Liebe Journalistenverbände…

…wir müssen reden. Dringend. Weil das so nicht mehr weitergeht.

Vorab: Ich bin Mitglied im DJV, finde es aus vermutlich rührend altmodischen Erwägungen richtig und wichtig, dass es den Verband gibt, habe ab und an auch mal ein Stück für den „Journalist“ geschrieben und bin angemessen entrüstet über das, was mit Journalisten so alles angestellt wird, selbstverständlich auch über das, was bei der „Abendzeitung“ passiert ist. Frauke Ancker, „meine“ Geschäftsführerin beim BJV, halte ich für eine ausgesprochen nette und originelle Frau, wir grüßen uns freundlich, es sind keinerlei Unannehmlichkeiten anhängig.

Trotzdem: Ich habe das, was in den letzten turbulenten Tagen beim DJV/BJV passiert ist, mit ebenso großem Befremden gesehen wie das, was bei der „Abendzeitung“ oder beim „Jahreszeiten-Verlag“ über die Bühne ging. Ihr und die Kollegen der DJU habt also ernsthaft die Geschäftsführung der „Abendzeitung“ aufgefordert, die Entscheidung des massiven Personalabbaus nochmal zu überdenken? Darf ich fragen, was ich euch dann vorgestellt habt? Dass bei der AZ sofort eine Krisensitzung einberufen wird, dass die Geschäftsleitung, die Chefredaktion und die Verlegersfamilie die Köpfe zusammenstecken und raunen: Wir müssen nochmal reden, der BJV, ihr wisst schon…und vielleicht haben wir uns ja doch falsch entschieden? Kürzer gefragt: Meint ihr wirklich, dass angesichts der routiniert-reflexhaften Reaktionen irgendwas passiert? (Und hält eigentlich irgendjemand noch Formulierungen wie „Amputation ohne Narkose“ auch nur für mitteloriginell?)

Natürlich: Als Verband muss man sich hinter die betroffenen Kollegen stellen, das stelle ich überhaupt nicht in Abrede. Und irgendwas muss man ja auch sagen, klar.  Mir geht es auch nicht so sehr um den Einzelfall, mir fehlt was anderes. Der rote Faden, die klare Linie, sozusagen. Mir fehlt ein ernsthaftes Auseinandersetzen mit der Krise, mit dem großen Umbruch, den wir seit Jahren erleben. Was wir zuletzt bei der „Abendzeitung“ gesehen haben (und andernorts ganz bestimmt auch wieder erleben werden), das hat doch nichts mehr mit dem zu tun, was man vielleicht in den 70ern oder 80ern gerne als Argument vorgebracht hätte: Mit vermeintlich gierigen Verlegern, die im Streben nach noch mehr und noch mehr Profit überall gnadenlos die Axt anlegen. Bei allen Spezifika, die im Fall der „Abendzeitung“ sicher dazu kommen: Die mal eben um die Hälfte reduzierte Redaktion gibt es doch letztendlich hauptsächlich deswegen, weil die bisherigen Formen des Journalismus und die dazu gehörigen Geschäftsmodelle kollabieren.

Es gäbe also ein unglaublich großes Themenpotential, unendlich viele Fragen, über die zu diskutieren es sich lohnen würde: Wie sieht denn Journalismus in der Zukunft überhaupt aus? Welche Rolle spielen Journalisten noch? Was müssen sie können, wo und wie werden sie künftig publizieren? Wovon wollen wir in Zukunft leben? Wie finanziert sich Journalismus überhaupt noch? Es steht also nicht weniger als die ganze Grundlage unseres Berufs zur Debatte und zur Disposition.

Genau das ist es auch, was ich vermisse. Ich finde kaum relevante Denkanstöße von euch zu diesem Thema. Klar gibt es in Bayern den ungemein rührigen Thomas Mrazek, aber ich habe immer ein wenig die Befürchtung, dass er eher ein Einzelkämpfer ist. Klar habe ich ich registriert, dass ihr beim letzten „Süddeutschen Journalistentag“ ein Online-Thema im Programm hattet. Aber meint ihr wirklich, dass „Ethik im Onlinejournalismus“ das vordringliche Thema der letzten und der nächsten Monate war bzw. werden wird? Ja, ich weiß auch, dass es die Veranstaltung „Besser online“ gibt (die übrigens meistens ziemlich gut ist), aber alles in allem werde ich das böse Gefühl nicht los, dass die wirklich tiefgreifenden Zukunftsthemen eher eine Nischenrolle bei euch (uns) spielen und ansonsten gewerkschaftsartige Reflexe dominieren: böse, böse Verleger, gute, aufrechte Journalisten — und dieses Internet ist vielleicht nicht gleich böse, aber tendenziell gehypt und eine Bedrohung für guten, qualitätsvollen Journalismus. Mir fehlt, um es deutlich zu sagen: Kompetenz im Bereich Neue Medien (alleine der Name  schon…).

Nein, ich werde dennoch nicht austreten — und bevor jetzt wieder das passiert, was schon mal passiert ist: Bitte nicht gleich wieder meinen Ausschluss fordern, Kollegen.

(Und wer mag, kann das hier auch gleich noch als Exempel für die dann doch real existierende Aufgeschlossenheit der jungen BJVler werten: Am 12. April bin ich bei den Kollegen im Münchner Presseclub zu einem Kamingespräch zum Thema „Crossmediales Arbeiten“ eingeladen. Wer mag, kann mich da gerne vor Ort beschimpfen).