Neues Leben in den Nischen

Auf den ersten Blick haben Journalismus und die geplante Volkszählung in den 80er der alten, gemütlichen Bundesrepublik nicht sehr viel miteinander zu tun. Eigentlich sogar: gar nichts. Nur eines haben die beiden Dinge gemeinsam: Damals wie heute hat man, wenn auch in einem sehr unterschiedlichen Kontext, Computer als eine Bedrohung empfunden. Und interessanterweise dachte man damals wie heute, man könne mit solider Handarbeit einfach so weitermachen wie bisher und darauf vertrauen, dass man dieses unheimliche Computerzeug irgendwie abwehren könnte. Die damals frisch in den Bundestag eingezogenen Grünen beispielsweise weigerten sich damals, auch nur einen einzigen Computer in ihren Büros aufzustellen und konnten sich damals wenigstens dafür einiger Sympathien sicher sein. Der Computer als solcher wurde in jedem Fall nicht nur als schwer (besser: eigentlich gar nicht) beherrschbar empfunden und dass Computer Arbeitsplätze kaputt machen, galt ohnehin als ausgemacht. War ja auch klar: Wenn ein Computer die ganze Arbeit macht, braucht man ja keine Menschen mehr. So war das damals und wenn Sie das nicht glauben, weil Sie damals vielleicht noch gar nicht auf der Welt waren: Fragen Sie mal Menschen, die irgendwann Anfang der 80er ihr Abi gemacht haben.

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Auf die Idee, dass Computer eine komplette virtuelle Welt erschaffen, ganze Waren- und Informationsströme durch irgendwelche Leitungen verschoben und auf irgendwelchen Bildschirmen wieder auftauchen, wäre damals kein Mensch gekommen. Gerade mal 20 Jahre später muss man dann doch feststellen, dass die Idee, Computer würden ersatzlos Arbeitsplätze und eine vollständige Ökonomie zerstören, eher absurd war. Im Grunde war es so wie immer: Eine bestehende Form der Arbeit ging kaputt,  dafür entstanden an anderer Stelle völlig neue Formen von Arbeit und Ökonomie. Zugegeben: Mit allen Verwerfungen, die so etwas nun mal mit sich bringt.

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Womit wir endlich beim Thema Journalismus wären, dessen Untergang momentan gerne beschworen wird. Interessanterweise sollen es ja übrigens auch immer wir Digitaler sein, die  dieses Szenario an die Wand werfen. Ganz so, als würden sich digitale Medien und guter Journalismus irgendwie ausschließen.  Das ist in etwa so sinnig wie diese ganze Journalisten vs. Blogger-Debatte, bei der man sich auch regelmäßig fragt: Wieso sollen sich Blogs und Journalismus ausschließen, warum sollten Blogs Journalismus kaputt machen und umgekehrt?

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Man hört momentan ja irgendwie so furchtbar viel von der Krise des Journalismus, der Herr Raue beispielsweise hat mit einem einfachen Satz für helle Aufregung gesorgt (zumindest in der analogen Welt). Raue stellte fest, dass Zeitungen dabei sein, ihre Stammleser zu verlieren, woran im Übrigen die Journalisten nicht ganz unschuldig seien. Daraus wurde dann gleich ein „Warnruf“, was ziemlich lustig war, weil man in der digitalen Welt eigentlich seit Jahren von nichts anderem redet, man sich dann aber dann doch wieder freut, wenn diese Erkenntnis langsam auch mal in Analogien angekommen ist. Dass Journalisten an den Problemen ihres Berufs auch ein bisschen selbst schuld sein könnten, ist ja keine so wirklich erstaunliche Erkenntnis.

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Mit dem bösen Internet hat das natürlich auch etwas zu tun, aber bei weitem nicht so viel, wie man das gemeinhin inzwischen gerne darstellt. Damit macht man es sich ein bisschen arg einfach, zumal dann, wenn man dann noch das Buzzword „Kostenloskultur“ fallen lässt. Das größte Problem, dass das Netz dem Journalismus bereitet, ist nicht die Kostenlos-Kultur (von der ich eh nicht glaube, dass es sie so pauschal gibt). Das Problem ist ein schlagartiges Überangebot an Information, nicht nur in der Quantität, sondern auch in der Qualität. Ein solches gigantisches Angebot sowohl an Inhalten als auch an Endgeräten (zu diesen „Endgeräten“ darf man meinetwegen auch Papier zählen) sorgt zwangsweise für eine Extremfragmentierung eines Marktes. Es gibt schlichtweg keinen Grund mehr für nur einen Kanal für Videos, für einen Kanal für Audios und für einen Lesekanal. Und schon gleich gar nicht mehr für nur einen oder zwei Nachrichtenanbieter. Man sieht das gerade sehr schön am Versuch von Murdoch, seine Blätter in Großbritannien hinter der Paywall zu verschanzen. Das Problem für Murdoch ist ja nicht, dass die Menschen inzwischen gar nichts an niemanden zahlen wollen. Das Problem ist, dass sie das, was Murdoch anbietet, anderswo eben auch bekommen. 90 Prozent seiner Leser sind weg, geblieben sind die vermutlich ganz hartnäckigen Freunde des Blattes. Das ist nichts Aufregendes und auch kein Phäomen des Journalismus. Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

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Und weil ja nun nicht zu erwarten ist, dass die zehn Eisverkäufer auf einmal alle Geld verlangen und man die anderen Eisverkäufer auch nicht einfach des Platzes verweisen kann, wird man sich etwas einfallen lassen müssen (eine neue Eissorte vielleicht). Auch das ist eine Erkenntnis, die man einem BWL-Studenten im 2. Semester kaum mehr erzählen braucht.  Da ticken Eisverkäufer und Medien durchaus ähnlich. Schließlich gibt es auch in unserer vermeintlich so gebeutelten Branche genügend Beispiele, wie sich in den Nischen von neuen Ideen auch neues Leben entwickelt. „Landlust“ beispielsweise legt jedes Quartal exorbitant zu. Nicht, dass ich „Landlust“ als Beispiel für besonders hochwertigen Journalismus ins Feld führen will, aber als Trendsetter taugt das Blatt allemal: Journalismus funktioniert dann, wenn er sich darauf einstellt, dass die Bedürfnisse spezialisierter werden und dass man in einem fragmentierten Markt eben nicht mehr die bunte Wundertüte auspacken darf.

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Journalismus hat Potential und Zukunft. Selbst dann, wenn wir momentan tatsächlich den Niedergang sehr konventioneller Modelle erleben. Journalismus hat erstens dann Zukuft, wenn er endlich aufhört, sich beispielsweise als „Printjournalismus“ zu bezeichnen. Was soll das sein?  Journalismus hat Zukunft, wenn er sich als Journalismus begreift und sich nicht sklavisch an einen Vertreibskanal kettet. Journalismus hat zweitens dann Zukunft, wenn er aufhört, dass alle das immer gleiche transportieren. Das gilt übrigens auch für Onlineangebote. Dass beispielsweise „Spiegel Online“ vermutlich noch für viele Jahre die Marktführerschaft bei den Nachrichtenseiten haben wird, liegt auch daran, dass alle Mitbewerber so sein wollen wie „Spiegel Online“. Man sieht das sehr schön an „Stern.de“, dessen Chefredakteur Frank Thomsen 2007 auf einer Podiumsdiskussion angekündigt hatte, in fünf Jahren SPON überholt zu haben.  Dass das nicht geklappt hat, liegt auch daran, dass stern.de immer aussah wie ein SPON-Klon, was allerdings für viele andere Nachrichtenseiten ebenfalls gilt. (Zugegeben: Was stern.de inzwischen sein soll, wissen sie vermutlich nicht mal beim „Stern“ selber, momentan macht er mit einer Geschichte über die besten Wellness-Hotels Deutschlands auf, wofür man sich inzwischen sogar beim „Focus“ zu blöd wäre).

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Klar brauchen wir also auch weiter Journalismus. Einen, der endlich anfängt, sich neu zu erfinden. Der nicht lamentiert, dass früher alles schöner und einfacher war. Der sein Heil darin sieht, darauf zu verweisen, dass seine Arbeit wertvoll und damit auch teuer sei. Dem Eisverkäufer würde eine solche Argumentation schließlich auch nicht viel nutzen. Vergesst die Vergangenheit. Versucht es lieber mal mit Kürbiseis.

9 Gedanken zu „Neues Leben in den Nischen

  1. Guten Tag!

    Hui – ich heute der erste schlaflose Mensch, der hier kommentiert.

    Ich wiederspreche Ihnen – Herr Jakubetz. Der Journalismus muss sich überhaupt nicht neu erfinden – es würde schon reichen, wenn ein Großteil der Journalisten mal für eine Zeit X in Klausur gehen und sich ernsthaft fragen, was sie eigentlich damit verbinden, Journalisten zu sein.

    Wenn diese Leute sich dann an die vorhandenen Tugenden erinnern, nämlich zu informieren, statt voneinander abzuschreiben, Lobbyisten-Interessen zu bedienen und blödes Zeug aufzuschreiben, dann wär alles schon viel besser.

    Ich freue mich gerade so richtig über einen „Scoop“, der mir gelungen ist.
    Mein kleines hirschbergblog über eine überwiegend konservative Gemeinde am Rand der nordbadischen Bergstraße hat im Mittel 600-1.000 Besucher am Tag. Das ist viel und erstaunlich und gegenüber Spiegel online quasi fast nichts.

    Es ist aber mehr als nichts, wenn auch nicht viel 😉

    Am Mittwoch vergangener Woche kommt ein „hochrangiger CDU-Politiker“ ins Dorf und redet unaufhörlich Blödsinn vor 28 überwiegend alten Männern (das ist nicht despektierlich gemeint, sondern eine Tatsache).

    Der Vortrag hat mir körperlich fast weh getan, ich hatte tatsächlich mehrfach den Wunsch zu fliehen, weil so schrecklich war.

    Aber ich habe durchgehalten. Und ganz zum Ende sagt CDU-Fraktionschef Peter Hauk: „Ob S21 nun 10 oder 15 Milliarden Euro kostet, kann Baden-Württemberg wurscht sein.“

    Der Text ist seit Montag über 22.000 Mal aufgerufen worden, wurde verlinkt, getwittert, gefacebookt und 70 Mal (überwiegend interessant) kommentiert.

    http://hirschbergblog.de/2010/10/25/cdu-spitzenpolitiker-peter-hauk-ob-das-10-oder-15-milliarden-kostet-kann-baden-wurttemberg-wurscht-sein/

    Mitten im verschlafen Kaff an der Bergstraße entsteht also eine große Nachricht – für meine Verhältnisse ein Scoop.

    Warum? Einfach, weil ich durchgehalten habe. Ausgeharrt habe und weil ich das Absurde als Realtität verstanden und aufgeschrieben habe.

    Ganz einfach, ohne Attitüde, aber mit zweitägigem Nachdenken, wie man diese ganz unglaubliche Vorstellung wohl aufschreiben könnte.

    Die „Konkurrenz“, Weinheimer Nachrichten und Rhein-Neckar-Zeitung, ist früher gegangen, hat scheinbar alles „brav“ berichtet, aus 28 Gästen mal eben 50 gemacht und so alle LeserInnen angelogen und sich auf gefällige Zitate und „souveräne Reden“ selbst kastriert.

    Ich habe an diesem Abend überhaupt nichts neu erfunden, sondern einfach nur alle Sinne wirken lassen, mich umgeschaut, Leute gezählt, versucht die Stimmung zu erfassen und das frei nach Tucholsky „aufgeschreiben“.

    Erfunden haben die „Kollegen“ vom Print mehr Zuschauer als da waren, „souveräne Auftritte“, die einfach hohles Gebabbel waren, „interessante“ Informationen, die noch hohleres PR- und Wahlkampfgeschwätz waren und damit die Wirklichkeit komplett verzerrt.

    Vorgestern habe ich die Kollegen wiedergetroffen, zur Gemeinderatssitzung in Hirschberg. Bislang hat man sich wenigstens gegrüßt und die Hand gegeben. Das ist jetzt vorbei. Kein Blick, kein Gruß, keine Hand.

    Geht für mich in Ordnung – ich kann darauf verzichten. Auch die örtlichen CDU-Granden waren sichtbar nervös und suchten keinen Kontakt, sonst gabs immer ein „Trallala, ah, der Herr Prothmann“ – dabei sind die überhaupt nicht kritisiert worden.

    Was ist passiert? Ich habe mit diesem Text die heile Welt aus Lokalgranden und Schönschreibern in Frage gestellt. Eherne Gesetze verletzt, weil ich aufgeschrieben habe, was war und nicht, was ich mir ausgedacht habe.

    Das verstört zutiefst.

    Hirschberg ist eins von vielen Dörfern in Deutschland – und ich bin mir sicher, dass es in fast allen Dörfern so zugeht. Die Dorfgranden machen, was sie wollen, die Bratwurstjournalisten grillen irgendwelche erfundenen Geschichten und alle sind glücklich, froh, zufrieden und dankbar.

    Niemand muss hier was neu erfinden, sonder überhaupt erstmal entdecken, was Journalismus sein sollte – egal in welchem Medium.

    Im Lokalen und in der Fläche dominieren immer noch die Lokal- und Regionalzeitungen. Oft vollständig verantwortungslos gegenüber ihrem Beruf und viel schlimmer, gegenüber Menschen, die ihnen (gerne noch) vertrauen.

    Nennen Sie das Eis, dass ich anbiete, wie sie wollen, meinetwegen Kürbiseis. Aber auch hier kommt es darauf an, obs nur ein Aroma ist oder ob auch was drinsteckt. In meinem Kürbiseis sind Kerne.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  2. Ein Kürbiseis mit Kernen verkauft sich aber nicht so gut 😉

    „Neues Leben in den Nischen“ lautet die Überschrift. Nicht jeder Verlag soll ein neues SPON werden wollen, sondern seine Nische finden und sich darauf konzentrieren. Was nicht das Kerngeschäft ist, wird verlinkt.

    Dies trifft auf Herrn Prothmann zu. Sie haben Ihre Nische gefunden: Das Lokale.

  3. Wie die Lemminge zieht es die Journalisten heute auf den Boulevard – sorry: zu irrelevantem ‚Infotainment‘ und gefälligen ‚Lifestyle-Themen‘ natürlich. Ihre eigentliche Aufgabe – nämlich eine polische Instanz und ein gesellschaftlicher Kompass zu sein – die haben sie komplett vergessen. Um es mit Gay Talese zu sagen: Ein Journalist, der ‚oben‘ nicht unbeliebt ist, der ist auch keiner. Hier liegt der Kern des Problems. Aus Wadenbeißern sind Schoßhündchen geworden, die vor allem da kläffend Skandal machen, wo keiner ist. Und die dann immer gern noch ein Leckerli aus Herrchens Hand nehmen …

  4. Nur eine Anmerkung zu einer kurzen Passage in diesem Post: Was Daniel Bouhs in Meedia (http://fwd4.me/kog) über Paul-Josef Raues Journalismusplädoyer in Rom schrieb, hat einen ganz entscheidenden Fehler (ich weiß das, weil ich auch dabei war): Er sprach nicht davon, dass Journalisten „wieder“ Nachrichten entdecken müssen, statt sie zu verwalten. Er sprach davon, dass sie’s „jetzt“ (endlich) tun müssen.
    Im Regelfall haben wir Journalisten das in den Jahrzehnten, in denen wir Mittler zwischen den Herrschenden unten und dem Volk unten waren, nicht gemacht. Es geht also – so Raue – um einen neuen Journalismus: um das Themen setzen, die Bedürfnisse der Leser/User kennen und Leser/User beteiligen und in der Konsequenz ist auch der Fortbestand der Demokratie ein Zukunftsthema.
    In diesen Fragen unterscheiden sich aber Print und Online bisher nicht. Ob es nun dieser Blog ist oder Heddesheim oder was weiß ich, ein neuer Journalismus ist hier nicht verwirklicht. Im Gegenteil: Im Unterschied zur Tageszeitung wird jeweils nur eine klar definierte Zielgruppe angesprochen, deren Erwartungen den Blog-Autoren ziemlich klar sind.
    Aber die Menschen tatsächlich zu erreichen und anzusprechen und das auch noch in der Breite, das es dauerhaft finanziert werden kann, das ist die eigentliche Herausforderung. Das war auch das Thema der Diskussion in Rom. Raue hat nur dargestellt, was ist, ein Online-Plädoyer war dieser „Warnruf“ nicht, Kollegen-Bashing auch nicht.

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