Falls Sie sich in den vergangenen Tagen etwas über meine penetranten Postings in diversen sozialen Netzwerken gewundert haben, würde ich Sie jetzt erstmal gerne beruhigen: Nein, ich suche keinen Job, ich will mich beruflich nicht verändern. Lieb von Ihnen, wenn Sie an mich gedacht haben — und sorry, wenn ich Ihnen ggf. etwas Mühe bereitet haben sollte, aber das war ein Fake. Ein Selbstversuch. Über die Wunderwirkungen von Social Media, Networking und die Versprechungen, man müsse beinahe nichts mehr tun, weil durch soziale Netze alles von alleine zu uns kommt.

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Die Revolution der Jobsuche hat längst begonnen. Wie stark soziale Medien wie Facebook und Twitter oder Businessnetzwerke wie Xing und LinkedIn zukünftige Karrierewege beeinflussen, ist in den USA schon jetzt zu sehen. Die Chancen des Web 2.0 sind dort bei der Suche nach einem neuen Arbeitgeber kaum noch wegzudenken. Laut einer Studie des Recruitingdienstleisters Jobvite hat jeder sechste Befragte im laufenden Jahr seinen Job über einen Hinweis in sozialen Netzwerken erhalten. Noch vor einem Jahr traf das nur auf jeden zehnten zu.

Ausgerechnet Heiligabend. Der „Tagesspiegel“ erzählt eine Geschichte , die ein bisschen was von Maria und Josef an sich hat. Herbergssuche respektive Jobsuche im digitalen Zeitalter, das ist, natürlich, nicht weniger als eine „Revolution“. Es ist ein bisschen unfair gegenüber dem „Tagesspiegel“, weil solche Geschichten inzwischen ja überall erzählt werden, nach meinem Eindruck ein bisschen unreflektiert und ein bisschen heilsbringerisch, aber das ist ein guter Anlass, mal selbst zu checken: Revolution in der Jobsuche, ein bisschen networken, nie wieder bewerben, Jobs via Twitter und Faceboook, wie schön. Funktioniert das?

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Meine Voraussetzungen sind gut, denke ich mir, als ich mich selbst auf die digitale Herbergssuche mache. Ich arbeite in einer Branche, in der soziale Medien vermutlich überproportional oft genutzt werden, wesentlich mehr  jedenfalls als beispielsweise in Bäckereien oder Lohnbuchhaltungen. Ich bin ganz passabel vernetzt, ich bringe es auf 1600 Follower bei Twitter, knapp 500 Freunde bei Facebook, 1200 Menschen haben mich bei Google Plus gecircelt. Laut Statistik habe ich letztes Jahr alleine bei Gmail rund 15.000 Mails bekommen, laut Statistik erhalte ich deutlich mehr Mails als ich schreibe. Ich habe im vergangenen Jahr bei „WIRED“ mitgearbeitet, habe ein paar Sachen für den „Elektrischen Reporter“ gemacht, ein Buch herausgegeben, die zweite Auflage eines anderen Buchs herausgebracht — kurzum, ich bilde mir ein, dass es keineswegs aussichtslos und unangemessen ist, wenn ich der digitalen Welt meinen Wunsch nach Veränderung bekanntgebe. Weil Weihnachten vielleicht der nicht wirklich passende Zeitpunkt ist, warte ich noch bis zum 27.12., um dann nicht etwa verbrämt, sondern in aller Offenheit und Transparenz klarzumachen: Ich WILL einen neuen Job!

Als Crossposting geht das auch rüber zu Google Plus und in einer 140-Zeichen-kompatiblen-Version auch noch zu Twitter. Da bin ich Welt, jetzt wisst ihr es, die Karrierehelfer sind angeworfen und eigentlich müsste es doch jetzt nur noch prasseln.

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Dass dieser Trend auch in Deutschland greift, hat Mike Schnoor am eigenen Leib erfahren. Am 14. März schrieb der Kommunikationsprofi bei Twitter: „Suche neue Herausforderung. “ Wenige Worte, mit großem Effekt. 40 Personen leiteten Schnoors Gesuch an Bekannte bei Twitter weiter, 29 Menschen wiesen auf interessante freie Stellen hin und auch mehrere Headhunter machten dem gut vernetzten PR-Fachmann ein Angebot.

Ha, der Schnoor. Schreibt gerade mal „Suche neue Herausforderung“ und kann sich kaum retten. Da bin ich mit meinem überaus freundlichen Text und der Beschreibung meiner Vorzüge deutlich weiter, denke ich mir. Richtig glaubhaft komme ich anscheinend aber trotzdem nicht rüber, der erste Kommentar meines Facebook-Eintrags lautet: Ist dir echt langweilig? Gut, dafür hat es bis zu diesem Eintrag wenigstens keine zehn Minuten gedauert und für mich selbst weiß ich, von wem er stammt, nämlich von jemandem, der mich ganz gut kennt und der möglicherweise geahnt hat, dass ich meine Selbständigkeit nicht mal eben via Facebook aufgeben werde. Dummerweise ist aber auch der zweite Kommentar eher spöttisch.  Dafür bekomme ich ein paar „Likes“. Man liked es neuerdings also, wenn jemand auf Jobsuche ist? Komische Welt.

Was macht Twitter? Bei Kommunikationsprofi Schnorr waren es gerade mal 40 Retweets, das muss doch selbst an Weihnachten zu schaffen sein. Tatsächlich sind die Follower bei Twitter tatsächlich deutlich kooperativer und auch ernsthafter als bei Facebook. Gut, unter den Twitter–Angebots-Vorschlägen sind auch: Bundespräsident, Sportvolontär, Moderator bei Wetten, dass…Man lernt bei solchen Aktionen übrigens viel über schlechten Humor, den Schenkelklopfer mit Wetten, dass…habe ich mehrfach gehört. Einer belehrt mich, dass ich sofort wieder mit der Festanstellung aufhören würde, würde ich auch nur mal für eine Woche in seinem Laden arbeiten. Ich verzichte darauf, mich für das freundliche und gute Zureden zu bedanken. Konstantin Neven DuMont fragt nach, ob ich auch nachhaltigen Journalismus könne. Ich werte das aber als kleinen Seitenhieb auf eine leicht ironische Besprechung seines Evidero-Projekts, bei der ich mich ein wenig über die inflationäre Verwendung des Begriff  „nachhaltig“ amüsiert habe. Tag 1 geht also erfolglos vorbei. Ich werde das Gefühl nicht los, mich eher zum Gespött gemacht zu haben. Warten wir ab, was Tag 2 bringt.

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Tag 2 bringt…ungefähr nichts. Ein paar Retweets, die ungefähr so erfolgreich sind wie Mario Gomez in seinen schlechtesten Zeiten. Ich schaue mal rüber zu Google Plus, von dem es ja gerne heißt, da sei es irgendwie ernsthafter und professioneller. Meine Ausbeute ist dort der Hinweis, dass man im Nordkorea gerade einen neuen Diktator suche. Ich bin zwischenzeitlich nicht unglücklich, dass diese ganze Geschichte nur ein Fake ist. Wie fühlt sich wohl jemand, der ernsthaft einen Job sucht, angesichts solcher lustiger Tipps? Tag 3 verläuft ähnlich, nur ohne Nordkorea.

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Ok, ihr wolltet es so. Ich muss ein bisschen mehr öffentlichen Druck aufbauen, klar machen, dass es mir ernst ist, dass ich raus will aus dem Elend der Selbständigkeit und mit nach VERÄNDERUNG ist:

Immerhin, vielleicht liegt es daran, dass das Weihnachtsessen inzwischen besser verdaut ist: Es kommen zwei Hinweise auf relevante und interessante Job, die ich allerdings mit ein wenig Recherche im Netz selbst gefunden hätte, weil sie ausgeschrieben waren. Besser als nichts, denke ich mir — aber trotzdem: Das ist jetzt der Karrierehelfer, die Revolution bei der Jobsuche? Zwei Stellenausschreibungen, die man auch hätte googeln können? Konstantin Neven DuMont empfiehlt mir, ich solle doch mal eine Mail an Evidero schreiben, da suche man nach Autoren. Bei Twitter schickt mir daraufhin jemand eine DM; ob ich wirklich zu Konstantin Neven DuMont wechseln will. Hmm. Erfolgreich sieht anders aus.

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Bereits zwei Wochen nach seinem Twitter-Eintrag hatte Schnoor die neue Herausforderung gefunden: Er wurde Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Um seine Erfahrungen auch an andere Jobsuchende weiterzugeben, hat Schnoor für den BVDW einen Bewerberleitfaden mit dem Titel „Karrieresprungbrett Social Media“ entwickelt, in dem der Verband Ratschläge gibt, wie sich Jobchancen mit Facebook, Twitter & Co. erhöhen lassen. „Vor allem die großen Konzerne nutzen soziale Netzwerke bereits stark als Recruitingwerkzeug“, sagt Schnoor. „Bewerber, die diese Angebote nutzen, kommen oft schneller und einfacher an relevante Informationen.“

Ich beneide Herrn Schnoor. Nach zwei Wochen hat er einen neuen Job und einen Bewerberleitfaden schreibt er gleich noch dazu. Rebellion! Ich habe ein paar Likes bekommen, ein paar lustige und ein paar weniger lustige Kommentare.

Ausbeute an halbwegs ernsthaften Jobs: null.

Zahl der Headhunter, die sich bei mir gemeldet haben: null.

Zahl der großen Konzerne, die eine Recrutingaktion an mir vorgenommen haben: null.

Neigung bei mir, so etwas im Ernstfall wiederholen zu wollen: null.

 

15 Gedanken zu „Wie ich mal beim Karrierehelfer beinahe keinen Job fand

  1. Gut zu lesen, dass Du keine Festanstellung suchst. Beruhigt, das ich nicht die Einzige bin mit dieser Erfahrung – trotzdem, ich hätte ein anderes Ergebnis gewünscht….

  2. Ich glaube gerade wegen der vielen Aktivitäten im letzten Jahr hat nicht wirklich jemand ernsthaft geglaubt, dass das echt war.

    Vielleicht gibt es Menschen die zu bekannt sind um darüber bzw. auf so einfache Weise einen Job bekommen zu können.

    Der richtigere Weg wäre doch tatsächlich in den anderen Profilen /xing/linkedin/fb/g+/about.com/ etc. anzugeben dass man sucht. Dazu noch eine vernünftig aufgestellte Suche bei verschiedenen Jobboards/Suchmaschinen/Newslettern dann sollte es möglich sein einen Job, auch oder trotz sozialer Netzwerke zu finden.

  3. @Calceola: Verstehe den Einwand, auf der anderen Seite fand ich den Gedanken, ich könne einen Job suchen, so abwegig nun auch wieder nicht, als dass ich ihn sofort verwerfen müsste. Die Sache mit Newslettern et al ist schon richtig, aber ich wollte es ja gezielt so machen, wie im Tagesspiegel beschrieben. Nur ein dezenter Hinweis in sozialen Netzen, mehr nicht. Immerhin suggeriert die Geschichte ja, man habe zwei Wochen später einen Job.

  4. Das hat keinen empirischen Charakter, schon klar. Aber auch hier nochmal der Hinweis: Die Geschichte im Tagesspiegel spricht von einem (!) Tweet und einem Job, der zwei Wochen später da war.

  5. Mh .. finde das auch etwas kurzfristig. Wurde Ende 2009 betriebsbedingt gekündigt und habe das rausgegeben an mein Netzwerk. Hatte insgesamt 30 Bewerbungsgespräche bis Februar 2010 und habe im Feb für 3 Monate bei Burda angefangen.

    Vielleicht lag es an der relativ undefinierten Suche, ich habe damals gesagt: Suche Stelle als WebEntwickler in München, Festanstellung …

  6. @Christian: Die Kritik an der verkürzten Darstellung im Tagesspiegel ist vollauf berechtigt. Tatsächlich hat Mike Schnoor aber weitaus mehr gemacht. (Er hat bei einem Kölner Twittwoch davon berichtet; das war durchaus aufschlussreich.)
    Der Erfolg hängt sicher nicht an „einem Tweet“ und auch nicht an der reinen Zahl der Social-Media-Kontakte, sondern hängt z. B. von der Branche ab, in der man sich tummelt, von der Präsenz auch bei Offline-Veranstaltungen usw.
    Mit der richtigen Strategie (was größer klingt als es ist) ist so was „im Ernstfall“ m. E. durchaus einen Versuch wert – wenn auch nicht so, wie der Tagesspiegel es in seiner Weihnachtsgeschichte geschildert hat.

  7. Unsteile These: Journalisten kann der Karrierehelfer eben nicht helfen. Sondern nur Menschen, die sich im Beraterzirkus umtun wollen, der vor den Toren der Seriosität auf dem trostlosen, weiten Feld des Marketings steht – da gibt es dann offensichtlich doch mehr zu holen als in unserer schrumpfenden, kleinen Welt…

  8. Ich denke, es kommt auch drauf an, wer man ist. Wenn man einfach gut vernetzt ist und eine „neue Herausforderung“ sucht, klingt das für mich schon nach: Ich such was, auch aktiv, und wenn jemand von euch etwas weiß, sagt mir bescheid.

    In deinem Fall – ob nun bewusst oder unbewusst – klang es für mich eher nach: Ich habe 2011 wired und Universalcode gemacht und bin nun wieder auf dem Transfermarkt – wer will zuschnappen?

    War daher vielleicht einfach zu wenig subtil und zu direkt. Vor allem wegen der Details mir zeitlich/räumlich flexibel und Angebote an..

    Außerdem: Kurz nachdem gesagt wurde, es gebe wired 2+3 hab ich mich gefragt ob das nicht bedeutet, dass man dort ohne dich plane. Was die Frage mit sich bringt: Warum?!

  9. Nachdem ich deinen Artikel mit dem nüchternen Fazit gelesen habe, möchte ich auf einen kleinen Zusatz hinweisen, den Du leider einfach nicht kennen konntest.

    Ja, ich hatte einen Bonus, der in dem Artikel wohl einfach unterschlagen war: Einschlägige Fachmagazine griffen die Story auf und berichteten dabei natürlich über mich online und teils auch in print, dabei namentlich und positiv. Dies liegt darin begründet, dass mir einige Fachjournalisten folgen und just an diesem Tag auch genau diesen Tweet retweeteten bzw. darüber recherchierten. So war ich entsprechend noch stärker in der Medien- und Kommunikationsszene präsent.

    Dies levelte sich sogar später in die Wirtschaftstitel und Tagespresse hoch. Wie aber oben in den Kommentaren erwähnt, informierte ich darüber auch in meinem Vortrag – nur im Tagesspiegel-Artikel war das nicht Thema. Zudem spielt die Qualität der Kontakte eine hohe Rolle. Auch bat ich einzelne Multiplikatoren, meinen Tweet zu verbreiten und fragte eindeutig an, ob es freie Vakanzen gäbe. Mein Kontaktnetzwerk zielt faktisch auf PR/Marketing und klar auf Social Media ab, so dass dort die Job-Opportunitäten explizit vorhanden waren.

    Wäre ich Architekt, Busfahrer, Mechatroniker, und halt nicht im Bereich PR/Marketing, dann hätte ich folgenden Effekt mit meinem Tweet erzielt: NULL.

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