Kraftmeierei im Niemandsland

Vermutlich war 2009 zumindest aus Sicht der Verleger gar kein schlechtes Jahrfür die PNP. Ganz viele Menschen aus Europa kamen wieder in die Stadt, Karl Lagerfeld und ein paar andere. Man reduzierte die Personalkosten, in dem man das Personal des Hauses reduzierte —  und die Auflagenverluste des Blattes setzte man einfach in eine lustige Relation. Man habe zwar verloren, schreibt Chefredakteur Ernst Fuchs zu Weihnachten, aber immerhin nicht so viel wie andere im bundesweiten Durchschnitt.

Wenn man es indessen schon als eine Art Erfolg herausstellen muss, weniger als andere zu verlieren, kann man sich vorstellen, dass es sonst auf der Habenseite nicht viel zu vermelden gibt. Und tatsächlich gab es 2009 auch andere Nachrichten, über die man sich in Passau nicht allzu sehr gefreut haben dürfte. Man verlor beispielsweise einen wichtigen Druckauftrag, nämlich den der Neuen Zürcher Zeitung, die rund 15 Jahre lang einen Teil ihrer Auflage in Passau herstellen ließ. Das ist jetzt vorbei, offiziell heißt es, weil die NZZ eine strategische Neuausrichtung ihres Drucks vornehme. Insider raunen da zwar anderes, aber sei´s drum — der Verlust des Auftrags aus der Schweiz trifft die Passauer einigermaßen schwer.

Daneben aber geht — und das ist interessanter als die Geschichten aus dem Druckzentrum – auch das erste Jahr in redaktioneller Neubesetzung zu Ende. Den Chefredakteur hatte man entsorgt, den Passauer Lokalchef auch, angekündigt war eine Neuausrichtung des Blattes in eine Richtung,  von der man neuerdings oft hört und die angeblich die Zukunft von Tageszeitungen sein soll: mehr Lokales, mehr Menschliches, mehr Hintergründiges, mehr Analysierendes. Man habe also verstanden, sollte wohl die Botschaft der Neuausrichtung sein. Wie sehr man verstanden hat, beweist Chefredakteur Fuchs in einem Interview mit der aktuellen Mitarbeiterzeitschrift:  Auf die Frage nach den besonderen Stärken seines Blattes antwortet Fuchs, man verfüge über eine ungewöhnlich hohe politische Reputation, im „politischen Berlin“ jedenfalls kenne man die PNP ziemlich gut.

Politisches Gewicht in Berlin also als herausragende Stärke der Regionalzeitung PNP? Interessant.  Da wundert man sich kaum mehr, wenn man dann liest, was der Chefredakteur als zweites Pfund ins Feld führt: München, da kenne man die PNP ebenfalls bestens. Gut, München ist 200 Kilometer weg und auch nicht mehr so richtig Verbreitungsgebiet — aber ist das nicht großartig, dass man das Blatt auch da kennt, wo es von keinem Menschen mehr gelesen wird? Und als dritte besondere Stärke der Zeitung nennt Fuchs dann doch noch, man glaubt es kaum, die regionale Kompetenz. Das ist ebenso erstaunlich wie bezeichnend (für viele andere Blätter auch): Man interessiert sich nicht so wirklich für seine Leser und insgeheim verachtet man vielleicht sogar das, worüber man täglich schreibt. Wie anders wäre es denn sonst erklärbar, dass man sich daran ergötzt, wenn einem vielleicht mal irgendein unbekannter Staatssekretär in Berlin oder München auf die Schulter klopft, man es aber als vermutlich eher unwichtig empfindet, was die eigene Leserschaft zum Blatt sagt? Letzteres, nämlich die Abstimmung mit den Abos, relativiert man, indem man sagt: Es könnte ja noch schlimmer sein. Und irgendwie ist das alles ja auch beinahe logisch: Wer sich in erster Linie um seine Reputation dort sorgt, wo er nicht gelesen wird, dem ist es vermutlich auch eher egal, was die Leute dort sagen, wo die Zeitung (noch) gelesen wird.

Mindestens ebenso verblüffend ist die alljährliche Wiederkehr der Ansage, man wolle dieses Jahr endlich mal was zum Thema Online machen. Das ist vielleicht für die grundlegende Schwäche dieser Zeitung (und noch einiger anderer): Wir schreiben 2010 und es gibt wirklich Blätter, die ankündigen (!), sich demnächst stärker im Internet engagieren zu wollen. Vermutlich müssen wir Onliner uns so etwas immer wieder vor Augen führen, um die Realitäten in der Medienwelt zu begreifen. (Umgekehrt sind solche Sachen allerdings auch ein guter Grund, vielen Verlagen erst einmal ein paar Hausaufgaben aufzugeben, ehe sie sich über das böse Internet, die Kostenloskultur und die Inhaltediebe aufregen; zumal man ja auch bezweifeln darf, ob jemand das Netz wirklich begriffen hat, wenn er sich dort de facto ja gar nicht bewegt).

Man wolle jedenfalls, so kündigt der PNP-Chefredakteur an, einen „attraktiven Sportkanal“ schaffen. Was man als eine (reichlich späte) Reaktion auf den Erfolg von Michael Wagner und dessen Passauer Fußball-Portal werten darf. Und auch das zeigt exemplarisch die Klemme, in der sich die PNP und ihre Freunde befinden: Natürlich muss man jetzt irgendwas machen, um nicht den digitalen Anschluss zu verlieren. Aber der „attraktive Sportkanal“ der PNP wird mit ein paar kleinen Tücken zu kämpfen haben. Beispielsweise damit, dass „Fußball Passau“ eine komplette Infrastruktur und eine überaus treue Leserschaft hat, die nebenher auch noch gelernt hat, dass es ganz prima auch ohne Heimatzeitung geht. Wenn man das Undenkbare erst einmal ausprobiert und dann festgestellt hat, dass das gar nicht so schlimm ist, gibt es kaum einen Grund, nochmal in alte Strukturen zurückzugehen (insofern ist die Situation der PNP der der CSU gar nicht mal so unähnlich).

Und besonders bemerkenswert ist bei alledem, dass von dem, weswegen Zeitungen vielleicht ja dann doch gekauft werden, in Passau (und anderswo) am wenigsten die Rede ist: von journalistischer Qualität, von journalistischen Urtugenden, von Recherchen, von lesenswerterten Inhalten. Nicht nur bei der PNP klatscht man Seiten gerne mit Kostenlos-Texten von wenig getarnten PR-Agenturen wie beispielsweise obx in Regensburg zu. Wichtigstes Kriterium ist: billig.  Es findet beispielsweise niemand der Mühe wert zu erklären, wie das denn zusammengehen soll mit weniger Leuten eine gleichbleibend gute oder möglicherweise sogar bessere Zeitung mitsamt anständiger Onlineverknüpfung zu produzieren. Begriffe wie „journalistische Qualität“ tauchen in Fuchs´Weihnachtsbotschaft erst gar nicht auf. Weniger Zeitung für mehr Geld: Es wird nicht allzu lange dauern, bis der Durchschnitts-Leser bemerkt, was man ihm da eigentlich andrehen will. Funktioniert hat das bisher noch nirgends und es wird auch in Passau nicht funktionieren.

Man werde im Übrigen auch in den nächsten Jahren erfolgreich unterwegs sein, prophezeit der Chefredakteur seinen Mitarbeitern zum kommenden Jahr. Die grobe Richtung sei „weitgehend“ vorgezeichnet.

Spätestens wenn man solche Sätze liest — sollte man sich Sorgen um die PNP machen.

(Anmerkung: Wie immer bei Geschichten aus Passau auf dieser Seite würde ich davor warnen, sich anderorts händereibend über die PNP zu amüsieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man Geschichten dieser Art über sehr viele andere Regionalblätter in Deutschland ebenfalls schreiben könnte. Passau liegt halt einfach vor meiner Haustür.)