Irgendjemand hat mal geschrieben, die FAS sei die schönste Zeitung der Welt. Dem kann man nur sehr schwer widersprechen, tatsächlich ist die Sonntagszeitung aus Frankfurt nicht nur inhaltlich, sondern vor allem optisch meistens ein echtes Vergnügen. Deswegen ist die Erwartungshaltung groß, wenn es die FAS jetzt auch als App gibt.

Mit dem Netz und seinen Tücken haben sie es nicht so sehr in Frankfurt. FAZ.net war — von den großen und ernstzunehmenden Medien — die letzte Seite, die irgendwann mal an den Start ging. Für einen Relaunch haben sie sich jetzt drei Jahre Zeit genommen, herausgekommen ist ein Ergebnis, dass man mit viel gutem Willen als mäßig bezeichnen kann. Von Innovation ist bei den Digitalprojekten aus Frankfurt meistens sehr wenig zu sehen, was sich auch in der FAZ-App aus diesem Jahr manifestierte. Eine Zeitung als PDF, mehr nicht. Eine instabile App, die schon mal merkwürdige Sachen anstellt. Deswegen ist die Erwartungshaltung dann doch wieder niedrig, wenn es die FAS jetzt auch als App gibt.

Die FAS präsentiert sich dem Nutzer gleich bei seinen ersten Kontakten als tendenziell unfreundlich. Erstes Erstaunen: Der Download mit einem 16er-DSL nimmt (heute morgen, 7.30 Uhr) sage und schreibe 17 Minuten in Anspruch. Gut, man kann sich die Zähne putzen in der Zeit und einen Kaffee kochen und ein bisschen Radio hören und einmal um den Block gehen, aber trotzdem: Das ist erst mal eine indiskutabel lange Zeit. Der Blick hinter die Kulissen verrät auch, dass die FAS stramme 350 MB auf die Waage bringt, warum das so ist, erschließt sich aber auch nach langem Suchen nicht. Ich habe genau ein Video mit 26 Sekunden gefunden, das kann es also schon mal nicht sein. Zum Vergleich: Den aktuellen „Spiegel“ habe ich fünf Minuten nach der FAS geladen. In gut eineinhalb Minuten, mit 56 MB. Da also müssen sie sicher schon mal ran, das ist für die erste Ausgabe vielleicht noch irgendwie verzeihbar,  auf Dauer aber ein Ärgernis.

Unfreundliche Akte, Teil 2: Abonnenten der FAS müssen die iPad-Ausgabe nochmals vollständig bezahlen. Kann man machen, Kollegen, kann man machen.

Unfreundliche Akte, Teil 3: Man staunt beim ersten intuitiven Ausprobieren, weil man Funktionen, von denen man dachte, sie seien Standard, nicht hinbekommt. Ist man zu doof, die Ansicht zu drehen, die Schrift zu vergrößern, einen Artikel zu empfehlen? Wo ist die Speicherfunktion für einzelne Beiträge?  Nach langem Versuchen dann der für fortgeschrittene App-Nutzer irgendwie doch peinliche Blick in die FAQ´s:

Da ist es dann fast schon müßig zu erwähnen, dass auch die FAS — wie die Mutterblatt — in ihrer App keinen echten Kontakt in die Online-Welt zulässt.

Wenn man sich dann mit mühsamen Download, fehlendem Abonnenten-Rabatt und all dem anderen Kram abgefunden hat und man sich dann auch noch vier Abstürze in zwei Stunden angetan hat, ist man ein wenig grummelig. Das ist nicht ganz fair, weil die FAS tatsächlich dann optisch sehr schön in die digitale Welt umgesetzt ist (wenn man einverstanden ist, nur querformatig lesen, nichts speichern und nichts weiterempfehlen zu können). Die Navigation orientiert sich an Standards wie beispielsweise bei der „Zeit“ (ist aber nicht immer stringent), die ausgesprochen wenigen interaktiven Features sind hübsch umgesetzt.

Trotzdem zeigt die FAS-App vermutlich ungewollt, warum sich Zeitungsmacher mit der digitalen Welt so schwer tun: weil sie wie Zeitungsmacher denken. Das kann man zwar irgendwie nachvollziehen, trotzdem aber erstaunlich,weil doch inzwischen sogar Praktikanten wissen, dass digitale Medien keine Zeitung sind. Die FAZ hingegen baut einen Online-Relaunch, der genau wie eine Zeitung aussehen soll und eine App, in der es sogar zweispaltige Texte gibt (das nervt auf einer App ungemein). Insgesamt kann sich die FAS nicht so richtig entscheiden: Ein richtig multimediales Magazin ist sie in Ermagelung von Multimedia nicht, eine Zeitungsreproduktion auch nicht. Das hat die „Zeit“, die das Blatt eben auch als PDF anbietet, deutlich souveräner gelöst.

Überhaupt, Multimedialität und Interaktion: Ich glaube nicht, dass man eine App mit Multimedia um jeden Preis vollstopfen muss. Aber bei der FAS findet sich — außer dem erwähnten, unvertonten 26-Sekunden-Video im Sport — so rein gar nichts. Wenn ich mal über die mögliche Ursache spekulieren dürfte: Zeitungsmacher denken in Zeitungswelten. Könnte vielleicht aber auch daran liegen, dass man sich bei den großen Blätter im Land irgendwann mal ausgewiesene Digitaldenker geholt hat (die SZ hat Plöchinger, die „Zeit“ hat Blau), während der bekannteste Digitalkopf der FAZ zum einen meistens für Blatt arbeitet und zweitens demnächst zum „Focus“ geht.

Weil Spekulation aber meistens müßig ist, lässt sich zur Premiere der FAS-App erstmal nur feststellen: Vielleicht ist die FAS wirklich die schönste Zeitung der Welt. Die schönste App der Welt hat sie ganz sicher nicht. Das ist Tablet 0.5.

Aber vermutlich (und das ist genau das Problem) ist Zeitungsmachern eine solche Feststellung ziemlich egal.

(Hinweis: Ich habe im Sommer ein kleines Blogprojekt für faz.net geschrieben)

 

 

12 Gedanken zu „Eine kleine App-Kritik (12): Zeitungsmacher denken 0.5

  1. Das spricht mir aus der Seele: Ich habe mich weidlich über Downloadzeiten, Crashs und alles andere geärgert – so sehr, dass ich eigentlich schon gar keine Lust mehr hatte, weiterzulesen. Schade – die FAS gehört immer noch zu meinen Lieblingszeitungen. Aber mit dieser App … Mannmannmann.

  2. Ich finde die App O.K., auch wenn es noch viel Verbesserungspotential gibt. Eine ruhige App ohne viel Multimedia-Schnickschnack, genau wie die Economist-App.

    Mutig ist aber der Preis, mit den 2,99 Euro pro Ausgabe werden sie nicht viele Leser finden.

  3. @cjakubetz

    Das ist genau der Punkt. Kaum jemand wird einen erheblichen Teil des gesamten Umfangs nutzen, was bei der gedruckten Ausgabe anders ist. 1,99 Euro wäre schon wesentlich besser, 1,49 Euro ein Erfolgsgarant.

  4. Ich finde den Preis auch viel zu hoch, zumal die Funktionalität einfach fehlt. Es ist nicht so, als hätte ich dort tatsächlich den „digitalen Vorteil“ erstanden. Kaufe ich mir die physische Ausgabe kann ich die Vorzüge genießen, die mir eine Print-Publikation bietet und sei es auch nur der Geruch, das Falten, was auch immer. Wenn es schon heißt, die FAS sei die schönste Zeitung der Welt, so sind es ja oft die Details die Schönheit definieren.

  5. „Den Preis finde ich unproblematisch. 2,99 sind für ein Ding mit diesem Umfang absolut akzeptabel.“

    Was ist damit gemeint, die 350 MB?

  6. Sorry, aber in was für einer Welt leben wir denn wo 2,99 für so eine App zu viel sind? Die Print-Ausgabe kostet 3,20 und der größte Kostenfaktor ist ja wohl nicht der Druck. Nun bekommt man die Inhalte digital aufbereitet und angereichert und das günstiger als die Print-Ausgabe. Mich wundert es eher das die App nicht teurer ist…
    Also ich kann einige Kritikpunkte hier nachvollziehen, gerade das ich als Abonnent die App nicht günstig hinzubuchen kann oder aber social-media Funktionen etc. noch nicht funktionieren. Das über den Preis diskutiert werden muss ist für mich nicht nachvollziehbar…

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