, mit Autorenzeile des Redakteurs drüber. Das Ding war (mit 1sp. Foto exakt eine halbe Zeitungsseite lang – rheinisches Format.

    Um nicht missverstanden zu werden: Ich finde, dass Lokaljournalismus etwas Tolles sein kann, wenn man es richtig macht. Umso mehr ärgern mich dann solche Trostlosigkeiten wie der Lokalteil meines Heimatblattes vom Wochenende. Übrigens hat Wolfgang Michal dafür in dem in seinem Kommentar verlinkten Text bei carta dafür einen schönen Begriff geprägt: lustlose Platzhirschen. Das trifft es sehr gut, finde ich.

  11. Die Glorifizierung des Lokaljournalisten in Festreden hat mir nie recht eingeleuchtet: Er ist durch die persönliche Nähe in sehr viel mehr Zwänge eingebunden als derjenige, der übers ‚Große und Ganze‘ schreibt. Und von einem ‚Niedergang‘ des Lokaljournalismus mag ich auch nicht recht sprechen – abgesehen davon, dass früher noch ausgebildete Journalisten für diese Spalten schrieben statt der häufig von der Straße weg gekaperten Hausfrauen von heute. Die Gegenthese zum postulierten ‚Verfall‘ ist für mich ein legendärer Satz von Hans Fallada, der am Ende des Vorspiels von ‚Bauern, Bonzen, Bomben‘ über seinen Redaktionsalltag in Neumünster schreibt: „Das schweinischste Handwerk auf der Welt: Lokalredakteur sein in der Provinz“. Man denke auch an die Recherchen von Henning Venske im Wilhelmshavener ‚Sumpf‘, wo die Lokalredakteure ‚immer feste mang dabei‘ waren bei jeder Schweinerei (H.V.: Dreckiger Sumpf). Im lokalen Bereich also war der Journalismus immer schon fest in korruptive oder vetternwirtschaftliche Strukturen eingebunden. Wirklich neu ist jetzt eigentlich nur die vermehrte Arbeitsbelastung, dass der Journalist sich jetzt die Werbeblättchen und die PR-Artikel, über die er berichtet, auch noch höchstselbst schreiben soll …

  12. Sie schreiben: „…dass man auch im Lokalen mit digitalen, umfangreichen, schnellen, nutzerfreundlichen und vor allem deutlich konstengünstigeren Medien Inhalte für alle produzieren kann…“ Klingt gut. In einem anderen Artikel zum Thema Lokaljournalismus der Zukunft lese ich diese Einschätzung aus der New York Times, die sich ja auch schon mal im Hyperlokalen versucht hat: „Die Herausforderung besteht darin, dass es teuer ist, Reporter zu engagieren, die über Autodiebstähle, Schulversammlungen und Geschäftseröffnungen berichten.“
    Auch im Web- und Blogzeitalter ist dieser Widerspruch nicht leicht aufzulösen.

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