Zehn Thesen zur Zukunft der Zeitung

Das mit den Thesen ist momentan sehr angesagt und chic. Und weil mir gerade ein paar Sachen auf einem Flug nach Hamburg durch den Kopf gegangen sind und Flüge eh immer etwas langweilig sind, sind aus diesen losen Gedanken dann doch noch zehn Thesen geworden — zur Zukunft der Zeitung, weil ich inzwischen glaube, dass sie dramatisch anders aussehen wird, als wie sogar alte Nörgler wie ich mir das uns vorgestellt haben. Auslöser der Gedanken waren die neuesten IVW-Quartalszahlen, die nicht spektakulär waren, aber dennoch so bezeichnend, dass sich meine Ansichten zur Zukunft der Tageszeitung einigermaßen schlagartig verdüstert haben.

1.  Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.

Zwei identische Erlebnisse der letzten zwei Wochen mit unterschiedlichen Protagonisten und ähnlichem Ergebnis:  Nachwuchs-Journalisten, die man mit Studien zur Tageszeitungs-Nutzung junger Leute konfrontiert. Man will ihnen klar machen, dass angeblich nicht mal jeder Zweite in der Gruppe der 14-19jährigen noch zur Tageszeitung greift. Erst erstaunte Blicke, dann ungläubiges Gelächter. Das aber nicht, weil man diese Zahl für zu niedrig angesetzt hält, sondern für viel zu hoch. Tatsächlich lässt sich aus den eigenen Beobachtungen natürlich kein empririscher Trend ablesen, aber dennoch: Fast niemand in dieser Altersgruppe glaubt selbst an diese Zahlen. Und wenn ich mich in den letzten Monaten intensiv in dieser Altersgruppe nach der eigenen Mediennutzung umgehört habe, dann stand die gute alte Tageszeitung immer ganz hinten in der Mediennutzung.

Tatsächlich ist das größte Problem der Tageszeitung nicht mehr, dass sie zunehmend weniger von jungen Leuten genutzt wird und somit der ehemalige Automatismus, dass quasi jede junge Generation auch eine neue Generation von Zeitungslesern bedeutet, nicht mehr greift. Ihr größtes Problem ist ihre Verzichtbarkeit. Und das ist keineswegs nur ein Problem der jungen Leser. Wer Zugang zu digitalen und elektronischen Medien hat, kann sich Tageszeitungen als Luxus leisten, aber er muss sie keineswegs mehr haben, um in seinem Zugang zu Information komplett zu sein. Selbst das viel beschworene Bild, dass Zeitungen als Hintergrundinformation, Analysenlieferant und Kommentator ihre neue Zukunft finden könnten, greift nur sehr eingeschränkt. All das kann das Netz inzwischen auch.

Ein weiterer Beleg für die Tatsache, dass Zeitungen zunehmend als überflüssig empfunden werden, hat kurioserweise gar nichts mit dem Internet zu tun: Der Abstieg der Zeitungen begann bereits Mitte der 80er Jahre. Schon damals sanken die Auflagen. Nicht dramatisch, keine Einbrüche — aber ein vergleichbarer Sinkflug, wie ihn die Verlage heute auch schon erleben. Zwei temporäre Ereignisse brachten die Blätter noch einmal in eine zumindest ökonomisch günstige Situation, sorgten aber zugleich für gefährliche Trugschlüsse, wie sich heute zeigt. Ereignis eins: die deutsche Einheit, die die Auflage der Zeitungen naturgemäß nach oben brachte. Und dann die New Economy, die ebenfalls zu einem Zeitpunkt aufkam, als die Auflagen der Zeitungen zurückgingen. Im Jahr 2000 wurden in vielen Häusern die besten Umsätze aller Zeiten gemacht. Umsätze, die man mit seiner eigenen Bedeutung begründete. Stattdessen waren diese Rekordzahlen einem glücklichen Umstand geschuldet: Das Internet war damals als Werbeträger schlichtweg noch zu klein und irrelevant, um auch nur einen Teil dieses Booms abschöpfen zu können. Zweimal also waren Zeitungen bereits auf dem Weg nach unten, zweimal kamen ihnen äußere Einflüsse zupass, für die sie letztendlich nichts konnten. Ein drittes Mal wird das nicht mehr passieren.

2. Die Wochenzeitung wird die neue Tageszeitung – und nicht umgekehrt

Man müsse sich inhaltlich neu orientieren, mehr Hintergrund, weniger Nachrichten — dann habe die Tageszeitung Zukunft. Sagen sogar die, die der Tageszeitung generell eher skeptisch gegenüberstehen (die ihr positiv gegenüberstehen glauben das sowieso). Man müsse sich inhaltlich also dort positionieren, wo heute die Wochenzeitungen stünden. Demnach also würde die Tageszeitung eine Art täglich erscheinende Wochenzeitung. Allerdings spricht eine Reihe von Gründen dagegen, dass dies so einfach möglich sein wird.

Erstens: Die Wochenzeitungen stehen im Regelfall im Gegensatz zu den täglich erscheinenden Blätter sowohl ökonomisch als auch mit ihren Auflagen einigermaßen gesund da. Zwar erreichen auch sie nicht mehr die Rekordauflagen früherer Jahre, zumindest aber ist der Trend stabil. Tageszeitungen würden hier also auf einen Markt treffen, der einigermaßen gesättigt ist, der nicht mehr großartig wachsen wird — und in dem diejenigen, die ihn momentan beherrschen, kaum solche Schwächen aufweisen, als dass man den Markteintritt etlicher anderer noch begründen könnte.

Zweitens: Tageszeitungen hätten in diesem Segment ein massives Kompetenzproblem. Niemand würde dem „Schwarzwälder Boten“ oder der „Passauer Neuen Presse“ ähnliche inhaltliche Kompetenz zugestehen wie dem „Spiegel“ oder der „FAS“. Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache, dass man Hintergründe, Analysen, Kommentare möglicherweis eher einmal pro Woche geballt lesen will als jeden Tag. Zumal es manchmal schlichtweg Tage gibt, an denen es nicht viel zu analysieren und zu kommentieren gibt. Der angestrengte Versuch der „Tagesthemen“, wirklich jeden Tag kommentieren zu wollen/müssen, ist Beleg genug für diese Problematik.

Drittens: Analysen, Kommentare und Hintergründe brauchen Zeit. Zeit, die man in einem hektischen Tagesgeschäft selten aufbringen kann. Personell sind zudem die allerwenigsten Tageszeitungen so aufgestellt, dass sie eine solche inhaltliche Ausrichtung auch nur einigermaßen gut bewältigen könnten.

Das wiederum führt gleich zu These 3, nämlich:

3. Die Tageszeitungen sparen sich zu Tode.

Viele Verlage befinden sich bereits in einer tödlichen Spirale. Ihre Erlöse sowohl aus dem Vetrieb als auch insbesondere aus dem Anzeigengeschäft sinken stetig, teils dramatisch. Sie werden dauerhaft nicht zu kompensieren sein. Die Werbegelder wandern dauerhaft ins Netz, zudem sind die Preise, die für Zeitungsanzeigen zu erzielen waren, im Netz nicht zu erreichen. Gleichzeitig müssten die Redaktionen aufgestockt werden, um die zahlreichen neuen Kanäle tatsächlich mit relevanten Inhalten zu versorgen. Tatsächlich herrscht in vielen Häusern schon heute ein krasses Missverhältnis zwischen den Print- und den Onlineredaktionen.  Es ist keine Seltenheit, dass eine Zeitung von 100 Redakteuren gemacht wird, während für Online und soziale Netzwerke nur ein Bruchteil dieses Personals zur Verfügung gestellt wird. Das wiederum hat zur Folge, dass sich die Zeitungen  im Netz nicht richtig etablieren können. Umgekehrt wird auch in den Printredaktionen Personal abgebaut. Die damit zwangsläufig einhergehenden qualitativen als auch quantitativen Einbußen machen sich nicht von einem Tag auf den anderen bemerkbar, tatsächlich aber gilt heute schon in vielen Häusern: Die Leser bekommen weniger Zeitung für mehr Geld. Personalabbau in krassen Fällen von bis zu 40 Prozent lässt sich dauerhaft nicht kompensieren und letztendlich nicht vor dem zahlenden Kunden verstecken. Man müsste also investieren, um zukunftsfähig zu werden. Tatsächlich passiert häufig genau das Gegenteil.

4. Die Tageszeitungen vergreisen in den Redaktionen.

Wenn man sich als Enddreißiger nochmal richtig jung fühlen will — man muss nur als Redakteur in einer durchschnittlichen deutschen Tageszeitung arbeiten. Vielen Redaktionen fehlt inzwischen ein Unterbau an potentiellem Nachwuchs, der mehr macht, als nur Praktika oder ein Volontariat zu absolvieren. Inzwischen sind die ersten volldigital aufgewachsenen Jahrgänge auf dem Markt. Für sie ist ein Job in einem voll analogen Medium nur noch mäßig interessant. Neben den latenten Nachwuchsproblemen kommt hinzu, dass viele Redaktionen sich bei einem Altersschnitt jenseits der 40 bewegen. Dieser Generation fehlt wiederum häufig jegliches Verständnis für digitale Medien — und letztendlich wohl auch der Wille, sich in ihrem Beruf noch einmal vollständig neu zu orientieren. Das bedeutet in der Konsequenz, dass viele Zeitungen immer noch nach Leitbildern aus den 80er Jahren gemacht werden. Um zukunftsfähig zu werden, bräuchten diese Redaktionen aber zunehmend echte „digital natives“. Sie sind allerdings spärlich in den typischen Tageszeitungsredaktionen gesät. Die Chefredakteure und Ressortleiter in Deutschland, die bis in die letzte Konsequenz digital denken, sind an einer Hand abzuzählen. Und dabei geht es keineswegs nur um das Internet, um digitale Medien alleine. Auch inhaltlich kommen viele Blätter immer noch eher behäbig, betulich und im Duktus mittelalter Männer daher.

5. Als nächstes wandert der Lokaljournalismus ins Netz ab.

Fragt man die Macher von Regionalzeitungen nach ihren eigentlichen Stärken, wird sofort das Lokale genannt. Was auch richtig ist, aber auch hier wiederholt sich gerade Geschichte: Sie ruhen sich auf dieser Stärke und diesem vermeintlichen Monopol aus, übersehen aber, dass auch der Lokaljournalismus sich wandeln wird. Er wird hyperlokal, er geht ins Netz.  Und vor allem haben es potentielle Konkurrenten inzwischen viel leichter, sich zu etablieren. Niemand muss heute einen Verlag haben und Druckmaschinen kaufen, um Lokaljournalismus zu machen. Michael Wagners „Fußball Passau“ und die diversen Lokalblogs von Hardy Prothmann sind nur die aktuell bekanntesten Beispiele, wie dieser Trend aussehen wird.  Das Problem, das viele Regionalblätter zudem haben: Vielerorts herrscht Unzufriedenheit mit dem status quo, werden die Zeitungen wahlweise aus Gewohnheit gelesen — und aus der Erkenntnis heraus, dass es ein anderes Lokalmedium mit wirklich nennenswerter Reichweite gar nicht gibt. Dieses de-facto-Monopol hat viele Verlage über die Jahre gerettet. Aber es bröckelt. In Zukunft werden wir deutlich mehr Wagners und Prothmanns sehen. Darauf vorbereitet sind viele Häuser bis heute nicht.

6.  Journalisten und Verleger haben das Netz nicht begriffen.

Das Internet ist kein Verbreitungskanal, sondern ein Kommunikations- und Dialogmedium. Die Kommunikation „one to many“ ist dort kein funktionierendes Modell mehr. Das sind Erkentnisse, die man sich kaum mehr traut, noch irgendwo niederzuschreiben. Spricht man von Zeitungen, führt kein Weg daran vorbei — weil es diese banalen Dinge sind, die vielfach immer noch nicht angekommen sind. Ihre Form von Journalismus haben sie häufig  nicht angepasst und weiterentwickelt. Momentan spricht auch nur sehr wenig dafür, dass sie es tun werden.  Vielfach gibt es immer noch die Haltung, dass es ausreiche, dass man Teile der „Zeitung von morgen“ schon am Abend im Netz lesen kann und dass man mehr oder minder lieblos gemachte Webseiten ins Netz stellt. Kommunikation und Interaktion finden immer noch kaum statt. Dabei läuft die Zeit unerbittlich. Jeder Tag nach den bisherigen Konzepten und Idee ist ein verlorener Tag. Eigentlich müssten die Redaktionen nichts anderes mehr machen, als sich jeden Tag mit den neuen Herausforderungen zu beschäftigen. Stattdessen gehen die meisten nur so weit, wie sie glauben gehen zu müssen. Innovation und Erneuerung kommen bei den meisten nicht vor.

7. Tageszeitungen verschwinden in der Nische.

Es wird zweifelsohne weiterhin Zeitungen auf gedrucktem Papier geben. Aus den unterschiedlichsten Gründen, sei es Nostalgie oder aus einem ähnlichen Phänomen heraus, warum es heute immer noch (oder schon wieder) Platten aus Vinyl gibt. Man muss die Zeitung nicht mehr haben, aber man behält sie sich trotzdem. Der Standard für das Konsumieren von Journalismus werden allerdings andere Plattformen sein. Nicht eine, nicht zwei — sondern viele. Nur nicht die Zeitung auf Papier: zu teuer, zu unflexibel, zu unökonomisch. Und ja, auch das: zu wenig personalisierbar.

8. Das iPad beschleunigt den Niedergang.

Das iPad als Retter der Verlage? Keineswegs. Im Gegenteil, das iPad ist der größte Feind der konventionellen Verlagsstrukturen. Zum einen, weil jeder noch so große Verlag gegen den ipad-Herrscher Apple ein Zwerg ist. Zweitens — und viel wichtiger: Die Tatsache, dass man auf der glänzenden Oberfläche des Tablets nur noch einer von ganz vielen ist, verstärkt die eigene Bedeutungslosigkeit. Wenn Tablets und Smartphones zu einem neuen Gerätestandard werden, relativiert sich die Notwendigkeit der Zeitung noch weiter. Auf dem iPad konkurriert die Zeitung plötzlich mit allem und jedem und kommt damit in eine völlig neue Situation. Zuvor waren die Claims in der Mediennutzung klar abgesteckt: Soundsoviel Prozent fürs Fernsehen, ein bestimmter Anteil fürs Radio, ein paar Prozente für die Tageszeitung. Diese Mediennutzung verändert sich mit den neuen Geräten drastisch.  Wer zum iPad greift, hat die ganze Welt per Fingertipp vor sich. Sein iPad kann Zeitung sein, aber eben auch: Fernseher, Radio, Internet, Spielzeug. DerKampf um das Wichtigste, was es gibt, ist ja nur vordergründig das Geld des Nutzers. Wichtiger ist seine Aufmerksamkeit, seine Zeit.  Darum kämpfen jetzt nicht nur viel mehr als früher, sondern sie tun es auch auf engstem Raum. Die Zeitung bietet häufig ein veraltetes Inhaltemodell an: Von allem ein bisschen, meistens ganz gut, selten richtig herausragend und von echtem Fachwissen geprägt. Was wiederum zu These 9 führt…

9. Der generalistische Journalismus überholt sich.

Der vielleicht entscheidende Vorteil des Netzes ist ja gar nicht mal unbedingt seine Schnelligkeit. Oder seine ständige Verfügbarkeit. Sondern die Tatsache, dass hier (theoretisch) jeder alles finden kann. Der Politik-Interessierte findet hier Hochwertiges in einer Qualität und in einem Umfang, wie es die Politik-Redaktion der durchschnittlichen Tageszeitung aus den verschiedensten Grüpnden gar nicht leisten kann. Wer was über Fußball wissen will, liest die entsprechenden Fachseiten, der Fliegenfischer findet etwas zu seinem Thema und wer Medienblogs lesen will, findet von ihnen so viele, dass er sich schon wieder entscheiden muss, welche er regelmäßig konsumieren will. Das Argument, man wolle ja auch mal einfach nur einen eher allgemeinen Überblick über das, was auf der Welt passiert, greift nicht: Auch das bietet das Netz in noch nie dagewesenen Mengen. Zudem: schneller, aktueller, umfangreicher, als wie es eine Zeitung leisten kann. Und auch das sei nicht verschwiegen, wenn auch zum Leidwesen vieler Zeitungen: meistens kostenlos. Man muss das nicht gut finden. Aber zumindest als Realität akzeptieren.

10. Die Tageszeitung sitzt zwischen allen Stühlen — und hat nirgends mehr Platz.

Es gibt kein schlagendes Argument mehr für die Tageszeitung alter Prägung. Man kann sie lesen, muss man aber nicht. Sie ist zu langsam, um aktuell zu sein. Sie ist zu sehr im Platz limitiert, um umfangreich zu sein. Sie ist zu sehr generalistisch, zu wirklich in allen Bereichen kompetent zu sein. Sie wird in angestammten Märkten an vielen Rändern bedrängt, hat aber nicht die Option, selbst andere in ihren Märkten anzugreifen. Sie hat häufig über viele Jahre nur reagiert, statt zu agieren. Überleben werden die, die von ihren Lesern aus Überzeugung und Begeisterung gekauft werden. Das ist eine Minderzahl. Verabschieden werden wir uns von denen müssen, die Journalismus nur verwalten – statt ihn zu machen.

Wir werden uns von vielen verabschieden müssen. Bald schon.

64 Gedanken zu „Zehn Thesen zur Zukunft der Zeitung

  1. Endlich spricht es mal einer ganz klar aus!

    Persönlich abonniere ich schon lange keine Tageszeitung, aber jedes Mal, wenn ich eine sehe im Café oder bei Freunden, greife ich sehr schnell zu.

    Kennt Ihr das beruhigende Gefühl, dass von einem gemütlichen Blättern in einer Zeitung ausgeht – selbst wenn man wenig Neues / Lesenswertes findet?

    Vielleicht leistet sie ja einen Beitrag zur Entschleunigung 🙂

  2. Ich liebe diese Zeitungsklemmhalter in Cafés, mindestens genauso, wie ich entschleunigt Zeitung lese – auf dem iPad. In einem vorhergehenden Beitrag schrieb Christian von einer Geisteshaltung: Das Medium ist schnurz, der Mensch ist’s.

  3. Auch als echt „Digitaler“ würde ich Print vermissen. Die Technik macht zwar alle Information überall zugänglich, sie entspricht aber auch so gar nicht, dem was menschliches Naturell ist. Das iPad ist praktisch, aber nicht, weil es durch Umblätter- oder Wischeffekte Print simuliert, sondern weil es groß genug zum Lesen und einfach zu transportieren ist. Die Zeitung und Magazine: das heißt für mich stöbern oder wie man so schön sagt „Serendipity Walks“.

  4. Angesichts der Notlage kann es für alle Beteiligten eigentlich nur heißen, rasch, entschieden und zukunftsfreudigmit allen Gewohnheiten zu brechen, um den (Print-)Journalismus zu „retten“, nicht die Zeitung. Ich fürchte, das ist mit dem heutigen Personal und der zunehmenden Dominanz der Ökonomen in den Verlagen nicht möglich. Und die großen Verleger-Familien, die ja hinter fast allem Gedruckten in Deutschland stehen? Ich fürchte, sie sind so rat- und hilflos, wie sie wirken.

    Anbei mein kleiner Essay vergangenes Jahr auf Spon:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,628864,00.html
    (Fortsetzung von: http://www.zeit.de/2009/18/L-Buch)

    Wenn hier jemand gefragt ist, dann sind es die Journalisten selbst, die sich darauf besinnen sollten, was der Wert ihrer Arbeit ist: Gut recherchierte und gut geschriebene Geschichten anbieten, die man mit Interesse und Freude liest. Dafür wird es immer einen „Markt“ geben – vor allem wenn eine exklusive Reportage aus Chicago Tribune, SZ oder Bangkok Post weltweit für – sagen wir – 12 Eurocent zu haben ist.
    Aber genau dagegen wehren sich die Verteidiger der „alten Ordnung“ des Inselmodells, nach dem man sich mit (s)einer Zeitung zufrieden geben soll, die gut gemacht ist – wie sich auch gestern Abend bei der Zeit-online-Debatte in Berlin mit Guardian-Chef Alan Rusbridger zeigte.

  5. So sehr ich die klaren Worte des JakBlogs schätze, so deutlich möchte ich der These 6 widersprechen: Natürlich stimmt es, dass viele Menschen „das Netz nicht begriffen haben“. Wir selbst zählen alle dazu, weil die Nutzerkonventionen in neuen Medien noch sehr fluide sind, es gibt kaum wirklich handfeste Standards. Wenn aber der Unsinn kolportiert wird, das Netz sei ein Medium, dann fehlt es allen, die daran glauben, an Trennschärfe, die Wirkmechanismen im Netz zu untersuchen und „das Netz“ wird als Gegenmedium zu alten Massenmedien aufgebaut. Das Netz ist nur Träger für das ubiquitäre Protokoll, das wir als www kennen, es ist aber auch Träger für Email und andere Protokolle, die normalen Nutzern gar nicht geläufig sind. Selbst diese Protokolle sind immer noch nicht das Medium.

    Denn Papier und Lieferwagen genau so wenig ein Medium, wie es vernetzte Kupferleitungen und Adressweiterleitungen sind. Die neuen Medien entstehen IM Internet, das Netz ist tatsächlich nur der Träger dafür. Neue Ideen für die Nutzung neuer Medien hätten es wesentlich leichter, wenn die Macher „der Medien“ sich darüber Gedanken machen würden, was genau eigentlich ihr Zielmedium sein könnte. Dann würden sie vielleicht auch Wege finden, ihre Kompetenz in der Bedienung des Mediums Zeitung für ein neues Format zu nutzen. Wie sie die alte Wertschöpfungskette crossmedial optimieren, welches Know-How sie überhaupt einkaufen müssen, damit ihre Inhalte wirklich in einem neuen Medium erscheinen, statt dass einfach weiter Printinhalte übers Netz verteilt werden.

    Vielleicht steht am Ende aber auch die bittere Erkenntnis, dass die alte Wertschöpfungskette eben nicht wenigstens in Teilen zu retten ist, dass die alten Redakteure die letzten ihrer Art sein werden und andere Akteure sich den neuen Medienmarkt erschließen. Gerade weil „one to many“ dort nicht das Kommunikationsparadigma ist und es wegen neuer Verbreitungskanäle schlicht keinen Bedarf für redundante Leistung gibt.

  6. Die Debatte um Print und Online und „Mediendefinitionen“ erinnert mich an eine ähnliche Debatte unter Photographen in den Anfängen der Digitalphotographie. Analog? Besser als digital? Digital, nur Schrott? Seltsamer Weise gibt es immer noch Kollegen, die diese Debatte mit Leidenschaft führen; dabei ist sie – von einigen Aspekten des Handwerklichen abgesehen – reichlich irrelevant. Bilder sind Bilder, das Bild an sich ist des Debattierens würdig, unabhängig vom „Träger“ oder „Medium“ oder wie immer man das gerne bezeichnen möchte.

  7. Ich habe mir erlaubt, einen leichten Widerspruch zur allzu düsteren Zukunftsmalerei zu formulieren:

    http://www.streim.de/2010/10/21/ein-zu-frueher-abgesang/

    Ich glaube zum Beispiel, dass sich zwar zu jedem Thema irgendwo im Netz auf einer Spezialseite fundiertere und ausführlichere Informationen zu einem Thema finden lassen, Leser ihre Zeitung aber gerade auch für die Auswahl und Aufbereitung/Verknappung bezahlt haben und bezahlen, weil dieses Zusammensuchen von Informationen Zeit kostet, die viele Menschen gar nicht aufbringen wollen.

  8. … „ist der Trend stabil“ – das ist der permanente Absturz auch. Gemeint ist ja wohl, dass das (Auflagen-)Niveau stabil ist.

    🙂

  9. Tageszeitungen müssen sich a) vom Regionalprinzip verabschieden, b) sich spezialisieren (z.B. auf Sport, auf Wirtschaft, auf ein Alterssegment, auf ein Tiefen- bzw. Flachheits-Level etc.), c) die Leserbeteiligung, die sie im Internet erreichen, in den Printausgaben aufgreifen und insgesamt mehr Leser-Involvement realisieren (Stichwort: Print als Verlängerung von Online, nicht mehr umgekehrt), d) sehr gut sein.
    Das größte Problem sehe ich darin, dass die jüngeren Lesergruppen schon seit Jahrzehnten das Leseinteresse verlieren und auch nicht so leicht zurückkehren, weil sie auch im Netz nur ein abnehmendes Interesse an den Themen haben, die für Journalisten/Presse die wichtigen sind. Sublimieren ist out of fashion …

  10. Wieder mal ein klasse JakPost!

    Ich befürchte, dass Christian recht hat – auch wenn ich persönlich hoffe, dass dem nicht so ist. Ich schätze an der überregionalen Zeitung meines Vertrauens (Süddeutsche) den Überraschungseffekt (Steffen Konrath nennt’s „Serendipity“). Beim Durchblättern bedruckten Papiers stoße ich sehr viel häufiger als online auf Geschichten, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie mich interessierten. Online lese ich zielgerichteter.

    Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es weiterhin einen Markt für gut gemachte Zeitungen im Tabloid-Format geben wird, da diese sich z. B. in vollen öffentlichen Verkehrsmitteln noch einfacher lesen lassen als etwa ein iPad.

    @erz: Die Verallgemeinerung, dass wir alle das Netz nicht begriffen haben, „weil die Nutzerkonventionen in neuen Medien noch sehr fluide sind“, halte ich für sehr gewagt. Die Tatsache, dass online noch viel im Fluss ist, sehe ich gerade als Chance für diejenigen, die das Netz begriffen haben.

    Dass es in manchen Bereichen „kaum wirklich handfeste Standards“ gibt, lässt Raum für Experimente, Improvisation und Optimierung von Bewährtem. Was manchmal immer noch funktioniert: Erst vor ein paar Jahren realisierte ein kleines Hamburger Start-up namens Qype mit einem Portal für lokale Bewertungen eine Idee, die schon längst vorher Regionalzeitungen hätte einfallen können. Jetzt ist Qype europäischer Marktführer.

    Da geht noch was, auch bei Zeitungen …

  11. Männer über 40 sind ‚mittelalt‘ und ihnen ‚fehlt … häufig jegliches Verständnis für digitale Medien‘ – ‚Um zukunftsfähig zu werden, bräuchten … Redaktionen aber zunehmend echte “digital natives”.‘ Die dann was machen? Rumsitzen, Bionade saufen und ab und zu mal einen Blogbeitrag oder einen Tweet absondern? So wahr es sein mag, dass die Tageszeitung ihren Zenit weit überschritten hat, so wenig wissen die ‚Medienmenschen‘ im www mal etwas genauer zu sagen, wie denn der künftige Qualitätsjournalismus aussieht! Mal ein wenig Radau machen und polarisieren konnten die ‚Alten‘ ja auch schon …

  12. Durchblättern bedruckten Papiers mag ich genauso wie Tablet-Lektüre oder Laptoplesen: Nutzerkonventionen, ein hübsches Wort, in seiner Bedeutung so ähnlich wie „eingetretene Trampelpfade“ vielleicht? @Peter: Da geht mit Sicherheit noch was, in unserer Branche – ich wünsche mir, dass viel mehr Kollegen aktiv werden und neue Chancen finden, die sich gerade dann ergeben, wenn die zitierten „Nutzerkonventionen“ noch diesen Spielraum lassen. Weil die Spielwiesen des Denkens noch nicht eingezäunt sind und die Herde noch nicht irgendwelchen Leithammeln hinterherrudelt. 😉

  13. was mir fehlt:

    a) zeitungslesen ist langweilig. lesen im netzt heisst nicht nur nachrichten lesen sonderen eine vielfalt an unterschiedlichen materialen betrachten, lesen, hören.

    zeitungslesen ist langweilig, auch weil der eindruck einsteht, dass die verschiedenen redaktionen gleichgeschaltet sind, einem seltsamen unkritischen populismus verfallen. das sind die grossen newsportale im netz zwar auch (spon), aber kritische stimmen, interesssante kommentare, faktisch interessantes und gegenstimmen dazu sind nur einen mausklick, eine google operation weit entfernt.

    dh ich bekomme ein komplexeres und kritischeres verständnis des betreffenden vorfalls durch die interaktivität mit dem netz geliefert, bzw ich erzeuge sie.

  14. Worauf ich die ganze Zeit gewartet habe, aber keine These ist dem gewidmet: Das Geschäftsmodell der Zeitungen hat sich überholt. Anzeigenmarkt und Auflagen brechen zusammen, aber nur die allerwenigsten Zeitungen, wie etwa der Guardian, entwickeln neue Modelle, um aus ihren vorhandenen Ressourcen neuen Wert zu schöpfen. Der Guardian bietet eine Schnittstelle (API) für sein digitales Archiv an, das Jahrzehnte zurückreicht. Anfixen ist kostenlos, aber ab einer gewissen Anzahl von Requests wird eine Gebühr verlangt, denn dann haben andere ein Business-Model geschaffen, mit dem sie Geld verdienen. Deutsche Verlage machen das Gegenteil: die analogen Archive verstauben ungenutzt, statt Schnittstellen gibt es Paywalls. Man zieht sich hinter seine Mauern zurück und zieht die Zugbrücke hoch, statt nach draußen zu gehen und am Leben und am Handel teilzunehmen. Erst wenn die Verlage neue, medienaffine Business-Models begreifen, können vielleicht ein paar von ihnen überleben. Dazu brauchen sie aber Digital Natives in Führungspositionen, sehr gute Berater, eine Portion Mut, kluge Ideen und eine Kultur der Innovationsbereitschaft und des Teilens von Wissen. Ich bin sehr skeptisch, ob das diese erzkonservative Branche schaffen wird.

  15. Man sieht sich im Netz, wo diese Thesen schon seit 6 Jahren in die Praxis überführt werden ;-). Die Zukunft hat also längst begonnen.

    Grüße aus Leipzig & Halle
    Leipziger Internet Zeitung & Halleforum

  16. Aus meiner Sicht ein treffender Artikel.

    Ich gehöre wohl mit 35 eher der „Übergangsgeneration“ an, sprich: mit der Tageszeitung und den „alten“ Medien aufgewachsen, Internetaffin, aber seit ein paar Jahren bemüht, mit der neuesten Entwicklung mitzukommen.

    (Aber auch) für mich nicht „digital native“ zeigt sich: aktuelle News bekomme ich nicht von Print. Da hat das Internet ganz einfach einen Vorteil, den Print niemehr wird einholen können: Aktualität. Aus dieser Erkenntnis folgt für mich auch: interessant ist für mich nur noch eine Einschätzung, Hintergrund etc.

    Hinzu kommt (meine Einschätzung), dass aktuelle „News“ auch in Zukunft immer kostenlos zu haben sein werden, einfach schon aufgrund der Masse an „Sendern“, die kostenlos arbeiten.

    Und darauf haben sich die Schaffer bedruckten Papiers einfach noch nicht eingestellt. Traurig, aber wahr.

    Denn IMHO gibt es durchaus eine Lücke, die gefüllt werden könnte, und für die ich/wir zahlen würde: Meinung, Hintergrund, tiefergehende Recherche.

  17. Interessante Thesen, ABER: ich stelle mir jetzt mal vor, dass vielleicht 95% der derzeitigen Tageszeitungen verschwunden sind.

    WOHER erhalte ich denn dann im Netz meine aktuellen Tagesnachrichten? Gibt’s die dann einfach nicht mehr?? Bitte nicht antworten „das werden die Blogger schon machen“! Der „globale Schwachsinn“, oder höflicher formuliert „die sehr subjektiven Sichtweisen auf aktuelle Tagesereignisse“ in Blogs können die Berichte im Netz, geschrieben von ausgebildeten Journalisten der Tageszeitungen definitiv NICHT ersetzen.

    Wenn diese Lücke entsteht, wer füllt sie? Haben wir damit den endgültigen großen Konzentrationsprozess im Nachrichtengeschäft? Stellt news.google.de dann selber die Redakteure ein und produziert Content?

  18. Etliche Punkte lassen mich nicken, doch These Nummer 8 lässt mich Halt rufen und schwanken:
    iPad als Niedergangsbeschleuniger und Verstärkung der eigenen Bedeutungslosigkeit? Wenn man das Medium ignoriert, die Möglichkeiten und Chancen dieser neuen mobilen Plattformen nicht wahrnimmt – sicher.

  19. Vieles hier muss man (als Zeitungsjournalist mit einem Seufzen) unterschreiben, manches nicht: Ich finde etwa die Ansicht fragwürdig, dass gerade die Verknappung und der beschränkte Platz der Zeitung zum Nachteil gereicht. Auch wenn es eine Vielfalt von umfangreicheren und spezielleren Quellen gibt, ist die Verknappung, Ordnung und Gewichtung der Information eine Leistung, die durch die Digitalisierung a.) nicht einfach verschwindet und sich b.) nicht völlig an Algorithmen auslagern lässt, technische Möglichkeiten hin oder her. Ich will an dieser Stelle also eine Lanze für den Generalismus brechen, ich glaube, dass er den Zeitungen durchaus nützen kann – wenn sie es schaffen, ihn medienadäquat nutzen und zu verpacken.

  20. ein Teil der Thesen stimmt leider.
    Die Tageszeitungen sollten sich anders aufstellen. Den Kampf und die schnellste Information können sie im medialen Wettkampf nur verlieren.

    Die Verabschiedung vom Regionalprinzip, wie „Brett vorstellt“ halte ich aber für falsch. Der regionale Bezug – aber eben anders als heute – würde den Tageszeitungen gut tun.

    Heute pendeln die Reginalblätter zwischen Bundesthemen (Kompetenzproblem) und Bericht über den Schützenverein oder den Besuch des Bürgermeisters in einem Altenheim. Dazwischen ist nichts, rein gar nichts.

    Spannend wäre es, die großen Themen runter brechen auf den regionalen Belang. Was bedeutet die Bundespolitik für die Region / Stadt / Kommune. Das würde Politik wieder begreifbar machen. Wie wirkt sich eine Steuersenkung / -herhöhung Eür die eigene Kommune aus. Welche Maßnahmen sind erforderlich, um auszugleichen. Wie steht es um den Kommunalen Haushalt. Wer bekommt das denn schon mit?

    Gänzlich fehlt die Berichterstattung über die einzelnen Szenen in Stadt/Kommune. Wer schreibt schon über die altertative Szene? Wenn überhaupt dann sind die Berichte von Greisen geschrieben und interessieren weder jung noch alt.

    Die Tageszeitungen haben viel Potential.

  21. Schon mal was von der „hybriden Zeitung“ gehört? Eine technische Innovation, von der die Verlage – noch – nichts wissen wollen. Sie stecken noch mitten im iPad-Hype und haben offenbar nicht mitbekommen, dass Murdoch seine derartigen Pläne gerade beerdigt und 100 Mill. US-Dollar in den Sand gesetzt hat.

  22. Der Nutzen von Informationen, gepaart mit den Faktoren Schnelligkeit in der Verbreitung und späterer permanenter Online Verfügbarkeit sollten nicht vergessen machen das beim lesen hinter einer gedruckten Zeitung die Welt sich für einen Moment langsamer dreht. Selbst das lesen «klassischer» Zeitungsinhalte via iTaz App verstärken eher diese Momente, auch wenn die digitale Fassung schon vor Druckauslieferung zur Verfügung steht…

    Mag sein dieser Moment Nutzen erst mit zunehmenden Alter erkennbar und wertvoll wird.

    Das Prinzip Zeitung funktioniert, ob nun gedruckt oder digital.

    Die Frage ist eher, reichen die Einahmen aus dem Minderheitslager «ja ich bezahle gerne für Qualität und einen Moment Auszeit» und verbliebenden Werbeeinahmen, um die Kosten für Erstellung und Verbreitung zu deckeln? Welche Seiten, Beiträge – besser Informationsstrecken (digital kennt nicht unbedingt eine Seitenbegrenzung) machen in folge dessen noch Sinn und sind für Ersteller und Leser bezahlbar? Oder müssen Staat, Stadt, Gemeinde, Handwerk. Industrie, Handel und Dienstleistung sich über eine neue Form von Sponsoring Gedanken machen?

  23. … und eine weitere Thesensammlung, die die schwierige Gegenwart und Zukunft von Print beschreibt (größtenteils zutreffend) und Online als Allheilmittel darstellt (nicht zutreffend).

    1. Als Medienschaffender mag mir die Frage erlaubt sein, was aus uns Journalisten wird mit einem bestimmten Habitus und Selbstbewusstsein? Die Antwort lautet: Im Internet möglicherweise nichts, denn dort wird aufgrund der schlechten Erlösssituation noch viel brutaler gespart (ich rede hier von namhaften Medien als im Print. Für Qualität mangelt es an den Voraussetzungen, etwa dem Vor-Ort-Sein der Berichterstatter. Mit Mee-Too kommt man aber nicht weiter.

    2. Letztenedlich ist die Unterscheidung und Gegenüberstellung von Print versus Online künstlich und sachlich falsch. Online ist eine Spielart von Print mit Versatzstücken anderer Gattungen (TV), also ein Baukasten mit elektronischer statt Holzbasis. Das Prinzip des geschriebenen und vom User zu lesenden Wortes gilt aber noch.

    3. Wir müssen uns also wenn, dann über Jourmalismus insgesamt unterhalten. Und da geht der Trend leider in vielen Fällen nach unten – und zwar in vielen Gattungen.

    4. Es ist nicht plausibel, dass die One-to-Many-Kommunikation des tradierten Journalismus durch etwas anderes abgelöst wird. Außer wenigen selbsternannten Medienexperten glaubt das wohl auch niemand. der Grund ist einfach: Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft und Journalisten haben die Aufgabe übnernommen, stellvertretend für alle anderen Themen zu sehen, aufzubereiten, zu analysieren etc. Sie machen dass, weil es die anderen a) nicht wollen und b) die anderen auch nicht können, denn Journalisten sind gut in ihrem Job so, wie andere Menschen in anderen Jobs.

    5. Letztlich kommt man immer wieder bei der gleichen Frage heraus: Wie schafft man es, dass die Branche Journalismus mit ihren Produkten so viel Geld erwirtschaftet, dass sie gute Leute ordentlich bezahlen und ihnen auf Dauer einen attraktiven Arbeitsplatz garantiert? (Alles andere führt per se zu Qualitätsverlusten). Oder anders ausgedrückt: Wie schafft man es, dem User klar zu machen, dass es qualifizierte Dienstlöeitung nie gratis geben kann? Auf die Frage hat keiner eine gute Antwort, dabei ist das die Gretchenfrage.

  24. Auch wenn natürlich einiges stimmen mag (wie sollte es auch nicht bei der Textlänge) bleibt dennoch eines zu sagen: das ist herrlicher und unterhaltsamer Blödsinn! Die Endzeit ist wiedermal da und auf eleganteste Art wird umfahren, was da an offenkundigen Widersprüchen im Weg rumliegt.

    Zum „schnell und langsam Thema“ in den Antworten sei eines angemerkt: wenn ich mich schnell im sinne von effektiv informieren will, was wichtig ist und was so los ist in der Welt werde ich das mit keinem Medium so schnell realisieren könne wie eben mit der Tageszeitung. Die Botschaft des vermeintlichen Zeitungssterbens ist doch viel eher die, dass die Menschen sich schlicht nicht mehr wirklich informieren wollen, (weil es möglicherweise auch nicht wichtig ist).

  25. Ein sehr exzellenter Beitrag, der zusammenfässt, was schon an vielen Orten immer wieder gesagt wurde. Ja, der Trend weg vom Papier hin zu den diversen gleichen, doch schnelleren, oft auch besseren Texten, Daten, Fakten im Internet wird immer schneller, stärker.

    Was mir fehlt: die Finanzierung der Journalisten im Internet. Nur dank Guuugel funktioniert nicht. Und nicht jeder Online-Journalist kann/sollte auch gleichzeitig als PR-Berater oder Social Media Berater tätig sein.
    An dieser Stelle also fehlt mir – ganz persönlich – eine Antwort auf die Bezahlung der Online-Journalisten, die eben die Online-Leser schnell und gut mit Informationen versorgen…
    Kannst Du diese Antwort geben?

  26. Sind nicht gerade die Bild- und die Welt-App die großen Nachrichtengewinner in der i-Welt? Was macht denn das Produkt Zeitung aus? Es ist doch nicht die Celluloseunterlage der wichtigste Bestandteil einer Information, so wie die Nachricht keine andere Bedeutung bekommt, weil sie auf eine Steintafel gemeißelt wird. Die Frage nach der Zeitungsnutzung in Umfragen ist mir hier zu einseitig und liefert natürlich das Sterben der Papierformate zu Tage. Aber ob deshalb die (ganzen) Tageszeitungen, vielleicht dann auch überwiegend in LED-Form, gleich mit sterben, bezweifle ich sehr.

  27. Guten Tag!

    Ich bin mit allen Thesen sehr einverstanden.

    Das größte Problem sind die Inhalte – von gestern, viel zu viel Agenturmaterial und Bratwurst im Lokalen.

    So ist die Zeitung einfach kein attraktives Produkt mehr.

    Was mich stört, ist dieses Gemurmel von wegen, wenn die Zeitung sterbe, würde die Gesellschaft etwas verlieren. Aha – vermisst irgendwer das Schwarzweiß-Fernsehen? Oder den Brockhaus?

    Dass die „Tageszeitung“ als „Wochenzeitung“ überleben könnte, glaube ich nicht. Die gibt es nämlich schon – von vielen Verlagen als Stopfzeitung (Anzeigenblatt) kostenlos verteilt oder hier bei uns als Kooperation von Rheinpfalz und Mannheimer Morgen unter dem Namen Sonntag aktuell – wenn das Bedürfnis da wäre, eine solche Zeitung zu lesen, müssten deren Auflagen ja schon steigen. Tun sie aber nicht.

    Um eine Zeitung herzustellen, die Reflektion bietet, braucht es Redakteure, die das können. Ich halte den Großteil der Lokaljournalisten dafür nicht geeignet, sonst würden ab und an auch in den heutigen Formaten solche Stücke auftauchen.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  28. Moin,

    mit Thesen gehe ich zumeist d’accord, aber mir scheint ein Aspekt unberücksichtigt. Dazu ein Zitat von Umberto Eco, das ungefähr so geht:
    Eines der Mißverständnisse, die den allgemeinen Begriff der Bibliothek beherrschen, ist die Vorstellung, daß man in eine Bibliothek geht, um sich ein bestimmtes Buch zu besorgen, dessen Titel man kennt.
    Die Hauptfunktion einer Bibliothek… ist die Möglichkeit zur Entdeckung von Büchern, deren Existenz wir gar nicht vermutet hatten, aber die sich als überaus wichtig für uns erweisen.
    “ (Zitat meritorisch)

    Für Tageszeitungen heisst das: Die Auswahl. Was ist heute wichtig?
    Ich kann mir zu fast jedem Thema mehr und bessere Informationen aus dem Netz beschaffen, ohne Frage.
    Und was die meisten KäseRegional-Blätter als Journalismus verkaufen, ist schandbar, ohne Frage.
    Aber immerhin zeigen sie mir noch, welche Themen es heute sind.

  29. Hallo zusammen, hier meldet sich einer der vergreisten Mitte-Vierziger in den Redaktionen und zitiert eine noch ältere Binsenweisheit:Prognosen sind immer dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Nach der Erfindung von Eisenbahn, Automobil, Traktor etc. hat niemand mehr einen Heller auf die Zukunft des Pferdes in der modernen Gesellschaft gesetzt. Tatsächlich leben heute in Deutschland mehr Pferde als vor der Industrialisierung, sie besetzen nur eine völlig andere Nische. Wir befinden uns sicherlich in einer Zeit des Umbruchs und genau darin liegt das Problem für alle Medien, nicht nur für die Tageszeitungen, sondern auch für Fernsehen, Radio und, ja, auch für alle neuen Formen, die im Internet ihren Platz finden. Letztere sind der virtuell personifizierte Reiz des Neuen und müssen den Beweis noch antreten, dass sie auf Dauer und zuverlässig das leisten können, was unterschiedlichste Generationen mit unterschiedlichsten Ansprüchen, Gewohnheiten und Vorlieben von ihnen erwarten. Zugegeben: Die Lokalzeitungen stecken besonders in der Klemme, weil sie einerseits die Erwartungen ihrer älteren Klientel erfüllen müssen und andererseits sich der neuen Zeit und ihren Anforderungen zu stellen haben. Andererseits bieten sie für den Leser/Nutzer einen großen Vorteil: Wenn ich als Lokaljournalist Murx schreibe, stehen mir meine Leser/Nutzer sofort auf den Füßen. Sie sprechen mich auf der Straße, in der Kneipe oder sonstwo an und waschen mir den Kopf, was durchaus einen Anreiz bietet, vernünftig zu arbeiten. Im Netz herrscht Narrenfreiheit, jeder kann irgendeinen Mist in die Welt setzen, sich Scharlatan2020 nennen und entgeht so leicht dem Zugriff des technisch normalbegabten Users – auch des Jugendlichen. Denn der Spiegel-Text von vor einigen Wochen zum Scheinriesen, der „Generation 2.0“, deckt sich voll und ganz mit meinen Erfahrungen, sei es mit den eigenen Kindern oder denen anderer Eltern: Die weitaus meisten Jugendlichen können nicht einmal Google halbwegs so ergiebig nutzen wie ich es in meiner vergreisten Existenz gerade so noch hinbekomme. Und jedes Mal fangen meine Praktikanten an zu staunen, wenn sie sich, meinem Rat folgend, mit ihren Einstiegs-Rechercheergebnissen aus dem Internet nicht zufrieden geben, sondern diese Informationen auf klassischem Weg hinterfragen und überprüfen durch direkte Gespräche, Telefonate und, und, und. Ohne Internet und ohne die neuen Medienformen geht nichts, schon jetzt nicht mehr und auch nicht in Zukunft, aber die überbordende Arroganz, mit der die selbsternannten Päpste des Web 2.0 ihr eigenes Dasein und ihre eigenen Kommunikationsformen als das einzig seelig Machende für alle Zukunft darstellen, sollte man in aller Ruhe als das sehen, was es ist: als den Versuch, eine von eigenem Geschäftsinteresse geleitete Prognose für die Zukunft als unumstößliche Tatsache hinzustellen, obwohl diese Vorhersagen genauso sicher oder unsicher sind, wie alle in der Vergangenheit aufgestellten.

  30. Guten Tag!

    Herr Schuldt – Sie haben es leider gar nicht verstanden. Selbstverständlich nutzt man auch offline-Quellen, um seine Recherchen abzusichern.

    Natürlich kann jeder Murks ins Internet schreiben, aber auch genauso gut Qualität. Und was Sie als „Narrenfreiheit“ bezeichnen, nenne ich „Meinungsfreiheit“.

    Sie scheinen mir der arrogante zu sein, der denkt, nur die Zeitung darf eine Meinung haben und die ist dann auch noch richtig, der Rest ist Murks.

    Auch Ihr Blick auf ihre Praktikanten und Ihre Selbstdarstellung zeigen Ihre arrogante Haltung, die Ihnen sicher nicht leid tut, aber das irgendwann vermultich wird.

    Ich lerne von meinen Praktikanten – wie sie die Welt sehen, was sie interessiert und was sie können. Denn die Praktikanten sind auch die LeserInnen von morgen.

    Schönen Tag
    Hardy Prothmann

  31. Dazu erinnere ich mich an die „12 laws that will shape the news we get“ aus Ken Doctors Buch „Newsonomics“.

    Er spricht übrigens demnächst auf einem spannenden internationalen Kongress in Düsseldorf:
    http://www.world-after-advertising.com

    (…für den es auch zufällig noch Early Bird Tickets gibt :))

  32. Wow, wow, wow. This is some serious stuff here! Und ich könnte nicht weniger mit diesen Thesen übereinstimmen.

    „Man will ihnen klar machen, dass angeblich nicht mal jeder Zweite in der Gruppe der 14-19jährigen noch zur Tageszeitung greift.“ – Ok. Nochmal zum mitschreiben. Knapp unter 50% der 14-19 jährigen greifen zu einer Tageszeitung? Und das ist was? Schockierend wenig? Das ist doch unfassbar viel!
    Deutschland zählt weltweit zu den Ländern wo die meisten Printmedien gelesen werden. Nämlich zwischen 40 – 65%. Da passt die von dir angegebene Zahl doch perfekt ins Bild!
    Mehr hier: http://jcmc.indiana.edu/vol11/issue1/hermeking.html

    „Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache.“ Was meinst du mit so einem Satz? Ich vermisse über den ganzen Post hinweg auch nur irgendeinen Ansatz von Recherche der mich diese Thesen glauben lassen könnte. No link, no nothing.

    Die Tageszeitungen haben ein Kompetenz problem? Sie werden in eine Nische wandern? Wie kommst du auf sowas? Im deutschen Sprachraum ist internetweit Datenschutz, Netzsicherheit und co. DAS Thema. Das muss ich wohl kaum erwähnen. Dass etablierte Marken hier deshalb mit einem immensen Vertrauensvorsprung gegenüber jedem kuhlen Blog ankommen, DASS ist etwas, das liegt auf der Hand.

    Das Ipad, das ist ein Nischenprodukt.

    Nun gut. Dieser Post hat mehr mit Stammtischgeplauder zu tun, als mit seriösem blogging. Ich weiß nicht, vielleicht war das ja auch der Plan.

    Is there some meat left? Das bleibt meine letzte Frage an dich. Vielleicht hast du einfach zu wenig deiner Recherche offensichtlich einfließen lassen. Obwohl ich das stark bezweifle.

  33. Echt? Sechs Millionen verkaufte iPads nach ein paar Monaten hältst du für ein „Nischenprodukt“? Wann geht denn dann bei dir der Massenmarkt los, hm?

    Weniger als 50 Prozent Nutzung beim jungen Publikum hälgtst du für „unfassbar viel“? Was würdest du sagen, wenn du wüsstest, dass es vor zehn Jahren noch deutlich über 70 Prozent waren und die Zahlen seitdem stetig sinken?

    Und was haben Datenschutz und Netzsicherhet mit der Tageszeitung zu tun?

    Stammtischgeplauder? Ach herrje. Dampfplauderer.

  34. Nana, also Untergriffigkeit wollte ich mit meinem comment nicht auslösen. Schon gar nicht vom Hausherrn. Nur die Einleitung zu diesem Post hat mich auf „Stammtischgeplauder“ schließen lassen. Bin eigentlich an einer guten Diskussion interessiert.

    Woher nimmst du die Anzahl von „deutlich über 70%“? Gibts einen Link dazu?

    Mein Punkt ist, dass Blogging viel weniger fortgeschritten ist in unseren Breiten als beispielsweise in Amerika. Was ist der Grund dafür frage ich mich? Haben Online-Zeitungen nicht viel mehr Zukunft als blogs im deutschsprachigen Bereich? Und wenn du meinst Zeitungen werden Nischen füllen, wer füllt die großen Löcher, die Zeitungen hinterlassen?

    Das sind eigentlich keine rhetorischen Fragen ;). Ich habe bereits bei meinem ersten comment gehofft, dass du ein paar mehr Fragen beantworten würdest.

    Datenschutz und Netzsicherheit. Hmm. Nochmals. Meine Ratio hierzu ist, wer sich so viele Gedanken zu sicherem Fortbewegen im Netz macht, wie unser einer, der sollte etablierte Zeitungsnamen doch bevorzugen anstatt blogs. Wieso sollten letzere also Zeitungen verdrängen?

    @Ipad. Bei 275 Mio verkauften Computern 2010 bis jetzt und 1000 Mio. Computern in Verwendung. Ja, das Ipad ist ein Nischenprodukt. (sollen ja sogar schon 7,5 Mio verkauft sein 😉
    Wie sich die tablet kultur weiterentwickelt, das bleibt abzuwarten. Nur wird content so oder so mehr online gelesen. Meinst du ja auch. Ich sehe also nicht wieso das in diese Diskussion passt.

    Die print vs. online Diskussion halte ich für unnötig und wenig spannend. Aber die „Wer online“ – Diskussion, ist interessant. Hier werden also blogs sich durchsetzen? Der Zweifel nagt.

  35. Die Verlage szw. Journalisten sind nicht die einzigen, die nicht so rihhtig verstanden haben, das Netz als Kommunikationsplattform zu benutzen. Viele Firmen und letzten Endes auch viele Social-Media- und PR-Berater wiseen das auch nicht. Von dem her ist das kein Alleinstellungsmerkmal der Zeitungsbranche, nur dass ss sie besonders hart trifft. Übrigens kenne ich niemanden, der in meiner Altersgruppe um die 30 oder jünger eine Zeitung abonniert hat oder regelmäßig kauf oder überhaupt reinguckt.

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