Erkenntnislose Bekenntnisse

Streiten kann man sich, wenn es um Medien geht, inzwischen um fast alles. Keine Theorie, zu der es nicht eine halbwegs plausible Gegentheorie gibt, keine neue Entwicklung, die man nicht erst einmal unter Hype-Generalverdacht stellen müsste. Um eines allerdings wird nicht mehr gestritten, nicht mal unter den Allerkonservativsten: Wir sind mitten drin im größtmöglichen Umbruch. Nur welche Konsequenzen man daraus zieht, darüber lässt sich auch in den nächsten Jahren trefflich debattieren.

Dabei verlaufen inzwischen Grenzen fließend, die in der bisherigen Welt noch als ziemlich scharf gegolten hätten. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) beispielsweise hat heute während seiner Jahresveranstaltung in Essen eine nach dem Tagungsort benannte Erklärung herausgegeben, die beispielsweise der Zeitungsverlegerverband sofort ohne größeres Redigieren unterschreiben würde. Auf einen simplen Nenner zusammengefasst bedient der DJV leider einen Reflex, den man allenfalls als menschlich bezeichnen könnte: Man möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Und die Politik soll dabei fleißig mithelfen. Was erst einigermaßen verschwurbelt daher kommt, wird dann doch irgendwann konkret. Der DJV setzt sich massiv für das Leistungsschutzrecht und damit jene Bewahrermentalität ein, die die Probleme unseres Berufs mehr verstärken den lindern wird. Eine neue Medienpolitik, so der DJV, müssen die „kreative Leistung des Urhebers fördern und nicht nur die Verwertung dieser Inhalte im Blickwinkel haben“. Das ist eine ziemlich euphemistische Formulierung dafür, dass man gesetzgeberischen Protektionismus fordert.

Man könnte es ganz gut bei diesen wenigen Sätzen belassen, weil damit letztendlich nichts Neues gesagt wird. Die Befürworter und die Gegner des Leistungsschutzrechts haben alle Argumente ausgetauscht, auch aus der DJV-Erklärung geht leider nicht sehr viel mehr hervor, als dass man über eine grundlegende Veränderung der Branche nicht nachzudenken bereit ist. Doch genau das ist auch der Grund, warum man als (Achtung, Disclaimer) DJV-Mitglied mit dieser Sache nicht einverstanden sein kann — aus eher grundsätzlichen Erwägungen. Mag ja sein, dass solche Sachen wie Flashmobs in Essen plötzlich schick sind, kann auch sein, dass man die eine oder andere Demoaktion originell fand (man trifft sich um 5 vor 12, um sich dann den Strick….gähn). Es ist nur einfach ärgerlich, dass der immer noch größte Journalistenverband in Deutschland es nicht der Mühe wert findet, sich wenigstens ein paar Gedanken darüber zu machen, wie unser Job in Zukunft aussehen und finanziert werden könnte. Stattdessen will man seine eigenen Leistungen geschützt sehen und verweist mantraartig darauf, dass es ohne sie nicht gehen wird. Exemplarisch dafür ist die Auffassung, dass „Soziale Netzwerke und Blogs“ zwar „neue Formen der Öffentlichkeit und neue Möglichkeiten der Meinungsäußerungen“ schaffen würden, gleichzeitig aber „seriöse Meinungsbildung durch qualifizierten Journalismus“ nicht ersetzen könnte.

Das alles ist ein kleines bisschen langweilig. Niemand, der noch halbwegs klar bei Sinnen ist, hat das jemals behauptet. Es ist eine uralte Debatte, bei der man sich wundert, das sie Ende 2010 noch geführt wird und für die der DJV allen Ernstes noch eine eigene „Erklärung“ rausgibt. Vor allem ist das nicht das eigentliche Thema, das für die Zukunft des Journalismus relevant ist. Kein einziges Wort verliert der Verband über die gravierenden Veränderungen sowohl in der Ökonomie des Journalismus als auch in den Veränderungen unseres Berufsbildes.

Vergesst Paid Content, schafft endlich neue Finanzierungswege für den Journalismus! Eine solche Forderung hätte man gerne in der Erklärung, anstatt der ewigen Bewahrungslitanei. Man muss nicht jede dieser neuen Formen, die es vor allem in den USA immer häufiger gibt, kritiklos gut finden. Aber schön wäre es, wenn der DJV sich damit zumindest auseinandergesetzt hätte. Wenn er sich als Ideengeber präsentiert hätte, als ein Verband, der sich mit den Veränderungen offensiv auseinandersetzt.

Das gilt auch für unser Berufsbild. Wer glaubt denn ernsthaft noch, dass Journalisten in zehn Jahren noch so arbeiten wie heute? Wo sind Ideen und Leitsätze für ein Berufsbild, das zunehmend auch die Kommunikation, die Moderation, den Dialog beinhaltet? Journalisten als Moderatoren eines gesellschaftlichen Diskurs – auch das hätte ich tausendmal lieber gelesen als die ichweißnichtwievielte Wiederholung, dass nur wir für qualifizierte Information sorgen könnten. Wenn wir nicht mitdiskutieren, werden die Diskussionen über unsere hoch qualifizierten Inhalte eben woanders stattfinden. Nicht nur außerhalb unserer Kanäle — sondern auch ohne unsere Beteiligung. Das wäre mittelfristig für den Journalismus ein deutlich größeres Problem als Google.

Kein Wort davon, leider, in der „Essener Erklärung“. DJV-Vorsitzender Michael Konken spricht stattdessen davon, die Erklärung sei ein „klares Bekenntnis zu den Grundwerten des Journalismus“.

Aber wer, lieber Herr Konken, hat die eigentlich in Frage gestellt?

33 Gedanken zu „Erkenntnislose Bekenntnisse

  1. Guten Morgen,

    Chapeau – ich bin also doch nicht allein mit meiner Auffassung, dass die Methoden, wie heute journalistische Arbeit finanziert wird, aus einer Zeit stammen, als auch die journalistische Arbeit noch eine andere war. Als auch das Verhältnis von freiberuflichen Journalisten rein mengenmäßig betrachtet zu festangestellten Kollegen im DJV noch ein anderes war.

    Deswegen im Folgenden einige Thesen:

    1. Der DJV sollte der Veränderung seiner Mitgliederschaft endlich Rechnung tragen und im Namen eher den berufsverbandlichen Charakter ausdrücken – mit dem Hinweis, dass die Interessen der festangestellten und arbeitnehmerähnlichen Kollegen mit vertreten werden.

    2. Ungeachtet der Tatsache, dass der Beruf des Journalisten oder des Redakteurs kein reglementierter Beruf ist, sollte politisch für die Einführung einer verbindlichen Honorarordnung gekämpft werden, wie sie bei Ärzten, Anwälten und den Angehörigen anderer freien Berufe üblich ist.

    3. Ein Weg dies zu untermauern, wäre dem Beruf des Journalisten einen verfassungsmäßigen Rang als publizistische Kontrollinstanz über die Einhaltung der verfassungsmäßig garantierten Grundrechte und demokratisch legitimierten Gestaltungselemente (Gewaltenteilung) unserer Gesellschaft einzuräumen.

    3a. Dies würde allerdings bedeuten, dass Journalisten zumindest eine grundlegende Kenntnis über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Mechanismen nachweisen sollten.

    3b. Da Sprache das zentrale Werkzeug des Denkens, der Verständigung und der Wissensvermittlung ist, sollte mit als Grundlage für die hauptberufliche Tätigkeit eines Journalisten definiert werden, dass diese Sprache klar und unmißverständlich sein sollte.

    4. Aus 3 und 3a ergibt sich zwangsläufig eine Reaktion auf den Wandel des rein beobachtenden Journalisten hin zum kommentierenden, moderierenden Journalisten. Gerade dieser Wandel fordert umso mehr eine klare Sprache, die gegebenenfalls das Gegenüber ebenfalls zu einer klaren Sprache zwingt (Praxisbeispiel: Politikersprache im Verhältnis zu normalem Alltagshochdeutsch).

    5. Die Tatsache, dass sich die Bürgerschaft immer mehr in die politische Gestaltung aktiv einmischt, bietet dem Journalismus neue Möglichkeiten, der allerdings das gewohnte Meinungsprägebild zum Schwanken bringen könnte:
    Zusammenhänge nach journalistischen Grundsätzen zu recherchieren und aufzubereiten könnte dazu führen, dass „Geschichten“ nicht mehr in den klassischen etablierten Zeitungen stattfinden, sondern auf und in den diversen Online-Plattformen. Die Bezahlung könnte hierbei aus der Mitte der Bürgerschaft geschehen.
    Dass könnte wie im Fall der Ruhrbarone dazu führen, dass plötzlich aus einem reinen Onlinemedium auch ein gedrucktes Medium wird.
    Insgesamt würde diese Entwicklung jedenfalls wieder mehr echte publizistische Vielfalt bedeuten und den vielfältigen Meinungs-, Gedanken- und Überzeugungsbildern in einer pluralistischen Gesellschaft wieder eher gerecht werden.

    Schlussbemerkung:
    Hierin liegt die eigentliche Chance für einen modernen zeitgemäßen Journalismus und den Journalistenberuf. Diejenigen Journalisten, die das verstehen und angehen, werden in absehbarer Zeit einen besseren Stand haben als diejenigen, die sich an die überkommenen Verhaltensmuster klammern ohne sie anpassen zu wollen.
    Was zählt, sind Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit. Dies dürfte von einer misstrauisch gewordenen Bürgerschaft am ehesten anerkannt und honoriert werden.

  2. Sie fragen, wer eigentlich die Grundwerte des Journalismus in Frage stellt. Sie werden immer wieder in Frage gestellt, nicht zuletzt von den Verlagsmanagern. Wir kämpfen dafür, dass sie erhalten bleiben.
    Die Branche verändert sich grundlegend. Das Berufsbild ändert sich. Das ist uns nicht entgangen. Dem tragen wir Rechnung – mit unserer täglichen Arbeit. Wir führen fortlaufend Tarifverhandlungen, kämpfen um die Durchsetzung der Gemeinsamen Vergütungsregeln und ziehen für unsere Mitglieder vor Gericht. Gestern sind die DJV?Delegierten zudem für die Zukunft des Journalismus auf die Straße gegangen: http://www.youtube.com/watch?v=Gt_xM6dkwwU .
    Fest steht auch, dass das Leistungsschutzrecht kommt. Daran ist nichts mehr zu rütteln. Nicht nur ist es im Koalitionsvertrag festgehalten, sondern die Bundesjustizministerin hat dies mehrfach öffentlich betont. Wir kämpfen dafür, dass von einem solchen Gesetz nicht nur die Verlagsmanager, sondern auch die Urheber profitieren. Schön wäre es, wenn auch die Verlagsmanager die Essener Erklärung unterschreiben würden. Das tun sie aber bestimmt nicht.

  3. @Christian: Habe ich da etwas verpasst? Meines Wissens setzt sich der DJV mitnichten „massiv“ für das Leistungsschutzrecht ein. Der DJV beharrt lediglich darauf, dass die Urheber angemessen beteiligt werden, falls eine Leistungsschutzabgabe eingeführt werden sollte.

    Die Positionen des DJV zum Thema stehen hier:
    http://www.djv.de/Leistungsschutzrecht-Verleger.3080.0.html

    Ich persönlich stimme NRW-Medienministerin Angelica Schwall-Düren zu, die beim DJV-Verbandstag Folgendes sagte: „Ein Leistungsschutzrecht ersetzt kein Geschäftsmodell!“

  4. @Hendrik Zörner: Und was, lieber Herr Zörner, denken Sie, wird das Leistungsschutzrecht dem Journalismus bringen, außer noch mehr Abwanderung von Lesern? Und glauben Sie wirklich, dass der DJV (ich betone nochmal: ich bin Mitglied, kein externen Motzer) irgendeinen Grundwert des Journalismus rettet, indem er das Leistungsschutzrecht propagiert?

  5. Ich habe am DJV-Verbandstag teilgenommen. Im Nachhinein ärgere ich mich wieder mal, dass ich nichts gegen das Veröffentlichen solcher Verlautbarungen gesagt habe. Christians Kritik muss ich leider fast vollauf teilen (sorry, ich kann jetzt beim besten Willen nicht auf Details eingehen, es fehlt mir die Zeit).

    Als Außenstehender sollte man freilich auch wissen, dass es beim DJV seit Jahren nicht unerhebliche interne Streitigkeiten gibt, die gerade bei solchen Mitgliederversammlungen die Beteiligten viel Kraft und Nerven kosten; siehe unter anderem, das „Journalist“-Interview mit dem DJV-Geschäftsführer oder per Twitter geäußerte Stoßseufzer: „Ich fühl mich heut so AusgeBrandenburgt“ bringt den Dienstag bei #DJV10 gut auf den Punkt.“ Diese Malaise kommt leider noch hinzu.

    Aber trotzdem wünsche ich mir sehr, dass sich meine Gewerkschaft stärker und auf andere, offenerer Art und Weise den Herausforderungen des Medienwandels widmet und eben nicht mit solchen weichen Resolutionen an die Öffentlichkeit geht.

    Ja, schwer ist leicht was. Aber noch eine Bitte an Dich, Christian, und an andere DJV-Kritiker: Kommt doch einfach mal zu unseren Veranstaltungen und schaut Euch das an und diskutiert dort mit. Ich weiß, dass klingt jetzt vielleicht auch altbacken, aber es erweist sich zumeist als sehr hilfreich für die Sache.

    Anmerkung: Ich bin ehrenamtlicher Vorsitzender des Fachausschuss des Online im DJV; das oben genannte ist meine private Meinung.

  6. Gratuliere zu diesem Beitrag. Zukunftsfähig ist der DJV derzeit in keiner Weise. Aber es klappt ja auch mit dem Bewahren der alten Werte nicht.

    Nach dem Desaster bei den Tarifabschlüssen von 2004 droht jetzt die nächste Pleite bei den Tarifverhandlungen auf die Hendrik Zörner verweist.

    In der Aussprache über die Tarife wurde kein Konzept genannt, wie man in Zukunft seine Forderungen durchsetzen könne. Viel Weinerlichkeit und Fehlanzeige bei neuen Ideen.

    Erfolgreiche Tarifabschlüsse wird es auch in Zukunft nicht mehr geben, falls man nicht endlich anfängt den Markt zu verändern. Neue Geschäftsmodelle (Börsen für Zweitverwertung, Micropayment, Förderung von Hyperlokaljournalismus, etc.) sind Voraussetzung für bessere Einkommen der Freien und eine Verknappung des Überangebots an Journalisten.

    Gut verdienende Freie sind die Basis für die Tarifarbeit. Aber für die Freien gibt es im DJV regelmäßig nur die Hinweise auf die hohen Ausgaben beim Rechtsschutz, den sie verursachen würden und man also wirklich viel für die Freien ausgeben würde.

    Die letzte Großtat für die Freien sollen ja die Vergütungsregeln für die Freien gewesen sein. Mittlerweile bestätigen sich die Befürchtungen, die wir schon lange hatte: Der Topf für Honorare wird dadurch nicht größer – er wird nur anders verteilt. Was soll das bringen?

    Ebenso blödsinnig sind die fortlaufenden Hinweise auf den sogenannten Qualitätsjournalismus. Was soll das denn sein? Wie soll Qualität definiert sein? Das ist nur ein weiteres Feigenblatt zum Bedecken der vielen Defizite in der Verbandsarbeit. Es klingt wichtig und niemand wird wohl schlechte Qualität einfordern wollen.

    Der DJV ist und bleibt eine antiquierte Gewerkschaft, die auch weiterhin Tarifverträge und nutzlose Resolutionen als Kerngeschäft sieht. Die wöchentlichen Jammerbotschaften von Zörner und ihr Nichtecho belegen dies eindrücklich.

  7. logo, beim Verbandstag nichts sagen aus dedr Angst heraus, es könnte ja andere Meinungen im direkten Diskurs entsthen. Dann doch lieber anonym per Blog. Toller Journalist

  8. @Christian: Zwischen der Einschätzung, dass ein Gesetz verabschiedet wird (eine Einschätzung, die sich in diesem Fall mit Leutheusser-Schnarrenbergers deckt), und der „massiven“ Unterstützung dieses Gesetzes besteht meiner Meinung nach ein großer Unterschied.

    Ich bin auf Basis der derzeit vorliegenden Infos gegen die geplante Leistungsschutzabgabe, halte es aber für selbstverständlich, dass die Journalistengewerkschaften für den Fall vorsorgen, dass die Abgabe kommt.

    Ich würde mich wie Thomas freuen, wenn du auch mal beim Verbandstag vorbeischauen würdest. Das wäre eine Bereicherung! 🙂

  9. @Melvin

    Wer äußert sich hier ‚anonym‘?

    Ergänzende Fragen:

    – Wieso ist es verboten, seine Meinung dort zu äußern, wo man möchte?
    – Muss jemand Angst wg. Diskursen und anderen Meinungen haben?
    – Sind ALLE DJV-Mitglieder auf JEDEM Verbandstag zu finden?
    – Haben Sie eine Meinung?

  10. @melvin: Sie haben eine lustige Vorstellung von „anonym“.

    @Christian: Der DJV hat sich doch spätestens seit seinem Versagen in der DFB vs. Weinreich-Geschichte als mit der digitalen Welt überfordert erwiesen.

  11. Lieber Melvin,

    ich habe bereits auf diversen Landesdelegiertentagen in Hessen versucht dieses Thema anzustoßen. Ein paar wenige Kollegen und Kolleginnen sehen das ebenso, naturgemmäß viele Freiberufler dabei, die das von Anfang an sind. Ich bin seit 1997 DJV-Mitglied, war damals mit meinen Thesen ganz allein. Heute kann ich immerhin feststellen, dass ich doch nicht mehr ganz zur Fraktion der Ringeltauben gehöre, sondern dass es doch ein paar mehr sind. Nur: Solange Anträge und Dringlichkeitsanträge schon auf Landesebene scheitern oder in Prüfaufträge umgewandelt werden, haben wir in unserem eigenen Haufen noch verdammt dicke Bretter zu bohren.

    Ich habe diesbezüglich sozusagen eine Vision: dass sich sämtliche Kreativen, die in irgendeiner Weise zur redaktionellen Arbeit beitragen (Online-, Wort-, Bildjournalisten, Grafiker, auch PR-Journalisten,die Kollegen vom Fernsehen) über die Verbände hin zusammenschließen und unisono zeigen, was es bedeutet, dass eine Gesellschaft informationstechnisch auf Null gefahren wird. Man stelle sich das vor: Wichtige Gesetze könnten nicht auf den Weg gebracht werden, weil die Öffentlichkeit nicht beteiligt wurde (etwa Verfahren, um Baurecht zu schaffen, irgendwelche Servicegeschichten, und und).

    Vielleicht würde eine solche Aktion zumindest mal die Öffentlichkeit und heimische Abgeordnete wachrütteln, damit die Grundlagen unserer Arbeit auf eine solide Ausgangsbasis gestellt wird.
    Wäre schön. Nur ich fürchte, dafür sind die Deutschen zu deutsch und zu wenig französisch, elas.

  12. Leider habe ich es nicht geschafft, das alles zu ertragen. Ich habe meine DJV-Mitgliedschaft inzwischen gekündigt. Und wenn ich die Essener Erklärung lese, würde ich es am liebsten noch einmal tun. Herr Jakubetz, ich bin Ihnen sehr dankbar für diesen Text.

    Wenn ich auf der Suche zwischen Blogs und dem seriösen Journalismus in meine regionale Zeitung schaue, dann wünsche ich mir immer öfter, Blogger könnten diese Arbeit übernehmen. Die würden wenigstens nicht auf ihrer Startseite über November-Shopping-Aktionen berichten. Wahrscheinlich gäbe es auch keine Texte, die die Geschäftsführung absegnen müsste. Und die Kollegen aus der Anzeigenabteilung würden nicht ständig über den Chef erwirken, dass man doch mal über den „treuen Anzeigenkunden“ schreiben möge, der zwar gar nichts zu erzählen hat. Aber man schreibt dann trotzdem.

    Das ist eine Innensicht und leider Alltag im „seriösen“ Lokaljournalismus bei mittleren Zeitungen. Die meisten hier wissen das. Und ehrlich gesagt: Diesen Journalismus braucht kein Mensch mehr.

    In diesen Redaktionen sitzen die gut ausgebildeten Kollegen, die das machen, was sie schon immer getan haben: telefonieren, schreiben und bloß keine Fehler zugeben. Es wäre schön, wenn das alles nur Klischees wären. Aber ich habe selbst mit ihnen zusammengearbeitet. Es gibt so viele. Und sie sind alle im DJV. Sie fordern das Leistungsschutzrecht, und einmal im Jahr lassen sie sich beim gemeinsamen Ausflug für das Verbandsmagazin fotografieren.

    Diese gut ausgebildeten Kollegen halten das Facebook und Twitter für zeitraubenden Unfug. Sie würden auch nicht auf die Idee kommen, ins Blogs zu recherchieren. Bevor sie im Blog des Stadtplaners etwas über Stadtplanung lesen, schreiben sie lieber selbst was in die Zeitung. Dort wird es ja automatisch zu Qualität.

    Mit dem Wort „Qualität“ im Qualitätsjournalismus ist es ein wenig wie mit dem Wort „Demokratie“ in der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Journalistenverband, dem nicht mehr einfällt, als auf das Leistungsschutzrecht zu pochen, macht leider alles nur schlimmer.

  13. Es stimmt leider alles, was im Ausgangskommentar steht. Die Welt und der Journalistenberuf ändern sich in rasantem Tempo und die Funktionäre rufen unablässig, alles müsse so bleiben wie es ist. Denn sie fürchten offenbar, in Zukunft nicht mehr gebraucht und nicht mehr gut bezahlt zu werden. Schon angesichts des massiven Überangebots an journlistischer Arbeit, egal ob angestellt oder frei, wird das Modell „Gewerkschaft“ immer aussichtsloser. Wenn z.B. Verleger überhaupt noch über Tarife verhandeln, dann über spürbare Absenkungen wie gerade jetzt. Gewerkschaften im Medienbereich haben wohl nur noch die Funktion, den Ärger der Journalisten über die ständigen Verschlechterungen abzufangen, damit der deutschen Kardinaltugend „Ruhe“ Rechnung getragen ist.
    Die von Thomas Mrazek erwähnte Opposition im DJV fordert die jahrelang unterbliebenen Veränderungen und die stets weggedrückte Diskussion darüber. Doch eine breite Mehrheit der Funktionäre flüchtet in die Phantasiewelt der rauschenden Resolutionen und 99-Prozent-Beschlüsse. Die breite Mehrheit ist sogar regelrecht stolz darauf, mit den Kritikern niemals gesprochen zu haben und deren Argumente gar nicht zu kennen. Man folgt von der Wirklichkeit unbeiirt gewerkschaftlichen Säulenheiligen mit Parteibuch und nennt das Solidarität.
    In Wahrheit läßt sich wohl Henryk Broders Analyse der Sarrazin-Diskussion auch auf den DJV übertragen: „Dass Sarrazin solche Aggressionen mobilisiert, liegt nicht daran, dass er sich möglicherweise in einigen Punkten irrt, sondern daran, dass er vermutlich in den meisten recht hat.“

    P.S.: Ich bin Vorsitzender des DJV-Brandenburg.

  14. Lieber @Christian, gestatte mir von den Höhen des Storytelling und der One-Touch-Gadgets, von der digitalen Bohème und dem digitalen Bohei, hinabzusteigen zu den Mühlen der Verbandsarbeit. Den Mühen der Ebenen.

    Genau wie du bin ich DJV-Mitglied (und im Vorstand). Also Teil eines multipolaren, meinungspluralen, demokratischen Verbands mit breitgefächerten satzungsgemäßen Aufgaben und mit Tradition(en). Zu diesen Traditionen – oder Ritualen – gehören Resolutionen bzw. Erklärungen, wie die von dir kritisierte „Essener“.

    Der DJV – als Berufsverband und Gewerkschaft – beackert viele Themen. Manche sind für mich persönlich total wichtig, manche sind mir zu traditionsverliebt, zu arkan, ja sogar zu esoterisch. Das gilt bei Kolleginnen und Kollegen oft genau spiegelverkehrt. Doch es gibt ein einendes Band. Wir nennen es Solidarität, ein Begriff der in Zeiten des Cyber-Kognitariats, in den kleinteiligen Projekten der Arbeitsmonaden oft vergessen wird. Vielleicht noch punktuell bekannt – beim Spendenaufruf. Aber nicht als Organisationsprinzip.

    Zudem ist der DJV noch Lobbyorganisation und Interessenvertretung. Gegen Leiharbeit, gegen Total-Buyout, gegen Vorratsdatenspeicherung, für Informantenschutz. Und für ein Verlegerleistungsschutzrecht (LSR), das Journalisten mehr als ein paar Brosamen vom großen Multimillionen-Kuchen verschaffen soll. (Nebenbei: wie mein Kollege @Peter oben bin ich beim LSR skeptisch – und das bringen wir auch ein! Du selbst warst doch bei http://www.besser-online.info und konntest erleben, dass wir nicht „massiv“ in eine Richtung streben.)

    Auch dir dürfte klar sein, dass es bei One-Issue-NGOs, bei Organisationen, die fokussiert und kampagnenstark einige wenige Themen bearbeiten (in unserem Umfeld z.B. ROG, nr, Freischreiber) viel einfacher ist, ein scharfes Profil, eine klarere Positionierung zu haben und peppigere Aktionen zu machen. Das ist Arbeitsteilung. Und das ist auch gut so!

    Die Mühen der Ebenen. Soweit mir bekannt, war die „Essener Erklärung“ zunächst eine „Füssener Erklärung“ – und damit sind wir dann ganz nah bei dir – und meiner Kritik. Sie wurde in den Gremien (und Herzen?) bewegt, besprochen und im Juno auf der BJV(!)-Mitgliederversammlung verabschiedet. Danach ging sie wahrscheinlich in eure Delegiertenversammlung in Ingolstadt und wurde schließlich von „deinem“ Vorsitzenden und dem größten und stimmgewaltigsten DJV-Landesverband – und mit Hinweis auf das Brauchtum – eingebracht. Sie wurde im höchsten und größten Gremium, dem Verbandstag, bewegt, ein wenig besprochen und als Resolution verabschiedet. Als allerkleinster gemeinsamer Nenner eines großen vielschichtigen Verbandes. Damit kann ich leben – trotz der Gemeinplätze zur Globalisierung et al. Du offensichtlich nicht, aber es ist im Kern eure – also auch deine – „Füssener Erklärung“. Mein kleiner Bremer Verband kann dem grad mal fünf Stimmen entgegenhalten.

    Auch @Peter, @Thomas Mrazek, @Klaus Minhardt, die weiter oben kommentieren, waren in Essen in der GRUGA dabei. (Und Kollege @mittelhesse netterweise im Geiste.) Ob sie dort die Hand zur Gegenstimme gehoben haben, weiß ich nicht. Jedenfalls haben sie sich, wenn ich es richtig erinnere, weder zu diesem, noch zu irgendeinem anderen Tagesordnungspunkt im Plenum inhaltlich gemeldet. Getwittert haben wir alle.

    Witzig übrigens, dass sich hier ziemlich viele DJV-Kollegen (und Funktionäre) die Kommentarklinke in die Hand geben. Es scheint also genug Esprit, kritischen Geist, Ideenpotenzial und sogar noch Power trotz und jenseits von Resolutionen zu geben. Fehlt es uns an den geeigneten Plattformen? Liegt es also an den Strukturen, lieber Christian? Den Mühen der Ebenen! Du, auch du hättest die Bekenntnisse schon in Füssen mit Erkenntnissen anreichern können. Das können wir doch nicht allein Michael Konken überlassen?

  15. Tja, die Mühen der Ebenen – die sorgen gelegentlich und leider immer noch viel zu oft dafür, dass viele zu bohrende Bretter sich zu dicken Bohlen auswachsen, ganz ohne Dieter. Manche der dicken Bretter sind auch vor Köpfen gelandet: Garniert merkwürdigen Anträgen, schrägen Wortbeiträgen und oft genug sachlich falschen Argumenten; so etwas lähmt und behindert, über die Gründe lässt sich oft genug nur spekulieren.
    Wie heißt es so schön? „In Deutschland wird Ehrenamt oft mit hängenden Mundwinkeln und zur Kompensation beruflicher Frustration ausgeübt.“ Da ist in allen Verbänden dieser Republik viel Wahres dran.

    Trotz der Mühen der Ebenen: Es gibt im DJV einen Haufen engagierte Kollegen, die mit Idealismus, Fachkompetenz und fundiertem Wissen mit dazu beitragen, den Laden zu verändern. Man kann sie ansprechen, sie verweigern sich nicht dem Dialog und sind alles andere als „Funktionäre im Elfenbeinturm“ kurz vor der Vergreisung. Wäre dem nicht so, hätte ich nicht den Nerv, lange Jahre im DJV aktiv zu sein. Das hilft einem gelegentlich auch über Anflüge von verbandsaktiver Depression hinweg, wenn der ein oder andere Querulant in der Verkleidung des wohlwollenden „Querdenkers“ nach Gusto Sand ins Getriebe streut, zu welchem Zweck auch immer.

    Und noch eine Kleinigkeit, lieber Christian, bei aller Wertschätzung: So manches an Deinem Blogbeitrag ist zutreffend, Kritik ist nützlich und wichtig. So manches hinterlässt allerdings genau den gleichen Eindruck wie manch wortgewaltige Verbandsverlautbarung: Den einer dekorativen „Fensterrede“. Die Realität im Verband dahinter sieht anders aus; und hinterfragen, sprich recherchieren, gehört zum journalistischen Handwerk.

    Zwecks der Transparenz: Ich bin Landesvorsitzende im DJV Rheinland-Pfalz.

  16. @Heike und Andreas: Mir liegt kaum etwas ferner, als den DJV über Bausch und Bogen zu verdammen. Wäre es so, würde ich mich jetzt gleich hinsetzen und meinen Austritt tippen. Dass es auch im DJV sehr geschätzte und gute Kollegen gibt, unbestritten. Zumindest in der „Essener Erklärung“ haben sie sich nach meinem Eindruck aber nicht durchsetzen können.

    Unbestritten ist aber doch auch, dass diese Erklärung und die DJV-Verbandspolitik durchaus strittig sind, ich muss mir doch nur die Zahl, die Länge und den Inhalt der Kommentare hier anschauen. Da finde ich es nicht ganz ausreichend, auf die Mühen der Verbandsarbeit hinzuweisen. Die ist mir schon klar, die ist in jedem Hühnerzüchterverband schwierig. Entscheidend ist, was hinten raus kommt, wie ein anderer Pfälzer mal gesagt hat. Hinten rausgekommen ist die „Essener Erklärung“, die steht jetzt so da, als offizielle Verbandsmeinung. Und da finde ich es nicht ganz ok zu sagen: Wir hätten es ja auch gerne anderes gehabt, aber das ist ja so schwer in diesem Verband. Oder das, was ihr postuliert, ist dann eben doch nur eine Minderheitsmeinung im DJV. Mehrheitsfähig scheinen solche Ansichten ja nicht zu sein, wenn ich die Kommentare hier richtig interpretiere.

    @Peter: Debattieren wir nicht darüber, ob der Verband das LSR „massiv“ unterstützt. Er wirderspricht ihm aber auch nicht. Oder kannst du hieraus (http://www.djv.de/Leistungsschutzrecht-Verleger.3080.0.html) auch nur den kleinsten Widerspruch rauslesen? Ich nicht. Ich würde das eher so interpretieren: Nix gegen das LSR, aber wir wollen auch was abhaben.

    @Andreas, Thomas: Warum bin ich nicht bei Verbandstagen etc.? Natürlich ist es eine komfortable Position, NICHT hinzugehen und dann hinterher via Blog rumzumaulen. Man darf das auch gerne kritisieren. Meine Erfahrungen mit meinem eigenen Landesverband (Bayern) sind leider nicht so, als dass ich Lust hätte, dort noch irgendwas zu tun. Es gibt zwei Leute dort, die ich ausdrücklich schätze. Ansonsten, sorry: Ich kann weder mit den handelnden Personen noch mit den Positionen des BJV auch nur das Geringste anfangen. Ich bin wirklich nur in diesem Verband, weil das vielleicht meine verbliebene Restsolidarität (grausames Wort)ist. Ginge es nach meinen Überzeugungen und meiner Haltung insbesondere zum BJV, wo m.E. in erster Linie nette Gewerkschaftsonkels von den 80er Jahren träumen — ich müsste sofort meine Mitgliedschaft kündigen und mir jedes Jahr 300 Euro sparen. Ich wüsste auch nicht, was ich bei einem BJV-Verbandstag erzählen sollte. Die letzten Äußerungen der BJV-Spitze lassen darauf schließen, dass man sich noch im Modem-Zeitalter befindet. Sorry, das musste jetzt einfach mal raus, ihr dürft auch gerne ein sofortiges Ausschluss-Verfahren einleiten.

    Und ein letztes noch: Es gibt m.E. in der neuen, digitalen Welt eine ganze Menge Leute, die viele kluge Sachen zu sagen haben, ich muss die Namen nicht einzeln aufzählen. Sind die eigentlich bei uns Mitglieder? Nein? Dann denkt mal nach warum. Und sieht man solche Leute auch mal bei DJV/BJV-Veranstaltungen außerhalb von „Besser online“?

  17. Eine Vision: Die Mediengewerkschaft – damit wären wir stark. Und wären es schon seit den 1980er Jahren.
    Nun ist leider (aus vielerlei Gründen) nichts daraus geworden – und wir im DJV tragen dann mit erzwungenen außerordentlichen Mitgliederversammlungen heute die Reste zu Grabe.
    Die Idee war gut – damals wie heute. Nur wie sollen da die Gruppenegoismen unter einen Hut oder in einen Topf kommen? Für mich ist sie derzeit nicht vorstellbar.
    Also: Abhaken und weiter geht’s. Nur wohin? Das weiss doch derzeit mit Sicherheit keiner rund um den Globus. Die industrielle Revolution nach der Dampfmaschine etc. war auch ein schleichender Prozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist.
    Also wurschteln wir uns alle durch die digitale Revolution, irgendwie. Was uns allerdings nicht am kollektiven Nachdenken und Ausprobieren hindern sollte und auch nicht hindert, wie sich zumindest ansatzweise in Essen beim Verbandstag gezeigt hat. Wer diesen Prozess seit mehreren Jahren massiv behindert, sollte nicht hier auch noch öffentlich Krokodilstränen ablassen.
    Und noch eins: So lange wir nicht die umfassende starke Mediengewerkschaft hinbekommen, so lange müssen wir halt Tarif um Tarif aushandeln. Und das macht der DJV nicht ganz schlecht – auch wenn ich mir in einigen der Verträge die Abschaffung des sprichwörtlichen Heizers auf der E-Lok durchaus wünschen würde. Aber dazu gehören auch kompetente Partner auf der Gegenseite, die ihre Vereinbarungen auch umsetzen können. Vielleicht ist es sogar gerade die noch bestehende Struktur von Tarifverträgen, die solche Verbände wie den BDZV vor dem Auseinanderfallen bewahrt.

    P.S. Ich war als einfacher Delegierter in Essen dabei.

  18. Die Mediengewerkschaft wird es nicht richten. Journalisten sind nun einmal nicht so zu organisieren wie Fluglotsen, Müllmänner oder Lokomotivführer. Die Größe der Organisation hilft wenig, wenn hinter jedem, der protestiert, sabotiert oder streikt, zehn andere stehen, die den Job sofort übernehmen. Auch komplette Redaktionen werden von Agenturen gern gestellt. Man erinnert sich, daß schon vor 20 Jahren ein Streik bei der „Tagesschau“ zusammenbrach, weil ARD-Aktuell einfach um 20.00 Uhr die „Rundschau“ des BR übernahm. Viele Zuschauer haben das gar nicht bemerkt.
    Die Schwäche resultiert auch daraus, daß anders als früher so gut wie keine prominenten „Edelfedern“ noch Mitglied bleiben oder gar neu werden. Die haben aber ein paar Jahrzehnte lang den journalistischen Durchschnitt mitgezogen. Heute handelt die Oberklasse der Blattmacher und Quotenbringer ihre Verträge direkt aus, weil sich das lohnt.
    Die klassischen gewerkschaftlichen Mittel greifen immer weniger. Eine Zeitung oder einen Sender länger als ein paar Stunden lahmzulegen, ist Illusion. Wenn aber „Gewerkschaft“ nicht mehr funktioniert, müssen halt die auch in Essen natürlich geforderten – aber nicht beschriebenen – „neuen Wege“ her. „Flash-Mob“ und „Demo“ sind es eher nicht.
    Es ist heute eben weder Journalisten noch Verlegern plausibel zu machen, daß sie sich für viel Geld in Organisationen zusammenschließen sollen. Insbesondere bei den Verlegern ist der Erosionsprozeß in vollem Gange. Aber auch mit DJV und Verdi geht es bergab. Die einzigen, die noch mit aller Kraft Tarifverträge wollen, sind die Funktionäre beider Seiten, deren (derzeit noch gut bezahlter) Job das ist. Aber auch sie müssen einsehen, daß der Charme des Kollektiven, der Marschsäulen mit Fahnen und Gesang, stark nachgelassen hat und der Individualismus zur „Religion“ geworden ist. Wer jetzt noch den Dogmen der frühen Achtziger („Wenn mein starker Arm es will, stehen alle Räder still“) anhängt, wird wohl scheitern.
    Deshalb meine ich, daß der DJV Journalisten in der Berufswelt, die nun einmal da ist, mit konkreten Dienstleistungen (z.B. Micro-Payment für Onliner statt „Total-buy-out“) helfen sollte, aber den Gedanken an eine neue bessere Welt vergessen sollte.

    P.S.: Ich bin Vorsitzender des DJV-Brandenbuirg

  19. Buchhandel, Journalismus und Musikindustrie – Jeder hätte von den Fehlern des anderen lernen können. Jeder macht die gleichen Fehler.
    Traurig, aber wahr.

  20. Wundert mich, dass hier so viele DJV-Leute diskutieren. Ich dachte, die hätten sich wegen der Vergütungsregeln alle aufgeknüpft…

  21. @ Andreas Bittner: Ich war bis vor kurzem selbst Mitglied des DJV, zunächst in Bayern, am Ende in Berlin. Ich bin nun aus dem Verband ausgetreten, weil ich zwei Jahre lang genau für die Arbeitsteilung geworben habe, die Sie ansprechen. Hier der DJV mit seinen gewachsenen Strukturen, seinem großen Apparat und den aus Jahrzehnte langer Arbeit entstandenen Erfahrungen. Dort der kleine Verband Freischreiber, den freie Journalisten aus eigenem Antrieb aufgebaut haben mit dem Ziel, dezidiert auf die Interessen freier Journalisten aufmerksam zu machen und sich im besten Sinne einer Selbsthilfegruppe selbst zu helfen. Und eben nicht mit dem Ziel, den DJV ersetzen zu wollen.

    Ich habe allerdings den Eindruck gewonnen, dass maßgebliche Kräften des DJV ein Leistungsschutzrecht am liebsten auch für sich selbst einführen lassen würden: ein Recht, das garantiert, dass die Leistungen, die der DJV in der Vergangenheit erbracht hat, auch noch in Zukunft gefragt sein und bezahlt werden. Und sie versuchen alles wegzubeißen, was das vermeintliche Alleinvertretungsmonopol des DJV in Frage stellen könnte. Da kann man sich noch so oft mit DJV-lern in wirklich guten, konstruktiven und bisweilen äußerst netten Gesprächen treffen, zu Spaghetti Bolognese, Schnittchen oder Kaffee – sobald es um eine Stellungnahme in der Öffentlichkeit geht, lassen die Repräsentanten keine Gelegenheit aus zu betonen, dass alles Gute in der Welt auf den DJV zurückzuführen sei und alle anderen Armleuchter oder Luftschloss-Herren (und -Damen) seien.

    Dass sich der DJV mit den Veränderungen, die mit dem Strukturwandel einhergehen, mitunter so schwer tut, liegt aber auch daran, dass er bislang keine Antwort auf die Frage gefunden hat, welche eigentlich seine eigene Rolle sein wird, wenn dereinst das Ende des Strukturwandels am Horizont sichtbar werden wird. Bisweilen beschränken sich die nach außen hin sichtbaren Erkenntnisse darauf, dass man irgendwo davon gelesen hat, dass doch Flashmobs was Schickes sein sollen – und dann ein Video ins Netz stellt, das in seiner von Bontempi-Gedudel untermalten Harmlosigkeit so albern ist, dass man noch nicht mal mehr böse darüber sein kann. Man möchte nur um Gottes willen nicht Teil dessen sein. Kann es wirklich sein, dass eine Gewerkschaft von Menschen, die gelernt haben, mit professionellen Mitteln Öffentlichkeit herzustellen, so etwas ernst meinen?

    Mir ist bewusst, dass ich damit Kollegen wie Heike Rost, Thomas Mrazek und womöglich auch Ihnen, Herr Bittner (wir haben uns ja noch nicht kennengelernt), unrecht tue, die sich innerhalb der Strukturen des DJV dafür engagieren, dass der Modernisierungsdruck im DJV steigt. Aber Ihr müsst dann bittebittemitzuckerobendrauf auch verhindern, dass zum Beispiel solche Videos in die Öffentlichkeit gelangen. Denn es sind genau solche Details, die sicherstellen, dass diejenigen, die Euch dabei unterstützen könnten, davon laufen oder gar nicht erst kommen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die durch Gewerkschaften hochgehaltene Solidarität bei vielen Jüngeren keine große Relevanz mehr hat. Und so entstehen dann Erklärungen, in denen sinngemäß steht, dass Facebook den Journalismus nicht ersetzen kann. Ist es wirklich möglich, dass Journalisten Angst davor haben, von Facebook ersetzt zu werden? Hatten Pianisten auch Angst davor, dass Keyboards sie irgendwann überflüssig machen würden? Und wenn die Erfindung des Keyboards den ein oder anderen Pianisten zum Aufgeben gebracht hat: War das die Schuld des Keyboards oder die des Pianisten?

    PS: Ich bin Mitbegründer von Freischreiber und im Moment der Vorsitzende.

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