Die Zeitungen und ihre drei Probleme

Vielleicht ist das mit dem Internet und den Zeitungen ja gar nicht so einfach wie wir alle gerne glauben.

Allzu viele Gemeinsamkeiten haben wir Onliner und die Zeitungsmenschen im Regelfall ja nicht mehr, eines aber eint uns, wenn auch häufig aus unterschiedlicher Perspektive: der Glaube daran, dass das Netz den (Tages-)Zeitungen so massiv schadet, dass es für ihre Existenz allmählich bedrohlich wird. Gründe gibt es demnach ausreichend: die schiere Masse an Inhalten, die das Netz bietet, natürlich diese vermaledeite Gratiskultur des Web, die jungen Leute, die alle angeblich nicht mehr lesen wollen und mit dem Laptop im Arm auf die Welt gekommen sind. Dazu der Gedanke, dass Information ja ohnehin frei sein wolle und jeder, aber auch jeder zu Kommunikation und Information beitragen will/kann/soll.

Was aber, wenn es das gar nicht ist?

Wenn es um die Auflagen und damit zwangsweise auch um den Niedergang der Tageszeitungen geht, dann zeigt man, wenn man so richtig beeindruckend sein will, gerne mal die Kurven von 1995 bis 2010. Und tatsächlich, es geht rapide abwärts, die Zeitungen verlieren Jahr für Jahr an Auflage, ein Trend, der sich anscheinend seit 15 Jahren nicht mehr stoppen lässt. Internet also, ganz eindeutig.
Zwei Sachen bleiben bei dieser kleinen Legende aber außen vor: erstens verlieren die Zeitungen konstant eben schon seit 1995 an Auflage – und niemand kommt allen Ernstes auf die Idee, dass Onlinemedien 1995 angefangen hätten, den Zeitungen das Wasser abzugraben. Und zweitens lohnt es sich bei dieser Debatte, mal einen Blick noch viel weiter zurück zu werfen, nämlich in den Anfang bzw. die Mitte der 80er Jahre (ja, ich weiß, da waren Sie möglicherweise noch nicht mal geboren).

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Man muss sich diese Grafik also vielleicht nur ein wenig anders vorstellen. Man müsste vielleicht die Jahre zwischen 1989 und 1992 rausnehmen, dann würde diese merkwürdige Delle nach oben sofort wieder begradigt und die Linie einheitlicher und vielleicht auch leichter und eindeutiger interpretierbar. Dann würde auch klar, dass wir es schlichtweg mit einer Art Sonderkonjunktur zu tun hatten, die durch Mauerfall und Einheit ausgelöst wurde, die den Zeitungen ungeahnt ein Potential von Millionen neuen Lesern bescherte. Leser, die von der SED-Einheitspresse ziemlich die Nase voll hatten. Rechnet man dieses Potential dann aber wieder weg (und der Knick folgte dann ja auch spätestens 1993 wieder), dann kommt man schnell zu der Feststellung, dass der Niedergang der Tageszeitungen schon Mitte der 80er Jahre begann – zu einer Zeit also, als solche Sachen wie Kostenlos-Kultur, Informationsverbreitung auf den unterschiedlichsten Kanälen, soziale Netzwerke und Konkurrenz durch Blogger und Citizen Media noch nicht einmal in entferntester Sichtweite waren.

Natürlich wäre es unsinnig, jetzt so zu tun, als hätten das Netz und die Digitalisierung nicht sehr viel mit den drängenden Problemen der Tageszeitungen zu tun. Möglicherweise aber sind Netz und digitale Medien viel eher Brandbeschleuniger in einem schon lange schwelenden Feuer. Wenn das aber so sein sollte, wenn tatsächlich die Trendumkehr schon vor 25 Jahren stattgefunden haben sollte – dann müssen Tageszeitungen schon sehr viel länger tiefsitzende Probleme haben, die sie wahlweise nicht erkennen konnten oder vielleicht auch nicht erkennen wollten.

Problem eins: Ignoranz. Vor ein paar Tagen hatte ich das ganztätige Vergnügen mit knapp 30 Tageszeitungsvolontären. Was ich dort zu hören bekam, erstaunte mich nicht nur deswegen, weil dort so pro Zeitung argumentiert wurde, wie ich es seit einigen Jahren nicht mehr gehört hatte, sondern auch, weil die „Argumente“ teilweise von wirklich verblüffender Ignoranz waren. Was antwortet man einem Volontär von vielleicht 25 Jahren, wenn er sich tatsächlich zu der Aussage versteigt, der entscheidende Vorteil der Zeitung sei doch, dass sie es sei, die verlässlich „Allgemeinbildung“ vermittle (und alle anderen demnach also nicht)? Was sagt man jemandem, der die Notwendigkeit, sich massiv mit dem Netz zu beschäftigen und Zeit, Geld und Geist zu investieren, mit dem Hinweis negiert, im Netz sei ja ohnehin kein Geld zu verdienen (gut, der Mensch hat wenigstens den „lousy pennys“-Ausspruch von Herrn Burda als vermeintlichen Kronzeugen). Und was mich daran am meisten erschüttert hat: Ganz offensichtlich ist es doch genau das, was Volontären zumindest in manchen Zeitungsredaktionen immer noch vermittelt wird. Und es deckt sich mit meinen Erfahrungen: Sinngemäß erzählen altgediente Zeitungsredakteure gerne die Geschichten von der Unverzichtbarkeit der Zeitung, von ihrem gesellschaftlichen Auftrag und ihrer Bedeutung. Wenn sie dann noch ganz gut drauf sind, kommen wahlweise noch solche Geschichten wie die, dass nur das gedruckte Wort richtig Bestand habe und das ja außerdem noch nie ein neues Medium ein altes verdrängt habe. Und man muss wirklich befürchten, dass sie das immer noch in nicht wenigen Redaktionen ernsthaft glauben. Komische Geistelhaltung, wenn man seit zwei Jahrzehnten konstant Auflage, Reichweite und Relevanz verliert.

Problem zwei: massive Innovationsfeindlichkeit. Ich bin ja nun wirklich kein glühender Anhänger von Wolf Schneider, aber in einem hatte er (ebenfalls schon vor zwei Jahrzehnten) so was von recht: Tageszeitungen müssten endlich aufhören, sich als eine Art gedruckte Tagesschau vom Vortag zu verstehen. Den Kampf mit Schnelligkeit und Aktualität haben sie  lange verloren und es gehört vermutlich nicht allzuviel Fantasie dazu um sich auszurechnen, wie man sich dann positionieren müsste. Mit Hintergrundgeschichten, mit erklärenden, kommentierenden, glossierenden Stücken, mit all jenem eben, was in der Hektik des täglichen Nachrichtengeschäfts untergeht (das ist wirklich so banal, dass man sich kaum traut, es hier nochmal hinzuschreiben). Trotzdem sehen viele Blätter immer noch so aus, als seien sie soeben den fröhlichen 80er-Jahren entsprungen (auch das ist auf dieser kleinen Seite hier so oft beschrieben worden, dass ich gerne darauf verzichte, es jetzt ein weiteres Mal hinzuschreiben). Und ebenso erstaunlich: Ganz offensichtlich gibt man vielerorts dem Nachwuchs mit, dies sei quasi ohne jegliche Alternative. Sehr viel anders kann ich mir nicht erklären, warum es immer noch eine erstaunliche Zahl von Jung-Journalisten gibt, die nicht mal im Ansatz die Notwendigkeit sehen, das Produkt Tageszeitung komplett in Frage zu stellen. Gut, zugegeben: Wer einer Horde von 50jährigen gegenübersitzt, die gerne mal so argumentieren, dass man das schon immer so gemacht habe, hat als Volontär vermutlich nicht mal die Chance, das Wort „Internet“ bis zum Ende auszusprechen. Was uns direkt zu Problem Nummer drei führt.

Problem drei: Überalterung in den Redaktionen. Ich bin kein glühender Anhänger des Jugendwahns, wie auch: Ich bin selbst in einem Alter, in dem ich es vor Augen habe, nicht mehr zur Zielgruppe von RTL oder SAT 1 zu sein. Trotzdem fehlt es in vielen Tageszeitungsredaktionen an einem vernünftigen Mittelbau, die Generation 30+ gibt es vielerorts schlichtweg nicht mehr. Sieht man also von den Volontären ab, die meistens nach zwei Jahren wieder gehen, wird das Blatt vielfach von Menschen gemacht, die seit 35 oder 30 Jahren im Job sind und sehr häufig auch nicht allzu viele andere Stationen außerhalb ihrer Zeitung gemacht haben. Das würde ich jemandem persönlich nie zum Vorwurf machen, aber ob das die geeignetste Klientel ist, die ein Medium in Zeiten des Totalumbruchs irgendwie steuern soll, kann man getrost bezweifeln. Jedenfalls darf man vielen Redaktionen ein gerüttelt Maß an Innovationsfeindlichkeit attestieren – es sind zu viele, deren Devise ein fröhliches „Weiter so!“ ist.

Bekommt man das wieder hin? Ich habe zunehmend meine Zweifel. Nicht, weil diese Probleme allesamt unlösbar wären. Das sind sie nicht — man müsste sich nur allmählich daran machen, Lösungen zu suchen. Das klingt erst einmal ganz schrecklich banal, aber vermutlich muss man das wirklich erst einmal so hinschreiben. Schließlich reden die Klügeren unter den Medienmachern in der Quintessenz seit zehn Jahren von beinahe nichts anderem. Sie scheitern regelmäßig an Menschen, die immer noch von „Neuen Medien“ sprechen und deren oberste Devise es ist, bloß nichts zu überstürzen. Abwarten als Maxime im Zeitlter des schnellsten vorstellbaren Medienwandels, das klingt nicht so, als könnte man dem Medium Tageszeitung allzu viel Hoffnung machen. Dumm nur: Auch die allerneuesten Zahlen sind dafür ganz und gar nicht geeignet. Wenn ein Konzern wie die WAZ mal eben im Quartal über 40.000 Exemplare verliert und das noch nicht einmal auch nur für eine mittelgroße Schlagzeile sorgt, dann kann man sich vorstellen, wie sehr wir uns an das langsame Sterben der Blätter inzwischen gewöhnt haben.

18 Gedanken zu „Die Zeitungen und ihre drei Probleme

  1. Der Knick Mitte der achtziger Jahre hat etwas mit der Einführung des Privatfernsehens zu tun (viele neue Sender) und natürlich mit dem Ausbau und der Ausdifferenzierung der öffentlich-rechtlichen Sender (viele Lokal- und Regionalfenster).
    Ich vermute, die Regionalzeitungsverleger haben aufgegeben. Sie lutschen die Zitrone noch ein paar Jahre lang aus, bringen ihre Ersparnisse in die Schweiz, und das war’s dann.

  2. Ahoi, vielen Dank für diese klaren Worte! Interessant ist auch die Betrachtung, welche Printmedien in der Auflage zulegen – nämlich genau die, die Problem 2 richtig addressieren. ZEIT, Cicero und Co.

  3. Einmal einen Beitrag unter dem von Wolf Schneider zu schreiben, die Chance muss ich nutzen…

    Ich stelle mal meinen Vorschlag zur Kostensenkung und Erhöhung der Qualität bei lokalen Tageszeitungen zur Diskussion:
    Derzeit besteht das örtliche Lokalblatt aus Mantel und Lokalteil. Den Lokalteil füllen meist drei Lokalredaktionen, die auch Inhalte für den Mantel liefern. CJ und andere kritisieren, dass im Lokalen der Bratwurstjournalismus gelebt wird. Hintergründige Reportagen finden selten statt aus Personalmangel. Teils wenig redigierte Vereinsberichte sind an der Tagesordnung.
    Warum nicht den Mantel (und die Anzeigen) täglich drucken, die Lokalteile aber nur jeden zweiten oder dritten Tag? Für Montag erstellt Lokalredaktion A den Lokalteil, für Dienstag LR B und für Mittwoch LR C, Donnerstag wieder A, Freitag B, Samstag C.

    Die Lokalredakteure arbeiten aber trotzdem täglich. Also keine Gehaltseinbußen… Sie nutzen jedoch die entzerrte Erscheinungsweise für Recherche, eigene Berichte und sorgfältiges Redigieren.

    Vorteile: Einparung beim Umfang durch besser redigierte und gekürzte Vereinsberichte. Erhöhte Qualität im Lokalen, folglich mehr Aha- und Muss-ich-haben-Effekte beim Leser. „Top-Ereignisse“ wie Unfälle, Brände usw. können außer der Reihe im Mantel abgefeiert werden. Die Vereinsberichte können vorab (ausführlich und kostenlos) im Internet erscheinen. Wegen denen kauft eh niemand die Zeitung.

    Die Anzeigen-Einnahmen dürften dadurch nicht leiden. Sie erscheinen täglich. Die geliebten Todes-Anzeigen & Co. bleiben aktuell.

    So… Nun hackt mich in Stücke oder bietet mir einen Berater-Vertrag an 😉

  4. Es gibt für mich einen Widerspruch in deinem Text: Wenn die 25-jährigen schon so daherreden wie die redaktionellen Rauschebärte, so, wie du es eingangs ja feststellst, um später dann Überalterung als Problem zu benennen, dann sehe ich dort einen logischer Bruch. Der Kern des Problems wäre für mich dann die (print-)journalistische Selbstsicht oder Eigenperspektive, ganz egal, ob bei jung oder alt.

  5. Ich kann jedenfalls auch aus meinen Seminaren an diversen Unis bestätigen, dass die Jungen sich mit dem Internet – aus professioneller Sicht – etwas schwer tun. Das hat wohl etwas mit Rollenorientierung zu tun, aber auch zu wenig vorgelebter Experimentierfreude.

  6. Ich kann den Eindruck, dass es auch bei Nachwuchsleuten eine erschreckende Ignoranz gegenüber „dem Internet“ gibt, nur bestätigen. Bei Bewerbern haben wir manchmal den Eindruck, sie hätten sich die Google-Suchmaske angesehen, dort erwartungsgemäß irgendwie „nichts spannendes“ gefunden und es deshalb aufgegeben. Da ist nicht mal der Gedanke, es könnte spannende Dinge zu entdecken geben – stattdessen spürt man oft den Wunsch, sich in einem etablierten Geschäftsmodell heimisch einrichten zu können, dass doch bei der Elterngeneration auch funktioniert hat. Diese Art von Gesprächen läuft häufig schon nach wenigen Minuten auf einer recht frustrierenden Schiene.

  7. Dass „die Jungen“ mit dem Internet nichtumgehen, wundert die reifere Generation gar nicht: Die Wissbegrierigen und Interessierten waren auch früher schon in der Minderzahl. Und die hatten lexikalische Hilfsmittel sonder Zahl im Bücherregal – und benutzten sie auch. Von den Nicht-Interessierten hörte man nur weniger, sie hatten noch kein
    derartiges Forum, vor dem sie ihre Ahnungslosigkeit ungefragt ausbreiten können.

  8. Hm…. Volontäre, die 20 Jahre jünger sind als ich, die mit Privatfernsehen aufgewachsen sind und das Internet seit ihrer Pubertät kennen müssten, finden das Internet als Medium nicht brauchbar? Erschreckend, was Sie aus Ihrer Praxis berichten.
    Ich gehe mal davon aus, dass diese jungen Menschen bis zum Rentenalter das Wort Internet werden aussprechen lernen.

  9. Ich kann mich noch gut an Diskussionen erinnern zu der Zeit, kurz bevor ich meiner Tageszeitung (und damit dem Medium Tageszeitung an sich) den Rücken gekehrt habe. Das war Mitte der 80er Jahre, also lange vor diesem komischen Internet, und Privatfernsehen war eher noch Dilettantenstadl als ernstzunehmendes Medium.

    Damals wurde schon darüber geklagt, die Tageszeitungen kämen nicht mehr an die jungen Menschen heran. Es gab, zumindest bei den Blättern, bei denen ich gearbeitet habe, kaum noch Abonnenten aus dem Kreis der Anfangs-Zwanziger, die von zu Hause auszogen und einen eigenen Haushalt gründeten. Die lasen im besten Fall noch die von den Eltern abonnierte Tageszeitung mit, wenn sie sich in der Nähe eine eigene Wohnung suchten oder ein Haus bauten (ländlicher Raum), aber ein eigenes Abo? Nein.

    Die Verlagsleute redeten schon damals von den „biologischen Kündigungen“, die irgendwann einmal kommenden würden. Und heute, ein Vierteljahrhundert später, macht sich dieser Rückgang richtig bemerkbar.

    Aber unternommen hat man offensichtlich nichts.

    Ich habe noch Einblick in die eine oder andere Tageszeitung, bei der Kollegen von mir immer noch arbeiten, und da wird in den seltensten Fällen versucht, mit einer qualitativen Verbesserung des redaktionellen Angebots Leser zurückzugewinnen.

    Vielmehr wird gespart.

    Komplette Redaktionen werden ausgelagert, die nunmehr freiberuflichen Ex-Redakteure müssen Seiten füllen, um auf einen vernünftigen Tagessatz zu kommen, und da fällt aufwändige Recherche überwiegend unter den Tisch. Bereits vor fast 30 Jahren hat man versucht, durch redaktionelle Masse Leser zu gewinnen. Jedes Vereinsfest, jedes mittelprächtige Konzert des Gesangvereins: Hinein ins Blatt, viele Bilder, 150 Zeilen Text vom freien Mitarbeiter oder Schriftführer, nur nicht zu viel redigieren oder gar kürzen.

    Mit Qualität hatte das alles nichts zu tun, solche aufgeblasenen Vereins-Lokalseiten bekommt auch ein mäßig besetztes Anzeigenblatt hin.

    Kollegen erzählen mir mittlerweile, dass ihr Verleger von Content-Systemen fabuliert, in das die Vereinsschreiberlinge ihre Festergüsse online hineintexten können. Der „Redakteur“ ist dann nur noch dazu da, die Überschriften passend zu machen und ein paar der schlimmsten Rechtschreib- und Grammatikfehler zu korrigieren (wenn er selber denn in der Lage ist, sie zu bemerken).

    Die paar Fehler? Da wird morgen doch der Blumenkohl auf dem Markt drin eingewickelt.

    Die Zeitungen sparen sich zu Tode.

    Und wenn man sich einmal das Vergnügen macht, eine normale Regionalzeitung auszuwerten und auf den Seiten all das zu weißen, was Agenturmaterial respektive pure Nachricht und damit Stoff von gestern ist, also spätestens in der Tagesschau von einem Großteil der Leser schon als Nachricht wahrgenommen wurde – dann hat man einen Flickenteppich an weißen Stellen.

    Leider arbeiten bei den Tageszeitungen viel zu viele Kollegen, die es noch nie aus dem Genre Tageszeitung, in vielen Fällen noch nicht mal aus dem Unternehmen herausgeschafft haben.

    Magazindenke wäre angesagt, aber was der Bauer nicht kennt….

  10. Ich hoffe doch sehr, dass es sich bei den in den Kommentaren genannten Fällen um Einzelfälle handelt. Ich kann nicht glauben, dass sich junge Menschen als Volos bewerben und mit dem Internet nichts anfangen können….

  11. @Ali. Das wundert mich ehrlich gesagt auch. Ich studiere zur Zeit Journalismus und bei uns hat man nicht annähernd die Chance das Medium Internet zu umgehen. Erstellung eines Blogs fällt ebenso in den Pflichtbereich wie die Produktion eines Podcasts.

    Hier sind sich anscheinend alle einig, dass Vereinsberichte zu viel Raum im Lokalteil für sich beanspruchen. Hier fehlt der Platz für „echte“ Storys etc. Im Grunde seh ich das genau so. Aber die Zeitungen befinden sich hier wirklich in einer prekären Lage. Ich komme aus einer ländlichen (eher konservativen) Gegend und bekomme durch Vereinsarbeit einiges mit, was dieses Thema angeht. Es ist nicht vorstellbar wie sich die Leute darüber aufregen wenn der Vereinsbericht der Jahreshauptversammlung nicht spätestens 1-2 Tage später in der Zeitung erscheint. Da interessiert es niemanden, dass evtl. kein Platz mehr war und eindeutig wichtigere Dinge zuerst abgedruckt werden mussten. Noch schlimmer wird es wenn jemand mitbekommt, dass der Vereinsbericht des Nachbarortes eher abgedruckt wird. Tja und wenn dann mal so ein halber Schützenverein oder ein Parteivorstand aus Boykott das Abo kündigt und zur Konkurrenz wechselt (ja das gibt es wirklich) sehen die Zeitungen alt aus. Man versucht es also allen recht zu machen. Und das geht eben auch in die Hose. Es sagt sich leicht, dass die Lokalredaktionen sich verändern müssen….
    Aber im Grunde bin ich der gleichen Meinung wie alle anderen hier auch. Das sollte nur mal eine kleine Anmerkung sein.

  12. Das mit der nicht unbedingt gegebenen online-Affinität von 20- bis 30-jährigen kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Vor kurzem war ich als Gastreferent in ein Seminar der Uni Hannover geladen um über die Möglichkeiten der Online-Publizierens zu sprechen. Die Ergebnisse einer mündlichen Umfrage unter den ca. 50 Teilnehmern: keiner hatte einen Blog oder Twitteraccount oder verfolgte einen, ihr Wissen über das Thema Internet deckte sich größtenteils mit der Google-Story, mit der in dieser Woche der Spiegel herausgekommen war, das Stichwort Link-Economy erzeugte nur ratlose Gesichter, usw. etc. Lediglich bei StudiVZ waren die meisten, mit dem Thema Datensicherheit oder Datenfreigabe auf dieser Plattform hatte sich aber noch keiner beschäftigt.

    Mir ist ganz besonders eine Begründung für die Bedeutung des Online-Publizierens im Gedächtnis geblieben: „Das Bloggen im Internet ist wichtig, weil Obama damit die Wahl gewonnen hat.“

    Ich weiß, das ist nicht repräsentativ, ernüchternd ist es trotzdem.

  13. Die Zeitung kann sich nur im Mantelteil erneuern, und hier meinetwegen auch crossmedial und in allen Facetten. Ein gutes Beispiel dafür ist die WAZ, die mit vielen selbst recherchierten oder auch nur neu aufbereiteten Themen eigene Schwerpunkte setzt. Im klassischen Lokalteil einer Kleinstadt hingegen blockiert dies die Enge und Erwartungshaltung an die über Jahrzehnte eingefahrenen Strukturen einer Tageszeitung. Die persönliche Betroffenheit und Kenntnis des örtlichen Geschehens durch die Leser erlauben einfach keine überregionale Betrachtungsweise. Die Lokalzeitung ist Teil des lokalen Systems. Schaumschlägerei wird sofort enttarnt. Eine Zeitung, in der sich der Leser nicht wiederfindet oder die sich entfremdet, wird nicht mehr gekauft. Und das ist keine Sache des Alters. Auch Online im Lokalen funktioniert bislang nur als Ergänzung zum Print (Bildergalerien, Videos, Kommentarfunktion, eingeschränkt Umfragen), was mir zeigt, dass die Leser von lokalem Online-Content vielfach die gleichen sind, die auch die Printausgabe lesen. Eine Wanderungsbewegung ist demnach nur von der kostenpflichtigen zur kostenlosen Informationsquelle zu erwarten, nur in Ausnahmefällen anders herum. Die ewig verbreitete These der Generierung neuer Nutzergruppen durch noch so schicke Onlineauftritte oder -inhalte halte ich auf lokaler Ebene für wenig solide. Die Zahl von an lokalen Inhalten Interessierten ist natürlich begrenzt (nämlich auf den Ort bezogen), und das unabhängig vom genutzten Medium. Ich würde mir wünschen, dass dieser Aspekt in der herbeigeredeten Medienrevoltion häufiger Beachtung findet. Sinkende Auflagen sind daher immer ein ortsspezifisches und nicht unbedingt ein medienspezifisches Phänomen und eher durch ungünstige Sozialstrukturen und demographische Faktoren bestimmt denn durch Verdrängung im intermedialen Wettbewerb. Interesse steht am Anfang jeder Leser-Blatt(Homepage)-Bindung – und das übrigens auf beiden Seiten. Was ich festgestellt habe, ist, dass das Interesse an lokalen Ereignissen oder auch am persönlichen Umfeld in der Generation der unter 25-jährigen deutlich geringer ausgeprägt ist als noch bei den ohne Internet Aufgewachsenen. Viele kennen nicht einmal ihren Ort richtig. Da ist es auch für eine Zeitung oder ein Internetauftritt schwierig, Affinität herzustellen. Im Übrigen würde ich das ganz gelassen abwarten. Wer kann sich denn an Zeitungsleser in seiner Abistufe erinnern oder das damals Zeitungsinhalte Thema in Gesprächen unter Jugendlichen waren? Also ich nicht (und das ist auch schon einige Zeit her), und meine Eltern übrigens auch nicht… Und trotzdem haben sich viele in einer späteren Lebensphase bei persönlicher Betroffenheit (Kindergarten, Schule, Verein, Wohnung, Eigenheim) mit lokalen Inhalten auseinandergesetzt – ob im Print oder im Internet ist dabei zunächst zweitrangig. Wer in den Abgesang auf die Lokalzeitung in ihrer jetzigen Form einstimmt, sollte sich immer Klaren darüber sein, dass kein anderes Medium vor Ort täglich eine so hohe Haushaltsabdeckung vor Ort hat wie die Tageszeitung und es in Zukunft auch nicht erreichen wird. Unterm Strich wird die Reichweite der lokalen Inhalte durch die Onlineauftritte, Apps etc. rechnerisch sogar noch erhöht. Also ein bisschen mehr Gelassenheit bitte. Die Medienrevolution vor Ort – was immer das heißen mag – ist den lokal Interessierten nach meinem Eindruck bislang noch zu anstrengend.

  14. Aus meiner persönlichen Warte bin ich zugleich amüsiert und enttäuscht – als einer, der ab Mitte der 90er online war und sich Anfang der Nuller drauf verstieg, im Online-Journalismus sein Glück zu suchen.

    An sich repräsentiere ich genau den geforderten „Mittelbau“, nur dass ich mein gesamtes (festangestelltes) Berufsleben als Onliner verbracht habe. Und erleben musste, wie ein großer Konzern konsequent alle Neuversuche im Online-Bereich abwickelte, inklusive 80 Prozent des gesamten Personals. Da waren Leute dabei, die teils schon zehn Jahre in der Branche gearbeitet haben! Verschenkt…

    Jetzt bin ich freier Journalist, und muss mich in der Tat auch über Mittzwanziger wundern, die von Social Media usf. praktisch nichts gehört haben. Man muss das ja nicht überbewerten, aber das was und wie von Twitter, Facebook etc. sollte man schon kennen.

    Aus meiner redaktionellen Zeit kann ich eine 50/50-Bilanz ziehen: Print-Volontäre hatten extra eine Pflichtstation in der Online-Redaktion, manche waren sehr onlineaffin, andere blickten in der Tat leicht verächtlich auf unsere Redaktion herab: „Ist ja nur Online!“. Viele unserer Praktikanten und auch Online-Volontäre waren da anders gestrickt.

    Ich schaue mich nun um, wie man als Journalist unabhängig von Verlagshäusern Geld verdienen kann. Insofern kommen mir schwache Verlagsleistungen derzeit entgegen, auch wenn es mich als Medienbeobachter und Leser wurmt.

  15. Macht mir die „Alten“ nicht schlecht! Ich gehöre auch zu den „Mumien“, die seit 30 Jahren in einer Redaktion sitzen – aber anscheinend machen wir etwas falsch: Erklärstücke, Glossen und Hintergrundberichte sind bei uns an der Tagesordnung. Und wir mühen uns ab, unseren jungen Leuten klarzumachen, dass es nicht reicht, daüber zu schreiben, was geschehen ist, sondern auch das Warum uns Weshalb zu erklären. Die klassischen „W’s“ des Journalismus ergänze ich immer mit den – meines Erachtens überaus wichtigen und berücksichtigenswerten – Fragen:
    – Warum erzählt mir jemand etwas?
    -Wem nützt diese Information?
    – Wem schadet diese Information?
    und
    – Wen interessiert das überhaupt?

    Wir alten Schlachtrösser haben immerhin die Routine und Erfahrung, manche Tricks und Täuschungen zu erkennen, Phrasen als solche zu entlarven oder auch alte Hüte, die als neue verkauft werden, zu erkennen.

    Da tun sich manche jüngere Kollegen – auch in leitenden Funktionen – erheblich schwerer. Journalistische Selbstdarsteller, die mit ihrer völlig unmaßgeblichen Weltsicht ihre Leser „beglücken“, gibt es (leider) genug – deutlich geringer ist leider die Zahl der Kollegen, die ihr Handwerk tatsächlich noch beherrschen.

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