Die Krise, die Blogger und die Controller

Beim Bayerischen Rundfunk hatten sie unlängt eine lustige Idee: Man könne doch mal über diese Krise berichten, von der man neuerdings so viel hört. Nein, nicht Bankenkrise, Zeitungskrise. Man erfährt dann in diesem Beitrag allerhand Unerhörtes: dass neuerdings Journalisten sogar von Arbeitslosigkeit bedroht seien, dass Zeitungen es wagten, Korrespondentenbüros in München  zu schließen und dass das alles irgendwie nicht mehr so sei früher.  Ganz irrwitzig: Es gibt Redaktionen, die manchen Themen nicht machen, weil sie womöglich Anzeigenkunden verärgern könnten! Nachdem ich meine erste Erschütterung angesichts der mit allem öffentlich-rechtlichem Ernst vorgetragenen Investigation („Der arbeitlose Journalist will nicht erkannt werden!“) überwunden hatte, freute ich mich erstmal darüber, dass ich mit Hubert Denk und Ralf Hohlfeld zwei Menschen auf dem Schirm sah, die ich leider im echten Leben viel zu selten sehe. Danach freute ich mich darüber, dass man beim BR die Kirche immer noch gerne im Dorf und die Protagonisten reden lässt, die man zum Thema Zeitungskrise als allererstes befragen muss; beispielsweise einen gewissen Markus Rinderspacher, der seines Zeichens Fraktionsvorsitzender der SPD im bayerischen Landtag ist, wofür man vermutlich demnächst keine Diäten, sondern Gefahrenzulage bezieht. Großes Stück jedenfalls, lieber BR — wenn ihr so weiter macht, werdet ihr demnächst auch noch aufdecken, dass es da sowas Neues gibt, was Zeitungen bedroht: Internet, oder so ähnlich.

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Eine wirklich lustige Medienwoche ist das ja ohnehin. Kaum denke ich mir, dass dieser BR-Beitrag ein klitzekleines bisschen geschwätzig und irgendwie blutleer daherkommt, bekomme ich in meiner Funktion als Blogger richtig eine reingezimmert: „unendliche Geschwätzigkeit“ attestiert his majesty Wolf Schneider den Bloggern. Ich meine mich zwar zu erinnern, dass er das jetzt schon gefühlte dreiundzwanzigmal erzählt hat, aber man kann´s ja nicht oft genug sagen. Die Kollegen von „Meedia“ gingen jedenfalls vor Schneider in die Knie (vermutlich, weil es Schneider ist) und stellten derart devote Fragen, dass Schneider sie seinen Journalistenschülern früher vermutlich um die Ohren gehauen hätte: Woran das den liegen würde, dass er immer noch so gut — ach was, was reden wir: eigentlich noch viel besser — bei den jungen Journalisten ankomme, will man beispielsweise wissen. Und wie man denn aus den geschwätzigen Bloggern bessere Menschen Schreiber machen könne. Schneider gibt sich gnädig, haut dem Interviewer überraschenderweise die Fragen nicht um die Ohren, sondern antwortet. In erster Linie erfahren wir viel über Wolf Schneider, vor allem, dass er immer noch, viel und gerne und natürlich (das vor allem: gut) unterrichtet. Der Online-Journalismus ist übrigens in einem guten Zustand, attestiert Schneider, was er an „Spiegel Online“ festmacht, der  von seinem Ex-Chef Blumencron in dieser Verfassung gebracht wurde, was wiederum daran liegt, dass Blumencron (man ahnt es) Schneider-Schüler war.  Sein profundes Wissen über die geschwätzigen Blogger bezieht Schneider, der übrigens, nur um das nochmal herauszustellen, immer noch an Schulen im gesamten deutschsprachigen Raumn unterrichtet, aus den ungefähr fünf Blogs, die er pro Woche liest, „blind ins Netz gegriffen“. So geht das, wenn man Schneider heißt: Man liest wahllos fünf Blogs pro Woche, denen man dann im Vorbeigehen „unendliche Geschwätzigkeit“ attestiert.  Und Mitleid hat er auch mit ihnen (danke, das wäre wirklich nicht nötig gewesen).

Mit Geschwätzigkeit hat das alles natürlich nicht im Geringsten zu tun.

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Enorm unterhaltsam, was man so am Rande aus dem Innenleben der Verlage erfährt: beispielsweise, dass man komplette Videostrategien für einigermaßen viel Geld entwirft, danach aber leider 500 Euro für eine wenigstens halbwegs funktionierende Kamera und eine improvisierte Sprecherkabine leider nicht mehr übrig sind. Oder dass man sich mit mehreren Leuten auf eine ausgiebige Recherchereise begibt, den Videomenschen aber zuhause lässt (kostet ja was…) und stattdessen die Kamera jemanden in die Hand drückt, der nach geraumer Zeit immerhin rausfindet, wie herum man so etwas halten muss.

BR, übernehmen Sie!

Nachtrag: Felix Schwenzel hat ein wenig nachgezählt und ist vermutlich einigermaßen mühelos darauf gekommen, dass Schneider alleine dreimal betont, dass er sich selbst für modern, wahlweise auch sehr modern hält.