Wertzeichen, gesetzt

Dass ich mal in einem Sammelband mit Frau Humpe, Herrn Anda und Herrn Lobo auftauchen würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Ich mag solche vermeintlichen Gegensätze aber ganz gerne, alleine schon deshalb, weil ich mich äußerst ungern in irgendwelche Schubladen oder Kategorien stecken lasse. Wenn´s jemand versucht, kann er mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechen, dass ich mich dann aus purem Trotz genau auf die andere Seite schlage. Nichts ist langweiliger als Schubladendenker.

Jedenfalls, um diesem kleinen überaus persönlichen Schlenker dann auch wieder einen inhaltlichen Sinn zu geben: Jener Sammelband mit Andahumpelobojakubetz heißt „Wertzeichen setzen“ und hat inzwischen auch einen sehr ordentlichen Onlineauftritt bekommen. Seite und Blick ins Buch — hier.

Die Rückkehr der analogen Ritter

Warum komme ich mir nur gerade so vor, als wolle das untergehende Imperium nochmal ein kleines bisschen zurückschlagen?

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Über den Herrn Schneider habe ich ja schon geschrieben, was ich angesichts der neuesten Ausführungen zum Thema „böse Blogger“ denke. Was ich dabei nicht geschrieben habe: Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass so entschiedene Blogger-Gegner wie Schneider und andere in erster Linie einfach nur ein wenig sauer darüber sind, dass ihr schönes Publizisten-Monopol so schnöde verschwunden ist. Und dass sie am liebsten eine Art Gegenreformation einleiten würde, in der alles nochmal auf Null gesetzt wird und nach der dann eben doch nur Journalisten und klassische Medien der Welt mitteilen dürfen, wie sie zu ticken hat. Man merkt es an jeder Zeile in diesem unsäglichen Meedia-Interview: Diese neue Welt ist vielen konservativen Journalisten restlos fremd, sie haben zu keiner Sekunde begriffen, um was es geht und wie diese neue Welt funktioniert. Schneider denkt allen Ernstes, Blogger schrieben aus Erwägungen wie dieser heraus, dass man „gelesen werden“ wolle. Und dass man deswegen einen ordentlichen (Schneider-)Stil schreiben müsse – ganz so, als würde bloggen nach Lehrbüchern funktionieren. Dabei ist es genau umgekehrt: Wer „Deutsch für Profis“ und die gefühlten anderen 400 Schneider-Bücher gelesen hat, schreibt danach vielleicht ein nach Schneider-Maßstäben anständiges Deutsch. Ein guter, lesenswerter, relevanter Blogger ist er deswegen noch lange nicht. Und ist es nicht gerade das, was Blogs und viele andere neue Medien und Darstellungsformen so spannend macht? Dass sie eben nicht nach Lehrbüchern funktionieren und dass man nicht erst von Schneider eingenordet werden muss, um ein relevanter Autor zu werden?

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Wenn ich an die Zeiten meines Volontariats zurückdenke (vor ca. 25 Jahren), dann erinnere ich mich in erster Linie an Vorschriften. Vor allem an solche, die nicht wirklich begründbar waren, sondern gerne so verargumentiert wurden: Das macht man eben so. Der Leser will das so (gerne auch: der Leser will das nicht). Ein Vorspann/Kommentar/Satz/Text/Seitenumbruch funktioniert eben so und so. Sonderlich kreativ fand ich meine ersten Redaktionen allesamt nicht, weil sie nach Lehrbüchern und Vorschriften und anderen vermeintlichen Regelwerken funktionierten. Meistgehörter Satz damals: Das haben wir noch nie gemacht. Dementsprechend präsentieren sich viele meiner damaligen Redaktionen heute. Erstarrt, verstaubt, irrelevant. Und manche eben verbittert, auf neue Medien, Blogger und anderes Gesocks schimpfend. Auf den Gedanken, dass sie an ihrer Dauerstagnation selbst schuld sind und dass sich viele Leser/Zuschauer auch deswegen von ihnen abgewendet haben, weil sie den Charme und den Esprit einer Krankenversicherung ausstrahlen, sind sie bis heute nicht gekommen. Internet, böses. Blogger, doofe.

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Und dann habe ich heute noch von einem mir bis dato völlig unbekannten Herrn namens Markus Reiter gelesen. Als ich sah, dass er sein Buch „Dumm 3.0“ genannt hat, dachte ich, dass es gut sein müsste, diesen Zustand auch weiterhin beizubehalten, weil mir „Dumm 3.0“ tatsächlich als die größtmögliche Flachheit bei der Titelwahl eines Buches vorkam, das sich irgendwie kritisch mit neuen Medien auseinandersetzt. Und dass der Herr in seinem Interview mit „Zeit online“ die Auffassung vertritt, dass man immer Publikum findet, wenn man sich denn nur ausreichend zum Affen mache, fand ich irgendwie bumerangartig: Man bekommt natürlich auch Publikum, wenn man ein Büchlein „Dumm 3.0“ nennt und eine nette, kleine Provokation absondert, die vielleicht den einen oder anderen noch ein bisschen aufregt. Es hätte also eine Reihe guter Gründe gegeben, sowohl Buch als auch Interview schulterzuckend liegenzulassen. Dann aber steckte mir jemand, dass ich in Reiters Buch in irgendeinem Nebensatz auch erwähnt werde (keine Ahnung, ob das stimmt), weswegen es sich dann was hatte mit einfach ignorieren. Immerhin weiß ich jetzt, dass er sich auf seiner Webseite als Referenz attestieren lässt, einer der profiliertesten Journalistentrainer Deutschlands zu sein. Und immerhin hatte er schon eine ganze Fernsehzeitschrift bei einem Relaunch unter seinen Fittichen. Wieder was gelernt. Man wundert sich dann nicht so sehr, dass er als Twitter-Alias „klardeutsch“ gewählt hat. Obwohl: Stünde dieser Alias nicht eigentlich viel eher Wolf Schneider zu?

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An sich ist das ja nicht verwunderlich. Es hat noch nie etwas Neues gegeben, was nicht erbitterte Reaktionen der Konservativen und der Bewahrer nach sich gezogen hätte. Bei den wirklich großen Umwälzungen war dann auch der Erregungspegel meistens deutlich höher, weswegen es ja auch gar nicht so sehr erstaunlich ist, wenn die Bewahrer momentan die schwerstmöglichen Geschütze auffahren und mindestens den kulturellen Untergang des Abendlandes wittern.

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Erstaunlich ist aber dann doch, mit welcher Vehemenz und Indifferenz die Lordsiegelbewahrer auf das Neue eindreschen. Indifferent vor allem, weil sie sich beharrlich weigern zu unterscheiden: zwischen den harmlosen Hausfrauen, die einfach ihr Leben mit ein paar Freundinnen teilen und quasi virtuellen Kaffeeklatsch betreiben. Und den vielen Schrottproduzenten, den Quatsch- und Wirrköpfen, den gefährlichen Agitatoren, dies es natürlich und unbestritten gibt. Und aber eben auch den ungemein vielen, deren tägliche Lektüre, ganz egal ob bei Twitter , bei Facebook oder in Blogs jeden Tag eine Bereicherung darstellt. Das sind übrigens sehr häufig (aber keineswegs immer) Journalisten, die es (ich nehme mich keineswegs aus) genießen, wenn sie fernab vieler Zwänge Neues ausprobieren können, einer Idee freien Lauf lassen, wann immer es ihnen danach ist – und einfach Dinge tun, die sie in den engen Grenzen des früheren Journalismus nicht tun konnten. Neue Freiheiten entdecke ich für mich übrigens nicht nur als Blogger/Autor, sondern auch als Konsument. Gäbe es das Netz nicht, hätte ich vermutlich nie etwas vom hinreißend schrägen Felix Schwenzel gelesen noch von den lustigen täglichen Schlittenfahrten und gelegentlichen Ausfälligkeiten von Don Alphonso. Beide würden vermutlich den Kopf schütteln, dass ich sie in meinen Lesezeichen habe, aber das ist eben die Freiheit, die mir nur das Netz gibt: Ich kann beide lesen, solange ich lustig bin. Und auch wenn´s auf den ersten und zweiten Blick kaum zusammenpasst, finde ich, dass beide (und viele andere) dann doch irgendwie mein Leben interessanter machen. Verdummt komme ich mir jedenfalls bisher nicht vor.

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Und was mit dem ganzen Mist, der jeden Tag getwittert, gefacebookt und gebloggt wird, mögen Sie einwenden. Pragmatisch nehmen, würde ich vorschlagen: Wenn man den ganzen Mist, der täglich an einem durchschnittlichen Zeitungskiosk rumliegt, ähnlich bewerten würde, müsste man vermutlich demnächst ein strenges Verbot von bedrucktem Papier erlassen. Würde man Fernsehen nur nach merkwürdigen Talkshows und platten Serien bewerten, müsste man alle Sendemasten abschalten. Natürlich gibt es „Süddeutsche“ und „Spiegel“, Arte und 3sat, es gibt aber auch „Bild“ und es gibt Lokalteile von Regionalzeitungen, die sich am Rande des Nonsens bewegen. Und es gibt 9Live und aberwitziges Lokalfernsehen. Würde man deswegen auf die generelle Behauptung kommen, Zeitungen und Fernsehen verdummten die Menschen?

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Überhaupt sei es mit der vielgerühmten Demokratisierung durch das Netz nicht so weit her wie es immer heiße, moniert Reiter weiter. Letztendlich seien es ja dann doch eben nur ein paar wenige, die ihren Input in „Wikipedia“ packen oder sich als Meinungsführer profilierten. Eine wenig überraschende Erkenntnis: Da kann der Herr Reiter jeden Tag einen Blick in ein durchschnittliches deutsches Klassenzimmer werfen – er entdeckt ein präzises Abbild jener Zustände, die er beklagt. Ein paar liefern richtig viel Input, ein paar nerven, die Masse schweigt. Hieße ihr Lehrer Markus Reiter, dürfte vermutlich die ganze Klasse nichts mehr sagen und nur noch er redet, er, der Lehrer.