Der Lokaljournalismus sagt beim Abschied leise „Servus“

Eine dieser neuen hypergehypten Hyperlokalseiten macht gerade mal nach einem Jahr wieder zu. Das könnte man als Vertreter eines eher konventionellen Lokaljournalismus — vor allem natürlich als Lokalzeitung — wunderbar als Grund nehmen, um zu sagen: Seht her, sagen wir es euch doch dauernd, die gute alte Zeitung ist dann vor Ort eben doch nicht zu ersetzen mit ein bisschen Onlinekram. Doch das ziemlich schnelle Sterben des Passauer Projekts „Lokalnews.de“ ist kurioserweise ein Beleg für genau das Gegenteil…

„Lokalnews“ startete vor rund einem Jahr in Passau und war ähnlich unentschlossen wie sein englischdeutscher Name: Auf der einen Seite wollte man eine hyperlokale Alternative zur selten guten, aber meistens richtig alten Passauer Neuen Presse sein. Auf der anderen Seite ließ man sich — wenn auch über Umwege — genau von dieser PNP finanzieren und machte eine Seite, die oft so aussah, als wenn sie die PNP bestellt hätte. Jung äußerlich, aber uralt innendrin, so hat der wunderbare Georg Ringsgwandl ein solches Phänomen (in einem anderen Kontext) mal beschrieben. Soll heißen: Klar sahen die Lokalnews irgendwie ein bisschen frischer und jünger aus als die PNP, aber innendrin war es die gleiche alte, langweilige Melange. Die hippen und wenigstens nach außen konzernunabhängigen Onliner machten genau diesen Journalismus, mit dem viele Lokalredaktionen seit etlichen Jahren zuverlässig jedes Publikum ins Wachkoma schreiben: viel von diesem Kram, den eine lokale Agenda vermeintlich vorgibt, irgendwelche Rathausnachrichten, die halt dann Rathausnews heißen, trotzdem aber Sachen verlautbaren, für die sich der durchschnittliche Bewohner einer Stadt schlichtweg nicht interessiert. Kalendergetriebenes Memorieren von irgendwas, aktuell beispielsweise, dass vor 83 Jahren die erste Passauer Buslinie in Betrieb genommen wurde oder vor 41 Jahren das Passauer Kinderheim umbenannt wurde und seinen heutigen Namen erhielt. Polizeiberichte, die Ankündigung, dass Heino demnächst in der Gegend singt und Hansi Hinterseer es schon getan hat — das alles könnte in seiner ganzen öden Routiniertheit auch im Lokalteil der PNP stehen. Und weil es das meistens auch tut, hat Lokalnews es während seines gesamten Bestehens nicht geschafft, die eine und alles entscheidende Frage zu beantworten: Warum soll ich dieses hyperlokale Onlinedings lesen, wenn es gar keinen Unterschied zu dem lokalen gedruckten Ding gibt? Nur weil Internet drauf steht und das Ganze optisch ein kleines bisschen hipper aussieht als die Lokalzeitung liest noch kein Mensch das Internetdings. In Zahlen: Laut Webseite brachte es der meistgeklickte Beitrag bei den Lokalnews auf gerade mal 1400 Leser, der meistkommentierte Beitrag ist bezeichnenderweise die Meldung „In eigener Sache“, dass man den Laden wieder dicht macht. Sechs Kommentare. Wenn die Macher der Seite einen Beleg gebraucht hätten, dass den allermeisten ihr Projekt völlig wurscht ist, hätten sie ihn hier bekommen.

Das muss nicht unbedingt eine gute Nachricht für die lokalen Platzhirschen sein, nicht in Passau und nicht anderswo. Weil das Scheitern der „Lokalnews“ zeigt, dass es nicht einfach nur um die Frage Print oder Online geht. Sondern eher darum, ob Journalisten speziell im Lokalen es schaffen, aus dem routinierten Am-Leser-Vorbeischreiben herauszukommen. Es ist zur bequemen Standardausrede geworden, über das böse, böse Internet zu jammern und es für jedes einzelne verlorene Exemplar verantwortlich zu machen. Dabei geht es vor allem für die regionalen Blätter seit einer Zeit bergab, als vom Internet noch nicht mal im Ansatz die Rede war. Zu sinken begannen die Auflagen der Tageszeitungen schon in der Mitte der 80er Jahre. Dass sie Mitte der 90er Jahre noch einmal erheblich anstieg, war ein Sondereffekt der Wiedervereinigung — rechnet man diese Delle heraus, dann haben es die deutschen Tageszeitungen seit 25 Jahren mit leichten, aber beständigen Rückgängen zu tun. Über die diversen Gründe dafür kann man sich lange streiten. Einer dafür ist aber ganz sicher: ein Inhalt, der vielerorts mit dem Leben des Lesers nichts mehr zu tun hat. Inhalte, die man schon in den Zeiten der nicht vorhandenen Medienvielfalt eher ertragen als gemocht hat. Inhalte, die vielleicht Journalisten, Lokalpolitikern und Schreibtischhengsten in Behörden gefallen haben. Aber sonst auch niemanden. Nebenher fällt mir ein, dass ich beispielsweise heute in einem Lokalteil für das niederbayerische Vilsbiburg einen unfassbar langweiligen 150-Zeiler über die Sorgen des Krankenhauses Vilsbiburg gelesen habe. Da ging es ziemlich lang und breit um irgendwelche Abrechnungsverfahren mit den Versicherungen und darum, dass die Techniker Krankenkasse dem Krankenhaus Vilsbiburg letztes Jahr einen hübschen Preis verliehen hat. Die Geschäftsführerin des Krankenhauses wird sich über die nette Geschichte sehr gefreut haben, bei allen anderen Lesern lag die frühzeitige Abbruchquote vermutlich bei 95 Prozent. Dumm nur, dass eine solche Geschichte in vielen Lokalen nicht mal negativ auffallen würde.

Was könnte man also aus dem frühen Scheitern des Passauer Online-Lokal-Projekts lernen? Dass man endlich anfange müsste, ordentlichen, interessanten, lebensnahen, engagierten (Lokal-)Journalismus zu machen, damit sich die Leser nicht mehr abwenden.  Dass man alle Jahrestags-Kalender und Einladungsmappen am besten weit wegräumt. Dass man sich eventuell auch mal fragen sollte, wen dieses Thema jetzt überhaupt interessieren soll (die Beantwortung dieser Frage hätte den Krankenhaus-150-Zeiler sicher verhindert).

Und dass man es sich mit dem Onlinebashing etwas arg einfach macht. Wenn einem auch online die lokalen Leser wegbleiben, dann stimmen die Geschichten nicht. Wenigstens für diese Erkenntnis müsste man den „Lokalnews“ fast schon wieder dankbar sein.

35 Gedanken zu „Der Lokaljournalismus sagt beim Abschied leise „Servus“

  1. Welche Beispiele gibt es denn dafür, wie es funktionieren sollte?
    Ich behaupte, dass in der durchschnittlichen Kleinstadt eben nicht nichts anderes passiert, was sich in einer Zeitung berichten lässt. Rathaus- und Vereinsgeschichten sind nuneinmal so wie sie sind.
    Ein drittklassiges Fußballspiel kann man auch mit einem guten Kommentator nicht zum Gassenfeger kommentieren.

    Natürlich kann man mehrere Tage in eine Reportage über den Alltag einer Pflegedienstmitarbeiterin machen, oder über den sozialen Wandel im am Beispiel eines Jungendclubs.
    Aber abgesehen davon, dass dafür schlicht das Budget fehlen wird: Das Resultat ist dann nicht mehr lokal, sondern taugt auch für ein beliebiges deutschsprachiges Wochenmagazin. Und das ist dann nicht nur wegen der Reichweite ein lohnenswerterer Abnehmer.

  2. Ich amüsiere mich gerade köstlich darüber, dass sich jemand in seinem stinklangweiligen 190-Zeiler über den angeblich langweiligen 150-Zeiler eines anderen mokiert 😉

  3. Die aufgeworfene Hauptthese ist schon nicht ganz falsch. Jetzt frage ich mich nur, was denn die inhaltliche Alternative ist? Lokaler Investigativjournalismus? Lokales Boulevard? Lokaler Datenjournalismus? Imho macht es die intelligente Mischung aus Bewährtem und neuen inhaltlichen Ansätzen.

    Und selbst dann ist die Monetarisierungsfrage noch nicht zufriedenstellend und nachhaltig beantwortet. Meines Wissens nach gibt es hier noch nirgends einen proof-of-concept für ein reinrassiges lokales Online-Zeitungs-Modell.

  4. Leider wird mir der ganze Artikel etwas zu wenig konkret? Es wurde angeblich viel falsch gemacht, Inhalte und Themen passten nicht, Ausrichtung war falsch.

    Wie gehört es gemacht? Was gehört geändert? Ich bin ihren leeren Worthülsen langsam etwas überdrüssig.

    Gibt es ein konkretes lokaljournalistisches Projekt, dass Sie Herr Jakubetz aktuell redaktionell im Internet begleitet haben? So richtig aktiv in der Redaktion? Themen gesetzt haben? Geschrieben haben?

    Das würde mich brennend interssieren.

  5. Natürlich ist nicht jeden Tag in irgendeiner Kleinstadt die Hölle los. Der entscheidende Punkt ist aber die Herangehensweise an Themen und Geschichten. Und an die eingeengte Sichtweise vieler Kollegen, die sich zwar mit Hingabe mit der aktuellen Zuführung des Verwaltungs- an den Vermögenshaushalt beschäftigen können, sehr naheliegende Themen, die die Leute bewegen, aber einfach nicht mitnehmen.

  6. Kleiner Tipp: Kritiker müssen durchaus nicht das machen können, was sie kritisieren. Kritiker müssen vor allem kritisieren können.

    Kein Filmkritiker muss ein zweiter Hitchcock sein, kein Literaturkritiker ein zweiter Shakespeare, kein Fußballkritiker ein zweiter Pele [oder Herberger]. Es muss auch kein Kritiker konkret sagen können, was den genau gemacht werden muss, damit – um bei Jakubetz Artikel zu bleiben – in Passau die Menschen wie auch immer Lokalnachrichten lesen. wobei ich denke, dass der Chef vom Blog das könnte, bekäme er ein entsprechende honoriertes Angebot.

    Ansonsten sollten sich die Damen und Herren Blattmacher mal unter das Volk begeben, mit den Menschen reden, sich mit ihrer Region bekannt machen, statt Presseticker aus der großen, weiten Welt abzuschreiben, PR der ansässigen Firmen kritiklos zu übernehmen und Oma Hertas 83. Geburtstag auf Seite 3 zu bringen.

  7. Ach, Herr Jakubetz, der alte Quark, wieder einmal ziemlich breitgetreten. Auch noch mit falschen Fakten. Kein Wunder, dass Stefan Niggemeier Sie kürzlich so trefflich vorführen konnte.

    Ich erinnere mich übrigens gut an Ihre Zeit als Lokaljournalist. Mehr sag i ned…

  8. Ach, Herr Jakubetz, Sie waren doch selbst bei der PNP und Sie erinnern sich an den „Uzi“, Ulrich Zimmermann, Chefredakteur Ende der Achtzigerjahre eingekauft von BILD, der von Passau aus ein flottes, boulevardeskes Weltblatt machen wollte. Da sank die Auflage der PNP in der Tat rapide, so dass die Verleger die Notbemse zogen.

    Soweit zu Ihrer Angabe sinkender Auflage Ende der Achtzigerjahre (die im übrigen vorrangig von hohen Verlusten der BILD und auch anderen überregionalen Zeitungen herrührte, nicht von den regionalen Tageszeitungen, die weiter zulegten). Und soweit zu Ihrem flotten Journalismus in ländlichen Räumen. Sie haben die Mentalität der ländlichen Bevölkerung vermutlich nie begriffen. Deshalb sind Sie auch abgewandert (oder mussten es für Ihr Ego tun).

  9. Ach du liebe Güte.

    Was, zum Teufel, spricht dagegen, aus Oma Hertas 83. ein schönes Feature zu machen? Oder über die Geschichte eines alten Hauses zu berichten? Sich am 1. Mai zu merken, worüber an den Biertischen geratscht wurde? Beim Krämer auf die Gespräche an der Fleischtheke zu hören? Mit der Feuerwehr die Übung mitzumachen?

    Blickwinkel finden, die andere so noch nicht gesehen haben oder immer mal sehen wollten – oder darf man das nur für „ein beliebiges deutschsprachiges Wochenmagazin“ machen? Lokal ist gleichbedeutend mit minderer Qualität? Bloß keine Klimmzüge, ist ja bloß ’ne Kleinstadt?

    Du meine Güte.

  10. Vera, bevor wir uns über Oma Hertas 83. fälschlich auseinander dividieren: Ich bin voll bei Ihnen, vor allem was den zweiten Absatz angeht. [Ob der 83. nun auf Seite drei gefeatured gehört, sei einmal dahingestellt, möglicherweise gibt es dafür wirklich gute Gründe – im Einzelfall.]

  11. Natürlich muss ein Fußballkritiker kein zweiter Pelé sein. Aber in der A-Klasse sollte er zumindest gespielt haben um zumindest etwas Ahnung von Fußball zu haben.

    Mir persönlich sind einfach Leute lieber die etwas probieren, etwas anpacken und ja, vielleicht auch damit scheitern.

    Ich hab mich in den letzten beiden Stunden erstmals so richtig intensiv mit diesem Blog beschäftigt. Texte geschrieben von einem Theoretiker, dem es nicht schaden würde das erste Mal (Online)Redaktionsluft zu schnuppern. Leere Worthülsen gewürzt mit den ständig wiederholenden identischen Thesen kann jeder beliebig aneinanderreihen. Da muss ich kein „Medienmensch“ sein.

    Auf den Punkt gebracht: Die Medienwelt braucht mehr Gutjahr und weniger Jakubetz.

  12. @Martin M.: Na, da haben Sie sich aber anscheinend mit diesem Blog nicht wirklich auseinandergesetzt. Ich würde mit Ihnen nahezu jede Wette eingehen, in meinem Leben sehr viel mehr Redaktionsluft geschnuppert zu haben als Sie, auch und vor allem in diesem Internet. Auf den Punkt gebracht: Recherchieren Sie doch bitte etwas gründlicher, bevor Sie zum kleinen schlaumeiernden Rundumschlag ausholen. Und wie viele Dinge haben Sie denn in Ihrem sicher hoch erfolgreich verlaufenen journalistischen Leben bisher mal eben „ausprobiert“, hm? Richard Gutjahr schätze ich übrigens sehr, er hat das Schlusswort des von mir herausgegebenen Buchs „Universalcode“ verfasst.

    @Vera: Da gibt es wenig Dissens, Dierk schrieb das ja eben auch schon. Die Frage ist nicht, ob man Oma Hertas 83. Geburtstag thematisieren darf, es geht eher um das wie.

    @Vera und Bernd Stuhlfelner: Komisch, dass solche Debatten immer in Richtungen gehen, in die sie gar nicht gehen sollten. Ich habe weder was gegen Kleinstädte noch gegen die „ländliche Bevölkerung“. Im Gegenteil. Ich habe nur etwas gegen die sehr lieblose und routinierte Art, wie der Lokaljournalismus dort gemacht wird. Im Übrigen ist das Kleinstadtphänomen, es gibt ausreichend Großstadt-Lokalredaktionen, bei denen es auch nicht sehr viel besser funktioniert.

    @Bernd Stuhlfelner: Ich freue mich ungemein, dass Sie mein Ego so gut einschätzen können, fürchte aber trotzdem, dass Sie ein paar Dinge missverstanden haben. Zum einen würde ich ja gerne jegliche gedankliche und journalistische Nähe zu Uzi Zimmermann von mir weisen wollen. Zum anderen: Wenn ich einen Lokaljournalismus anders als bisher machen will, fordere ich doch nicht in der Konsequenz die Boulevadisierung. Eher im Gegenteil. Und was die Auflagenzahlen angeht (das Thema bezog sich ebenfalls nicht auf die PNP): Sie sinken seit 1992 konstant. Selbst wenn wir also die Wiedervereinigungsgeschichte außen vor lassen, ist doch unbestritten, dass seit 20 Jahren die Auflagen zurückgehen. Wie kann man denn angesichts dessen davon überzeugt eigentlich alles richtig zu machen? Ihr in Straubing verliert laut IVW weniger als andere – aber ein Verlust ist das trotzdem.

  13. @ Christian Jakubetz

    Ich habe schon verstanden, was Sie meinten mit flotterer Lokalzeitung aus neuen Blickwinkeln und nicht am Leser vorbeischreiben. Den Uzi Zimmermann habe ich als Beispiel gebracht, um zu zeigen, wie schnell man sich verlaufen kann, wenn man die Leser nicht mitnimmt.

    Wir wissen alle, dass Leser in nicht unerheblicher Anzahl schon bei kleinen Layout-Veränderungen unwillig reagieren, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern langfristig verstimmt. Umso mehr bei inhaltlichen. Die Frage stellt sich ja genau andersherum: Ob man nicht dann konsequent am Leser vorbeischreibt und -produziert, wenn man ihm flott und aufgeweckt kommt, mit neuen, anderen Stilmitteln und Inhalten und Aufmachung. Das akzeptiert er allenfalls als Ergänzung, aber nicht als Ersatz. Wenn dem (älteren) Leser das Vertraute abhanden kommt, fehlt ihm ein Stück Heimat. Dann ist er bereit, nach 30 oder 40 Jahren des Abonnements seine Zeitung schweren Herzens aufzugeben.

    Die jungen Leser (viele jedenfalls) kriegst du eh nicht mehr. Die lesen erstens weniger und haben zweitens eine geringere Lesekompetenz. Die lesen auch das Spannendste und Ungewöhnlichste nicht mehr (zum Glück nicht alle natürlich, aber ein steigender Prozentsatz). Die lesen dann aber auch keine Internetzeitung oder journalistische Inhalte im Netz. Der demografische Faktor spielt auch noch mit.

    Insofern steht dem konventionellen Journalismus in der Tat ein schleichender Tod bevor, aber der neue ist noch nicht geboren. Das was im Netz insgesamt läuft, selbst bei Spiegel Online mit seinen mehr als hundert Redakteuren, oder auch bei vielen anderen, die scheinbar Neues versuchen, ist ja kein prinzipiell neuer Journalismus. Den gibt es schlicht (noch) nicht.

    Wir beiden liegen prinzipiell ja nicht weit auseinander. Ich hätte auch gerne etwas Anderes, Flotteres. Man hat genau zwei Möglichkeiten: Sie verständigen sich mit Ihren Lesern auf eine Linie, die in aller Regel bieder und konservativ ausfällt, oder Sie produzieren flott und beschwingt für den Papierkorb und sind als Verlag nach ein paar Monaten pleite. Je ländlicher, älter und weltanschaulich konservativer Ihre Leserschaft ist, umso klarer beantwortet sich diese Frage. Aber auch in Ballungsräumen reagieren Leser sehr empflndlich auf Veränderungen, vor allem, wenn sie auf das Vertraute ganz verzichten müssen.

    Das heißt allerdings nicht, auch da sind wir uns einig, dass man nicht auch das Vertraute und Biedere sehr viel pfiffiger, ungewöhnlicher und etwas geistreicher machen könnte. Daran krankt es vielfach in der Tat.

  14. Hoppala, hier wird ja tatsächlich viel alte Wäsche gewaschen. Darüber, ob Christian Jakubetz als Lokaljournalist weiland erfolgreich war oder nicht, kann ich nicht urteilen. Und warum die Lokalnews in Passau nicht funktioniert haben, weiß ich auch nicht.

    In einem wesentlichen Punkt seines Posts aber hat er, da bin ich überzeugt, wirklich Recht: Wir bringen in unseren Zeitungen vielfach die falschen Themen, wir holen unsere Leser nicht in ihrer Lebenswelt ab.

    Gerade im Print pflegen wir die Gewohnheiten unserer „Silver Reader“, schaffen es aber nicht, jüngere Zielgruppe anzusprechen und auch keine Migranten und was es sonst noch alles gibt.

    Da muss sich der (Lokal)Journalismus gewaltig ändern. Wir müssen Mut haben, auszuprobieren, neue Konzepte zu testen (und bei Nicht-Erfolg wieder zu verwerfen), und unsere Zeitungs-Geschäftsführer dürfen nicht als erstes die Frage stellen: Rechnet sich das? (Ich kenne da einen, der ist da ganz vorbildlich, den kann ich empfehlen).

    Insofern, lieber Christian, Dein fortgesetztes Print-Bashing geht mir ja schon immer wieder auf den Zeiger, aber Dein Fingerzeig auf die tradierten Inhalte ist völlig richtig.

    Wenn ich nur wüsste, was dann wirklich funktioniert?

  15. wieder einmal ein versuch irgendwie seinen senf zu irgendwetwas zu geben, aber es kommt nichts bei rum. das ist traurig, wenn leute schreiben, dass artikel von kollegen nicht bis zum ende gelesen werden (angeblich schreuben sie am leben der leute vorbei). aber dann schreiben sie selbst sowas von 100 prozent am thema und den leuten vorbei, dass es einem graut.

    A) langweilig
    B) an den Leuten vorbeigeschrieben (ich sag nur 95 Prozent)
    C) überhaupt gar nichts neues
    D) keine Lösungen

  16. @Joachim: Ich weiß, dass das gerne als „Print-Bashing“ verstanden worden ist. Tatsächlich habe ich auch ne ganze Zeit lang gedacht, diese ganzen Dinge seien mehr oder minder exklusive Probleme der (Lokal-)Zeitung und damit auch des Mediums Print. Beim Thema Lokalnews habe ich dann irgendwann mal gedacht, wie langweilig es ist, wenn man den ganzen Kram, über den wir doch schon seit Jahren lamentieren, jetzt auch im Netz macht. Insofern: ja, hab was gelernt. Patentrezept? Nein, habe ich auch nicht. Was ich sehe ist die von Bernd Stuhlfelner benannte Klemme, in der viele Blätter inzwischen stecken. Wird die Verjüngung zu radikal durchgeführt, dann steigen die Stammleser aus, ohne dass ein Erfolg einer solchen Modernisierung garatiert ist. Auf der anderen Seite ist aus meiner Sicht das, was viele Redaktionen momentan machen, ein Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

    @Bernd Stuhlfelner: Ihre Zustandsbeschreibung ist weitaus härter und pessimistischer als meine, ist Ihnen das aufgefallen? Ihre Schilderung sieht Lokaljournalismus bzw. Lokalzeitungen als ein sterbendes Genre, für das es keinen Ausweg mehr gibt. In der Diagnose sind wir nicht weit voneinander entfernt, in der Konsequenz vermutlich dann schon eher. Ich glaube, dass es nach wie vor echten Bedarf an lokalem Journalismus gibt. Auch bei einer jüngeren Zielgruppe, die ich übrigens gar nicht so Wolf-Schneider-artig pessimistisch sehe wie Sie. Ich glaube sehr konservativ daran, dass man Menschen auch in 100 Jahren noch mit relevanten Geschichten aus ihrem täglichen Lebensumfeld dazu bringen wird, lokale Informationen zu sich zu nehmen.

    @Joachim und Bernd Stuhfelner: Ich würde ja gerne mal die Probe aufs Exempel machen, ein paar Ausgaben gemeinsam durchgehen und dann mal schauen, ob es nicht tatsächlich mit dem selben Material ganz andere Herangehensweisen gegeben hätte. Ich meine jetzt gar nicht mal: cromssmedial, multimedial, irgendwie internetzig. Sondern rein thematisch.

  17. @Christian Jakubetz

    Jetzt sind wir aber mittendrin in der Qualitätsdebatte.
    Dass man viele Geschichten ganz anders aufziehen kann – keine Frage. Voraussetzung: Sie haben den Stoff zu hundert Prozent im Griff, weil Sie
    a) die nötige Zeit und
    b) das qualifizierte Personal haben.
    Mit den vielen nebenberuflichen Freien ist das schon nicht mehr zu machen. Und keine Lokalzeitung kommt ohne sie aus.

    Wenn ich vom schleichenden Tod des Journalismus schreibe, dann meine ich nicht einen wirklichen Tod, sondern einen drastischen Schrumpfungsprozess. Natürlich finden spannende Geschichten, die das Leben schreibt, immer ihre Leser. Aber, wie erwähnt: Wen sich keine radikale Wende vollzieht, wird immer weniger gelesen und das Wenige immer weniger verstanden. Wir sind in dieser Geselslchaft auf dem Weg zu neuer Elitenbildung, ohne dass uns das gesellschaftlich schon bewusst wäre: Die gut ausgebildeten Führungseliten, die wesentlich zahlreicher sein werden als in früheren Jahrhunderten, und eine Masse geistigen Proletariats. Und die kriegen Sie mit Qualitätsjournalismus nicht, will man womöglich auch gar nicht.

    Was ich sagen will: Natürlich wird es Journalismus weiterhin geben, überregional und lokal, aber quasi, um den alten Begriff aufzunehmen, in Form von sogenannten Intelligenzblättern wie früher mal, vermutlich mehrheitlich digital.

  18. Sowohl im Beitrag als auch in den Kommentaren wird immer noch stark vom überholten Sender-Empfänger-Modell ausgegangen. Es liegt aber nicht nur an den Inhalten, wenn sich keiner für Lokalnachrichten interessiert, es liegt auch an der Nähe zum Leser, an der Dialogbereitschaft und am fehlenden Kontakt im richtigen Leben.

    Wer wissen will, welche Inhalte relevant sind, muss recherchieren, auch mal provozieren, dorthin gehen, wo die Leser sind (im Netz und auf der Straße) und Feedback-Kanäle aufmachen. Das ist weiß Gott keine neue Erkenntnis, aber die fehlte mir weiter oben einfach.

  19. Ich bin leider spät dran mit meinem Kommentar, weil ich in den vergangenen Tagen viel, viel Lokaljournalismus machen musste. Und ich bilde mir ein, dass ich guten, frischen Lokaljournalismus gemacht habe. Aber das hat mich Stunden über Stunden gekostet. Ob das wirklich lesenswerte Geschichten geworden sind, müssen andere beurteilen. Ich weiß nur, dass ich mich in mittlerweile 30 Jahren Lokaljournalismus sehr viel weiter entwickelt habe, als ich das jemals für möglich gehalten habe. Das lag auch an den Redaktionen, für die ich gearbeitet habe und arbeite, und die sich bemüht haben, einen besseren Lokaljournalistmus zu machen. Termin- und Verlautbarungsjournalismus ist inzwischen verpönt, auch wenn man das nicht glauben mag, wenn man viele Blätter liest.
    Zu einer PK gehen und hinterher 80 Zeilen ablaichen ist keine Kunst. Die Themen – auch von Rathaus-Pressekonferenzen – nehmen und daraus Geschichten machen, die nah an den Menschen sind, aber ist harte Arbeit, die in Zeiten dünn besetzter Redaktionen schwer zu leisten ist. Kollegen mit Anspruch leisten sie dennoch. Das beschert Überstunden. Und dafür muss anderes zurückstehen. Also: Großes groß und Kleines klein. Sich nicht den Ansprüchen von Veranstaltern und Verwaltungen beugen, sondern Ankündigungen und Mitteilungen so kurz wie möglich bringen, dafür Platz und Arbeitszeit schaffen für die guten, die lesenwerten Geschichte, das kann das Rezept für einen besseren Lokaljournalismus sein. Und welche Themen sind richtig, um sie groß zu machen? Fragen wir Lokalredakteure uns doch öfter mal, was wir selber lesen würden? Bestimmt nicht die fünfte Feuerwehrjahresversammlung der Woche, und auch nicht den viel beschworenen Text über die Klinikprobleme. Es sei denn, der Patient spürt sie am eigenen Leib, und dann muss das auch drinstehen, am besten mit Beispielen, festgemacht an Menschen.
    Ob wir richtig liegen mit unserer Einschätzung, ob eine Geschichte wirklich gelesen wird und wichtig ist, verraten uns zumindest bei meinem Blatt die Klickzahlen. Insofern profitieren auch die Printkollegen – die übrigens gern Online mitbedienen, wenn es sich anbietet – vom Netz. Wir veröffentlichen sogar täglich die meistgeklickten Nachrichten. Intern und nach außen hin also ein guter Gradmesser für das Leserinteresse, der uns früher fehlte.
    Mir ist aber auch klar, dass es immer noch viele, vor allem kleine Provinzblätter gibt, die ihre Leser tagaus, tagein langweilen. Oft haben diese Leser mangelns Alternative keine andere Wahl, als die alteingesessene Lokalzeitung weiter zu lesen, wollen sie nicht völlig von jeder lokalen Information abgeschnitten sein. In welcher Kleinstadt hat sich bisher denn schon eine lokale Online-Konkurrenz etabliert? Gäbe es eine Konkurrenz – ob print oder inline -, dürfte es vielen Lokalblätter heute noch viel schlechter gehen als es derzeit beklagt wird. Aber dann hätten diese Blätter vielleicht längst zur Notbremse gegriffen und wären jünger, frischer, weniger verlautbarend geworen.

  20. Vielleicht sind die Leser und ihre Interessen einfach vielfältiger geworden. Die Oma, die sich für die Jahreshauptversammlung des Vereins XY interessiert, ist für Print eine sichere Bank, aber sie geht eher nicht ins Internet. Der Online-Leser dagegen hat an Lokaljournalismus ganz andere Erwartungen. Wer also das, was Oma glücklich macht auf Online überträgt- verliert.

  21. @Christian
    Hatte ich schon richtig verstanden, war aber selbst mal wieder zu kurz. Das ist die Denke vieler Lokalredakteure: Ist ja nur Kleinstadt. Und: Bloß keine Experimente. Haben wir immer so gemacht.

    Was Lokaljournalismus im Allgemeinen angeht: Vergleicht doch mal die Rhein-Zeitung mit dem Trierischen Volksfreund. Sagt alles. (Die besseren Beiträge im TV sollen übrigens über eine Kooperation mit der RZ zustande kommen. Wenn Lindner sein Gebiet bis hierher – Moseleifel – ausdehnen würde, könnte der TV einpacken. Postuliere ich einfach mal.)

  22. Verehrter Herr Jakubetz,
    die Kommentatoren haben ja schon viele treffende Kritikpunkte an Ihrem Beitrag hier gepostet, in Ihrem Text exerzieren Sie genau jene belanglose Oberflächlichkeit vor, die Sie dem Lokaljournalismus von heute und lokalnews.de im Konkreten vorwerfen. Für einen Blick in die Tiefe hatten Sie wohl weder die Lust, oder auch einfach keine Zeit, um fundiert zu kommentieren. Die Beispiele, die Sie angeführt haben, datieren, so wie ich das sehem aus der Zeit nach dem Bekanntwerden der Redaktionsschließung. Nicht weiter verwunderlich, dass nach einem abrupten Ende der Antrieb in einer Redaktion nachlässt, oder? Ich war nun wahrlich kein täglicher Rezipient der Seite, habe es aber aus der Ferne stets verfolgt. Sicher, die Macher mussten auf „Lückenfüller“ wie Polizeimeldungen etc. zurückgreifen, um die Seite und den Newsfeed am Laufen zu halten und mehrmals täglich mit „frischen“ Inhalten zu füllen. Um reinen Qualitätsjournalismus, mit ausgedehnten Features und Geschichten nah am Leser und Leben in und um Passau zu betreiben, dafür fehlte wohl schlichtweg das Personal. Mit zwei Redakteuren lässt sich so etwas nicht bewerkstelligen. Das sollten Sie als ehemaliger Chef einer Lokalredaktion nur zu gut wissen. Dennoch hat es die Belegschaft – soweit ich weiß durchaus verwurzelte Passauer – häufig geschafft, leutselige, entschleunigte Beiträge zu produzieren. Und sich damit vom Lokalteil der PNP durchaus abzuheben. Mit schönem, vom tagesaktuellen Duktus losgelöstem Lesestoff aus der Stadt. Ein guter Anfang, wie ich fand, der ausbaufähig gewesen wäre. Aber beim Passauer Verlag herrscht eben ein sehr kurzsichtiger Blick mit dem reinen Fokus auf Zahlen und Wirtschaftlichkeit. Daher jetzt das Ende von lokalnews.de. Vielleicht sollten Sie sich besser mal die Mühe machen, und die Vorgänge in Verlagen und Häusern wie der PNP ausleuchten, die mit rigorosen Personaleinsparungen und perspektivlosen Zeitverträgen für junge Journalisten es langsam unmöglich machen, guten Lokaljournalismus zu betreiben.

  23. @Toni: Ich verstehe, was Sie meinen, gebe Ihnen in manchem (z.B. Personalausstattung) auch recht. Unrecht tun Sie mir allerdings, wenn Sie meinen, ich hätte mich nicht ausreichend mit der PNP beschäftigt. Habe ich. So viel, dass ich mich dann irgendwann mal zurückgenommen habe, weil das hier kein PNP-Blog ist. Aber geben Sie mal in die Suche dieses Blogs „Passau“ und „PNP“ ein, Sie werden einiges finden.

  24. @cjakubez: Dann hätten Sie umso mehr ihren Kommentar über das gescheiterte Projekt lokalnews.de in einen anderen Kontext stellen müssen.

  25. Das müssen Sie selbstverständlich nicht. Das Portal hatte viel Luft nach oben, keine Frage. Aber wenn Sie das Gebaren des Verlags so gut kennen, dann hätten Sie andere Maßstäbe ansetzen müssen. Es zumindest in den richtigen Kontext stellen. Eine Redaktion mit 2 Kräften, egal ob Print oder Online, stößt eben schnell an ihre Grenzen. Und das schlägt sich in der Qualität der täglichen Berichterstattung nieder. Aber das Projekt hatte es von Anfang an schwer, da es offenbar nur halbherzig mit Personal ausgestattet wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es die vorderste Absicht des Finanziers NPV war, mit lokalnews.de den Lokaljournalismus im Internet voranzubringen. Sondern wohl eher, mit geringsten Mitteln eine weitere Plattform für zusätzliche Anzeigeneinnahmen zu schaffen. Den Verlagsoberen geht es nicht um Qualitätsjournalismus oder gar eine gesellschaftliche Verantwortung, die sie eigentlich wahrnehmen sollten. Sondern um schnöde Moneten. Das ist ja bekannt. lokalnews.de war nur ein weiterer Spielball.

  26. Da sucht man für eine medienethische Seminararbeit nach „Abschied vom Journalismus“ und landet hier…
    Viele Grüße von einem ehemaligen SummerSchool-Teilnehmer!

    Zum Thema kann ich leider wenig beitragen…mir ist allerdings aufgefallen, dass sich bei lokalnews.de doch eine Menge an Unithemen findet. In diesem Bereich ist die Konkurrenz aber dank Campusradio und -TV sowie diversen studentischen Zeitungen recht hoch; gegenüber der Campuscrew mit ihren morgendlichen Kurznachrichten fällt wohl auch der Aktualitätsbonus der LokalNews weg. Und was bleibt dann noch an relevanten Zielgruppen? Junge Passauer interessieren sich evtl. weniger für „klassische“ Lokalthemen. Und den Älteren pressiert’s nicht so sehr, als dass sie „Hyperaktualität“ bräuchten. Denen reicht dann die PNP. Oder die Am Sonntag 😉
    Also im konkreten Fall schlicht schlechte Zielgruppenanalyse bzw. Marktbeobachtung?

  27. Ich experimentiere ebenfalls seit einem Jahr an einem Format und meine langsam ein Gefühl für die lokal interessante Melange zu bekommen.
    Ein Widerspruch in einer schnelllebigen Branche.

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