Mit der „Bild“ ins Abklingbecken der Eitelkeiten

Vermutlich kann man davon ausgehen, dass wir in der selbstbespiegelungsfreudigsten Branche auf dem ganzen Planeten arbeiten und mit einer seltsam ausgeprägten Lust an der gegenseitigen Zerlegung ausgestattet sind. Sehr viel anders jedenfalls kann man sich das leicht bizarre Theater um den erst zu- und dann wieder aberkannten Henri-Nannen-Preis für den Spiegel-Autor René Pfister nicht erklären. Und das wirklich Schlimme ist ja, dass man sich in diesem ganzen hübschen Förmchenwerfen immer wieder dabei ertappt, gar keine richtige Meinung zum Thema bekommen zu können, weil es so viele andere Aspekte auch noch beachten gäbe und weil man eigentlich mit kaum einen der Protagonisten im Nannen- und Preisverleihungszirkus so richtig sympathisieren mag (außer, dass man die Tatsache, selbst noch nicht preisgekrönt worden zu sein, irgendwie als beruhigend empfindet und sich denkt, vielleicht doch einiges richtig gemacht zu haben).

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Vielleicht bin ich ja etwas naiv und durchblicke die großen Irrungen und Wirrungen des Journalismus nicht so richtig, aber die Sache wäre ja erstmal ganz einfach: René Pfister hat einen brillanten Text geschrieben, ich habe ihn damals mit ziemlicher Begeisterung gelesen. Allerdings: Dass Pfister nicht im Seehofer-Keller war und dem Seehofer nicht beim Spielen zugesehen hat, hatte sich mir nun wirklich nicht erschlossen. Stimmt schon, Pfister hat das auch an keiner Stelle des Textes behauptet, aber zumindest so naiven Menschen wie mir kolportiert, dass er es war, weil die Schilderung eben genau so klang, als wäre der Reporter Pfister neben dem Politiker Seehofer gestanden und hätte ihm beim Eisenbahnspielen zugesehen. Ziemlich abenteuerlich waren jedenfalls danach die Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche der Pro-Pfister-Fraktion, deren Argumentation im Wesentlichen daraus bestand, sich irgendwas zurechtzuschwurbeln, dass es schon immer eine Mischung aus Gehörtem und Gesehenen gegeben habe und die Existenz des Seehofer-Kellers ja unbestritten sei. Mag schon sein, aber trotzdem ist es journalistische Hochstaplerei, wenn man den Eindruck sehr gezielt erweckt, man habe etwas selbst erlebt – und sich dann herausstellt, dass man nur etwas gehört hat. Dem gewesenen Verteidigungsminister hat man wegen Coyppaste-Geschichten des Betrugs bezichtigt. Jemand, der so schreibt, als wenn er etwas erlebt hat und dabei nur auf Geschichten vom Hörensagen zurückgreift, bekommt dafür einen Preis. Das muss man ja nicht verstehen, oder?

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Wahr ist ja auf der anderen Seite leider auch, dass diese Preisverleihungsgeschichten speziell in der Medienbranche und dort wiederum im speziellen der Nannen-Preis ein bisschen so aussehen, als würden sich eher geschlossene Kreise gegenseitig ein paar Preise zuschieben. Beim Nannen-Preis wirkt es schon seit längerer Zeit so, als wäre die Mitgliedschaft bei Stern oder Spiegel eine zumindest sehr förderliche Voraussetzung zur Verleihung eines solchen Preises. Ob unfreiwillig oder nicht, aber eine der diesjährigen Preisträgerinnen hat das Dilemma schön auf den Punkt gebracht: Wahnsinn, entfuhr es ihr, dass sie ausgezeichnet worden sei, dabei sei sie doch weder bei „Spiegel“ noch beim „Stern“ (ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich habe es aus sehr glaubwürdiger Quelle gehört). Das wirklich blöde daran ist allerdings, dass sich die Veranstalter und Jurys dieser Welt keinen sonderlich großen Gefallen damit tun, weil es die gute Arbeit der Preisträger ja fast schon wieder diskreditiert. Vernünftige Zweifel daran, dass die preisgekrönten Arbeiten auch wirklich großer Journalismus sind, gibt es ja nicht. Vor einem ähnlichen Dilemma steht auch der Grimme Online Award, bei dem zwar regelmäßig sehr gute Projekte ausgezeichnet werden (und inzwischen müssen sie nicht mal mehr vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein). Aber das Gefühl, dass es sich bei GOA immer um eine Art digitales Klassentreffen und eine doch ziemlich geschlossene Gesellschaft handelt, wird man einfach nicht los.

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Speziell die Sache mit dem diesjährigen Nannen-Preis (und die Sache mit den Eitelkeiten unserer Branche) kann man allerdings nicht erzählen, ohne auf die merkwürdige Sonderrolle der „Bild“ zu kommen. Die bekannten Hüter des qualitätsjournalistischen Grals werden seit dem kleinen Eklat nicht müde nachzuweisen, welches Murks-Blatt doch aus dem „Spiegel“ geworden sei. In sechs Geschichten alleine in der vergangenen Woche machen „Bild“ resp. „bild.de“ aus dem Eklat einer Preisverleihung eine die Nation bewegende Krisengeschichte über den „Spiegel“. Aus einer Sache, die außerhalb der Journalistenszene vermutlich ungefähr niemand mitbekommen hat, wird bei „Bild“ der „peinlichste Medienskandal“ des Jahres, die Methoden des „Spiegel“ nennt „Bild“ wenigstens „fragwürdig“, was natürlich lustig ist, wenn eine solche Einschätzung von der Redaktion eines Blattes kommt, deren gesamte Arbeitsweise man irgendwie als fragwürdig bezeichnen kann. Danach berichtete „Bild“ genüsslich darüber, dass schon 2004 die Existenz des Seehofer-Kellers medial aufbereitet wurde. Dass allerdings auch schon andere darüber berichtet hatten, dass darüber berichtet wurde, ließ „Bild“ der Einfachheit halber weg. In der Wochenend-Ausgabe darf schließlich ein Medienprofessor aus Berlin die These aufstellen, der „Spiegel“ sei „kastriert“, was im Wesentlichen daran liegen soll, dass Hendryk M. Broder inzwischen für die praktischerweise im gleichen Verlag erscheinende „Welt“ schreibt. Ansonsten argumentiert der Herr Professor noch so, dass er den „Spiegel“ früher lieber gelesen habe (so kann man das natürlich auch sehen). Für „Bild“ jedenfalls ausreichend, von einer „Krise“ des „Spiegel“ zu schreiben.

Dass die tägliche Anti-Spiegel-Geschichte in dieser Woche auch nur im Ansatz mit einer eher unfreundlichen Titelgeschichte des „Spiegel“ über die „Bild“ vor wenigen Wochen zusammenhängt, ist natürlich nur einfach Spekulation und journalistisch nicht legitim (ich erwarte auch keinerlei Preis für diese Erkenntnis).

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Jedenfalls darf man dann doch wenigstens in sich reinschmunzeln, wenn mal wieder behauptet wird, die Blogosphäre sei irgendwo so irre selbstreferentiell. Die großen Qualitätsmedien haben jedenfalls in dieser Woche mehr über eine missratene interne Preisverleihung berichtet als über Fukushima. Ein Abklingbecken täte ihnen allesamt vermutlich ganz gut.

 

5 Gedanken zu „Mit der „Bild“ ins Abklingbecken der Eitelkeiten

  1. Was ist denn eigentlich von dem Professor Bolz, der sich in der Bild so über den Spiegel auskotzt, zu halten? Mir als Student der Kommunikations- und Medienwissenschaft war er vollkommen unbekannt.

  2. Was genau kritisierst Du denn an der Nominierten-Auswahl zum Grimme Online Award? Warum ist das eine „ziemlich geschlossene Gesellschaft“? Ich finde die Auswahl eigentlich ziemlich divers. Wer oder was fehlt Deiner Meinung nach? Frag ich mal so als Mitglied der diesjährigen Nominierungskommision.

  3. @Ulrike: Steht doch da: Ich finde die Nominierungen in diesem Jahr ok, die Jahre davor war´s auch schon besser als in den Zeiten, als es entweder 17 öffentlich-rechtliche Angebote oder Angebote aus bestimmten Dunstkreisen waren. Trotzdem macht der GOA zum Nannen-Preis keinen wirklich großen Unterschied, finde ich. Die Kommissionen und Jurys und letztlich auch die Preisträger sind im gewissen Sinne…hüstel…erwartbar. Weswegen ich grundsätzlich weder den Nannen-Preis noch den GOA irgendwie auf dem Radar habe. Grundsätzlich gebe ich Oliver Gehrs vollkommen recht, der sich jetzt mal ziemlich treffend geäußert hat („Ich finde diesen ganzen Auszeichnungsbetrieb überflüssig“).

    Und was den GOA angeht: ich würde mit dir wetten, dass ich dir einen bestimmten Prozentsatz der Nominierungen der kommenden drei Jahre jetzt schon sagen kann :-)..bei einem würde ich sogar eine verflixt hohe Wette abschließen.

  4. Die die keinen Preis kriegen, lehnen dies ganze Preis-Getue ab, die die einen bekommen oder bekommen wollen, dind dafür.
    Ist es das?

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