Die Geschichte vom Kübel

Bevor Sie mich für eine Spaßbremse halten: Doch, ich habe heute laut und viel vor mich hingelacht, als diese kleine Geschichte vom Blumenkübel zu einem mittelgroßen Hype geworden ist. Doch, natürlich tut mir die arme Katharina Hövels angemessen leid, die als Praktikantin/Volontärin/Was auch immer diesen Text schreiben musste, und jetzt zur ungewollten Online-Berühmtheit für einen Tag wurde. Und nein, als Beleg dafür, wie „leicht durch Twitter manipuliert“ werden kann, würde ich diese nette kleine Geschichte nicht werten. In erster Linie war das heute ein ziemlich großer Spaß und ich vermute mal, dass man auch in den kommenden Tagen mit dem Wort „Blumenkübel“ im digitalen Leben ähnliche Reaktionen wie mit der Erwähnung von „Paul“ bei Fußball-Fans auslöst.

Aber mal im Ernst: Ich finde, diese kleine Geschichte zeigt auch die ganze Klemme, in der Lokaljournalismus und Lokalzeitungen stecken. Es ist ja gar nicht verkehrt, über kaputte Blumenkübel zu berichten, schon alleine deswegen, weil es ja sonst keiner tut und solche Themen ganz im Ernst die Existenzberechtigung der „Münsterschen Zeitung“ und all ihrer Kollegen in Deutschland ist. Ich weiß nicht, über wie viele kaputte Blumenkübel ich in meiner Zeit als Lokalredakteur geschrieben habe. Das also ist nicht das Problem — vielmehr ist es der Personalmangel, die fehlende Sorgfalt, die Motivation, das Können und vielleicht auch die Lust, sich mit einem Text intensiv auseinanderzusetzen (und wenn es nur eine Meldung über einen kaputten Blumenkübel ist). Man hätte der armen Frau, die erst seit einer Woche dabei ist und das ja vielleicht auch noch gar nicht wissen kann, sagen müssen, dass man wegen eines kaputten Kübels nicht gleich von „Fassungslosigkeit“ und „Traurigkeit“ schreiben muss. Und dass man von „Tätern“, von denen „jede Spur fehlt“ vielleicht schreiben kann, wenn es um eine Großfahndung geht, aber nicht in einem Fall von Kleinst-Vandalismus. Kaum anzunehmen, dass sich Münsters Polizei derzeit intensiv auf Täterjagd macht (es sei denn, sie hat heute Twitter gelesen). Hätte das jemand gemacht, niemandem wäre heute die Geschichte vom Kübel aufgefallen und niemand hätte darüber gelacht.

Das aber geht leider in vielen Lokalredaktionen nicht. Weil man keine Zeit hat, vielleicht auch keine Lust. Und weil man dort 1-Wochen-Redaktionsmitglieder weitgehend unbeaufsichtigt Texte schreiben lässt.

Die Blumenkübelgeschichten sind Alltag in deutschen Lokalredaktionen.

16 Gedanken zu „Die Geschichte vom Kübel

  1. Guten Tag!

    Erstmal Respekt für die Ehrlichkeit, selbst über Blumenkübel geschrieben zu haben 😉

    Bei der Münsterschen Zeitung ist das kein Ausrutscher, sondern hat System:

    Die konsequenteLangzeitberichterstattung der Münsterschen Zeitung: 59 Artikel über Blumenkübel
    in den vergangenen Jahren. http://bit.ly/cNw7TG

    Der Redakteur Tobias Weckenbrock schreibt:

    „Nichtsdestotrotz freuen wir uns am großen Interesse an unserem schönen Blumenkübel.

    Wenig Interesse an Metelener Blumenkübeln

    Übrigens: Schon im April berichteten wir über einen Diebstahl in Metelen. Dabei ließen Langfinger fünf große – Achtung! – Blumenkübel mitgehen. Für diese Meldung interessierten sich erstaunlicherweise nur ein paar Metelener.“

    Eigenttlich müsste man vermuten, dass das selbstironisch gemeint ist. Aber tatsächlich ist das wahrscheinlich nicht so.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  2. Nur mal ganz, ganz vorsichtig angenommen (einfach weil meine Lokal-Zeit nicht so weit zurückliegt wie deine (-:) Was ist wenn die Senioren tatsächlich gesagt haben, dass sie traurig sind und fassungslos? Ich kann mir die entrüsteten Omis und Opis bildlich vorstellen… Hätte die junge Dame dann etwas schreiben sollen à la „die alten Menschen haben völlig überreagiert“?

    Außerdem kenne ich die MZ ein bisschen…da gilt manchmal: umso mehr Gefühl, umso besser. Egal ob welches da ist oder nicht.

  3. Lieber Christian Jakubetz, lieber Hardy Prothmann,

    wir sind alle sehr überrascht über diese deutschlandweite Welle, die ein Blumenkübel vor einem Altenheim aufwerfen kann – so wie Sie, so wie viele andere, die deshalb darüber berichten. Danke darum auch für den vernünftigen Blogbeitrag hier.

    In der Tat haben wir eine Prise Selbstironie eingestreut, weil diese Nummer sich so irre weiterentwickelt hat, dass man ohne fast nicht auskommt. Dass Menschen im Altenheim am Morgen betroffen waren, ist trotzdem so. Und auch, dass wir über Betroffenheit und Verärgerung in den Dörfern berichten. Ich finde, der Neuenkirchener Bürgermeister hat das schön auf den Punkt gebracht: „Wir machen uns in Neuenkirchen wenigstens noch Gedanken um solche Vorfälle und es ist uns nicht gleichgültig, wenn so etwas vor einem Altenheim passiert.“ Das mag sehr provinziell klingen – aber deshalb muss es noch lange nicht albern sein.

    Und wenn jeder Blumenkübel so erfolgreich wird wie dieser, dann sollten wir in der Tat darüber nachdenken, unsere Blumenkübel-Berichterstattung auszubauen. Offenbar ist sie am Zahn der Zeit. Vielleicht wer das auch was fürs Heddesheimblog.

    Wir haben heute versucht, unsere Praktikantin vor Anfragen jedweder Art zu schützen. Das ist uns gelungen. Die alten Menschen in Neuenkirchen sind ihr übrigens dankbar für den Bericht.

    Beste Grüße aus dem Münsterland.

  4. @Hardy Prothmann,

    ich habe nun eine Weile gegrübelt, was Sie glauben lassen könnte, dass dieser Kommentar nicht ernst gemeint sein könnte. Entschuldigen Sie mein offensichtlich mangeldes Verständnis, wieso sollte der Kommentar nicht ernst gemeint sein?

    Klar, ob es sinnvoll ist über einen zerstörten Blumenkübeln zu berichten, darüber lässt sich wohl streiten (oder auch nicht). Wenn man sich dazu entscheidet, darüber zu berichten – unliebsames Thema – schickt man eben eine Praktikantin/Hospitantin/Volontärin.
    Diese geht anscheinend ganz gewissenhaft dorthin, macht ein Foto vom „corpus delicti“, spricht mit den Leuten vor Ort.
    Und – falls das die Frage ist – ich kann mir wirklich vorstellen, dass die älteren Herrschaften entrüstet waren… („ich verstehe nicht/kann nicht fassen, wieso jemand sowas macht“–> Verständnislosigkeit/ Fassungslosigkeit || „Ach, der sah so schön aus…das ist wirklich schade“ –> Traurigkeit).

    Vorausgesetzt, es war so: was hat die Autorin also falsch gemacht? Man könnte ihr oder dem redigierenden Redakteur jetzt mangelnde Raffinesse vorwerfen, dass man den Text nicht mit einem Augenzwinkern geschrieben hat. Aber das war es auch schon. (Und selbst das wäre vielleicht schwierig, wenn die Omis und Opis aus dem Altenheim sich dann auf die Schüppe genommen fühlen.)

    Also ja, doch, der Kommentar war ernst gemeint.

  5. Hallo zusammen!

    Ich hatte heute – so lustig ich die Geschichte auch selbst fand – ähnliche Gedanken. Gerade solche Berichte sind nun mal die alltägliche (Mini-)Berichterstattung einer Lokalzeitung. Dass die Story nicht der Aufmacher am nächsten Morgen wird, dürfte ja jedem klar sein.

    Doch wie jeder wissen dürfte, der eine Zeit seines Lebens in dörflicher Umgebung verbracht hat: Viel mehr als ein zerdepperter Blumentopf ist an vielen Tagen einfach nicht los.

    Spannend finde ich übrigens neben allem Spaß über das Mem noch eine andere Sache: Besser kann man als PraktikantIn/VolontärIn die Veränderung der Medienlandschaft kaum kennenlernen. Ich hoffe nur, dass Katharina Hövels all diese Beiträge, Kommentare & Tweets nicht persönlich nimmt. Das wiederum wäre sehr ärgerlich & mir ein innerer Altenheim-Blumenkübel 😉

  6. Also, nochmal ein paar Sachen und ganz im Ernst: Ich fand es erstens völlig ok, wie die „Münstersche Zeitung“ heute auf diese Welle reagiert hat. Man hat ein wenig Selbstironie geübt, hat selber gelacht und gestaunt, wie sich diese Nummer entwickelt hat. Das fand ich ziemlich souverän. Dass man die Praktikantin vor Anfragen geschützt hat, fand ich ebenfalls richtig. Insofern stimme ich Markus völlig zu: Lasst die Frau in Ruhe.

    Und bei all dem Spaß heute würde ich ganz ernsthaft (und mit hoffentlich nicht zu viel Pathos) schon nochmal das Lokale loben wollen: Das ist schon ok, das man über so etwas berichtet. Wozu sollte es Lokaljournalismus sonst geben? Die Frage ist halt – wie. Insofern gebe ich Tobias Weckenbrock schon recht und glaube das aufs Wort, dass die Menschen im Altenheim ernsthaft betroffen waren.

    Und schließlich: Wenn mich was früher immer gestört hat, dann war es diese „schaut-euch-mal-die-doofen-Lokalredakteure-an“-Haltung. Bei allem, was man im Lokalen so kritisieren kann, muss man ein wenig aufpassen, nicht zu selbstgerecht zu werden.

    @Tobias Weckenbrock: Ich komme selbst vom sehr flachen Land. Ich halte es deswegen keineswegs für albern, darüber zu berichten. Dass ich trotzdem geschmunzelt habe — ich gehe angesichts Ihrer Reaktion davon aus, dass Sie mir das nachsehen. Deutschland sprach einen Tag lang von einem Blumenkübel, wenn das mal nicht was Lustiges ist…besten Dank und unbekannterweise Grüße an Katharina Hövels 🙂

  7. Ganz Deutschland lacht über die MZ, und die gefallen sich auch noch in der Rolle des traurigen Clowns. Der Bericht der bemitleidenswerten Praktikantin ist ein Verrat an journalistischen Grundsätzen sowie ein Offenbarungseid des verantwortlichen Redakteurs. Die Geschichte wurde auch deshalb so gehypt, weil sich solch ein infantiler Bericht auf der Homepage eines gutsituierten und glaubwürdigen Medienhauses findet und ggf sogar so in der Zeitung gestanden hat. Auch darüber lohnt es sich, in einer ruhigen Minute einmal nachzudenken, bevor irgendjemand auf die Idee kommt, diese Formulierungen auch noch zu rechtfertigen…

  8. @cjakubetz Der Hype um den Blumenkübel ist natürlich lustig und geeignet, einmal mehr über die Berichterstattung von Lokalredaktionen abzuledern. Alles Wichtige und Wahre dazu haben Sie in Ihrem jüngsten Kommentar gesagt, vor allem: „… und glaube aufs Wort, dass die Menschen im Altenheim ernsthaft betroffen waren.“
    Lokalredaktionen sind sehr dicht an den Menschen, und zwar nicht nur an Bürgermeistern und Würdenträgern. Warum sollten sie die alten Menschen nicht ernst nehmen? @grünschnabel hat das sehr gut beschrieben.
    Hardy Prothmanns Einlassungen würde ich wie folgt deuten: Der Bratwurstjournalismus mutiert zum Blumenkübeljournalismus. Wen interessieren diese Rentner? Lest den heddesheimblog, dort kommen diese belanglosen Gestalten nicht vor, hier herrscht meine Meinungsfreiheit.
    Blumenkübel klingt heute ein wenig wie Maschendrahtzaun (irre witzig), und doch hat diese Geschichte eine Bedeutung: Sie sagt sehr viel aus über das Selbstverständnis von Lokaljournalismus. Ohne den Beitrag von Christian Jakubetz wäre das vielen gar nicht aufgefallen. Also: Vielen Dank!

  9. Guten Tag!

    Auch das heddesheimblog berichtet über Vandalismus.

    http://heddesheimblog.de/?s=vandalismus

    Was bei uns allerdings nicht vorkommt, sind fassungslose Altenheimbewohner, die zudem noch traurig und verständnislos sind.

    @grünschnabel Ganz ehrlich? Wenn die Praktikantin noch tiefer gebohrt hätte, hätte sie vielleicht sogar traumatisierte Omis und Opis entdeckt: „Habe Angst vor der sinnlosen Gewalt und kann gar nicht schlafen.“

    Wenn Sie nicht verstehen, warum ich Ihren Kommentar nicht ernst nehmen kann, dann ist das so. Sie sehen die Welt und die Arbeit von Journalisten halt anders als ich.

    @cjakubetz Ich halte beim besten Willen nicht alle Lokalredakteure für „doof“. Ich kritisiere genauso die Politik-, Wirtschafts- oder Sportjournalisten, die aus der Kultur oder der Wissenschaft.
    Und zwar immer dann, wenn schlechte oder blöde Arbeit gemacht wird.
    Und im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die so tun, als gäbe es nur sie selbst, lobe ich KollegInnen für gute Arbeiten.

    Natürlich kann man über Vandalismus berichten – aber bitte auf dem Boden bleiben dabei. „Besonders ärgerlich sei die Beschädigung, da der große Blumentopf einen Wert von 150 Euro gehabt habe.“ Wenn das schon „besonders ärgerlich“ ist, wie „ärgerlich“ ist dann ein Schaden von 1.500 Euro oder einer von 15.000 Euro und so weiter?

    Noch eine Bemerkung zum Lokaljournalismus: Wenn keine Geschichten da sind, dann macht mal halt keine. Geht leider nicht, weil die Zeitung gedruckt werden muss – egal mit welchem Inhalt.
    Ebenso Tatsache: Über beispielsweise schlechte Pflege in Altenheimen liest man so gut wie nie etwas in Lokalzeitungen. Dafür braucht es nämlich aufwändige Recherche und Können. Dann kommt das Fernsehteam von außen oder das Radio oder ein „überregionales“ Medium. Warum nur?

    @Wildmoser Wenn Sie wissen möchten, was mich an Rentnern interessiert, lesen Sie beispielsweise diese Geschichte.
    http://heddesheimblog.de/2009/07/18/fred-knorre-der-oberkellner/
    By the way – schön, dass Sie auf verschiedenen Plattformen immer wieder meine Kommentare kommentieren – ich nehme an, es ist was Persönliches…

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  10. Ich hatte auch nicht gemeint, dass speziell Sie alle Lokalredakteure für doof halten. Mir fällt nur auf, dass das gerne so eine Grundhaltung ist. Übrigens besonders gerne und weitverbreitet in Mantelredaktionen von Regionalblättern. Da wird schon mal sehr gerne der Lokalredakteur als Depp angesehen, während man sich selbst beim Redigieren der dpa-Meldungen ungemein wichtig vorkommt. Inhaltlich sind wir ja weitgehend beieinander — die ungewollte Komik der Meldung entstand sicher durch eine etwas, hüstel, ungeschickte Wortwahl.

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