Die Lanz-Bubble

Seit Markus Lanz „Wetten, dass…“ moderiert, müssen Menschen wie Hans Hoff ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu ihrem Beruf haben. Hoff ist das, was man gemeinhin als „Fernsehkritiker“ bezeichnet. Das sind Menschen, die vor dem Fernseher sitzen, sich Sendungen anschauen und darüber schreiben, wie sie sie fanden. Meistens schlecht, das ist das Wesen des Kritikers.

bild spon sz

Somit ist es kein Wunder, dass Hans Hoff und ungefähr alle anderen hautberuflichen Kritiker Lanz und „Wetten, dass…“ seit Lanzens erster Sendung konsequent niederschreiben. Hoff und Co. müssten das allerdings inzwischen selbst langweilig finden. Weil sie jedes Mal das gleiche schreiben und weil sie vermutlich ihre Verrisse schon am Samstag nachmittag in der Badewanne fertig haben und sich die eigentliche Sendung dann nur noch ansehen, damit wenigstens keine falsche Angaben über die Gäste drinstehen. Ansonsten sind die Kritiken genauso erwartbar wie Moderationen von Markus Lanz: „Polierter Showroboter“ nennt ihn Hoff diesmal,  sein Kollege Matthias Kohlmaier hatte bei der Januar-Sendung noch behauptet, die Tatsache, dass die Sendung pünktlich zu Ende gegangen sei, sei eine Flucht vor dem damals laufenden RTL-Dschungel.

Der „Wetten, dass…“-Verriss ist mittlerweile zu einem liebgewordenen Ritual des deutschen Sonntags-Journalismus geworden. Denn die Kollegen der SZ sind damit ja nicht alleine. „Spiegel Online“ gehört ebenfalls zu den verlässlichsten Lieferanten böser Stücke. Wenn spätestens Sonntag mittag noch kein böses Wort auf der Seite zu finden ist, müsste man sich Sorgen machen und schnell jemanden vorbei schicken in Hamburg. Nicht, dass ihnen noch was passiert ist bei SpOn. An diesem Sonntag jedenfalls funktionierte die Verriss-Maschine aus Hamburg noch zuverlässig: „Eine Sendung leidet an Burn-Out“, attestierte man dem TV-Dino diesmal. Das ist die Größenordnung, in der sich „Spiegel Online“ jedesmal bewegt. Kein Wunder, ist doch Lanz der „Christian Wulff des Showgeschäfts“, für den „jede Sendung ein Endspiel“ ist. Sogar die „Bild“, ihn früheren Tagen ein glühenden Anhänger von „Wetten, dass…“ und zumindest tendenziell auch gegenüber Lanz nicht allzu negativ eingestellt, haut inzwischen jeden Sonntag danach drauf; diesmal zugegeben sogar halbwegs originell.

Bevor Sie jetzt erstaunt vermuten, ich sei der einzige lebende Journalist/Blogger, der enorm viele Sympathien für den Moderator Markus Lanz hegt: bin ich nicht, tue ich nicht. Ich amüsiere mich eher. Zum einen darüber, dass es SZ, SpOn und anderen nicht zu doof wird, dieses Ritual vierwöchentlich aufzuführen. Der journalistische Mehrwert wäre ja an sich nur gegeben, wenn irgendjemand demnächst mal feststellen würde, jetzt habe der Lanz aber mal eine richtig gute Sendung hingelegt. Alles andere – führt zu dem schönen Phänomen der Konsonanz. Der Erwartung der Leser an ihre Redaktion, ihn in ihrem gefestigten Weltbild zu bestätigen. Leseerwartung nennt man das wohl, was da passiert. Kurz gesagt: Der SZ/SpOn-Leser will bestätigt wissen, wie recht er hatte, die Sendung nicht zu schauen und den Lanz doof zu finden. Wenn es also eine Art Lanz-Filter-Bubble gibt, dann tun SZ und „Spiegel“ gerade alles dafür, dass diese Blase ja nicht platzt.

Persönlich ödet mich Journalismus an, der so furchtbar erwartbar ist. Ich mag ja Lanz-Sendungen auch nicht, weil sie so erwartbar sind. Und im Übrigen: Hey, wer verreißt jetzt eigentlich mal diesen furchtbar öden und flachen Stromberg-Film, auf den ich mich eineinhalb Jahre gefreut hatte und der zu einer meiner größten persönlichen Enttäuschungen geworden ist? Niemand vermutlich, Stromberg und Christoph Maria Herbst stecken derzeit ja eher in der überaus positiv gestimmten Filter Bubble von SZ und SpOn fest.