Schneider&Raue: Wenn Blinde über Farbe schreiben

Eigentlich sind Wolf Schneider, Paul Josef Raue und noch ein paar andere Veteranen der Journalistenausbildung schuld daran, dass ich mich rund ein Jahr lang mit vielen guten und netten Kollegen an das Projekt „Universalcode“ gemacht habe. Die Idee entstand beim Durch-den-Wald-Joggen, nachdem ich Tags zuvor von einem Volontär bei einem Seminar den berechtigten Hinweis erhalten hatte, es sei für junge Journalisten nicht eben einfach, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Schließlich gebe es dazu ja so gut wie keine brauchbare Literatur. Beim Joggen durch den Wald ging ich dann im Kopf mal durch, was es an Standards so gibt, wenn es um Multimedia, Online, Crossmedia, das ganze digitale Zeugs eben so geht. Und man kann es ahnen: Wäre mir wirklich viel eingefallen, gäbe es heute Universalcode nicht. Das, was mir an den Dingen einfiel, die man jungen Journalisten heute so gedankenlos hinwirft, will man ihnen Literatur empfehlen, lautet immer noch: Lies mal den Schneider. Oder die ganzen anderen.

***

Schneider? Ich habe natürlich den gebührenden Respekt, den man als Journalist haben muss, habe mich aber schon immer furchtbar an dieser restlos unreflektierten Haltung gestört. Wenn Schneider das sagt, muss es ja richtig sein. Deswegen nennt man ihn gerne „Papst“. Raue ist zwar noch kein Papst, aber weil Päpste sich selten mit Priestern abgeben, müsste man Raue wenigstens als eine Art Kardinal bezeichnen. Jedenfalls sind die beiden bekannt genug, um für viele junge Journalisten immer noch als maßgeblich zu erscheinen. Zusammen haben Schneider und Raue schon vor Jahren ein „Handbuch des Journalismus“ herausgebracht. Die neueste Ausgabe des Werks trägt inzwischen den Titel „Handbuch des Journalismus und des Onlinejournalismus“, was abgesehen von der etwas ungelenken Formulierung schon alleine im Titel verräterisch ist. So, als müsste man irgendwie hinzufügen, dass es da mit diesem Interdingens noch etwas gibt, was im weitesten Sinne auch noch mit Journalismus zu tun hat. Würde man Onlinejournalismus als etwas völlig Normales betrachten, es würde reichen, weiterhin von einem „Handbuch des Journalismus“ zu sprechen. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, beispielsweise ein „Handbuch des Journalismus und des Zeitungsjournalismus“ zu schreiben.

***

Jetzt kommt der Teil, an dem es für mich schwierig wird. Es ist an sich eher ungehörig andere zu kritisieren, wenn man selber ein Buch zu einem ähnlichen Thema herausgegeben hat. Sicher sagen kann ich nur, dass ich den gleichen Beitrag auch schreiben würde, wenn es „Universalcode“ nicht gegeben hätte, alles andere überlasse ich gerne Ihrer Beurteilung. Ich würde diesen Beitrag vor allem deshalb schreiben, weil ich es für ein Unding halte, wenn der Mann, der sich so gerne unwidersprochen „Papst“ nennen lässt, mit seinem Adjutanten in einem der größten deutschen Verlage ein Buch veröffentlicht, von dem es nicht weniger heißt, als dass es der Standard in der Journalistenausbildung sei. Ein Buch, in dem hoffnungslos windschiefe Berufsbilder gezeichnet werden, ein Buch, das das Internet als eher lästige Begleiterscheinung darstellt, dennoch aber natürlich auch das „Handbuch des Onlinejournalismus“ genannt wird. Und vor allem: ein Buch, das gerade in diesem Bereich vor Unkenntnis, platten Klischees und – auch das – schlampiger Recherche nur so strotzt.

***

Hat er (gemeint ist ein Jungjournalist) seine Ausiedlerreportage am Samstag in der Zeitung nicht unterbringen können, versucht er es am Sonntag nochmal. In der schwach besetzten Online-Redaktion dürfte er Erfolg haben. Allerdings liest kein Redakteur seinen Text. Die Chance, dass ein User kritisiert, ist höher, als dass ein Redakteur das tut. Das Netz hat eben einen großen Bauch, es verschlingt selbst Texte und Bilder, die für eine Zeitung unverdaulich sind.

Was Schneider und Raue zu Beginn ihres Kapitels „Die Online-Redaktion“ schreiben, klingt auf den ersten Blick nicht mal unplausibel. Wer wollte bestreiten, dass es solche Zustände gibt? Wer wollte allerdings umgekehrt bestreiten, dass nicht oder nur flüchtig redigierte Texte auch zum Repertoire einer kleinen Lokalredaktion gehören? Oder generell (leider) zum Standard von Unternehmen, wo Journalismus eher als billiges Material zum Füllen des Platzes zwischen den Anzeigen genutzt wird?  Wenige Absätze darauf beschreiben Schneider und Raue die technischen Mängel, die in vielen Onlineredaktionen herrschen, um zu dem Schluss zu kommen: „Nicht selten arbeiten Online-Redakteure mit schwächerer Technik als ihre Leser.“ Auch das mag stimmen, aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich aber auch, dass lahme Rechner und veraltete Software  keineswegs das Privileg von Onlineredaktionen sind. Mir fällt beispielsweise eine Tageszeitung im Südwesten ein, die noch immer ihre tägliche Arbeit auf Rechnern leistet, die auf Windows XP laufen. Oder eine große Tageszeitung im Süden, die mal eine Lieferung einer Agentur nicht entgegennehmen konnte, weil ihre Version der entsprechenden Software so veraltet war, dass nicht mal mehr ein Downgrade innerhalb der Agentur geholfen hätte, die Software wurde vom Hersteller nicht mehr supportet. Kurzum: Natürlich kann kann technische und personelle Mängelverwaltung in den Redaktionen gar nicht laut genug kritisieren. Ein Spezifikum des Onlinejournalismus sind sie keineswegs.

Aber sieht man von solchen Schwächen einmal ab: Um welch merkwürdige Haltung handelt es sich eigentlich, wenn zwei Journalistenausbilder jungen Journalisten die Vorzüge einer Onlineredaktion vor allem so anpreisen, als dass dort niemand gegenliest und man dort Texte, die für die hochwertige Zeitungsredaktion unverdaulich sind, irgendwie noch unterbringen kann? Online als Müllschlucker, als Resteverwerter, als Spielwiese, die Driving Range für alle, bei denen es für die journalistische Platzreife nicht ganz reicht? Doch ja, das glauben Schneider und Raue allen Ernstes – um es am Ende des Kapitels nochmal ausdrücklich zu bekräftigen (extra fett gesetzt): Wer diesen ganzen Technikkram also halbwegs beherrsche, der „hat als Anfänger große Chancen, zumal viele Zeitungsredakteure Online wenig achten und beachten“.

***

Es gibt dafür sogar einen bekannten Kronzeugen: Thomas Knüwer. Knüwer? Aber ja doch. Unter dem Zwischentitel „Wie arbeitet eine Online-Redaktion“ schreiben Schneider und Raue:

„Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können“, sagt Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer. Mit solch einer Arroganz urteilen Zeitungsschreiber nicht selten,  doch die Klage hat einen wahren Kern. Onliner schreiben unermüdlich Texte um, die sie als Rohfassung vom Newsdesk bekommen; sie kürzen, bearbeiten PR-Texte, indem sie zumindest die Quelle angeben; sie füllen eben das Internet und nicht selten tun sie es ohne Sinn und Verstand.“

Ob Schneider und Raue jemals eine Onlineredaktion von innen gesehen haben, mag man bezweifeln, aber man hat ja Knüwer als Kronzeugen dafür, dass Onliner oft „ohne Sinn und Verstand“ das Netz vollschreiben. Und natürlich ist es restlos despektierlich, Sprachpäpsten etwas vom korrekten Zitieren zu erzählen, in diesem Fall muss es allerdings sein. Das korrekte Zitat Knüwers lautet:

 

Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.

Ein Unterschied? Aber gewiss. Zum einen ist es etwas grundlegend anderes, ob jemand sagt, Journalisten „sind“ irgendwas. Oder ob man feststellt, dass andere behaupten, der Journalist sei irgendwas. Zum anderen muss man sich das Interview in seinem Kontext durchlesen, um schnell zu merken: In diesem Gespräch werden Missstände im Onlinejournalismus kritisiert, keineswegs aber behauptet, dass Journalisten in diesen Redaktionen dumme Textschrubber seien, die ihre Arbeit ohne Sinn und Verstand ausüben. Kleinkariert? Nein. Nicht, wenn es um einen Autor geht, der seit Jahrzehnten Journalisten penible Vorträge über die richtige Verwendung der deutschen Sprache hält. Davon abgesehen, dass es einigermaßen perfide ist, einen prominenten bekennenden Verlagskritiker und praktizierenden Onliner zum Kronzeugen für die Sinn- und Hirnlosigkeit des Onlinejournalismus machen zu wollen.

***

Zugegeben, natürlich ist auch der User schuld am grassierenden Online-Elend. Schneider und sein Co-Schreiber halten deswegen auch noch die folgende Zustandschreibung fest:

  • Die meisten Leser wollen gar nicht mehr lesen, sie verzweifeln vor der Masse der Informationen – und wenden sich im Internet gleich den Vergnügungen und Zerstreuungen zu, die einen Mausklick entfernt liegen.
  • Der Dialog im Internet besteht zum Großteil aus Schwachsinn und Dampfplauderei; er kostet mehr Zeit als er Gewinn bringt.
Man liest das, die Kinnlade fällt runter — und man denkt unwillkürlich an die beiden älteren Herren aus der Muppetshow. Das Stereotyp des immerwährenden Unsinns im Netz ist auch von Schneider so oft wiederholt worden, dass es ihm selbst langsam langweilig vorkommen sollte. Und wenn es nicht so unpassend wäre, man würde ihm gerne den Text von Dirk von Gehlen aus dem „Universalcode“ in die Hand drücken, ihn die Funktion des „Internet als Dialogmedium“ lesen lassen und ihn bitten, dann vielleicht nochmal neu nachzudenken. Wäre aber nicht nur unpassend, sondern sinnlos: Man müsste von Schneider erwarten, dass er sich ein einziges Mal in seinem Leben selbst korrigieren würde. Vorher wächst einem Onliner Hirn, bevor Schneider das tun würde.
***

Wenn man ein „neues Handbuch des (Online-)Journalismus“ schreiben will,  muss man sich natürlich auch zu diesem Multimedia-Gedöns äußern. Videos beispielsweise. Ob Schneider und Raue jemals eine Videokamera in der Hand hatten, weiß man nicht (vermutlich: eher nein). Bei dem überbordenden Selbstbewusstsein der beiden ist das aber kein Hinderungsgrund, sich auch über das Thema Bewegtbild im Netz auszulassen. Die beiden wissen sehr gut, welche Voraussetzungen es dafür braucht:

„Doch nebenbei ist Fernsehen im Internet (sic!) nicht zu machen. Notwendig sind eine teure Kamera nebst Mikrofon und Kopfhörer, ein Laptop mit großem Speicherplatz, ein gutes Programm zum Schneiden des Rohmaterials, Routine und viel Zeit.“

Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: die Chuzpe, über Dinge, von denen man sehr offensichtlich nichts versteht, trotzdem einfach irgendwas zu schreiben. Oder den Mut, ohne irgendeine Recherche zum Thema ein paar steile Thesen aufzustellen. Was ich sicher weiß: Wenn mir ein Student in einer Hausarbeit die Grundlagen der Videoproduktion so erklären würde, wäre er glatt durchgerauscht. Bei Schneider und Raue und rororo wird daraus ein Lehrbuch, das sich als „Standard“ bezeichnet. Unnötig zu sagen, dass die Ausführungen zum Thema Podcast von ähnlich dramatischer Sachkenntnis geprägt sind.

***

Ja, und irgendwann muss man auch mal was zu Blogs und Social Media und Web 2.0 schreiben, Schneider kennt sich da aus:

Frage: Herr Schneider, lesen Sie Blogs?

Wolf Schneider: Ich benutze gar keinen Computer, aber meine Frau verfolgt ein Dutzend Blogs und Twitter und druckt mir das aus. Kein Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Blogs lese.

Der Mann, der sich also mindestens zwei Blogs und ein bisschen Twitter ausdrucken lässt, schreibt jetzt auch über Blogs und Twitter.  Und er schreibt allen Ernstes:

Blog und Twitter haben aber ebenfalls ihre Unschuld längst verloren.  Mit beiden betrieb Obama Wahlkampf bis zur letzten Minute. (…)Beide Medien eignen sich also für eine kostenlose, allgegenwärtige politische Propaganda – in einem Umfang, den die Zeitungsjournalisten ihren Lesern großenteils ersparen.

Nein, das ist nicht (mehr) überraschend. Nicht, wenn man weite Teile dieses Buchs zum Thema „Online“ gelesen hat. Das wäre auch alles nicht weiter schlimm, weil jeder denken und schreiben kann, was er will und niemand gegen seinen Willen zum digital native gemacht werden darf. Das Ärgernis ist ein anderes, größeres: Das ist kein kleiner Besinnungsaufsatz, den Schneider und Raue da auf den Markt gebracht haben. Sondern ein Buch, das mit vergleichsweise hoher Auflage jungen Journalisten als Einstiegslektüre in unseren Beruf verabreicht wird. Über das nicht groß nachgedacht und das nicht hinterfragt wird, weil da doch Schneider drauf steht. Das ist fahrlässig und ärgerlich zugleich. Jungen Journalisten, die noch Jahrzehnte ihres Jobs vor sich haben, wird mit diesem Handbuch ein Berufsbild vermittelt, mit dem sie keine fünf Jahre mehr überleben können.

Und irgendwie ertappt man sich bei dem dringenden Wunsch, der Papst und sein Kardinal würden langsam in den Ruhestand treten oder aber sich wenigstens die Mühe machen, sauber zu recherchieren, ordentlich zu zitieren und künftig nur noch über Dinge zu schreiben, von denen sie wirklich etwas verstehen.

Aber für Päpste ist so etwas wie Ruhestand ja nicht vorgesehen.

44 Gedanken zu „Schneider&Raue: Wenn Blinde über Farbe schreiben

  1. Verstehe ich das richtig, Raue geht manchmal online, will einen Artikel lesen, klickt sich dann aber lieber zu YouPorn, während Schneider sich die Videos gleich ausdrucken lässt?

    Zugestanden, ich war nie ein Fan von WS, ganz im Gegenteil, aber mit diesem Teil hat er sich dann doch einen ganz schlechten Nachruf geschrieben. Erst recht, wenn es stimmt, was ich irgendwo las, dass deren Onlinekapitel voller technischer Fehler ist. Auch stilistisch – den Ausschnitten oben nach zu urteilen – hat da wohl jemand aufgegeben.

    Das ist schon beinahe mitleiderregend.

  2. … und genau deshalb kaufte ich ja auch den Universalcode …

    aber eine Frage habe ich noch: Was ist so schlimm, wenn in Onlineredaktionen die Rechner noch auf XP laufen? Da funktioniert doch alles!?

    Viel schlimmer war da meine Erfahrung in einer Lokalredaktion vor zweieinhalb Jahren. Dort schrieb ich nämlich auf einem Mac, der so alt war, dass auf ihm nicht einmal die Webseite des eigenen Hauses funktionierte. Vielleicht lag das aber auch an Internetexplorer 4 und Netscape 5 (die Versionsnummern sind geschätzt, der Rest ist nichts als die Wahrheit)

    Aber das nur am Rande …

  3. Vor ca. 25 Jahren glaubte Wolf Schmeider, das die damals um sich greifende Binnengroßschreibungen (DaimlerChrysler) Tippfehler seien. Schon damals eine ignorante Einstellung, die sich offenbar nicht verbessert hat. Paul-Josef Raue durfte ich eine Weile als Chefredakteur genießen. Er hatte interessant Ideen, die er sich nicht von der Realität kaputt machen lassen wollte. Menschlich ein Drama. Kurz, der eine ist sehr von sich überzeugt, der andere mehr Theoretiker als Praktiker (aber natürlich noch immer als Chefredakteur in Amt und Würden)

  4. Wolf Schneider, der Generalfeldmarschall des deutschen Journalismus. Sitzt im Bunker und kriegt nichts mit.

  5. Ich habe vor kurzem selbst von Mitarbeitern gehört, wie bei Raues Zeitung, der Thüringer Allgemeinen, Online-Journalismus betrieben wird. Ich dachte, ich sitze zwei Zeitreisenden aus dem Jahr 1998 gegenüber. Es war erschütternd.

  6. Soso. Die Herren meinen also, im Internet gibt es nur Penner, die unfähig sind, journalistisch zu arbeiten. Ich bin einer dieser Penner. Ich Penner haben in den letzten 11 Jahren 18.000 Artikel über Georgien geschrieben. Ich habe einen Krieg begleitet. Aber für den Papst der Journalisten in Deutschland bin ich ja nur ein Penner. Da finde ich es richtig gut, wenn Redaktionen, die sich für Götter halten, aussterben.

  7. @Thomas: Nein, Sie schreiben lediglich das Internet ohne Sinn und Verstand voll und bringen Ihre Geschichten unter, die in der Zeitung keinen Platz mehr hatten 🙂

  8. @Matze: Ich bezweifle nicht, dass man auch auf einem stabilen XP halbwegs arbeiten kann. Neuester Stand der Technik ist das trotzdem nicht mehr. Schneider und Raue stellen aber die These aufm speziell in Onlineredaktionen sei das Equipment oftmals schwächer als das der User. Wenn ich mir manche Möhren in Zeitungsredaktionen so anschaue – also, der Rechner meiner Mutter ist da erheblich neuer, schneller, besser schöner. Und meine Mutter ist bestimmt kein High-End-User.

  9. Ja, das ist das Schlimme und Erstaunliche. Dass Schneider mit seinen 86 Jahren nichts mehr vom Netz versteht, kann man ja noch irgendwie verstehen (man sollte dann hat keine Bücher darüber schreiben). Aber Raue ist amtierender Chefredakteur einer nicht ganz kleinen Zeitung. Wie der seinen Laden auch nur im Ansatz zukunftsfähig machen will, ist mir ein echtes Rätsel.

  10. Jetzt grübele ich schon seit einer halben Stunde, wie man Twitter wohl ausdruckt.

    Und Obama Tweets bitte niemals im Orignal lesen. Sonst verliert der Redakteur seine Deutungshoheit.

    Auweia.

  11. Geht mir ähnlich. Wenn er wenigstens eine fundierte Kritik am Onlinejournalismus aufgeschrieben hätte. Aber noch im Vorwort über die edlen Tugenden von Journalisten schwadronieren und dann ein Kapitel abliefern, das offensichtlich nicht mal sauber recherchiert und zitiert ist, das ist dann schon erbärmlich. Und ja, fast mitleiderregend.

  12. Raue ist laut Mitarbeitern der TA der festen Überzeugung, dass das Internet eh nur ein Trend sei und bald wieder von der Bildfläche verschwinden wird.

  13. Das liest man aus dem Buch ziemlich unschwer raus. Aber nochmal: Man kann ja dieser Meinung sein, wenn man will. Aber wie kommt man dann auf die Idee, ein „Handbuch des Onlinejournalismus“ zu schreiben und diesen blanken Nonsens jungen Journalisten als Start in ihr Berufsleben mitzugeben?

  14. Wer Wolf Schneider kennengelernt hat, dem wird nicht entgangen sein, dass ihm als alter Preusse der Blick nach vorne nicht gerade der liebste ist. Seine Bücher haben inzwischen Jahrzehnte auf dem Buckel. Die Zeit ist an diesem Mann und seinem Werk vorüber gegangen. Wer würde ihm verdenken, dass er sich mit einer Neuauflage noch ein Zubrot verdient. Fragen stellen müssen sich allerdings die, die ihn auch im digitalen Zeitalter noch als erste Referenz nennen.

    Nebenbei: Ist ‚Learning by doing‘ nicht eines der zentralen Elemente der digitalen Zeit?

  15. Tja….wer nennt ihn eigentlich immer noch als erste Referenz? Und warum? Das ist mir seit Jahren unklar, aber es ist immer noch so ein Automatismus. Auf der anderen Seite ist ja mindestens genauso erstaunlich, warum sich im digitalen Journalismus bisher fast niemand so einen Ruf aufgebaut hat. Also, nicht dass ich jetzt einen digitalen Schneider-Generals-Klon wollen würde, aber dass der Mann immer noch gelesen wird, selbst wenn er zu diesem Thema wirklich gar nichts zu sagen hat, spricht ja nicht unbedingt für uns Ausbilder auf der digitalen Seite.

  16. Krass! Und ich dachte, der rowohlt-Verlag würde seine Sachbücher wenigstens bei Themen die sich täglich verändern auf Sinnhaftigkeit prüfen.
    Herr Schneiders Wort war/ist im Print vielleicht ex cathedra, aber nach dieser Veröffentlichung müssen sich sich wohl um eine Exkommunikation keine Sorgen mehr machen 😉

  17. puh, da kann man ja nur froh sein, dass man dieses handbuch nie las. allerdings habe ich mir vor rund 30 jahren als schülerzeitungsredakteur „deutsch für profis“ angetan. schon damals besserwisserisch, pedantisch und kreativitätstötend. später wurde ich beim öffentlich rechtlichen fernsehen mit einer stellvertretenden redaktionsleiterin konfrontiert, die dieses buch zur absoluten wahrheit erklärte. beispiel: „flüsse freuen sich nicht, lies mal den schneider…“
    ich hatte es gewagt, zu texten, dass die elbe sich freuen könne, mal in der semperoper gewesen zu sein.

    sorry, aber schneider ist ein fluch für journalisten. und mal eben so beiseite: wieso lebt der eigentlich noch? hatte geschätzt 10 jahre nichts mehr von ihm gehört…

  18. @cjakubetz Es ist ja kein Geheimins, dass man zwischen Sylt und Starnberg gern den „Autoritäten“ lauscht. Jugend und Experimentierfreude sind nicht die bevorzugten Qualitäten hierzulande. Am Ende muss sich jeder selbst entscheiden, woran er sich orientiert und sich messen lässt.

    Und übrigens, @olfinger, die Redakteurin hatte Recht – der Satz geht gar nicht. Verblüffend finde ich, dass Du Dich nach Jahren noch daran erinnerst. Redigiert zu werden ist doch journalistisches Tagesgeschäft.

  19. Mal ne andere Frage: Gibt es wirklich Menschen, die meinen, anhand eines Buches lernen zu können, wie Journalismus funktioniert – und dann auch noch alles, was darin steht, völlig unreflektiert als absolute Wahrheit hinnehmen? Wenn jemand als xy-Papst tituliert wird, sollten bei einem – angehenden – Journalisten doch alle Alarmglocken läuten (dafür gerne fünf Mark ins Wolf-Schneider-Gedächtnis-Phrasenschwein).
    Ich kann mich jedenfalls noch an die Zeit an der Journalistenschule erinnern, als einer dieser Feuilleton-Päpste uns etwas beibringen wollte. Den hat damals (zu recht) kaum einer für voll genommen.

  20. Der Autor hier gebärdet sich doch ebenso als Oberschlaumeier wie Schneider/Raue. Dabei spiegelt das Buch doch wieder, was die Mehrheit der Printer über Online denkt. Die Onliner ihrerseits glauben, dass Internet habe alles verändert und müssen offenbar das Handwerk des Journalismus gar nicht mehr beherrschen. Die Wahrheit ist doch, dass online soviel Müll drin steht, wie sich keine Zeitung im Print erlauben würde.

  21. Genial finde ich das Twitter-Bashing mit der Begründung, dass Obama damit ja Wahlkampf gemacht hat. Mit der gleichen Logik ließe sich fordern, sämtliche Printpublikationen zu verbieten, da es ja auch Parteizeitungen gab und gibt (und gerade in Deutschland von ’33-’45 auch übelste Hetzblätter!).

  22. @Thomas Berscheid („Ich Penner haben in den letzten 11 Jahren 18.000 Artikel über Georgien geschrieben.“)

    18.000 Artikel in 4000 Tagen geschrieben? Respekt, Respekt! Nur eine neugierige Frage: Wann recherchieren Sie eigentlich? Schlafen Sie auch mal?

  23. Wenn Leute mit so einem Unsinn auffliegen, dann frage ich mich immer, was die vorher vielleicht schon für einen Mumpitz verbrochen haben, der aber nicht aufgefallen ist, oder wo sich niemand getraut hat etwas zu sagen, weil er oder sie nicht genug Gewicht hat, um gegen solche Größen anzukommen.

    Dieter

  24. Mit ihrer an den Haaren herbeigezogenen Meinung über Online-Journalismus stehen die beiden Päpste leider nicht alleine da. Bei einer großen Tageszeitung im Südwesten mit einer dicken Mantel- und mehreren Lokalredaktionen besteht die Online-Redaktion aus sage und schreibe zwei Redakteuren. Man muss ja nicht jedem Trend hinterher laufen. Aber es sind nicht nur zwei Dinos, die moderne Entwicklungen in ihrem „Standartwerk“ verschlafen.

  25. @Jan Leiser: „Raue ist laut Mitarbeitern der TA der festen Überzeugung, dass das Internet eh nur ein Trend sei und bald wieder von der Bildfläche verschwinden wird.“

    Bei der Braunschweiger Zeitung ist er nicht anders aufgetreten. Dort sprach er z.B. von „diesem Internet“ und sperrte sich bis ins Jahr 2009 anno domini, der BZ eine Online-Redaktion zu gönnen — das sagt schon alles über sein Verhältnis zu diesem Medium aus. Den von ihm und Schneider beklagten schlechten Produktionsbedingungen im Online-Journalismus hat Raue im Übrigen als Chefredakteur selber Vorschub geleistet — und auch die Aussage, dass Print-Journalisten arrogant auf ihre Online-Kollegen herabblicken, trägt klar autobiografische Züge. Eine groteske Selbstanprangerung in Buchform.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.