Noch Fragen zu Thema Netz-Hysterie?

Drüben bei Cicero habe ich gestern einen kleinen Kommentar zur Lanz-Peition geschrieben. Ich habe mir – kurz zusammengefasst – die Meinung erlaubt, dass diese Petition und die ganze Aufregung rund um ein missratenes Interview zum einen ein Missbrauch bzw. eine Trivialisierung des Instruments einer Petition seien. Und dass diese hysterische Rumgekeife so bezeichnend wie auch furchtbar nervig seien.

Und am liebsten würde ich ja ganz generell gerne bei gefühlten 99 Prozent der Debatten im Netz sagen: Jetzt beruhigen wir uns erst mal alle wieder. Kommt mal langsam wieder runter, wischt euch den Schaum vom Mund ab und schlaft mal eine Nacht drüber.

cicero

Bis dato stehen drüben bei Cicero jetzt 18 Kommentare. Davon abgesehen, dass mir natürlich niemand recht gibt, wird mir unter anderem ein Sprachgebrauch aus dem dritten Reich, eine Argumentation, mit der man auch Vergewaltigungen rechtfertigen könne sowie eine ungebührliche Nähe zum ZDF vorgeworfen.

Hat jemand noch Fragen zum Thema Hysterie?

Wie „Spiegel Online“ die Kanzlerin mal Geschichte schreiben ließ

Eigentlich wollte ich hier nur einen Screenshot posten. Und ein paar spöttische Anmerkungen. Bis mir dann beim Posten und beim Spötteln noch ein paar andere Sachen durch den Kopf gegangen sind. Beispielsweise, dass sich (Online-)Journalismus irgendwann mal selbst erledigt, wenn er sich in einem Stadium der Daueraufgeregtheit von einer Banalität zur anderen hangelt. Dass er sich dann erledigt, wenn er zwar permanente Aktualität und Betriebsamkeit vortäuscht, sich aber dahinter ungefähr nichts Substanzielles verbirgt. Dass er sich in ein Rattenrennen um die vermeintlich aktuellste Berichterstattung begibt, das er nicht gewinnen kann. Und dass man in einem solchen Nachrichtenkäfig wirklich nicht Journalist sein möchte. Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Der CvD springt auf und scheucht seine Truppe durch die Gegend, dass sie sofort alles stehen und liegen lassen soll, um der Welt das folgende mitzuteilen:

image001

Vermutlich wird das schlagende Argument der SPON-Truppe sein:  Wir sind erfolgreich so wie wir sind. Sehr erfolgreich sogar. Das mag auch alles sein, aber für mich selbst (und das ist jetzt ganz persönlich und weder wissenschaftlich noch argumentativ belegbar) stelle ich mehr und mehr fest, mich aus diesem Dauer-Newsstream im Netz zunehmend rauszunehmen. Man erfährt vieles und man weiß nichts. Das hat nicht mal mehr mit der schieren Menge zu tun, die im Netz auf mich zukommt. Sondern mit der schieren Menge an Belanglosigkeiten. An Irrelevanz. An Kram, den ich weder einordnen kann noch einordnen will, weil es schlichtweg völlig egal ist, ob die Kanzlerin im Sitzen spricht oder im Stehen. Von mir aus kann sie auch einen Kopfstand machen, das wäre dann beinahe schon wieder lustig. Aber insgesamt ist mir meine Zeit zu schade, als dass ich sie mit einer riesigen Heißluftblase verbringe, die sich „Newsstream“ nennt.

Man könnte das aber auch anders sehen. Kürzer, knapper. Man könnte einfach von einem Versagen des Journalismus sprechen.

Der ganze #ddj in einer App

Eine eigene App zum Thema „Datenjournalismus“ – ich hab´s ja hier schon ein paar Mal angekündigt. Und weil ich selbst daran mitgearbeitet habe – hier die Pressemitteilung der ABZV im Ot-Ton:

ABZV mit Kiosk-App im Apple-Store

Als erste Einrichtung publizistischer Bildungsarbeit hat die ABZV, das Bildungswerk der Zeitungen, eine Kiosk-App im iTunes-Store veröffentlicht. Unter app.abzv.de ist die Gratis-App für das iPad abzurufen. Die ABZV eröffnet damit einen publizistischen Bildungskiosk, der mit seminarbegleitenden Unterlagen und journalistischer Fachliteratur bestückt wird.

Digitales Magazin zum Datenjournalismus. Erster Kiosk-Beitrag ist ein iPad-Magazin (PDF unter ddj.abzv.de) zum Datenjournalismus. Das crossmediale Fachbuch erklärt „data driven journalism“ (ddj) auf einfache Weise und begründet überzeugend, warum insbesondere lokale und regionale Redaktionen in das Thema einsteigen sollten. Mirko Lorenz, international erfahrener Datenjournalismus-Trainer, ABZV-Dozent und Projektleiter des ABZV-Datawrapper erläutert, wie sich Zeitungen mit ddj neue Erlösquellen erschließen können. Das Magazin nennt zahlreiche Recherchequellen und -wege, präsentiert bereits erschienene Datenstorys, schlägt leicht umsetzbare Themen vor und gibt Tipps für unaufwändige Visualisierungen. Lokalredakteure der Dortmunder Ruhr Nachrichten berichten in Kurzvideos über ihre Erfahrungen bei der Umsetzung datenjournalistischer Themen. Die Interviews führte Christian Jakubetz, Projektleiter des ABZV-Serviceportals Universalcode. Die ausführlichen Videos sowie viele ddj-Specials sind dort erschienen.

screen480x480

Bereits vor drei Jahren hat die ABZV den Datawrapper entwickelt, eine Visualisierungssoftware, mit der Journalisten unaufwändig Daten aufbereiten und die fertigen Charts mit wenigen Klicks in die Webseite oder ins Printsystem einbetten können. Zahlreiche Redaktionen nutzen das Werkzeug mittlerweile. So verzeichnete die Seite datawrapper.abzv.de am Tag der Bundestagswahl über 500.000 Seitenaufrufe.

Am schnellsten erlernen Redaktionen datenjournalistische Fertigkeiten, wenn vorab professionell trainiert wird. Die ABZV unterbreitet ein gestaffeltes Angebot für Seminare vor Ort. Erfahrene Trainer erarbeiten mit der Redaktion Konzepte, die zum jeweiligen Medium und zum Verbreitungsgebiet passen. Zusätzlich erfolgt gezieltes Training für alle Stufen des Arbeitswegs: von den trockenen Zahlensammlungen zur relevanten Geschichte.

Breaking: Schweinsteiger ist hetero!

Die Kollegen vom „Kicker“ stehen normalerweise nicht dafür, Auslöser intensiver journalistischer Diskussionen zu sein. In der vergangenen Woche war das anders: Nach dem Outing von Thomas Hitzelsperger beschloss das Fußball-Magazin, diesem Thema keine einzige Zeile zu widmen. Mit mehreren interessanten Begründungen. Eine davon lautete sinngemäß: Das Privatleben und die sexuelle Orientierung eines Sportlers seien für die Öffentlichkeit und für die Bewertung seiner sportlichen Leistungen nicht relevant. Was auf den ersten Blick nachvollziehbar klingt, noch dazu, wo der „Kicker“ ein Sportmagazin und keine Klatschpostille ist.

In der besten aller Welten wäre es also tatsächlich so: Ob ein Fußballer (oder irgendeine andere Person des öffentlichen Lebens) schwul ist oder nicht, das interessiert keinen Menschen. Es wäre demnach auch keine einzige Meldung wert, weil ja auch niemand auf die Idee käme zu melden: Bastian Schweinsteiger heterosexuell!

Tatsächlich aber leben wir nicht in der besten aller Welten. Und natürlich gibt es gute Gründe dafür, warum sich in Deutschland noch kein einziger aktiver Spieler getraut hat, sich zu outen — und warum auch Hitzlsperger erst sein Karriereende abwartete. Dass es auf einer Seite wie „pi-incorrect“ (absichtlich kein Link) derbe Kommentare setzte, wird niemanden überraschen. Falls Sie jetzt sagen: ja klar, ist ja auch „pi-incorrect“, dann ist es ein Trugschluss, falls Sie glauben, nur in bekennend radikalen Postillen komme so etwas vor, eine kleine, verblendete Minderheit quasi. Auch ein Blatt wie die FAZ kommentierte den Fall Hitzlsperger. Und das, was man dort lesen konnte, war de facto „pi-incorrect“ auf gehobenem Niveau. O-Ton:

Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genau so rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg.

Um schließlich mit dem plattesten und Homophobie-typischen Satz zu schließen:

Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

Viel hätte nicht gefehlt und in diesem Kommentar wäre noch der Satz „Man wird doch noch sagen dürfen…“ aufgetaucht.

Bei „Bild“ wiederum wunderte sich der Briefeschreiber Wagner darüber, dass einer wie der Hitzelsperger schwul ist. Wo er doch so gekämpft und gegrätscht hat, der Hitzlsperger. Vermutlich dachte Wagner bislang, ein Schwuler würde am liebsten im Tatftröckchen auf den Platz gehen. Dass dann eine Überschrift zu einer Hitzlsperger-Geschichte auch noch in blassrosa eingefärbt war, mag ein unglücklicher Zufall sein, wenn man denn bei „Bild“ daran glaubt, dass irgend etwas ein unglücklicher Zufall ist.

Nein, es gehört natürlich immer noch Mut dazu, sich zu outen. Und es ist absurd zu glauben, dass nicht ausgerechnet der Fußball eine immer noch latent homophobe Zone ist.

Unlängst übrigens hat eine schottische Profi-Mannschaft einen Kollegen als besonders trainingsfaul gebrandmarkt. Das Ergebnis: Er musste in einem rosa Ballerinen-Outfit trainieren.

 

Hiermit erkläre ich #pofallagate für beendet

Ha! Diese Medien, diese dummen Journalisten! Merken einfach nicht, wenn sie von einer Satireseite veräppelt werden, scheinen ab, ohne nachzudenken und verdummen dadurch gefühlt die halbe Menschheit. Glaubwürdigkeit dahin, haben wir doch schon immer gewusst.

So leicht kann man es sich in Urteilen über Journalisten und Medien machen, wie in Urteilen über ungefähr alles andere auch. Dass es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die genau das auch tun, wer wollte das bestreiten? Politiker sind demnach alles korrupte Egomanen, Polizisten üble Draufschläger, über Banker reden wir erst gar nicht — und Journalisten, siehe oben. Dass die Wahrheit wie immer etwas differenzierter ist,  mein Güte, was soll´s…

Dabei kann man aus der überaus gelungenen Nummer des „Postillion“, der die Pofalla-Meldung einfach rückdatierte und als exklusiv bezeichnete, über den Zustand von Medien und ihre Glaubwürdigkeit das folgende schließen:

Nichts.

Wenn nicht ganz wenige Menschen aus diesem Stückchen folgern, wie elend doof Journalisten doch sein müssen, wenn sie eine erkennbare Satire ungeprüft abschreiben, dann sagt das mehr über die Leute als über die Medien aus. So einfach. Reflexartiges Losquäken war schon immer eine unangenehme Erscheinung und man müsste lügen, würde man nicht festhalten, dass sie durch die Möglichkeiten im Netz auch noch verstärkt werden.

Der „Postillion“ hat das ganz prima gemacht. Nur nicht so, wie es sich die Losquäker gedacht haben. Satire, liebe Freunde, muss man auch dann verstehen, wenn sie sich gegen einen selber richtet.

Dann klappt´s auch mit diesem Multimedia…

Das SZ-Magazin hat heute ein Projekt gestartet, bei dem man auf den ersten Blick sagen könnte: Wie soll das funktionieren? Sie hat den gesamten bisherigen Verlauf des NSU-Prozesses protokolliert und aufbereitet. Als ein komplettes Heft, aber auch mit multimedialen Applikationen, wie beispielsweise einem mit Schauspielern produzierten Film, in dem die Szenen dieses Films nachgestellt werden (nebenher bemerkt: ausgezeichnet gemacht, ohne Effekthascherei, angenehm zurückgenommen). Mit eingebunden in das Projekt ist demnach natürlich auch süddeutsche.de.

sz

Warum das hier steht: Immer, wenn ich mir ansehe, welchen Weg die SZ mit ihren multimedialen Angeboten zurückgelegt hat, dann denke ich mir, dass es eben doch geht. Süddeutsche.de war zu Zeiten von Hans-Jürgen Jakobs ein dunkelgraues, uninspiriertes, langweiliges Angebot, das den Besuch kaum lohnte. Da mag es sicher eine Rolle gespielt haben, dass das Online-Thema auch SZ-intern eher ungeliebt war. Trotzdem: Inzwischen fallen SZ und süddeutsche.de immer wieder auf mit Ideen, die über den Aspekt des guten Onlinejournalismus hinausgehen. Ich würde sogar sagen: Zeit und Süddeutsche sind diejenigen, die in Deutschland die Maßstäbe setzen, zumindest unter den Verlagsangeboten.

Und noch etwas kann man daraus lernen: Nur mit reiner Präsenz im Netz kommt man mittlerweile nicht mehr sehr weit, ein vernünftiger Ansatz geht über alle Plattformen hinweg. Wenn man sich beispielsweise die überregionalen Mitbewerber der SZ ansieht, dann bekommt man eine Ahnung, wie weit „FAZ“ und „Welt“ inzwischen zurückgefallen sind (wobei sie bei der „Welt“ ja jetzt wenigstens den Versuch unternehmen, multimedial Aufstellung zu nehmen, man darf gespannt sein).

Medien ohne crossmediale Aufstellung? Wer wissen will, was das in der Konsequenz bedeutet, muss nur mal einen Blick auf die drei werfen. Sehr aufschlussreich zu Beginn des Jahres 2014.