Wer Petitionen kritisiert, isst auch kleine Kinder mit Senf

Demnächst soll der Zoo von Kopenhagen geschlossen werden. Das ist, Sie erinnern sich, jener Zoo, der es tatsächlich gewagt hat, eine tote Giraffe an Löwen zu verfüttern. Das ist natürlich ein Skandal, man hätte sich schon die Mühe machen können, ein paar andere Tiere zu töten, um sie dann den Löwen vorzuwerfen. Oder man hätte wenigstens versuchen können, den Zoo-Löwen die Vorzüge der vegetarischen Lebensweise nahezubringen. So aber ist es nur zu verständlich, wenn es jetzt eine Online-Petition gibt, die gegen den „Herzlos-Zoo-Chef“ (Bild, wer sonst?) protestiert. Es hat in den letzten Tagen auch noch ein paar andere Petitionen gegeben, eine auch in meiner niederbayerischen Heimat – für den Erhalt eines Volksfests. Petitionen, so scheint es, sind schwer angesagt momentan.

bild

Man darf vermuten, dass der Zoo in Kopenhagen auch weiterhin geöffnet bleibt. Ebenso ist es keine gewagte Spekulation, wenn man prophezeit, dass Markus Lanz auch weiterhin im ZDF moderieren wird (und wenn man ihn absetzt, dann nicht wegen dieser komischen Petition gegen ihn). Nebenbei bemerkt sind auch die letztjährigen Geschäftszahlen von Amazon ganz ausgezeichnet gewesen, obwohl es im vergangenen Jahr sehr viel Entrüstung gegen den Konzern gegeben hat. Auch und gerade im Netz. Rainer Brüderle ist zwar nicht mehr in Amt und Würden. Aber vermutlich würden nicht mal die #Aufschrei-Initiatorinnen ernsthaft behaupten, dass sie etwas damit zu tun haben.

lanz

Trotzdem wird munter weiter protestiert, arbeiten sich Petenten an Markus Lanz und Zoodirektoren an. Und natürlich berichten Medien momentan mit großer Begeisterung über alles, was irgendwie nach Protest, Netz und Bürgerinitiative aussieht. Den Initiatoren eines nicht vorhandenen „ZDF-Publikumsrats“ reichte alleine schon die Bekundung des Willens zur Gründung eines solchen Gremiums, um selbst in Blättern wie der „Süddeutschen Zeitung“ vorzukommen (süddeutsche.de hat den Artikel inzwischen übrigens sauber korrigiert). Im Tenor „noch mehr Ärger für Lanz“ hangelte man sich da durch, was schon alleine deswegen erstaunlich ist, weil eine wirkungs- und konsequenzenlose Petition als auch ein nichtexistenter „Programmrat“ nicht gerade das sind, was wirklicher Ärger ist.

Ärgerlich dagegen ist, dass Instrumente wie Petitionen entwertet werden, wenn man sie trivialisiert und inflationiert. Ein einstmals mächtiges und überaus notwendiges Instrument wird degradiert zur reinen Shownummer, wenn sie sich inzwischen beinahe täglich mit Lanz und Zoodirektoren befasst. Zumal sich die eigentliche Crux solcher schnellen und wohlfeilen Aktionen schon im letzten Jahr bei Amazon und beim #Aufschrei gezeigt hat: sie verpuffen. Irgendwo schnell im Netz irgendwas unterschrieben, das verlangt noch kein wirkliches Engagement. Es handelt sich im schlimmsten Fall um eine schnell dahingeschmissene Unmutserklärung. Man kann auch einmal laut rülpsen, die Konsequenzen sind die gleichen.

Dass Medien bei dieser Daueraufgeregtheit auch noch mitspielen, macht die Sache nicht besser. Sie gaukeln die Illusion vor, es reiche, ein bisschen im Netz zu krakeelen, schon hat jemand Ärger an der Backe. Sie halten die Betriebstemperatur der gefühlten Dauer-Erregung konstant hoch und verlieren dabei andere,wichtigere Themen aus dem Auge.

Und, nein: Es hat nichts mit der gerne vermuteten Angst von Journalisten zu tun, dass ihre Arbeit als solche angreifbar wird, wenn man eine Petition gegen einen mediokren Moderator unangemessen findet. Man darf und man muss Markus Lanz für sein missratenes Interview mit Frau Wagenknecht kritisieren (es gab übrigens eine Reihe von Redaktionen, die das auch ausgiebig getan haben). Wenn man blinden Aktionismus im Netz kritisiert, baut man deswegen noch lange keine journalistische Wagenburg. Wer den #Aufschrei kritisiert, ist noch lange kein Sexist.

Und wer die Aufregung um die verfütterte Giraffe nicht mag, isst deshalb noch lange nicht kleine Kinder mit Senf.

Bloggen fürs Telefonbuch

Aus der Serie „Mails, die man mit einem schlichten Nein“ beantwortet (und sich trotzdem fragt, was solche Agenturen eigentlich hauptberuflich machen):

Wir sind als Kommunikationsagentur für unseren Kunden „Das Telefonbuch“ gerade dabei, ein neues Projekt bekanntzumachen und würden uns über ein wenig Hilfe aus der Blogger-Community freuen. Es geht um Folgendes:

Im Rahmen des diesjährigen Safer Internet Days (www.klicksafe.de/ueber-klicksafe/safer-internet-day/sid-2014) veranstaltet der Weblog „Ich im Netz“ (www.ichimnetz.de) ab heute eine große Blogparade: Vier Wochen lang sind Blogger und junge Social Media-User aufgerufen, Blogbeiträge und kurze Artikel zum Thema „Lebensqualität 2.0: On- oder offline – wo spielt das Leben?“ zu verfassen. Die Frage, die wir diskutieren wollen, ist: Findet das echte Leben heute eigentlich nur noch im Netz statt, wo wir Freunde „treffen“ und einkaufen „gehen“? Alle Einsendungen, die an mailto:ichimnetz@jomhh.de geschickt werden, werden laufend auf „Ich im Netz“ veröffentlicht und die drei besten Einsendungen mit einem Kindle Paperwhite WiFi belohnt. Hier geht’s zu der Aktion: www.ichimnetz.de.

Wäre es vielleicht möglich, dass Sie die Aktion aufgreifen oder hätten Sie sogar Lust, selbst einen Artikel zu verfassen?