Die dunklen Wolken am Sky

Man hält das ja kaum für möglich, aber „Sky“ ist doch für etwas gut:  Als Anschauungsbeispiel dafür, wie unsere althergebrachte Medienwelt langsam untergeht und wie selbst Geschäftsmodelle, die man noch vor einiger Zeit für halbwegs neu und innovativ hielt, nicht mehr sehr viel wert sind, ist das ehemalige „Premiere“ kaum zu schlagen.

Das Problem, das „Sky“ hat, sind nicht mal nur die unfassbar vielen merkwürdigen Fehler, die man dort im Laufe der  letzten 20 Jahre gemacht hat. Das Problem ist, dass „Sky“ in einer Zeit entstanden ist, in der es vielleicht gerade noch einen Markt dafür gegeben hätte. Diesen Markt gibt es jetzt nicht mehr: Wem will man allen Ernstes erzählen, es sei für den Kunden auch nur halbwegs lukrativ, ein Abo für Fernsehsender, für Bewegtbild abzuschließen? Die Ware, die „Sky“ für einigermaßen viel Geld verkaufen will, gibt es an nahezu jeder Straßenecke. Serien und Filme bekommt jeder durchschnittlich begabte Mensch inzwischen auf Knopfdruck und die paar wenigen, die beispielsweise „Forrest Gump“ wirklich noch nicht in ihrer Sammlung haben, erhalten ihn momentan bei iTunes für 3,99. Sky abonnieren? Das wäre allenfalls noch ein Gedanke, wenn man sehr fußballfanatisch ist, selbst dann aber ist das Abo-Modell überholt, weil es den Nutzer in eine Bindung an den Anbieter zwingt, die man in Zeiten überbordender Medienangebote nicht mehr eingehen will. Ein einzelnes Spiel abrufen, einen kompletten Spieltag meinetwegen — also im Prinzip das, was Apple in Sachen Musik schon lange vormacht: Inhaltepakete aufschnüren und sehr viel kleinteiliger anbieten.

So aber ist „Sky“ ein Anachronismus aus den 90er Jahren, den auch der vierte Vorstandschef innerhalb weniger Jahre nicht retten wird — allen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz.

Die lustige Welt des Fernsehens ohne Fernsehen

Wenn man wirklich ulkige Sachen über die Zukunft des Fernsehens hören will, kommt man inzwischen an Thomas Ebeling nicht mehr vorbei.

Als es vor einigen Monaten um die Zukunft von N24 ging, meinte Ebeling, dass Nachrichten ja irgendwie nicht so wichtig seien, zumindest nicht für die Zuschauer in seiner Sendergruppe. Da war es dann  nur konsequent, dass er in dieser Woche ankündigte, den Etat der Nachrichtensendungen der Gruppe mal eben um zwei Drittel zu kürzen, was durchaus möglich ist, wenn man, wie Ebeling fordert, nicht immer diese komischen bewegten und vor allem sauteuren bewegten Bilder zeigt. Manchmal reicht da ja auch ein Foto, so einfach geht das. Was insofern nicht ganz von der Hand zu weisen ist, als dass es bei der Qualität der meisten Nachrichtensendungen aus der Gruppe nicht mehr darauf ankommt, ob das Ganze jetzt mit bewegten oder doch eher stehenden Bildern hinterlegt ist.

Nun könnte man Ebeling eigentlich gar nicht böse sein. Erstens triftt man so viel frappierende Ehrlichkeit in der Branche eher selten an, zum anderen: Der Mann kommt aus der Pharmaindustrie, hat in seinem langen und sicher erfolgreichen Managerleben noch nie ein Medienunternehmen geleitet — und führt ProSiebenSat1 so, wie er vermutlich auch die Wurstfabrik von Uli Hoeneß führen würde, wenn Uli Hoeneß ihn darum bäte. Ebeling ist noch nie mit einem einzigen sinnigen Wort zu Themen wie Programm und Inhalt auffällig geworden. Nicht nur, weil er dazu vermutlich auch nichts Sinniges sagen könnte, sondern weil er dafür nicht geholt worden ist: Sein Job ist es nicht, aus P7S1 etwas fernsehähnliches zu machen, sondern: Rendite. Wenn man die mit einer 24-Stunden-Dauersendung kopulierender Fliegen erzielen könnte, würde Ebeling auch das senden, solange seine Investoren 15 Prozent Umatzrendite auf diesem Sendeplatz bekommen.

Aus seiner medienunbelasteten Sicht ist Ebelings Argumentation auf den ersten Blick sogar verständlich:  Man kann immer alles noch einen Tick billiger machen. Das Problem ist, dass Ebeling seine Zuschauer unterschätzt: Selbst Laien bemerken inzwischen an allen Ecken und Enden des Programms der Gruppe, dass es in erster Linie billig sein muss. So etwas ähnliches wie eine programmliche Innovation ist aus dem Haus schon gefühlte Jahrhunderte nicht mehr gekommen (nimmt man mal Raab aus, aber das ist eben: Raab.) Und wann hat eigentlich der letzte wirklich kreative Kopf Unterföhrimg verlassen?

Das alles könnte man schulterzuckend ad acta legen, hätte die Entwicklung einer Sendergruppe, die demnächst Fernsehen ohne bewegte Bilder machen will, nicht auch eine medienpolitische Komponente: Sie zeigt, dass Fernseh- und Medienunternehmen nichts in der Hand von Finanzinvestoren verloren haben. Medien sind eben nicht einfach ein Wirtschaftsgut, sondern ein Kulturgut. Medien dürfen eben nicht nur von Controllern und Investoren und Managern gemacht werden. Sie brauchen — selbst dann, wenn es um Privatfernsehen geht — ein Mindestmaß an Kreativität, an journalistischer Verantwortung und Kompetenz an gesellschaftlicher Verantwortung. Bei allen Benken, die man damals vor allem aus kartellrechtlicher Sicht gegen eine Übernahme des Senders durch den Springer-Verlag haben konnte: eine bessere Lösung als das controllergesteuerte Ruinieren wäre sogar das gewesen.

Warum ich Blogger bezahlen würde

Blogs hätten sich verändert, konnte man in den letzten Tagen lesen, wahlweise, je nach Sicht des Betrachters, zum Besseren oder zum Schlechteren, manches behaupteten sogar: hin zur Irrelevanz. Wohlfeile Klage, das: Es gebe kein einziges deutsches Blog, das man lesen müsse (wobei ich mir in solchen Momente ja immer frage: Meine Güte, was muss man schon?).

Und mittendrin kommt also dieser Jens Weinreich.

Weinreich will für seine Blogbeiträge Geld, d.h.: natürlich verschwindet sein Blog nicht hinter einem generellen Kassenhäuschen (das wäre eher eine Lösung, die man von deutschen Zeitungsverlagen erwartet hätte). Weinreich baut lediglich einen PayPal-Bezahlbtton in seine Beiträge ein. Wem eine Geschichte gefallen hat, der kann spenden. Es gibt keine Begrenzungen, keine nach unten, keine nach oben. Und natürlich auch keine Bezahlpflicht und keine anderen Limits, kein (beispielsweise): Nach fünf unbezahlten Beiträgen im Monat ist Schluss.

Zugegeben, ich habe für diese Idee ziemliche viele Sympathien, obwohl ich ansonsten auf dieser kleinen Seite tendenziell von „paid content“ nicht so richtig überzeugt bin. Weinreichs Idee finde allerdings aus anderen Gründen sehr einleuchtend.

Zunächst mal: Was Menschen wie Weinreich machen, hat in der Tat nicht mehr sehr viel zu tun mit dem, wie sich die Bloggosphäre vor einigen Jahren zusamenfand. Man kann trefflich darüber streiten, ob das nicht schon wieder mehr Journalismus denn Bloggerei sei, aber ehrlich gesagt dürfen diese Debatte gerne andere führen, mich interessiert sich nicht so sehr. Tatsache ist, dass Bloggeristen wie Jens Weinreich (sofern ich mir bei diesem komplexen Thema ein Urteil überhaupt anmaßen darf) jeden Tag ziemlich aufwändige und ziemlich gute Arbeit abliefern (um bei den Verlagen zu bleiben: die würden das Qualitätsjournalismus nennen). Ich halte es absolut für legitim, zumindest die Möglichkeit zu geben, sich an Finanzierung solcher Inhalte zu beteiligen. Das im Übrigen auch aus der Sicht des Users: Es ist mir weitaus lieber, wenn ich meine Autoren unterstützen kann als möglicherweise in Kauf zu nehmen, dass sich irgendein nerviger Provider wie Vodafone an sie ranhängt.

Und ja, ich halte es auch für legitim, die Arbei, die man sich als Blogger macht, bezahlen zu lassen. Wer mit professionellem Anspruch arbeitet und schreibt, muss erheblich an Zeit und Energie investieren. Ich glaube, dass man das honorieren sollte. Nur über die vermeintliche Irrelevanz von Blogs zu lamentieren, ist mir zu wenig. Um Relevanz zu erreichen, muss man sich auf ein Blog heftig konzentrieren, auf ein Blog konzentrieren kann man sich nur, wenn man nicht nebenher noch putzen gehen muss.

Und warum auch sollten immer nur Verlage für sich in Anspruch nehmen, dass man für ordentliche Arbeit auch bezahlt gehöre?

Schluder-Spiegel

Für einen ganz kurzen Moment dachte ich gestern abend:  Jetzt ist es soweit, das ist das Ende des Printmediums. Wenige Minuten zuvor hatte ich mir die komplette neue Ausgabe des „Spiegel“  aufs iPhone gezogen, 2,99 Euro das Exemplar, 0,6 MB, in  Sekundenschnelle da. Und das am Samstagabend, zwei Tage vor dem Erscheinen des Printexemplars. Natürlich war mir klar, dass das Lesen auf dem iPhone nur bedingt spaßbringend sein würde, ich hatte aber schon im HInterkopf, dass die selbe Geschichte ja demnächst auch auf dem iPad funktionieren sollte – und da wird die Sache schon ganz anders aussehen.

Nach dem ersten intensiveren Durchblättern des iPhone-Spiegel fielen dann aber ein paar ärgerliche Schwächen auf, nach denen man den Kollegen vom „Spiegel“ dringend empfehlen möchte, schnellstmöglich nachzubessern. Die App (genauer gesagt ist das keine App, sondern ein besserer E-Reader) weist dann doch einige erstaunliche handwerkliche und technische Schwächen auf und man wundert sich:  Würde ein derart schludrig gemachter gedruckter Spiegel am Wochenende zu den Kiosken gehen, sie hätten ganz schön Ärger an der Brandstiwete.

Da ist erst einmal die Sache mit der Optik: schon klar, dass man auf einem iPhone-Display nur sehr eingeschränkte optische Genüsse bieten kann. Aber eine Titelgeschichte, die über 43 iPhone-Seiten geht, deswegen komplett unbebildert zu lassen, ist nicht nachvollziehbar. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich in die letzten Jahre der 90er-Jahre erinnert, als man lange Textstücke auch als unbebilderte E-Mails in irgendwelchen Clippings bekam. Man muss schon sehr an einem Thema interessiert sein, wenn man 43 Seiten ohne irgendeine optische Auflockerung konsumieren will. Im Demoheft war die Titelgeschichte übrigens mit einer Bildstrecke versehen – im aktuellen, ersten „richtigen“ Heft fehlen sie dagegen, wie bei vielen anderen Geschichten auch. Dafür tauchen irgendwo in der Textstrecke die Bildtexte auf, was dann doch den Eindruck verstärkt, dass hier irgendwas schief gegangen sei.

Ebenso ärgerlich: „abgeschnittene“ Überschriften im Inhaltsverzeichnis oder auch in Artikeln. Zumindest nehme ich nicht an, dass die Überschrift „Präsident“ in einer Geschichte über Horst Köhler wirklich beabsichtigt war.

Erstes Fazit also: Man bekommt ein Produkt, das noch nicht so ganz ausgereift ist, was das ohnehin reduzierte Lesevergnügen auf dem iPhone nochmal ziemlich trübt.

Schade auch: Der „Spiegel“ hat eine Chance verpasst, ein Produkt zu entwickeln, das den Weg in eine iPad-Zukunft weisen könnte. Es ist ein E-Paper, das nicht einmal aussieht wie ein E-Paper, es ist ein komplettes Heft einfach 1:1 (und schludrig) auf ein mobiles Lesegerät übertragen. Vom Marktführer in Sachen Nachrichtenportale hätte man sich ja schon ein wenig Innovation gewünscht – und wenn das schon nicht, dann wenigstens eine präzise technische Umsetzung.

Auf der anderen Seite steht (zumindest für mich) die Erkenntnis, dass es vielleicht ungewohnt sein mag,  etwas, was man bisher  25 Jahre als Heft kannte, plötzlich auf einem Bildschirm zu lesen. Ich hatte größere innere Widerstände erwartet, fand es aber dann ganz und gar nicht schlimm. Im Gegenteil, in den ersten Momenten (siehe oben…) hatte ich mich ernsthaft gefreut auf eine angenehmere Form des Spiegel-Lesens. So aber warte ich dann doch lieber erstens auf das iPad und zweitens auf eine App-Version, die mehr ist als eine einfache Reproduktion des Heftes.

Und morgen gehe ich an den Kiosk. Alleine schon meinen Augen zuliebe.

Blogprobleme: Kann mir jemand helfen?

Diese kleine Seite hat ein Problem. Das Dumme ist: Ich habe keine Ahnung, welches. Ich bekomme seit ein paar Wochen Rückmeldungen von verschiedenster Seite, die mir von technischen Problemen berichten. Mehrere Leser haben sich gemeldet, weil sie eine Trojaner-Warnung bekommen. Andere — siehe auch Kommentare — berichten von Problemen mit den Ladezeiten und darüber, dass die Seite mit dem Google-Reader nicht mehr kompatibel sei.

Das ist ärgerlich, für Sie und für mich. Zumal, paradox genug: Ich habe kein einziges Problem bisher gehabt, weder bei internen noch bei externen Zugriffen. Ich habe mir die WP-Installation angesehen und entdecke nix. Die Seite lädt bei mir ganz normal und von Trojanern ist auch nicht die Rede. Trotzdem glaube ich nicht an Zufall, wenn sich mehrere Menschen unabhängig voneinander melden.

Deswegen jetzt mal der Versuch, die Weistheit der Massen zu mobilisieren: Hat jemand eine Idee, was sein könnte? Ein paar Tipps, ähnliche Erfahrungen? Selber Fehlermeldungen bei diesem Blog? Gerne per Mail (cjakubetz (ät)gmail.com) oder in den Kommentaren. Danke jetzt schon mal!

(Nachtrag: Kaspersky beispielsweise wirft die folgende Warnung aus:

Das Objekt ist mit HEUR:Trojan.Script.Iframer infiziert)

Payback und Schelmexperten

(Der folgende Eintrag wird, ich ahne es, vermutlich nicht mein populärster werden. Er ist nämlich angestoßen durch Don Alphonsos kleiner Polemik in der FAZ in dieser Woche. Mit Don Alphonso weitgehend einer Meinung zu sein, das ist in bestimmten 2.0-Szenen ungefähr so, als würde man bei einer Parteiversammlung der Linken Guido Westerwelle verteidigen.)

Wollte man es überspitzt ausdrücken, könnte man sagen: Im Web 2.0 herrschen gelegentlich meinungsdiktatorische Zustände. Man darf zwar alles überall sagen, aber es muss schon ordentlichen Stallgeruch haben. Nüchtern betrachtet, herrschen dort genau solche Meinungs- und Wortführerschaften wie im analogen Leben auch, manchmal auch noch ausgeprägter. Manchmal lässt sich das an ganz kleinen Manierismen beobachten, die sich so eingeschlichen haben. Bei manchen Stars der Szene beispielsweise herrscht eine unausgesprochene Retweet-Pflicht. Star setzt Tweet ab, die Gefolgschaft ist in heller Aufregung. Der Starkult im Web 2.0 ist manchmal so ausgeprägt wie bei Teenagern und gäbe es die „Bravo“ noch für 2.0-Digitalisten, hätte man vermutlich schon lange Sascha Lobo als Starschnitt rausgebracht und die intimen Geheimnisse von Thomas Knüwer veröffentlicht. Ich lese übrigens immer wieder auch mit einigem Amüsement, wie sich die Gemeinde ernsthafte Gedanken macht, ob Stefan Niggemeier irgendwann demnächst twittern wird. Tut er übrigens (bisher) nicht, hat aber einen Account mit genau zwei Tweets, dem knapp 1000 Leute folgen. Wenn das mal kein Personenkult ist: Alleine das Anlegen eines Accounts bringt 1000 Follower.

Überaus interessant bei der Retweet-Pflicht finde ich ja manchmal auch die Beobachtung, dass manche liebe Mit-Twitterer Retweets absetzen, die sind so schnell auf dem Markt, dass ein NormalMensch den dahinterliegenden Link zu einem längeren Text noch gar nicht gelesen haben kann. Es liegt also die Vermutung nahe, dass sich jemand denkt: Oha, Alpha-Twitterer, schnell mal retweeten. Wir werden es vermutlich demnächst erleben, dass jemand einen Tweet von S. Lobo retweetet, obwohl Lobo den Tweet noch gar nicht abgesetzt hat.

In den letzten Tagen hat sich übrigens die Twitter-Gemeinde ziemlich über Don A. echauffiert, darunter auch ein paar Menschen, die ich an sich sehr schätze. Und ich bin das Gefühl nicht los geworden, dass viele dieser Reaktionen ein Reflex waren: Der böse Arroganzling Don auf der einen, die guten und von ihm angegriffenen auf der anderen Seite. Was mir an sich ziemlich egal wäre, weil ich vermute, dass es dem guten Don eher wurscht ist und weil ich jedem seine eigene Meinung zugestehe. Viel entscheidender ist für mich, dass diese Diskussion, diese Entrüstungskultur so bezeichnend dafür ist, wie indifferent mit dem Thema „Web 2.0″ umgegangen wird — leider sehr häufig auch von denen, die ich schätze und die mit der Einschätzung, dass das Web die Zukunft ist, generell ja recht haben. Schade nur, dass sie häufig vergessen, dass in diesem fließenden Prozess, in dem wir uns momentan befinden, leider auch Fehler gemacht werden; dass nicht jeder Trend, jede neue Webseite, jeder neue Dienst sofort die Revolution bedeuten. Und dass es Berater-Kollegen gibt, die den dürstenden Unternehmen mit Verlaub jeden Quatsch sofort als must-have andrehen, wer wollte das bestreiten? Es ist ja auch zu einfach: Bei ziemlichen vielen Firmen, die jetzt die Beratung suchen, herrscht der dringende Wunsch nach einer Komplettlösung. Wenn ich ab und an mal meinen Kunden sage, dass es die momentan nicht gibt und dass die Konsequenz daraus es keinesfalls sein sollte, jedem neuen Trend hinterherzulaufen, schauen sie mich manchmal ziemlich enttäuscht an (keine Ahnung, wie viele Aufträge mich das schon gekostet hat). Aber ich ticke selbst so: Ich finde, dass das Internet eine der größten Erfindungen aller Zeiten ist. Trotzdem muss ich mich nicht in jedem Netzwerk tummeln, trotzdem lese ich immer noch gerne Zeitungen und trotzdem kann ich mich meine geographischen Koordinaten immer noch ohne die Hilfe von Foursquare eingeben. Könnte übrigens auch damit zusammenhängen, dass ich vielleicht ja auch gar nicht will, dass jedermann zu jederzeit weiß, wo ich mich gerade aufhalte. Wenn ich einmal im Jahr meine Heißhungerattacke auf McDonalds bekomme, muss das wirklich nicht jeder wissen.

Und ich glaube nicht – um endlich wieder zu Herrn Alphonso und seinen Kritikern zu kommen – an jeden Trend, den man uns serviert. Es ist ja tatsächlich so: Ich habe Agenturen und Berater erlebt, die eigene Podcast-Manufakturen aufmachen wollten, weil das moderne (Medien-)Unternehmen ohne Podcasts nicht mehr überlebensfähig sei. Ich habe Fernsehbeiträge über Agenturen gesehen, die demnächst vermutlich an der Weltspitze auftauchen werden, weil sie 3D-Programmierung für Second Life beherrschen. Ich habe selbst noch gut im Ohr, wie man Blogs als die ultimative und ausschließliche Kommunikationsform der Zukunft pries und irgendwie kommt mir vieles, was man jetzt auf Twitter-Akademien lernen kann, ziemlich ähnlich vor.

Um ehrlich zu sein: Ich glaube, die Guten und die Seriösen in unserer Branche sind die, die sich manchmal auch die Freiheit nehmen zuzugeben, dass sie es auch nicht so ganz genau wissen, wo die Reise hingeht.

Was mich wundert (und was ich eigentlich sagen will): Mich wundert diese Indifferenz in diesen Debatten, dieses gnadenlose entweder-oder.  Man raunzt ein verächtliches „Schirrmacher!“, wenn man Zugehörigkeit zur Szene demonstrieren will; man hält „Payback“ für ein hoffnunglos veraltetes Manifest einer Generation, die es einfach nicht verstehen will. Man muss ja auch keineswegs in allem seiner Meinung sein, dennoch halte ich vieles von dem, was in diesem Buch steht, zumindest für diskussionswürdig. Das geht aber eben nicht so richtig gut, weil man dann sofort in der Ecke des Ewiggestrigen landet.  Und ebenso wenig kann man über Don Alphonsos Text debattieren, weil sofort die Totschläger-Argumente rausgelassen werden.

Und wissen Sie was? Ich werde jetzt zu ein paar Zeitungen greifen, die ich mir für diese lange Zugfahrt besorgt habe. Ein Buch habe ich auch noch dabei, mal sehen, ob ich dazu komme.

Netbook und iPhone liegen übrigens unmittelbar daneben.

Mit Tädä in die Versenkung

In meiner kleinen Heimatstadt irgendwo im tiefsten Niederbayern beklagten sich unlängst via Heimatzeitung ein paar Faschingsmacher: Einige Bälle und Veranstaltungen habe man in diesem Jahr schon absagen müssen, klagte man — und hatte auch schon einen ziemlich triftigen Grund dafür parat: Es werde immer schwerer, „die Jungen“ noch für Kappenabende und Pappnasen zu begeistern, zumindest in dieser dann doch eher piefigen Form. Ob der Fasching in der Krise sei, fragte die PNP überaus besorgt.

Kommen wir von der PNP zum Fernsehen, dem öffentlich-rechtlichen: Irgendwann, als ich gestern abend ziemlich spät nach Hause kam, hätte ich gerne noch ein bisschen was geschaut. So einfach mal vor dem Fernseher liegen, nichts wirklich Anspruchsvolles, nette Sonntagabend-Unterhaltung halt. Und nachdem ich wirklich spät nach Hause gekommen war, war ich auch ganz zuversichtlich, irgendwas Nettes zu finden. Die Zuversicht hielt allerdings nicht so wirklich lange, genau genommen: Bis die Finger die „1“ auf der Fernbedienung gedrückt hatten. Bei ARD und ZDF waren nämlich die Menetekel aus Niederbayern noch nicht wirklich angekommen: Im Ersten kam schon wieder — oder besser gesagt — immer noch irgendwas Karnevalistisches, es war die gefühlt 300. Übertragung von irgendwelchen Narrenkappen, von schunkelnder Bräsigkeit, von „Lebensfreude aus dem Katasteramt“ (Oliver Kalkofe im „Spiegel“). Das wäre ja vielleicht noch halbwegs zu ertragen gewesen, wenn es sich nur um eben diesen einen Abend gehandelt hätte. Tatsächlich aber brannten — ausgerechnet — die Öffentlich-Rechtlichen ein echtes humoristisches Feuerwerk ab, fast 80 Stunden befeuerten ARD, ZDF und die Dritten im rasanten Stakkato die Gebührenzahler zur besten Sendezeit mit Pappnasen. Beinahe 14 Stunden widmete das ZDF dem Frohsinn, das Erste brachte es auf zehn Stunden, die restlichen weit über 50 Stunden gönnten sich die dritten Programme. So sieht Qualität aus, wenn sie gebürenfinanziert und öffentlich-rechtlich ist. Komisch, dabei klingeln mir noch die Ohren von den Programmpressekonferenzen zu Anfang des Jahres, in denen es weitgehend hieß, man starte eine unglaubliche Programm- und Qualitätsoffensive (und das zudem noch in HD, was in etwa wie die Androhung von Folter klingt: Mainz bleibt Mainz in hochauflösenden Bildern.)

Die absoluten Zahlen geben den Sendern anscheinend und vorläufig recht, zumindest dann, wenn man Quote per se als Argument verwenden möchte.  Dabei begeben sie sich schon alleine bei diesem Argumentation auf sehr dünnes Eis: „Mainz bleibt Mainz“ sahen zwar wieder fast sechs Millionen Menschen, der Anteil der ominösen 14-49jährigen darunter allerdings lag bei gerade mal 600.000 (wie „Meedia“ heute vorrrechnet). Das ist nicht nur „gesendetes Alzheimer“ , wie „Meedia“ so schön fest stellt, es ist auch und vor allem ein weiterer Schritt der Öffentlich-Rechtlichen in die Bedeutungslosigkeit: Schon jetzt ist der Generationenabriss ein ernsthaftes Problem für ARD und ZDF, selbst bei immer noch gut laufenden Genres wie den oft als Beleg für ihre Notwendigkeit ins Feld geführten Nachrichten liegt der Anteil der jüngeren Zuschauer (sofern mal alte Säcke wie mich überhaupt noch als „jung“ definieren mag) deutlich unterhalb der des Rentneralters. Das ZDF kommt in dieser Zielgruppe in schlechten Monaten schon mal in die Nähe von RTL 2 oder Kabel 1, zumindest wenn es um die Quote geht. Das mag jetzt alles noch kein akutes Problem sein — in wenigen Jahren aber wird es das.

Ich dachte dann übrigens, es könnte eine Idee seien, von der ARD zum ZDF zu schalten. Und wenn mich Olympia auch nur im Ansatz interessieren würde….so aber: warten auf Aschermittwoch. Damit wenigstens ein Kanal wieder frei wird.

Das schreiben die anderen:

Aus dem Leben eines Amtsgeplagten

Heute war Bürotag. Einer, an dem man so die ganze Post mal abarbeitet, die sich im Laufe einer Woche ansammelt (und die man bevorzugt dann liegenlässt, wenn sie in halbamtlich aussehenden grauen Briefumschlägen daherkommt). Und wenn man  wissen will, woran hier in diesem wunderbaren Land das eine oder andere krankt, muss man sich nur die Bilanz eines solchen Bürotages ansehen — und man hat eine Ahnung, warum man selbst als begeisterter und überzeugt selbständig arbeitender Mensch sich manchmal nach einem Dasein als Bürohengst sehnt. Schon alleine aus dem Grund, weil man dann mal die anderen Bürohengste so richtig schikanieren könnte. Man müsste nur wahllos ein paar Vorschriften zusammenwürfeln und ebenso wahllos herausgenommene Formulare dazu versenden. Schon braucht Ihr Gegenüber mindestens Antidepressiva.

Aber der Reihe nach: Ganz oben im Stapel, den mir die Briefträgerin mit gewohnter Unfreundlichkeit auf den Tisch warf, lag Post vom Finanzamt, was insofern nicht verwunderlich war, weil ich diese Woche täglich Post vom Finanzamt bekommen habe und es eigentlich keine Rolle spielt, ob es nun sieben oder neun Briefe sind, die man pro Woche so bekommt. Blöd nur, wenn sich die Briefe teilweise widersprechen und wenn man während der Woche mehrfach im Finanzamt anrufen muss, um die Damen und Herren Finanzbeamten darauf hinweisen muss, dass sich das widerspricht. Worauf man schon mal zur Antwort erhält, dass das gut möfglich sei, weil der eine Kollege eben nur die Umsatz- und der andere Kollege nur die Enkommenssteuer betreut und der dritte schließlich an der Kasse sich weder für das eine noch das andere interessiert, sondern nur das tut, was ihm die Kollegen aus der Einkommens- bzw. Umsatzssteuer auftragen, ganz egal, ob das jetzt widersprüchlich ist oder nicht. Wo zur Hölle kämen wir schließlich hin, wenn jetzt Finanzbeamte auch noch zu denken begönnen? Immerhin sind die Herrschaften an Lakonie kaum zu übertreffen, ich habe jedenfalls selten so viel gelebte und überzeugende Geichgültigkeit gehört wie in dem Satz „Bei mir liegt nix aufm Tisch“ (das war die Antwort auf den Hinweis, dass die angeforderte Vorausmeldung zur Umsatzsteuer doch schon lange vorliege). Dass das Bundesamt für irgendwelche Steuern in Saarlouis und noch ein weiteres Finanzamt mir ebenfalls freundliche, wenn auch schwer verständliche Post zukommen haben lassen, sei wirklich nur der Vollständigkeit erwähnt; jedenfalls waren es dann tatsächlich genau sieben Schreiben aus den Finanzämtern dieses Landes, mit denen ich mich befassen durfte (und seien Sie versichert: Das ist kein Spaß).

Ebenfalls auf dem Tisch: Ein Schreiben der IHK Passau, die mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass ich auch in diesem Jahr wieder einen Mitgliedsbeitrag bezahlen darf. Jahr für Jahr um diese Zeit frage ich mich dann, warum ich mich dort überhaupt angemeldet habe, bis mir dann wieder einfällt, dass ich mich dort gar nicht angemeldet habe, sondern zwangsvermitliedschaftet worden bin. Die IHK ist also so eine Art GEZ für Wirtschaftsunternehmen, ähnlich effizient, ähnlich unfreundlich und zumindest für mich ähnlich nutzlos. Einmal im Monat bekomme ich eine wirklich unfassbar dröge gemachte Mitgliederzeitung, bei der mir sogar der Fisch leid täte, den ich darin einwickeln würde. Das hat der Fisch wirklich nicht verdient.

Mindestens ebenso erstaunlich wie die Zeitschrift sind auch die Angebote, die die IHK ihren Mitgliedern so macht: Wenn ich das richtig verstanden habe, finanziere ich mit meinen Mitgliedsbeiträgen u.a. dass tatsächlich Menschen den Umgang mit Powerpoint lernen. Nun ja, dafür wird der IHK-Präsident regelmäßig auf irgendwelchen Veranstaltungen spazieren geführt und ein-, zweimal im Jahr befragt ihn die Passauer Neue Presse, wie er das denn jetzt so sieht mit der Wirtschaft. Nachdem ich das lieber erst gar nicht wissen möchte, lese ich das auch nicht. PNP spricht mit IHK, das hört sich verflixt nach Realsatire an. Ein einziges Mal übrigens habe ich bei der IHK angerufen und um eine Auskunft gebeten: Ob man denn nicht auch austreten könne? Die Antwort war von erstaunlicher Knappheit und Präzision: Nein. Kann man nicht.

Dass mich so etwas generell gerne etwas auf die Palme bringt, wissen all jene treuen Leser dieser kleinen Seite, die meine Auseinandersetzungen mit der GEZ mitbekommen haben. Das Thema GEZ hat sich allerdings relativiert, seit mir in den letzten Tagen und Wochen auch die Bundesknappschaft und die Künstlersozialkasse geschrieben haben. Beide teilten mir mit (soweit ich das richtig verstanden habe), dass sie irgendwas von mir brauchen und dass ich dazu irgendwas ausfüllen soll. Beides habe ich schon bei den jeweils vorhergehenden Schreiben nicht richtig verstanden. Die Antworten auf meine durchaus höfliche Nachfrage, was zur Hölle man überhaupt wolle und wie ich was auszufüllen habe, übersetzt man in Bayern übrigens so: Schau halt nach, oida Depp. Versehen mit dem Hinweis, dass ich horrende Strafen zahlen müsse, wenn nicht sogar im Knast lande, wenn ich nicht schnellstmöglich meiner gesetzlich verankerten Pflicht zu irgendwas nachkomme. Seitdem glaube ich, dass es in Deutschland gefährlicher ist, es sich mit einer staatlichen Beamteneinrichtung zu verscherzen, als, sagen wir, einen handfesten Betrug zu begehen. Ein Krieg mit Finanzamt, IHK und Knappschaft ist jedenfalls nicht zu gewinnen, so viel steht fest.

Googles schlechtester Deal

Bisher war ich ja davon ausgegangen, dass ich mit Google einen für beide Seiten zufriedenstellenden Deal eingegangen sei: Ich nutze ein paar von den Diensten, die ich für wirklich gut halte, dafür bekommt Google Daten von mir. Dass  Google all diese wunderbaren Dienste und Spielzeuge mir nicht zur Verfügung stellen würde, weil man eben gut und nicht „evil“ sei, war mir schon klar. Und alles das, was ich bisher an Deals mit Google hatte, schien mir aus meiner Sicht vertretbar. Ich bekam einen wunderbaren Mail-Account zur Verfügung gestellt, der den Müll von beispielsweise web.de locker hinter sich lässt — dafür stellt mir Google ein paar Textanzeigen an den Rand. Stört mich nicht weiter. Und die Google docs sind ein wirklich hübsches Tool, vor allem dann, wenn man mit mehreren Leuten online irgendwas machen möchte. Trotzdem habe ich weiter mein Office-Paket auf dem Rechner. Ab einer bestimmten Grenze hätte ich ein eher ungutes Gefühl, wüsste ich, dass diese Daten auf einem Google-Server liegen (weswegen ich übrigens auch der allgemeinen Euphorie um das Thema „Cloud Computing“ nur sehr eingeschränkt folgen kann). Ich kann auch  nichts Verwerfliches daran erkennen, dass diese kleine Seite hier ein paar Euro mit Google-Anzeigen verdient; ich glaube, es gibt deutlich schlimmere Dinge, die Leute für Geld tun. Kurz gesagt: Bisher hatte ich immer den Eindruck,  dass ich weiß, was ich tue, wenn ich Deals mit Google mache.

Seit „Buzz“ ist das anders. Hey, erstmal: Ich WOLLTE „Buzz“ doch gar nicht. Ich melde mich dann schon, wenn ich irgendeinen Dienst nutzen möchte. Wenn ich allerdings plötzlich einen etwas veränderten Account vorfinde und das Gefühl habe, da könnte man jetzt erstmals so ziemlich alles aus mir rauslesen, wird mir das eher unangenehm. Vermutlich wird mir irgendjemand von Google erklären können, dass nichts gegen meinen Willen passiere, aber zum ersten Mal ist da so etwas wie ein tiefsitzendes Misstrauen bei mir. Ich habe „Chrome“ schon nicht installiert, weil ich die Befürchtung nicht loswurde, mir einen veritablen Datenstaubsauger auf den Rechner zu legen, bei „Buzz“ hat sich dieses Unbehagen potenziert. Das sind übrigens ähnliche Gründe, warum ich auch meine Facebook-Nutzung als eher zurückhaltend bezeichnen würde. Ich bin bestimmt kein Daten-Neurotiker, aber wenn ich den Eindruck habe, ich würde als ein von oben bis unten datenmäßig seziertes Neutrum durch die digitale Welt laufen — laufe ich lieber analog.

306,8 Stellen

Zugegeben, vielleicht bin ich ja etwas, nun ja, naiv, aber momentan leuchtet mir eine Tendenz bei Verlagen nicht ein: Man will auf der einen Seite mit einem unausgesprochenen „Wir haben (endlich) verstanden!“ in die digitale Zukunft starten (die schon lange begonnen hat)  — und auf der anderen Seite fleißig Personal einsparen.  Ich stelle mir immer dann, wenn ich von so etwas höre, gerne vor, wie man es als Journalist bewerten würde, wenn, sagen wir, BMW den Start von vielen neuen Produktreihen ankündigt und des Weiteren künftig die Entwicklung von Hybridfahrzeugen massiv vorantreiben will. Und im nächsten Satz der entsprechenden Pressemitteilung stünde dann der Satz: Im Zuge dieser vielen neuen Produkte, die wir an den Start bringen, bauen wir gleichzeitig zehn Prozent unserer Belegschaft ab. Jeder Praktikant in einer Wirtschaftsredation würde über diesen Satz stolpern, sich die Augen verwundert reiben — und sich dann fragen: Wie geht das denn zusammen?

Bei der WAZ beispielsweise will man dieses ökonomische Wunder jetzt vollbringen. 300 Stellen hat man ohnedies schon in der Redaktion abgebaut und weil man gerade dabei ist, auch die Online-Strategie voranzutreiben, fügt es sich prima, dass man dort 6,8 Stellen abbaut. Das wirft erst einmal die Frage auf, was diese 306,8 Menschen vorher gemacht haben: Nase gebohrt? Videospiele gespielt? Das Haus durch pure Anwesenheit bereichert? Man kann sich natürlich die ernsthaftere Frage stellen, ob man dort überhaupt eine Strategie hat und könnte ohne viel Böswilligkeit auf den Gedanken komme, dass sie keine haben. Darauf deutet auch hin, dass man den „Westen“ zunächst zu einem hypermodernen Superportal ausbauen wollte und ihn jetzt anscheinend langsam wieder herunterfahren will, wozu genau, weiß man eigentlich nicht. Dafür sollen jetzt die einzelnen Titel wieder mehr digitale Eigenständigkeit bekommen. Wenn man eine Rolle rückwärts als Strategie bezeichnen will, gut — dann ist das wohl die Strategie.

Die WAZ steht mit solchen Merkwüdigkeiten ja nicht alleine.  Der Abbau von Personal und das gleichzeitige Ausbauenwollen gehören mehr oder minder zu verlegerischen Standards momentan. Man beweist eine erstaunliche Unetschlossenheit und Mutlosigkeit auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch ein trotz aller gegenteiligen Bekundungen nicht vorhandenes Verständnis für digitale Medien. Das wäre ja vielleicht noch irgendwie zu verkraften, würde damit allerdings nicht auch bewiesen, dass es mit dem viel gepriesenen Unternehmertum im deutschen Verlagsgewerbe nicht so rasend weit her ist. Mit den Begründungen, die man manchmal so hört, warum man sich online noch nicht weiter aus dem Fenster lehnen könne, könnte man ebenso gut jede unternehmerische Tätigkeit einstellen: Man wisse ja nicht, so hört man das sehr regelmäßig, ob man jemals Geld verdienen werde mit den neuen Angeboten (tja…). Wirklich erstaunlich also, dass man von Onlinemedien erwartet, dass sie sich vom ersten Tag an selbst tragen sollen. Der Eindruck bleibt: Man wirft lieber mal lieber ein paar Millionen in die Entwicklung eines neuen Printobjekts, statt sich auf die Entwicklung digitaler Produkte wirklich ernsthaft zu konzentrieren. Und außerdem: Man stelle sich das Aufjaulen in der Printbranche vor, wenn man statt den „Park Avenues“ und den „Vanity Fairs“ dieser Welt ähnliche Projekte und Produkte online versenkt hätte. Vermutlich müsste der Staat sofort wieder eingreifen und vor diesem bösen Markt schützen (manchmal haben sie schon wirklich lustige Anwandlungen in den Verlagen).

Man hört in diesem Zusammenhang ja auch immer wieder gerne Verlegers Lieblingsargument: Geld verdient werde doch wohl immer noch mit den Zeitungen und Zeitschriften, keineswegs mit Netzangeboten. Hubert Burda beispielsweise führt immer wieder gerne an,  dass sich „Focus Online“ nur durch Quersubventionierung mit irgendwelchen hübschen Reiseportalen bezahlen lasse. Das mag — betriebswirtschaftlich gerechnet — sogar richtig sein, strategisch ist es dennoch die falsche Rechnung. Denn ohne „Focus Online“ ließe sich der gedruckte „Focus“ nicht verkaufen. Wer´s nicht glaubt, stelle sich doch bitte einfach folgendes vor: Ein Medium ohne Online-Ausgabe? Das geht schlichtweg nicht mehr und hätte sofort Auswirkungen auf das Printgeschäft. Wie also man das Onlineangebot auch immer quersubventioniert, es ist eine falsche und einseitige Sichtweise, das Online-Portal als reinen Kostenverursacher zu betrachten. Richtigerweise müsste man das also beispielsweise im Fall Burda schon davon sprechen, dass das Reiseportal auch den gedruckten „Focus“ irgendwie mitfinanziert. Oder einfacher gesagt: Online ist in einem Verlag nicht einfach ein isoliert zu betrachtendes Produkt (mit dem man blöderweise nichts verdient), sondern unverzichtbarer, lebensnotwendiger Bestandteil des ganzen Hauses.