TV, abgeschafft

Bei Amazon kann man jetzt auch fernsehen. Das heißt, natürlich nicht das, was wir unter klassischem TV verstehen. Im Sinne von: Man setzt sich vor einen großen Kasten in der Mitte des Wohnzimmers und wartet darauf, was an manchmal mehr und meistens weniger Gutem kommt. Stattdessen können ab sofort alle Prime-Mitglieder zu einem leicht erhöhten Jahrespreis (49 statt 29 Euro) unbegrenzt auf die gesamte Amazon-Videothek zugreifen. Gemessen an dem, was Konkurrenten wie Maxdome oder Watchever an Preisen aufrufen: ein Kampfpreis, ein Schnäppchen.

Und damit würde ich Ihnen jetzt erst einmal gerne von meiner TV-Woche berichten. Das heißt, eigentlich habe ich es mir schon lange abgewöhnt, klassisches Fernsehen einzuschalten. Aber aus Gründen hat es sich einfach so ergeben, dass der Fernseher in dieser Woche ziemlich oft lief. Gesehen in einer Mischung aus Neugier und Ekelfaszination habe ich u.a. das Folgende:

Ein schleimbeuteliger Mann ist mit vier Frauen in einem Fickschloss eingesperrt, drei knutscht er nieder, eine nicht. Jede Woche muss jetzt eines der blonden Barbiepüppchen das Haus verlassen. Am Ende bleibt eine und ist dann die Liebe für den Rest des Lebens des sogenannten Bachelors.

Irgendwo anders treffen sich adipöse Menschen.  Sie werden ziemlich geschunden und ab und auch mal vorteilhafter gestylt. Wer am Ende etwas weniger adipös ist, ist der „biggest Loser“.

Günther Jauch stellt Quizkandidaten Fragen.

Günther Jauch stellt Politikern Fragen.

Thomas Gottschalk spricht mit Promis über deren Schulzeit.

Ein Trailer kündigt an, dass Günther Jauch und Thomas Gottschalk mit Kandidaten Spiele spielen.

In einer Arztpraxis wird ein Penis in Großaufnahme behandelt, bei dem irgendwas kaputt gegangen ist.

In einem Jugendknast sitzen Menschen, bei denen etwas mehr kaputt gegangen ist.

In Köln, Mainz und Veitshöchheim werden Menschen gezeigt, die eigenartige Kostüme tragen und über flache Witze lachen.

Oliver Kahn spielt Oliver Kahn.

Täglich eine Talkshow.

Und natürlich könnte ich noch eine ganze Zeit so weiter machen. Aber erstens möchte ich gerne Ihre Nerven schonen, zum anderen habe ich das Experiment „Eine Woche ganz normales TV“ dann doch eher wieder abgebrochen. Es ging einfach nicht mehr.

Damit kommen wir dann wieder zurück zu Amazon. Und zu Apple, zu Netflix, zu Maxdome und Watchever. Und zu der unausweichlichen Konsequenz, dass wir es zunehmend mit einem Zwei-Klassen-TV zu tun bekommen.

Das eine, das hochwertig, ständig verfügbar ist, Geld kostet, aber gemessen an dem, was man alleine monatlich an Rundfunkgebühr bezahlt, dann doch wieder günstig ist.

Und das andere: wahlweise öffentlich-rechtliches Anstalts-TV, das Mainzer Karneval für lustig, Gundula Gause für seriös und eine „Münchner Runde“ für heimatverbunden hält. Oder aber privates Fernsehen, dass wenigstens so ehrlich ist und gar keinen Hehl daraus macht, zu diesem Zwecke auch Penisse in Großaufnahmen und dicke Menschen beim Abnehmen zu senden. Dass die einen gerne mit den Fingern auf die anderen zeigen, kann man mit einem Schulterzucken abtun, weil das Publikum, dass sie alle gerne hätten, sich abgewendet hat und es weiter und in verstärktem Tempo tun wird.

Ja, natürlich kenne ich das Argument: Wenn man sucht, findet man jeden Tag im TV Perlen. Das ist ganz bestimmt so – und genau das ist auch die Crux: Ich muss suchen, ich muss jede Menge Müll und Langeweile durchwühlen, um irgendwo vielleicht mal etwas zu entdecken, was gut sein könnte.

Dagegen das: Heute Abend ist „House of Cards“-Hardcoreabend angesagt. Ganz ohne Fernseher.

Fernsehen ist immer noch das Leitmedium Nummer 1 sagen die, die es machen. Mag sein. Aber die Prognose ist nicht allzu gewagt: keine zehn Jahre mehr und TV ist das Nebenbeimedium Nummer 1. Bedeutungslos, vor sich hinplätschernd, bunt flimmernd und nett, wenn man es hat.

Muss man aber nicht. Wirklich nicht.

 

 

 

Universalcode!

 Bitte schön, da sind wir: Gerade eben ist die nächste Kiste mit den „Universalcode“-Nachdrucken eingetroffen. Ab Montag wieder frisch und gedruckt lieferbar. Beim Verlag, im Buchhandel, bei Amazon oder direkt per Mail via cjakubetz (ät)gmail (dot) com. Selbstredend natürlich auch weiterhin als E-Book für den Kindle und alle anderen halbwegs gängigen Geräte!

Oasen in der Ödnis

Die Branche, DIESE Branche, sie verdient Menschen wie uns gar nicht! Andreas Grieß, ein junger Freiberufler und Medienjournalist aus Hamburg, hat vergangene Woche mit einer Rede bei der „Social Meedia Week“ für einiges an Aufsehen gesorgt. Seine Rede wurde schnell als „Wutrede“ gedeutet. Als ein Manifest einer vom Journalismus bitter enttäuschten Generation. Diese Generation, so argumentiert Grieß, könne so ungleich viel mehr als ihre Vorgänger-Generationen. Aber nirgendwo lässt man sie machen, stattdessen blockieren alte Besitzstandwahrer nicht nur die lukrativen Jobs in den Unternehmen, sondern auch gleich noch jede Form von Innovation.
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Das klingt erstmal naheliegend – und stimmt trotzdem nicht. Dass es einiges an bösen Erfahrungen für junge Journalisten gibt, kein Zweifel. Dass man sich mittlerweile gut überlegen sollte, ob man in den Journalismus geht und wie man davon leben will – ebenfalls kein Zweifel. Man wird nicht zwingend reich in diesem Beruf. Und wer auf der Suche nach Festanstellungen mit lebenslanger Perspektive ist, wird vermutlich auch nicht glücklich.

Trotzdem hat dieser Rant das Problem, das die allermeisten Rants haben: Er differenziert nicht. Er lässt außen vor, dass es in der journalistischen Ödnis auch Oasen gibt, in denen etwas wächst, was die Ahnung von neuem, überlebensfähigem Journalismus keinem lässt. Manchmal da, wo man es gar nicht vermutet. Und manchmal tatsächlich nur im Kleinen. Aber das ist vermutlich momentan die einzige vernünftige Stratege im Journalismus: auf Sicht fahren, immer wieder versuchen was funktioniert, um Dinge, die funktionieren, dann konsequent weiterzuführen. Was umgekehrt aber auch bedeutet: Wenn etwas nicht funktioniert, muss man es auch wieder sanft entschlummern lassen. Vermutlich werden wir also in den nächsten Jahren noch einige Dinge sehen, die hoffnungsvoll an den Start gehen und kurz darauf nicht mehr existieren.

In den letzten Wochen beispielsweise haben die „Rhein-Zeitung“ und die „Ruhr Nachrichten“ damit begonnen, mit Messengern wie „WhatsApp“ zu experimentieren. Keine Ahnung, ob das erfolgreich sein wird, ich weiß ja nicht mal, welche Form von Journalismus daraus resultieren soll und ob das alles noch Journalismus ist. Was ich aber sicher weiß: „WhatsApp“ hat 500 Millionen User. Man kommt also gar nicht daran vorbei, mit solchen Dingen zu experimentieren. Dass es Redaktionen gibt, die jetzt damit beginnen und dass es sogar Redaktionen der vielfach geschmähten Gattung Tageszeitung sind, ist ein Beleg dafür, dass es eben doch auch anders geht. Und nein, es geht nicht nur um Messenger-Versuche. Was die Kollegen der RN in Dortmund beispielsweise zum Thema Datenjournalismus gemacht haben, ist aller Ehren wert.

Niemand bestreitet, dass Andres Grieß mit seinen Beobachtungen nicht wenigstens stellenweise Recht hat. In dieser Branche tummeln sich genug Besitzstandswahrer und Blockierer. Es gibt immer noch hinreichend viele Journalisten, die das Netz und seine Möglichkeiten schlichtweg negieren. Aber es gibt eben genauso die Redaktionen und Unternehmen, bei denen Journalismus schon lange neu und konsequent gut gedacht wird. Mir fielen auf den Schlag mindestens zehn Redaktionen ein, bei denen ich gerne arbeiten wollen würde. Das ist vielleicht eine Minderheit, zugegeben. Aber auf der anderen Seite darf man zuversichtlich sein: Diejenigen, die sich jetzt verweigern, werden in ein paar Jahren eh nicht mehr da sein. Man muss nicht mal etwas „gegen die Branche“ tun, um sie zu ändern. Das erledigen gewisse Marktmechanismen in den nächsten Jahren schon ganz alleine.

Diese Oasen muss man suchen – und bei allem Respekt, lieber Andreas Grieß: Natürlich ist es schon viel Pech, das Ihnen da widerfahren ist. Aber trotzdem: Wenn man sich in den letzten Jahren bei FTD, FR, dapd und Meedia beworben hat, dann müsste einem Medienjournalisten auch klar gewesen sein, dass er sich viermal für Krisengebiete entscheidet.

(Foto: R_K_B_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)_pixelio.de)

Arrogante Köpfe

Folgen Sie mir jetzt bitte zurück in das Jahr 2001: Das Netz ist ein „Schnorrermedium“. Eines, in dem im Gegensatz zu den Lesern der Printausgabe „Meinungsmüll, Geplapper und Unsinn“ absondern. Keine Frage, dass es sich nicht lohnt, sich durch diesen Wust zu lesen, nur um dann – vielleicht – in jedem zehnten Beitrag mal Lesenswertes zu entdecken.

(Foto: R_K_B_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)_pixelio.de)

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Was an sich ja auch nicht erstaunlich ist. Kommentarspalten in Blogs sind tendenziell ja doch eher „Klowände“, an denen sich schnell mal „Krakeele“ findet. Die „Blog-Warte“ indessen, sie verschanzen sich gerne in der Dunkelheit und der Masse und haben nichts anderes zu tun, als etablierten Medienmachern ans Bein zu pinkeln. Tja, so ist das – in diesem Netz, dem Schnorrermedium, dem dunklen Ding, in dem sich in erster Linie Krawallmacher und Denunzianten finden.

Ich weiß nicht, wie viel Arroganz, Selbstverliebtheit und Rechthaberei hinter solchen Auffassungen stecken. Was ich sicher weiß: Die Äußerungen stammen aus dem Februar 2014, sie kommen vom FAZ-Mann Michael Martens, der offensichtlich auch die eigene FAZ-Seite als „Schnorrermedium“ voller Meinungsmüll sieht (ich wüsste übrigens gerne, was sich FAZ.net-User denken, wenn Sie lesen, was Ihre Autoren von Ihren Kommentaren halten). Und von Matthias Matussek, seit neuestem bei der „Welt“. Matussek will in seinem Text bei „The European“ eigentlich nur auf Vorwürfe Stefan Niggemeiers antworten, entgleist dann aber völlig und endet schließlich…siehe oben.

Und was ich seit heute auch wieder weiß: Die Debatten, von denen man eigentlich hätte denken könne, dass sie allmählich vorbei seien, sind noch lange nicht beendet. So lange nicht, so lange Journalisten glauben, Meinungsäußerungen im Netz seien mehrheitlich „Meinungsmüll“ oder „Krakeelerei“.

Die Lanz-Bubble

Seit Markus Lanz „Wetten, dass…“ moderiert, müssen Menschen wie Hans Hoff ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu ihrem Beruf haben. Hoff ist das, was man gemeinhin als „Fernsehkritiker“ bezeichnet. Das sind Menschen, die vor dem Fernseher sitzen, sich Sendungen anschauen und darüber schreiben, wie sie sie fanden. Meistens schlecht, das ist das Wesen des Kritikers.

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Somit ist es kein Wunder, dass Hans Hoff und ungefähr alle anderen hautberuflichen Kritiker Lanz und „Wetten, dass…“ seit Lanzens erster Sendung konsequent niederschreiben. Hoff und Co. müssten das allerdings inzwischen selbst langweilig finden. Weil sie jedes Mal das gleiche schreiben und weil sie vermutlich ihre Verrisse schon am Samstag nachmittag in der Badewanne fertig haben und sich die eigentliche Sendung dann nur noch ansehen, damit wenigstens keine falsche Angaben über die Gäste drinstehen. Ansonsten sind die Kritiken genauso erwartbar wie Moderationen von Markus Lanz: „Polierter Showroboter“ nennt ihn Hoff diesmal,  sein Kollege Matthias Kohlmaier hatte bei der Januar-Sendung noch behauptet, die Tatsache, dass die Sendung pünktlich zu Ende gegangen sei, sei eine Flucht vor dem damals laufenden RTL-Dschungel.

Der „Wetten, dass…“-Verriss ist mittlerweile zu einem liebgewordenen Ritual des deutschen Sonntags-Journalismus geworden. Denn die Kollegen der SZ sind damit ja nicht alleine. „Spiegel Online“ gehört ebenfalls zu den verlässlichsten Lieferanten böser Stücke. Wenn spätestens Sonntag mittag noch kein böses Wort auf der Seite zu finden ist, müsste man sich Sorgen machen und schnell jemanden vorbei schicken in Hamburg. Nicht, dass ihnen noch was passiert ist bei SpOn. An diesem Sonntag jedenfalls funktionierte die Verriss-Maschine aus Hamburg noch zuverlässig: „Eine Sendung leidet an Burn-Out“, attestierte man dem TV-Dino diesmal. Das ist die Größenordnung, in der sich „Spiegel Online“ jedesmal bewegt. Kein Wunder, ist doch Lanz der „Christian Wulff des Showgeschäfts“, für den „jede Sendung ein Endspiel“ ist. Sogar die „Bild“, ihn früheren Tagen ein glühenden Anhänger von „Wetten, dass…“ und zumindest tendenziell auch gegenüber Lanz nicht allzu negativ eingestellt, haut inzwischen jeden Sonntag danach drauf; diesmal zugegeben sogar halbwegs originell.

Bevor Sie jetzt erstaunt vermuten, ich sei der einzige lebende Journalist/Blogger, der enorm viele Sympathien für den Moderator Markus Lanz hegt: bin ich nicht, tue ich nicht. Ich amüsiere mich eher. Zum einen darüber, dass es SZ, SpOn und anderen nicht zu doof wird, dieses Ritual vierwöchentlich aufzuführen. Der journalistische Mehrwert wäre ja an sich nur gegeben, wenn irgendjemand demnächst mal feststellen würde, jetzt habe der Lanz aber mal eine richtig gute Sendung hingelegt. Alles andere – führt zu dem schönen Phänomen der Konsonanz. Der Erwartung der Leser an ihre Redaktion, ihn in ihrem gefestigten Weltbild zu bestätigen. Leseerwartung nennt man das wohl, was da passiert. Kurz gesagt: Der SZ/SpOn-Leser will bestätigt wissen, wie recht er hatte, die Sendung nicht zu schauen und den Lanz doof zu finden. Wenn es also eine Art Lanz-Filter-Bubble gibt, dann tun SZ und „Spiegel“ gerade alles dafür, dass diese Blase ja nicht platzt.

Persönlich ödet mich Journalismus an, der so furchtbar erwartbar ist. Ich mag ja Lanz-Sendungen auch nicht, weil sie so erwartbar sind. Und im Übrigen: Hey, wer verreißt jetzt eigentlich mal diesen furchtbar öden und flachen Stromberg-Film, auf den ich mich eineinhalb Jahre gefreut hatte und der zu einer meiner größten persönlichen Enttäuschungen geworden ist? Niemand vermutlich, Stromberg und Christoph Maria Herbst stecken derzeit ja eher in der überaus positiv gestimmten Filter Bubble von SZ und SpOn fest.

Nicht bewerben!

zdf

Mit dieser Anzeige ist das ZDF gerade auf der Suche nach neuen Volontären. Als Voraussetzungen sind u.a. willkommen: Studienabschlüsse in Jura, Medienmanagement, Informatik, irgendwelche Naturwissenschaften. Offensichtlich nicht willkommen sind: Journalismus,  Kommunikationswissenschaften, Geisteswissenschaften.

Was zumindest eine Frage aufwirft: Was machen sie eigentlich so in diesen Studiengängen, die mit Journalismus und Kommunikationswissenschaft zu tun haben? Oder andersrum: Welchen Grund wird das ZDF wohl haben, diese Studiengänge plus die Geisteswissenschaften mehr oder weniger für unerwünscht zu erklären?

Total normal

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On Job: Konrad Weber (Foto: SRF)

Es ist ja in den letzten Tagen viel darüber geredet worden, ob sich junge Journalisten jetzt für Online interessieren oder eher doch nicht. Was läge demnach näher als jemanden zu fragen, den es unmittelbar betrifft. Konrad Weber ist das, was man als einen volldigitalen Journalisten bezeichnen kann. Unlängst wurde der Allrounder vom Schweizer Fernsehen in seinem Heimatland zum „Newcomer des Jahres“ gewähr. Im Gespräch erzählt er, warum er seine Art zu arbeiten für nicht sehr ungewöhnlich hält. Und welche Erfahrungen er mit der Digital-Freudigleit seiner Generation gemacht hat.

Mehr zu Konrad Weber gibt´s drüben beim „Universalcode“.

Aber hier arbeiten, nein danke!

Die Welt ist ja so einfach: Die alten Journalisten, irgendwo jenseits der 40, sind diejenigen, die irgendwie verzweifelt versuchen, den digitalen Wandel aufzuhalten. Und wenn das nicht möglich sein sollte, dann diesen Wandel einfach ignorieren.  Aber von hinten, da drängelt schon der ungeduldige, volldigitalisierte Nachwuchs – der dann in den nächsten Jahren das zu Ende führen wird, was wir Alten momentan noch blockieren.

Und dann das: Fragt man 14- bis 25-Jährige, die entweder schon Journalisten sind oder es werden wollen, nach der Mediengattung, bei der sie am liebsten arbeiten würden — dann sagen verblüffende 53 Prozent, dass sie zu irgendwas mit gedrucktem Papier wollen (mehr dazu drüben beim „Universalcode“).  Fernsehen und Radio landen weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Man mag es  als Schwäche der Umfrage sehen, dass  „Online“ als eigene Branche nicht abgefragt worden ist.

Auf der anderen Seite ist das das – möglicherweise ungewollte – Verdienst dieser Umfrage: Sie bildet  Realitäten ab. Zum einen diese hier: Nach wie vor ist es für Jung-Journalisten nicht sonderlich erstrebenswert, irgendwas mit Online-Medien zu machen. Man darf wetten: Selbst wenn man die Frage um die Online-Medien erweitert hätte, sie wären vermutlich ganz am Ende der Skala gestanden. Was im Übrigen einen hübschen Widerspruch illustriert: Nirgendwo treiben sich junge Medienkonsumenten mehr herum als im Netz. Für den Rest gilt (frei nach Tocotronic): Aber hier arbeiten, nein danke.

Und nein, diese Umfrage ist keineswegs verzerrt oder unrealistisch. Jeder, der ein bisschen mit der Ausbildung junger Journalisten zu tun hat, wird das bestätigen können: Genutzt werden Onlinemedien, geträumt wird von der Seite 3. Was für die Zeitungen eine riesengroße Chance wäre, weil sie potenziell immer noch auf die größten Ressourcen des journalistisches Nachwuchses zurückgreifen könnten. Schade, dass nicht ganz wenige Zeitungen zu ihrem potenziellen Nachwuchs momentan eher unfreundlich sind.

Für digitale Medien unterdessen heißt das: Sie bleiben nach wie vor der Job einer Minderheit. Auf Veränderung und Weiterentwicklung haben nicht allzu viele Lust. Für die alten Säcke jenseits der 40 (einschließlich mich) ist das ja dann fast schon wieder eine beruhigende Nachricht. Für den Journalismus eher nicht.

Einblicke in einen ganz normalen Journalisten- Alltag

Der Lokalredakteur: Frank Spiegel, Westfalen-Blatt (ABZV Videoreporter Folge #8) from ABZV on Vimeo.

Ich gebe es ja zu: Wenn es auf dieser kleinen Seite um Journalismus gehr, dann geht es weniger um das Alltägliche. Dumm nur, dass es immer noch der Alltag ist, der den Journalismus und seine Entwicklungen ausmachen. Umso mehr lege ich Ihnen deshalb dieses Video von Roman Mischel ans Herz, das er für den „ABZV-Videoreporter“ gemacht hat. Ein Lokalredakteur des „Westfalen-Blatts“ erzählt. Und er erklärt auch, warum er „ums Verrecken“ mit all den vermeintlich großen Jungs in den Medien nicht tauschen möchte.

Wer Petitionen kritisiert, isst auch kleine Kinder mit Senf

Demnächst soll der Zoo von Kopenhagen geschlossen werden. Das ist, Sie erinnern sich, jener Zoo, der es tatsächlich gewagt hat, eine tote Giraffe an Löwen zu verfüttern. Das ist natürlich ein Skandal, man hätte sich schon die Mühe machen können, ein paar andere Tiere zu töten, um sie dann den Löwen vorzuwerfen. Oder man hätte wenigstens versuchen können, den Zoo-Löwen die Vorzüge der vegetarischen Lebensweise nahezubringen. So aber ist es nur zu verständlich, wenn es jetzt eine Online-Petition gibt, die gegen den „Herzlos-Zoo-Chef“ (Bild, wer sonst?) protestiert. Es hat in den letzten Tagen auch noch ein paar andere Petitionen gegeben, eine auch in meiner niederbayerischen Heimat – für den Erhalt eines Volksfests. Petitionen, so scheint es, sind schwer angesagt momentan.

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Man darf vermuten, dass der Zoo in Kopenhagen auch weiterhin geöffnet bleibt. Ebenso ist es keine gewagte Spekulation, wenn man prophezeit, dass Markus Lanz auch weiterhin im ZDF moderieren wird (und wenn man ihn absetzt, dann nicht wegen dieser komischen Petition gegen ihn). Nebenbei bemerkt sind auch die letztjährigen Geschäftszahlen von Amazon ganz ausgezeichnet gewesen, obwohl es im vergangenen Jahr sehr viel Entrüstung gegen den Konzern gegeben hat. Auch und gerade im Netz. Rainer Brüderle ist zwar nicht mehr in Amt und Würden. Aber vermutlich würden nicht mal die #Aufschrei-Initiatorinnen ernsthaft behaupten, dass sie etwas damit zu tun haben.

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Trotzdem wird munter weiter protestiert, arbeiten sich Petenten an Markus Lanz und Zoodirektoren an. Und natürlich berichten Medien momentan mit großer Begeisterung über alles, was irgendwie nach Protest, Netz und Bürgerinitiative aussieht. Den Initiatoren eines nicht vorhandenen „ZDF-Publikumsrats“ reichte alleine schon die Bekundung des Willens zur Gründung eines solchen Gremiums, um selbst in Blättern wie der „Süddeutschen Zeitung“ vorzukommen (süddeutsche.de hat den Artikel inzwischen übrigens sauber korrigiert). Im Tenor „noch mehr Ärger für Lanz“ hangelte man sich da durch, was schon alleine deswegen erstaunlich ist, weil eine wirkungs- und konsequenzenlose Petition als auch ein nichtexistenter „Programmrat“ nicht gerade das sind, was wirklicher Ärger ist.

Ärgerlich dagegen ist, dass Instrumente wie Petitionen entwertet werden, wenn man sie trivialisiert und inflationiert. Ein einstmals mächtiges und überaus notwendiges Instrument wird degradiert zur reinen Shownummer, wenn sie sich inzwischen beinahe täglich mit Lanz und Zoodirektoren befasst. Zumal sich die eigentliche Crux solcher schnellen und wohlfeilen Aktionen schon im letzten Jahr bei Amazon und beim #Aufschrei gezeigt hat: sie verpuffen. Irgendwo schnell im Netz irgendwas unterschrieben, das verlangt noch kein wirkliches Engagement. Es handelt sich im schlimmsten Fall um eine schnell dahingeschmissene Unmutserklärung. Man kann auch einmal laut rülpsen, die Konsequenzen sind die gleichen.

Dass Medien bei dieser Daueraufgeregtheit auch noch mitspielen, macht die Sache nicht besser. Sie gaukeln die Illusion vor, es reiche, ein bisschen im Netz zu krakeelen, schon hat jemand Ärger an der Backe. Sie halten die Betriebstemperatur der gefühlten Dauer-Erregung konstant hoch und verlieren dabei andere,wichtigere Themen aus dem Auge.

Und, nein: Es hat nichts mit der gerne vermuteten Angst von Journalisten zu tun, dass ihre Arbeit als solche angreifbar wird, wenn man eine Petition gegen einen mediokren Moderator unangemessen findet. Man darf und man muss Markus Lanz für sein missratenes Interview mit Frau Wagenknecht kritisieren (es gab übrigens eine Reihe von Redaktionen, die das auch ausgiebig getan haben). Wenn man blinden Aktionismus im Netz kritisiert, baut man deswegen noch lange keine journalistische Wagenburg. Wer den #Aufschrei kritisiert, ist noch lange kein Sexist.

Und wer die Aufregung um die verfütterte Giraffe nicht mag, isst deshalb noch lange nicht kleine Kinder mit Senf.