Und bist du nicht willig, nöle ich rum

Über kaum etwas habe ich mich in diesem Jahr wahlweise so gewundert und amüsiert wie über Pressestellen. Bei meinem WIRED-Intermezzo hatte ich mehrfach das Vergnügen, mit solchen Abteilungen zu telefonieren Es waren insgesamt sieben, mit denen ich Kontakt hatte. Davon gab es genau eine, die mir meine Anfrage halbwegs so behandelte, wie ich mir das gewünscht hatte und wie es einigermaßen professionell ist. Der Kontakt mit den anderen war eine kuriose Melange aus Lustlosigkeit, Unverständnis und – leider auch das – Unvermögen. Von drei Pressestellen hörte ich , es werde schwierig, mein Anliegen zu erfüllen, weil demnächst Ferien und Urlaubszeit seien, bei anderen wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie meine Bitte nicht richtig verstanden hatten. Zugegeben, ich hatte nicht um die Zusendung einer vorgefertigten Pressemitteilung gebeten. Aber ich hatte auch nicht gerade die sofortige Mobilmachung einer Heerschar von Mitarbeitern gefordert. Ich hatte nach etwas gefragt, von dem ich dachte, dass es Standardwissen einer Öffentlichkeitsarbeit sei: Informationen über das Unternehmen bzw. deren Standpunkte zu einem Thema. Und nein, es ging nicht um Rüstungsexporte oder Atomanlagen, sondern um Autos.

Umgekehrt hatte ich dann jemanden an der Backe, der ziemlich quengelig war und mir unbedingt Unterlagen und Infos zu einem Thema zuschicken wollte, das gar nicht keins war und das mich auch nicht interessierte. Am Ende der Veranstaltung hatte ich nur sehr, sehr mühsam rudimentäre Infos zu meinem Thema bekommen, dafür aber einen ganzen Haufen digitalen Kram, den ich nicht wollte und nicht brauchte. In einer Pressestelle (da ging es nicht um Autos) waren sie wenigstens ehrlich und sagten, sie hätten keine Ahnung, was ich eigentlich wolle und wo man das ggf. herbekommen könnte. Kurzum, die Informationen für meine Geschichten habe ich zum größten Teil nicht von denen bekommen, von denen ich dachte, ihr Job sei es, Informationen zur Verfügung zu stellen.

Das steht hier so ausdrücklich, weil sich die Kollegen von der anderen Seite gerade darüber beklagt haben, von „desinteressierten Journalisten“ genervt zu sein. Ein klassischer Fall von Verwechslung: Man meint „Desinteresse“, wenn man doch in Wirklichkeit seinen eigenen Job nicht richtig macht. Das ist in etwa so, als würden sich Journalisten bei Auflagen- oder Quotenrückgängen über „desinteressierte Leser“ beschweren und ankündigen, man komme künftig auch ohne dieses undankbare Pack aus.

(Ebenfalls lesenswert zum Thema: Sascha Lobo und Thomas Wiegold).

4 Gedanken zu „Und bist du nicht willig, nöle ich rum

  1. „Ein klassischer Fall von Verwechslung: Man meint “Desinteresse”, wenn man doch in Wirklichkeit seinen eigenen Job nicht richtig macht.“
    Ja. Ich bin desinteressiert an mancher Pressestelle. Dazu gehören Auslöser wie ungefragter Versand tonnenschwerer Mailanhänge, falsche Anreden in Mails trotz persönlichen Kontakts, exakt gleiche Fragen der Pressestelle auch im fünften persönlichen Gespräch. Desweiteren unbeantwortete Anfragen, die meinerseits selbstverständlich einen Hinweis auf Redaktionstermine und Erreichbarkeit enthalten. Die Liste wäre ziemlich lang, den Rest schenk ich mir.
    In vielen Pressestellen arbeiten Journalistenkollegen, die beide Seiten des Schreibtisches kennen. Die Zusammenarbeit ist mindestens so oft prima wie unterirdisch. Ich habe im zweiten Fall leider die böse Vermutung, dass die möglicherweise vorher anderswo genauso gearbeitet haben, weswegen sie jetzt halt anderswo ebenfalls so arbeiten.
    Es gibt allerdings auch Pressestellenmitarbeiter mit „null Ahnung von nix“: Das ist Maximalärgernis, hinterlässt Flurschaden auf beiden Seiten … nur sitzt das eigentliche Problem woanders: In der Führungsebene, die beispielsweise aus Kostengründen branchenfremd anheuert. Oder nicht für nötige Fortbildung sorgt. Oder, oder, oder …

  2. Rainer Aschenbrenner
    Lieber Christian Jakubetz:
    1. Pauschalen sind Mist. Und der PR-Trendmonitor nur eine von vielen Dingen, die man zur Kenntnis nehmen kann, aber nicht muss.
    2. „Gute“ Pressestellen sind deshalb gut, weil dort Journalisten arbeiten.
    3. Arbeiten keine Journalisten dort (oder Leute, die kommunikativ sind), liegt es am Unternehmen – man schlage nie den Sack, wenn man den Esel meint …
    4. Und es gibt tatsächlich Schreiberlinge/Radio- und TV-Macher, die ihr Publikum zu blöd für das halten, was sie produzieren.
    Ansonsten lade ich Sie zur Einkehr in die „Kaffeeküche“ hier auf FB ein; das ist quasi auch eine virtuelle Selbsthilfegruppe. 🙂

  3. Diese merkwürdige Vorstellung von „Desinteresse“ spiegelt die überzogenen Erwartungen der Informationsverteiler an die Medien wider. Denn dort herrscht immer noch grundsätzlich die Idee: Wenn man was rausgibt, dann wird die Zeitung es auch drucken. Warum? Keine Ahnung. Aber diese Meinung herrscht selbst bei der kleinen Gemeinde, für die ich Konzerttermine per E-Mail an die örtlichen Tageszeitungen rausschicke. „Schreiben Sie den Hinweis so, dass die Presse auf jeden Fall berichten muss“, bekam ich letztens als Rat an die Hand. Kein Wunder, dass sich Pressestellen so verhalten, wie sie es tun.

  4. Als jemand der sowohl als Journalist als auch als Pressesprecher tätig war würde ich zwei Ursachen sehen:

    1. In vielen Unternehmen glaubt man, dass eigentlich jeder Öffentlichkeitsarbeit machen kann. Darum sitzen in vielen Pressestellen Leute die vorher im Marketing, im Vertrieb oder sonstwo waren und wenig Ahnung von dem haben was sie tun. Da wird man dann eben mit PR zugemüllt, ggf. auch gegen den eigenen Willen.

    2. Wenn es Journalisten sind die dort sitzen ist es aber häufig ähnlich schlimm, und das hat auch Gründe: Man kennt aus vielen Redaktionen das von jeder empirischen Untermauerung befreite Totschlagargument „die Leute wollen das so“, mit dem jeglicher Murks gerechtfertigt wird. Wer diese Einstellung einmal verinnerlicht hat, der wird auch in einer Pressestelle nur das herausgeben was die Leute haben sollen, nicht das was sie haben wollen. „Die Journalisten wollen das so“ wäre die übertragene Begründung dafür.

    Ich sehe es so: ein Großteil der Journalisten schreibt routiniert und konsequent an der Zielgruppe vorbei – wieso sollten diese Leute auf einmal bessere Qualität liefern, nur weil sie Pressemitteilungen schreiben statt Artikel?

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