Eine kleine App-Kritik (4): iPad wird ohne Bild erst schön

Ab heute lese ich auf dem iPad keine „Bild“ mehr. Womöglich werden Sie jetzt staunen, dass ich das bisher getan habe. Also, sagen wir es anders: Wenn ich bisher „Bild“auf dem iPad gelesen hätte, würde ich es ab sofort nicht mehr tun. Und nein, in den kommenden Zeilen wird jetzt nicht von irgendwelche Inhalten gesprochen. Sondern davon, wie man sich seinen Ruf beim Publikum mit einer schlechten App ernsthaft ruinieren kann.

Der Reihe nach: Seit heute ist die App von „Bild“ auf dem Markt. Und seit heute erhält man auf dem iPad eine unschöne Meldung, wenn man auf bild.de geht. Man wird umgeleitet auf eine Seite mit dem nur mittelorginellen Namen „bildgehtapp“, auf der man wiederum mitgeteilt bekommt, dass man bild.de ab sofort nicht mehr auf dem Browser lesen könne. Dafür aber auf einer ganz wunderbaren und kostenpflichtigen App, die angeblich ganz famose Dinge können soll.

Schaut man sich diese App dann an, kommt man aus dem Staunen kaum heraus. Staunen darüber, dass ein großer und hochprofessioneller Laden wie „Bild“ eine App auf den Markt wirft, die in etwa wirkt wie ein knarzender Dieseltraktor, der aus Versehen auf einer Ausstellung für Sportautos gelandet ist.  Die Ladezeiten der App sind indiskutabel, ihre Benutzerführung hochgradig irritierend. Optisch kommt sie so daher wie das Internet aus dem Jahr 1999.  „Bild“ entdeckt den guten alten Frame wieder, den man dann irgendwie wieder wegklicken muss. All die ganze Eleganz und Leichtigkeit eines iPads verschwindet auf einen Schlag, lädt man sich die „Bild“-App darauf — und man würde irgendwie Herrn Döpfner gerne mal fragen, ob es nicht möglich wäre, ein paar iPad-Entwickler zu engagieren, die den Begriff „Ästhetik“ schon mal gehört haben, selbst dann, wenn wir von „Bild“ reden. Gruselig – ich habe bisher noch von keinem Medienunternehmen eine derart schlampig und wenig durchdachte App gesehen wie in diesem Fall.

Gleichzeitig erkennt man zum einen, in welchem Dilemma Medienunternehmen in Sachen iPad generell stecken. Und man erkennt zum anderen, dass es eine hochgradig gewagte Strategie ist, die „Bild“ dort fährt. Zwar weiß man seit heute auch, dass Matthias Döpfner die Medienbranche vor einer Renaissance sieht, trotzdem ist es auch für einen großen Optimisten kaum nachvollziehbar, wie das „Bild“-Modell gehen soll. Punkt eins: Niemand lässt sich gerne aussperren oder gängeln und fühlt sich deswegen erst mal vor den Kopf gestoßen, wenn ihm sein iPad plötzlich mitteilt: Wir müssen leider draußen bleiben! Dann ist es auch nicht nachvollziehbar, wieso ausgerechnet auf dem iPad. iPhone und Laptop gehen, iPad nicht? Da wird „Bild“ einiges einfallen müssen, um diese Logik zu erklären. Wenn ich es denn also ohne bild.de gar nicht aushalten sollte, nehme ich mir ein anderes Gerät. Nur weil ich die Seite auf EINEM Gerät nicht mehr lesen kann, werde ich kaum „Bild“ abonnieren (wobei das ohnehin ein Widerspruch in sich ist; „Bild“ ist als Zeitung keine Abozeitung — und setzt jetzt auf ein Abo-Modell??).

Und dann ist da ja auch die Sache mit dem Mehrwert. Den erwartet man von einer App, den kündigt „Bild“ groß als Evolution an — und den setzt man zwangsweise auch voraus, wenn das gute Stück sogar teurer als die Printausgabe ist (eine Ausgabe kostet immerhin 79 Cent). Wenn man dafür dann etwas bekommt, was man so auch auf bild.de erhält, ergänzt mit ein paar Spielereien, die Menschen immer dann machen, wenn sie sehen, dass es geht, dann ist das kein Mehrwert. Beispiel: In der „Verlierer/Gewinner“-Rubrik fliegt jetzt das ominöse „BILD meint…“ irgendwie von der Seite ein, was aussieht wie in einer miserablen Powerpoint-Präsentation, die ein 13jähriger Einsteiger gemacht hat.

„Bild“ liefert auf seiner App nicht einen einzigen Grund, sich das gute Stück zu laden. Der Springer-Verlag liefert kein einziges Argument, um sein gebetsmühlenartiges „Paid Content“-Gerede nachvollziehen zu können. Matthias Döpfner liefert nicht einen Grund, warum man die Sache mit der Renaissance und dem iPad glauben sollte.

Denn, kurz gesagt: Das iPad wird ohne Bild erst schön.

4 Gedanken zu „Eine kleine App-Kritik (4): iPad wird ohne Bild erst schön

  1. Mit einem kleinen Umweg via Änderung der Browser-ID (diverse Apps können das) läuft BILD.de auch auf dem iPad. Wenn und falls man sich das unbedingt antun möchte. 😉

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