Der „Nordkurier“ lässt die Anwälte los

Heute habe ich Post bekommen — von einem Anwalt des „Nordkuriers“. Er fordert mich zu Unterschrift einer Unterlassungserklärung und fordert zudem Kosten in Höhe von 662 Euro ein. Bis Freitag muss ich das unterschrieben abgegeben haben.

Es geht um einen Beitrag, den ich am 8. Mai geschrieben habe. Dabei hatte ich Bezug genommen auf eine Geschichte auf der Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“, die von einem neuartigen System des „Nordkurier“ berichtet hatte, mit dem sich  freie Mitarbeiter auf bestimmte Terminausschreibungen quasi bewerben könnten.

Update, 4.12.:

(Die weiteren Schilderungen dieses Vorgangs kann ich aufgrund der inzwischen von mir unterschriebenen Unterlassungserklärung nicht mehr vornehmen.)

Wege aus der Krise

Um zu sehen, wie sehr die Branche in der Krise steckt, sollte man sich vielleicht mal anschauen, was sie zu tun gedenkt, um aus ihr herauszukommen.

2010, das Jahr, das aus der Krise führen soll, besteht also demnach in erster Linie aus Bezahlinhalten, aus Google aussperren und aus neuen Formaten, die schon vor ein paar Jahren da waren (und zurecht von niemandem wahrgenommen wurden, aber dazu später mehr). Bezahlinhalte also, Kassenhäuschen vor den Angeboten, sollen es richten. Dabei ist zunächst einmal nichts gegen die Idee zu sagen, dass man für guten und hochwertigen Inhalt bezahlt. So ungewöhnlich ist das ja alleine schon deswegen nicht, weil Bezahlinhalte überall und jeden Tag und in allen Medien Realität sind. Man bezahlt für Zeitungen und für Fernsehen und stellenweise schon jetzt für Online-Inhalte. Und dass nach einer neuen Studie der BCG angeblich um die 60 Prozent der User generell Bereitschaft zeigen, für journalstische Inhalte auch mal Geld auszugeben, klingt ja zunächst durchaus ermutigend.

Man übersieht nur zweierlei dabei: Eine generelle Bereitschaft ist eben nur eine generelle, zweitens ist die durchschnittliche genannte Ausgabenbereitschaft von drei bis sieben Dollar nicht gerade so, dass sich daraus hohe Erlöspotenziale hochrechnen lassen.  Realistischer ist da vermutlich eher die Sichtweise, dass User ziemlich genau unterscheiden können, was sie für sich für werthaltig betrachten und was eben nicht.  Das kommt in den aktuellen Debatten um Bezahlinhalte eindeutig zu kurz.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Idee des Springer-Verlags, iPhone-User mit Apps  zur Kasse zu bitten. Ich würde vermuten, dass die Zahl der iPhone-Nutzer, die mal eben bild.de besuchen, relativ groß ist. Der Anteil derer ist minimal, die für den (und ich vermute, bei einem Großteil dieser Zielgruppe handelt es sich darum) Spaß, mal eben mobil die „Bild“ zu lesen, ernsthaft und dauerhaft Geld auszugeben bereit ist.  Möglicherweise ist die Motivation, das mobile Angebot der „Welt“ zu lesen, schon ein wenig anders als bei „Bild“. Aber auch hier steht zunächst die Frage: Was bietet mir die „Welt“, als dass ich für ein wenig Surfen auf dem iPhone Geld bezahlen würde? Und, das vor allem: Was hat die „Welt“ für Geld, was andere nicht dann doch kostenlos anbieten? Nimmt man nur diese beiden Fragen zusammen, dann lässt sich schnell erahnen, dass diese Strategie nicht aufgehen wird. Geld, so viel ist sicher, wird sich im Journalismus künftig nur noch dann direkt beim Nutzer einsammeln lassen, wenn er unmittelbaren und exklusiven Nutzen in einer Geschichte erkennt. Für Publikumsmedien keine wirklich gute Nachricht, aber auch nicht zu verhindern, in dem man jetzt einfach versucht, Nutzer zu zwingen.

Man könnte angesichts dessen ja vermuten, ein Hebel könnten neue Produkte, innovative Ideen, besserer Journalismus sein (also alles das, was momentan auf jedem durchschnittlichen Panel im Lande D. so angepriesen wird). Diskutiert wird in diesem Zusammenhang in den letzten Tagen vor allem das neue „EMag“ der „Welt am Sonntag“, was insofern schon ein wenig irritierend ist, weil es hartnäckig als „neu“ bezeichnet wird, tatsächlich aber ein ziemlich alter Hut ist. „Livepaper“ nannte sich schon vor einigen Jahren der Versuch des Entertainment Media Verlags in München, einen merkwürdigen Zwitter aus Papier, PDF und Internet zu machen. Unter einer ziemlich flashverseuchten Oberfläche befanden sich beispielsweise Filmkritiken, bei denen man auch einen Videotrailer abspielen konnte. Oder CD-Besprechungen, bei denen man Titel anspielen oder der Stimme des Kritikers lauschen konnte. Der wesentliche Unterschied zum EMag der „Welt am Sonntag“ ist lediglich, dass der EMV seinerzeit glaubte, man habe die passende Weiterentwicklung des ePapers gefunden. Die „Welt am Sonntag“ hingegen will offensichtlich eine neue webbasierte Darstellungsform etablieren. Dabei drängt sich während des (kostenpflichtigen) Duchblätterns immer wieder ein Gedanke auf:  Warum? Klar ist es hübsch, dass das EMag 3D-Animationen kann, aber man auch ganz prima ohne sowas leben. Schöner Gedanke, dass die Tochter von Jan Weiler ein wenig über ihren Vater plaudert. Aber ginge das nicht auch ganz wunderbar über eine stinknormale Webseite? Kurzum: Was ist der große Mehrwert, den ein solches Magazin bietet? Nette Spielerei, gewiss. Aber in allererster Linie auch nur eine Spielerei.

Und dann ist da ja noch die Idee, einen Newsletter namens „Welt Lage“ kostenpflichtig zu machen. Und auch da — greifen alle Einwände, die schon angefürt wurden. Wer bezahlt für etwas, was er andernorts kostenlos bekommt? Was ist der Mehrwert, der Nutzwert, die Exklusivität, was macht dieses Produkt im klassischen Sinne verkaufbar?

Das sind die Fragen, vor denen der Journalismus in den kommenden Jahren vermehrt stehen wird. Und auf die es Antworten zu finden gilt. Kassenhäuschen aufbauen und alte, gescheiterte Ideen zu reanimieren, ist da ein bisschen wenig — zumal die Zeit unerbittlich gegen die etablierten Medien läuft.

Crossmedia: Chancen und Grenzen

Ein bisschen erschütternd ist das ja schon: Da soll man eine Veranstaltung zum Thema „Neue Medien“ moderieren, bekommt dann die Liste der Panelteilnehmer zugeschickt — und denkt sich dann zweierlei: Die hätte ich eigentlich auch schnell durchtelefonieren können, das zum einen — und zum zweiten: Sieht das eigentlich doof aus, wenn man die meisten davon dann auf dem Podium duzt? Oder ist man einfach so transparent und gesteht sofort ein, dass man sich kennt (und auch noch schätzt)? Dabei finde ich duzende Moderatoren normalerweise eher albtraumartig. Oder sieze ich auf dem Podium und duze dann wieder kurz danach? Das wäre ja irgendwie noch bescheuerter.

Egal: Auf diese Veranstaltung hier möchte ich trotzdem und obwohl ich sie stellenweise moderiere gerne hinweisen, alleine schon wegen der wirklich großartigen Leute, die dabei sein werden (sowohl vormittags als auch nachmittags). Dass der Kreis derer, die man zu diesen Themen befragen kann, eher klein ist, dafür kann der Veranstalter ja nix.

1999 – 2009

Wie sah Journalismus eigentlich im Jahr 1999 aus? Eine Frage, die aus heutiger Sicht so banal wie dennoch passend ist. Banal deswegen, weil man ja leicht dagegenhalten könnte, dass 1999 gerade mal zehn Jahre zurückliegt und im Regelfall in zehn Jahren zwar Evolutionen, aber keine Revolutionen passieren. Passend deswegen, weil die letzen zehn Jahre in der Medienbranche eben alles andere als normal waren. Wenn man so will – kann man von einer Revolution sprechen.

Rückblende: 1999 arbeitete ich beim ZDF, in erster Linie definierte sich der (Nachrichten-)Journalismus des Senders über die TV-Nachrichten der „Heute“-Sendungen. Es gab Internet, was damals alles andere als selbstverständlich war, aber das, was dort produziert wurde, fand weitgehend unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit statt. Nicht, weil das Angebot des ZDF nicht sehens- und lesenswert gewesen wäre, sondern weil vor zehn Jahren nicht einmal zehn Prozent der Deutschen privat online waren. Und die, die es waren, gingen mit knarzenden Modems ins Netz, die es mit Mühe und Not schafften, einfache HTML-Seiten aufzubauen, mit multimedialen Anwendungen, die wir heute kennen, aber hoffnungslos überfordert gewesen wären. Dabei hätte ausgerechnet das ZDF ja in Hülle und Fülle jenen Inhalt gehabt, den heute alle haben wollen: Videos. Gehabt hätte man sie also, allein: Ein Video mit fünf oder sechs MB zu laden, war 1999 für viele User eher eine Zumutung denn eine Freude. Ganz davon abgesehen, dass damals noch ein mittelgroßer Playerkrieg herrschte: Wer Videos anbieten wollte, musste sie sicherheitshalber in drei verschiedenen Formaten (für Windows, Real Media und Quicktime) bereit stellen.

Immerhin waren die sonstigen Verhältnisse klar: Fernsehen war Fernsehen und insofern die Macht im Haus. Fernsehleute dachten gar nicht daran, auch nur ein Händchen für online zu rühren, was auch daran gelegen haben könnte, dass den meisten TV-Menschen am Lerchenberg (und nicht nur dort) überhaupt nicht klar war, was das sein sollte – dieses Internet, von dem man neuerdings so viel hört. Eine Voraussetzung für crossmediales Arbeiten war also schon mal weggefallen: nämlich sowohl das grundlegende Verständnis als auch die Beherrschung des Handwerkszeugs, um überhaupt für ein zweites Medium arbeiten zu können (es wäre übrigens überaus unfair, dies nur den TV-Menschen anzulasten – die Onliner verstanden vom Fernsehen mindestens genauso wenig wie umgekehrt. Da war es dann schon mal ein mittleres Wunder, wenn sich TV-Leute freiwillig zu ein paar Schnuppertagen bei den Onlinern meldeten. Und wenn es tatsächlich mal eine kurze Einblendung oder gar einen Halbsatz in der Moderation des „heute-journal“ gab, dann konnte sich das ZDF damals quasi als crossmediale Avantgarde fühlen: Man mac hte etwas, für das es noch nicht einmal einen Namen gab. Und andere machten – gar nichts.

Natürlich ahnte 1999 auch niemand etwas davon, dass es einmal zu einer grundlegenden Selbstverständlichkeit werden könnte, über mehrere Kanäle zu kommunizieren. Dass es nicht einfach nur ein zusätzliches Angebot zur Informationsvertiefung an Zuschauer, Hörer und Leser sein könnte, im Internet noch etwas nachzuschlagen. Dass Journalismus später eine in jeder Hinsicht multimediale und hyperkonvergente Veranstaltung sein könnte, so wie es heute wahrgenommen wird – man wäre damals selbst in sehr digitalaffinen Kreisen für diese Idee eher verlacht worden. Und um ehrlich zu sein: Ich hielt schon damals, 1999, sehr vieles für möglich. Das, was 2009 Realität geworden ist, habe ich allerdings nicht einmal in meinen abwegigsten Gedanken erahnen können. Wenn man damals das Netz halbwegs beherrschte und etwas mehr auf die Reihe brachte als Mails zu schreiben, galt man damals schon als digitaler Wahnsinniger.

Vielleicht ist das die gravierendste Veränderung, die der Journalismus in den letzten zehn Jahren mitgemacht hat: Seine Grundhaltung ist inzwischen eine andere, oder sagen wir besser, sie sollte es sein. Wenn man sich nicht gerade verzweifelt an die Überreste und Relikte analoger Tage klammert, dann sollte es inzwischen selbstverständlich sein, Journalismus nicht einfach nur als eine künftig irgendwie mehrkanalige Veranstaltung zu begreifen, bei der es auch dazu gehört zu twittern oder ein Edelprofil bei Facebook zu pflegen. Im Journalismus von heute hat sich nicht nur die Zahl der Kanäle verändert bzw. vervielfacht, sondern auch die Art und Weise, wie wir als Journalisten und Medienmacher mit unserem Publikum kommunizieren. Um noch einmal auf das ZDF zurückzukommen: 1999 existierte dort eine Zuschauerredaktion, die routiniert Fragen beantwortete und Kritiker halbwegs ruhigstellte. Wäre man böse, man würde sagen: eine Kommunikationsattrappe. Heute kann sich kein ernst zu nehmendes Medium und kein Journalist mehr erlauben, nicht mehr zu kommunizieren. Verweigert jemand die Kommunikation, ist er bei denen, die künftig als Konsumenten darüber entscheiden, ob etwas Erfolg hat oder nicht, ziemlich schnell runter vom Radar. Das schadet uns übrigens ganz und gar nicht und man geht zudem aus Diskussionen mit Zuschauern und Lesern keineswegs dümmer raus. Aus der Kommunikation „one to many“, die früher für Journalismus charakteristisch war, ist inzwischen wie selbstverständlich der Gedanke geworden, viele würden mit vielen kommunizieren. Zu einer Kommunikation von vielen zu vielen gehören auch Journalisten, sie ganz besonders – und natürlich gehört dazu auch die Bereitschaft, diese Kommunikation so weit wie möglich in Echtzeit zu führen. Eine Reaktion auf einen Kommentar einen oder zwei Tage später, das sind im Netz Äonen und sie können im Zweifelsfall zum Desaster führen. Vielleicht gehört dazu aber auch zu beginnen, User (also: diese Leute, die man früher wahlweise Zuschauer oder Leser nannte) so ernst zu nehmen, dass man sie nicht mit Standardantworten aus einer „Zuschauerredaktion“ (alleine schon das Wort…!) abspeist. 1999 – war das einfach so. Auf den Gedanken, einem Zuschauer, einem Leser quasi auf Augenhöhe zu begegnen, wäre man damals nicht gekommen. Möglicherweise ist das eine der angenehmsten Errungenschaften aus den vergangenen zehn Jahren: aufzuhören zu glauben, Journalismus sei eine kommunikative Einbahnstraße.

Will man im Übrigen den Unterschied zwischen damals und heute am praktischen Beispiel sehen, nehme man nur die „Süddeutsche Zeitung“, die immer noch ein ebenso gutes wie leider auch tradiertes Blatt ist – und ihren Ableger „jetzt.de“ und ihrem Redaktionsleiter Dirk von Gehlen. Was dort passiert, ist jene Art Medium, die vermittelt, wie eine „Süddeutsche Zeitung“ einmal aussehen könnte, besser gesagt: wie sie aussehen sollte. Ein ähnlich gutes Beispiel dafür ist, wie „Neon“ mit Crossmedialität, der permanenten Kommunikation über verschiedene Plattform hinweg, umgeht. Und auch bei diesem Beispiel hat man eine Idee, wie der große Bruder „Stern“ sich verhalten müsste, wollte er zukunftsfähig werden.

Wenn man allerdings von der Zukunftsfähigkeit von Medien spricht, dann reicht es nicht, sich immer nur über die Ewiggestrigen unter den Verlegern oder den Senderchefs zu beschweren. Stattdessen muss man fairerweise auch ein paar Worte über uns Journalisten verlieren, unter denen sich ja auch nicht nur solche befinden, die vor lauter Innovationsfreude kaum mehr zu bremsen sind. Man muss – zugegeben – auch ihnen einräumen, dass sie in den vergangenen zehn Jahren von einer Entwicklung überrollt worden sind wie noch nie eine Journalistengeneration vor ihnen. Dennoch staunt man immer wieder, wie wenig ausgeprägt die Bereitschaft ist, sich auf essentiell Neues einzulassen. Ausgerechnet bei uns, einem Berufsstand, der schon von Amts wegen immer wieder dazu angehalten ist, Dinge zu hinterfragen und ggf. dafür einzutreten, dass das Alte dem Neuen Platz macht. Ausgerechnet wir also sind also ein wenig bockbeinig wenn es darum geht, uns klar zu machen, dass die Zeiten des bisherigen Journalismus vorbei sind; dass wir weder mit unserer bisherigen Geisteshaltung noch mit unserem (ja, so banal ist das manchmal) bisherigen Handwerk weiterkommen. Die Frage drängt sich übrigens angesichts der aktuellen Debatten auch auf: Ist das wirklich so schlimm, dass wir uns auf einmal auch mit neuem Handwerkszeug beschäftigen müssen? Ist das wirklich unzumutbar, sich mit den Funktionsweisen einer Kamera vertraut zu machen, sich anzusehen, wie ein Schnittprogramm funktioniert? Sehr viel mehr wird doch von einem crossmedial arbeitenden Generalisten gar nicht verlangt. Niemand erwartet, dass aus einem, der die letzten 20 Jahre in einer Zeitungsredaktion verbracht hat, plötzlich ein begnadeter Filmer wird. Dass er sich aber zumindest mit der Materie ein wenig auseinandersetzt, das zumindest darf man verlangen.

Bezeichnend übrigens exakt zu diesem Thema ist eine Studie, die von der Uni Leipzig durchgeführt worden ist. Speziell, wenn es um das momentan viel diskutierte Thema Video geht, klaffen das Wollen und das Können ganz erheblich auseinander. Kurz zusammengefasst: Der überwältigende Teil von Medienmachern hält Video für eine Darstellungsform, die in den kommenden Jahren massiv an Bedeutung gewinnen wird. Fragt man hingegen die gleichen Menschen nach ihrem eigenen (handwerklichen) Können, wird deutlich, dass die meisten wenig bis gar keine Erfahrung in professioneller Videobearbeitung mitbringen.

Was läge also näher als diesen erkennbaren Widerspruch aufzulösen und sich allmählich mal mit dem Thema zu beschäftigen? Vielleicht ist es zunächst ja nur ein zugegeben ungewohnter Gedanke. Dennoch noch etwas hat sich zwischen 1999 und 2009 maßgeblich verändert: 1999 glaubten wir, uns an vermeintlich gültige Regeln halten zu müssen. Journalismus war erstarrt, gefangen in sich selbst und seinen eisernen Regeln. Einer der meist genutzten Antwortphrasen, die es damals auf eine Frage nach einem „warum“ gab, war: Man macht das so. So ist das eben. Journalismus und Kreativität, gefangen in einem selbstreferentiellen Regelbuch, ganz so, als könne man Journalismus in gültige Lehrsätze packen wie die Mathematik. Die Idee,dass man jetzt, zehn Jahre später und mitten drin am Anfang eines digitalen Zeitalters, Journalismus selber mitbestimmen, kreativ mit- und weiterentwickeln kann, muss man ja nicht nur erst einmal haben. Sondern man muss auch den Mut und das Selbstbewusstsein mitnehmen, diese Ideen konsequent zu vertreten und möglicherweise auch die Gefahr des Scheiterns einzukalkulieren. Das ist nichts Schlimmes, nur ungewohnt. Wenn man sich dann aber vor Augen führt, dass es in den vergangenen zehn Jahren in der Medienbranche ungefähr niemanden gab, der sich nicht mindestens einmal mit einer Einschätzung grandios vertan hat, verliert der Gedanke, Dinge einfach mal auszuprobieren, eine ganze Menge von seinem Schrecken.

Besser als noch einmal eine Dekade lange Regeln zu befolgen, die vor langer Zeit mal andere für uns aufgestellt haben, ist das allemal.

(Dieser Text erscheint demnächst in einem kleinen Sammelband zum zehnjährigen Bestehen der Journalistenakademie München.)

Südafrika, 2010 (2)

Wie es der Zufall so haben will: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Aufmachergeschichte ihrer Wochenendbeilage („Yes, African!“ – leider nicht online) dem Thema WM in Südafrika gewidmet. Demnach sind die organisatorischen Vorbereitungen und der Bau der Stadien wohl weitaus mehr fortgeschritten als man das hierzulande wahrnimmt (wahrnehmen will?). Schwer auflösbar ist aber auch laut SZ der stetige Widerspruch, in dem sich dieses Land befindet — zwischen glitzernder WM auf der einen sowie Gewalt, Armut, soziale Spannungen auf der anderen Seite. Die WM, so schreibt die SZ, sei gewissermaßen ein Lackmustest für den Kontinent: Scheitere Südafrika, dann scheitere gleichzeitig auch der Rest Afrikas. Sehr lesenswert, die Geschichte.

Südafrika, 2010 (1)

Der Anruf kam, zugegeben, überraschend: Die Journalistenakademie der Adenauer-Stiftung, bei der ich ab und an bei Multimedia-Seminaren als Trainer mit dabei bin,  ist mit acht deutschen und neun afrikanischen Journalisten im Juni 2009 in Johannesburg bei der Fußball-WM. Ein interkulturelles und multimediales Projekt, bei dem es natürlich auch, aber nicht nur um Fußball gehen wird. Sondern eben auch um Hintergründe: Was bedeutet eine WM für dieses Land, für den Kontintent? Wie lebt es sich in diesem Land, wie ist der Alltag dort?

Was ich damit zu tun habe? Ich werde als Trainer mit dabei sein in Südafrika — und bis dahin und schließlich von dort aus in vermutlich erst einmal ziemlich losen Folgen erzählen, wie man (besser: ich) sich vorbereitet auf einen doch ziemlich ungewöhnlichen Auftrag. Das dämmert mir nämlich erst allmählich und es dämmert mir in sehr kleinen Schritten. Gestern erst beispielsweise habe ich mitbekommen, dass (was ja eigentlich klar sein sollte, es mir aber nicht wirklich wahr) die Arbeitssprache des kompletten Seminars natürlich Englisch sein wird. Das brachte mich auf jene Episode, als ich mit meinem Bruder letztes Wochenende über das Level eines Englisch-Leistungskurses unterhielt (den wir beide belegten, beim selben Lehrer, nur zeitversetzt). Mein Bruder jedenfalls erinnerte sich an folgende Konversation aus seinem Kurs:

(Lehrer): What happened in World War II?

(Schüler): Many people died.

Für ein Jahr vor dem Abi ist das ja schon erstaunlich; nachdem wir aber beide den gleichen Lehrer hatten, hielt ich es nicht für ausgeschlossen, dass wir damals ähnlich geistreiche Unterhaltungen führten. Außerdem fiel mir ein, dass wir damals uns lange mit Lady Macbeth auseinandersetzten, was nicht nur ein wenig langweilig,  sondern auch ein bisschen nutzlos war.  Vermutlich wird in Johannesburg niemand beeindruckt sein, wenn ich Shakespeare zitiere.

Ich habe als allererstes drei Englisch-Podcasts bei iTunes abonniert und liebe Freunde schreiben mir neuerdings in Englisch.

Tatsächlich macht mir Alltagsenglisch keine Probleme, aber ein komplettes Journalistenseminar zwei Wochen lang hab´ich noch nie gemacht. Gut. Noch ist Zeit.

Weiter besorgt: Etliche Podcasts und eine WM-App aus dem Store.  Fußball ist dabei das gerigere Problem, da sollte ich auf der Höhe sein. Aber was weiß ich über Südafrika — oder besser gefragt: Was weiß ich über Südafrika, was mich dazu qualifiziert, Menschen in Deutschland darüber zu berichten, was dort passiert? Wenn ich ehrlich bin: es ist vermutlich viel zu wenig, aber das ist halt Journalistenleben. Dafür wissen wir, wie man recherchiert und wie man sich ein Bild macht. Übrigens, wer einen guten Literaturtipp hat, immer her damit.

Nächste Idee: Jens Weinreich kontaktieren, der schon bei der Leichtathletik-WM in Berlin ein spannender und irre kompetenter Gesprächspartner war, vor allem dann, wenn man sich über mehr als das klassische 1:0 unterhalten will (wunder dich also nicht, Jens).

Abseitsregeln nochmal genau anschauen. Trikots kaufen.

Das sollte reichen für´s erste, es ist ja noch ein gutes halbes Jahr. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß: Eigentlich ist das ja quasi nichts, so ein halbes Jahr.

Denken hilft zwar…

Bei „Sky“ haben sie im vergangenen Quartal ein paar verblüffende Zahlen hingelegt: 1,7 Milionen Verlust hat der Münchner Bezahlsender geschrieben; die allerdings nicht in diesem Quartal, sondern an jedem Tag dieses zurückliegenden Vierteljahres. Das muss man auch erst einmal hinbekommen, dass die Hälfte des Umsatzes Verlust ist, aber vielleicht kann man diese Erfahrungen von „Sky“ ja wenigstens dazu verwenden, sich nochmal ein paar Gedanken zum neuerdings wieder so beliebten Thema „paid content“ zu machen. Noch dazu, wo einer der größten Treiber des Themas Mr. Murdoch ist, der gerade in Deutschland seine Erfahrungen macht, wie das so ist mit den Bezahlinhalten, vor allem dann, wenn es von diesen Inhalten so viele gibt, dass man sie sich überall aussuchen kann.
Die Strategie von „Sky“, erst mal Fußball ein bisschen teurer zu machen und sich darauf zu verlassen, dass das jubelnde Volk angesichts dessen Abos in Reihen abschließen wird, ist also erstaunlicherweise nicht aufgegangen. Daraus könnten Murdoch und andere ein paar ziemlich einfache Rückschlüsse ziehen, beispielsweise die, dass man die Zahlungsbereitschaft von Nutzern auf einen ziemlich einfachen Punkt bringen kann. Bekommt es Inhalt nur hier, an dieser einen Stelle, dann bezahlt er. Wenn nicht, holt er ihn sich anderswo umsonst. Bei „Sky“ sieht man das sehr schön am Beispiel Fußball: Bundesliga ist letztendlich der einzige Inhalt, für den der durchschnittliche Zuschauer bezahlen würde, alles andere hat er ja schon (mir fällt da mit Grausen ein, was ich alles noch auf Festplatte und DVD rumliegen habe und schon angeschaut haben sollte; alleine das wird so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass Sky vermutlich schon lange pleite ist, bis ich mich auf null runter gearbeitet hätte).

Bliebe also der Fußball, den man deswegen erst einmal deutlich teurer gemacht hat. Der Denkfehler beginnt damit, dass man so pauschal von Fußball spricht. Tatsächlich geht es in erster Linie um Live-Fußball – und das schränkt den potenziellen Kundenkreis schon mal ganz erheblich ein. Denn natürlich kann man sich ziemlich für Fußball interessieren, ohne aber deswegen unbedingt samstags den Nachmittag vollständig vor dem Fernseher verbringen zu müssen. Live-Fußball gibt es in modifizierter Form auch anderswo: Auf dem iPhone beispielsweise habe ich eine App, die mir alle Radiostreams mit Live-Bundesliga bündelt. Jede mittelmäßige Regionalzeitung hat inzwischen einen Bundesliga-Liveticker, was also in der Konsequenz bedeutet: Nur wenn ich Bundesliga unbedingt live sehen will, macht das Angebot von Sky Sinn. Alles andere, vor allem die zeitversetzten Aufzeichnungen, gibt´s überall woanders auch.
Die Konsequenz ist eine einfache: Die Zahlungsbereitschaft für den Inhalt von Sky ist nur so mittelgroß (1,7 Millionen am Tag lassen grüßen), weil der Inhalt im Großen und Ganzen zu wenig exklusiv, zu wenig werthaltig ist. Da nutzt es ganz und gar nichts darauf zu verweisen, wie teuer die Produktion eines Spielfilms ist, im Ergebnis interessiert sich der Zuschauer dafür nicht (übrigens letztendlich zurecht). Nicht sehr viel anders ist das auch mit journalistischen Inhalten. Natürlich kann man sich mantraartig immer wieder einreden, dass es die vielbemühte Qualität nicht zum ebenso vielbemühten Nulltarif gibt – den durchschnittlichen Nutzer/Leser/Zuschauer wird das nicht interessieren. Das mag man bedauern, aber ehrlich gesagt: Wenn ich heute irgendwo einkaufen gehe, schaue ich mir zwar gerne die Dekoration des Ladens an, rechne aber jetzt nicht gleich nach, was sie gekostet haben könnte, um danach sofort zu beginnen, den armen Inhaber zu bedauern. Natürlich ist Journalismus kein Süßigkeitenladen, dennoch: der ökonomische Vorgang ist erst einmal der gleiche, spätestens dann, wenn es ums Bezahlen geht. Im Übrigen empfehle ich in dem Zusammenhang, wenn es um die Einstellung des Menschen geht, irgendetwas zu bezahlen, sehr das wunderbare Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“. Nach dessen Lektüre wirft man die Idee, Leser könnten aufgrund der von ihnen erkannten Hoch- und Nutzwertigkeit von Journalismus gerne bereits sein, aus Einsicht etwas dafür zu bezahlen, schnell über Bord. Das ist Unsinn. Auch Zeitungsleser treffen letztendlich ihre Entscheidungen nach ziemlich ökonomischen Gesichtspunkten.
Insofern ist das allgemeine Wehklagen und die Forderung nach „Leistungsschutzrechten“ schon irgendwie irritierend, ebenso wie die selbstverständliche Forderung von Verlegern, man müsse „Flankenschutz“ aus der Politik erhalten (ach, muss man?). Leistung heißt auch, etwas zu schaffen, was so einmalig ist, dass man letztendlich davon leben kann. Nur weil´s einfacher und bequemer ist, irgendwo ein digitales Kassenhäuschen aufzustellen, ist das noch lange keine gute Idee.

Regeln für die Kommentare

Liebe Leute, es langt. Ich habe wirklich nichts gegen kontroverses Diskutieren. Man darf/soll dabei durchaus anderer Meinung sein als ich (dafür gibt es Kommentare) und deutliche Worte darf man auch verlieren.

Zwei Sachen gibt es aber definitiv ab sofort nicht mehr (und wenn es sie vorher gegeben haben sollte, entschuldige ich mich jetzt schon mal dafür).

1.) Kommentare, deren Absender nicht verifizierbar sind. Ich verlange wirklich keine genaue Adresse, nicht mal einen Klarnamen. Kommentare allerdings, bei denen auch intern (sprich: bei der angegebenen Mailadresse) keinerlei Zuordnung erkennbar ist, landen ohne weiteres Nachdenken im Müll. Vorhin kam einer, der sich als „pappnase@fdafgsdf.de“ ausgab. Tja. Ich staune ja wirklich, wie man zwar auf der einen Seite erwartet, sich öffentlich äußern zu können, auf der anderen Seite aber nicht den Mumm hat, mit einem Namen, einer Mailadresse dafür einzustehen.

2.) Kommentare, in denen irgendjemand wahllos beschimpft wird (egal wer) kommen in den Müll. Ohne weitere Rückmeldung, ohne Ausnahme. Auch weiteres Insistieren via Mail juckt mich in solchen Fällen nicht. Ich weiß, dass Blogs nicht immer zimperlich im Ton sind, aber wenn sich jemand einfach nur auskotzen will — gerne, aber nicht hier.

Ich mag das nicht begründen müssen (schlimm genug, dass man solche Selbstverständlichkeiten auch noch posten muss, nur soviel: Zu viel verlangt ist das vermutlich nicht. Und deswegen ist das jetzt so. End of transmission.

Klickschinden mit Enke

Keine Ahnung, ob der Selbstmord Robert Enkes die größte Tragödie ist, die es im deutschen Fußball jemals gegeben hat. Das ist auch nicht weiter wichtig, sicher ist nur: Es ist eine Tragödie. Eine mit entsetzlichem Ausmaß, eine für die man auch 12 Stunden später — recht besehen — keine treffenden Worte finden kann.

Trotzdem setzen im Journalismus alle Reflexe ein, die man als abgebrühter Nachrichtenjäger haben kann. Da setzt ein Mensch mit 32 seinem Leben ein Ende — und dann sehen wir: Bildergalerien bei sueddeutsche.de, Bildergalerien bei bild.de, Bildergalerien bei Spiegel Online. Man sieht die Jagd nach dem schnellen, billigen Klick und fühlt sich angewidert, weil sich bisher noch niemand an einer Geschichte über Robert Enke, über seine Tragödie, über den Menschen versucht hat. Weil noch niemand versucht hat darüber nachzudenken, warum neben Sebastian Deisler nun offenbar ein zweiter Top-Profi in psychologischer Behandlung war. Stattdessen: denken die Qualitätsjournalisten der Süddeutschen und von SPON (und vieler anderer) erstmal an die gute alte IVW, bauen Klickmaschinen zusammen, bedienen billigen Voyeurismus. Ah, das ist die Lokokomotive, vor die er sich warf? Oh, seht mal, da ist das (dezent abgedeckte) Auto Enkes, das gerade abtransportiert wird! O-Töne von Beckenbauer bis Zwanziger, praktischerweise bei SPON als kleine Klickstrecke arrangiert, man muss ja auch an die Quote denken, Sie verstehen.

Viel fällt mir nicht dazu ein, um ehrlich zu sein. Jemand bringt sich um — und Onlinejournalisten schaffen nichts anderes als die Klickstrecke.

Man kann das auch übrigens anders machen, wie FAZ.net beweist. Vielleicht haben die ein paar Klicks weniger als die mit Spielen und anderem Schrott hochpuschte SZ, aber lesenswerter, liebe Kollegen in München, lesenswerter, sensibler, journalistischer als eure elende Klickschinderei ist das allemal.

(Guter Text zum Thema übrigens auch bei 11Freunde).