Wie viel Journalismus geht im Lokalen?

Jaja, der gute alte Lokaljournalismus. Immer für eine Schnurre gut. Und leicht zu kritisieren. Aber: Kann es sein, dass die Leute genau das bekommen, was sie im Lokalen wollen?

Gut möglich, dass ich mich mit diesem Beitrag selbst ins Knie schieße. Schließlich propagiere ich gerne genau das Gegenteil von dem, was hier zu lesen ist.  Wenigstens bin ich damit nicht alleine – und es gibt auch gute Gründe für das, was ich und die meisten anderen da so tun: Wir wollen uns ja nicht um unsere eigene Existenzberechtigung bringen.

Juliane Wiedemeier hat einen ganz interessanten Text geschrieben. Über die Crux der Lokalzeitungen und des Lokaljournalismus. Nicht ganz neu in der Argumentation, solche Texte finden sich schon bei nur oberflächlicher Suche im Netz zuhauf. Bevor Sie mir das irgendwann um die Ohren hauen: Ja, auch von mir. Im Kern wird in solche Texten gerne die folgende These vertreten: Alleine am Internet liegt es nicht, dass die Lokalblätter in Schwierigkeiten geraten sind. Es liegt auch daran, dass sie ziemlich öden Journalismus machen, gerade im Lokalen. Vereinsberichte, Terminjouralismus, die ganze Klaviatur, Sie wissen schon.

Das ist in diversen Fällen natürlich kaum zu bestreiten, über die manchmal tatsächlich eher stumpfen Inhalte von Lokalteilen sind nicht umsonst über die Dekaden hinweg gefühlte 20.000 Symposien und Panels abgehalten worden. Nur über eines spricht man nicht so gerne: das ambivalente Verhältnis, das Menschen zum Journalismus haben. Man könnte auch sagen: je lokaler, je ambivalenter. Was für weit entfernte Orte gilt (Motto: immer feste drauf!), ist in den eigenen Regionen dann doch eher unerwünscht. Was anderswo als kritisch-distanzierter Journalismus gepriesen würde, gerät im eigenen Umfeld schnell in den Ruch der Nestbeschmutzung.

Die Frage müsste also tatsächlich lauten: Kann man im Lokalen überhaupt einen Journalismus machen, der nach den Kriterien des Journalismus funktioniert?

Ich erinnere mich bei diesem Thema immer an eine Geschichte, die ich vor etlichen Jahren mal in einer kleinen Lokalredaktion gemacht habe. Im Kern ging es um einen Krankenhaus-Mitarbeiter, der nicht nur das eine oder andere für seinen privaten Hausbau abgezweigt hatte, sondern zudem tatsächlich große Teile der Telefonanlage, der Patientenzimmer und der Sitzungsräume verwanzt hatte und die Gespräche belauschte. Das war für eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern ein veritabler Skandal – und angesichts dessen, dass ich wusste, dass unser Konkurrenzblatt die Geschichte nicht hatte, ließen wir für den nächsten Tag sogar eigens ein paar Exemplare mehr drucken.

Das Resultat war ernüchternd: An der Geschichte stimmte jedes Wort, am Tag darauf stürzten sich auch ein paar Münchner Blätter darauf – nur in meiner Kleinstadt war der Unmut groß. Den aber bekam nicht der Krankenhaus-Mitarbeiter ab. Sondern ich. Zusammengefasst lautete die Kritik: Natürlich ist das nicht ok gewesen, aber das muss doch wirklich nicht in der Zeitung stehen. Die etwas dezidiertere Version hieß: Mit meiner Veröffentlichung hätte ich dem Mann ein Weiterleben in der Stadt mehr oder weniger unmöglich gemacht. Mein vorsichtiger Einwand, ob er das nicht selber schon erledigt habe, wurde mit einem Auflegen des Hörers am anderen Ende beantwortet.

Das ist leider kein Einzelfall geblieben. In meiner Zeit in diversen Lokalredaktionen bin ich immer wieder mal an kleine und mittelgroße Skandälchen gekommen, egal ob als Autor oder als Lokalchef, der den Beitrag letztlich verantworten musste. Das Spiel war immer wieder das Gleiche: Wenn es um den eigene Mikrokosmos geht, wollen es Menschen meistens gar nicht so genau wissen.

Das steht in einem ziemlich krassen Gegensatz zu dem, was genau die selben Menschen sonst gerne an ihrem lokalen Medium kritisieren. „Käseblättchen“ ist in ganz Deutschland ein gängiger Begriff für die Zeitung vor Ort. Und wenn man dann vorsichtig nach dem Grund für diese eher unschöne Titulierung fragt, hört man eine Antwort zuverlässig fast immer: Da steht ja nie was Gescheites drin. Umgekehrt weiß aber jeder, der länger als drei Tage in einer Lokalredaktion gearbeitet hat: Was Gescheites sollte bitte aber auch immer etwas Positives sein.

Zur Ambulanz der Leser zum Lokalen gehört aber auch diese kleine Geschichte: Ich hatte mich mal ziemlich lange mit dem Gründer einer lokalen Kulturinitiative über mein damaliges Blatt unterhalten. Seine Kritik (völlig überraschend): zu viel Vereine, zu viele Termine, zu viel Käse und zu wenig Kultur. Wochen später bekam ich dann einen von dem Verein selbst verfassten Bericht über die eigene Jahreshauptversammlung. Ich hab´s gezählt: 12.000 Zeichen. Passiert war de facto nichts, teilgenommen hatten 14 Leute, das Protokoll wurde verlesen, der Vorstand per Handzeichen wiedergewählt, das Programm fürs nächste Jahr verabschiedet. Also machte ich aus 12.000 Zeichen ziemlich genau 2000.

Am nächsten Tag bestellte der Vorstand geschlossen das Blatt ab.

Ja, ich weiß: Es ist vergleichsweise einfach, Lokalredaktionen Vorhaltungen zu machen. Und nein, nicht alles was dort passiert, ist mal eben damit zu rechtfertigen, dass man es ja so furchtbar schwer habe mit den Lesern.

Nur in einem bin ich mir nicht sicher: Bekommen die Leute am Ende dann nicht doch genau den (Lokal-)Journalismus, den sie haben wollen?

(Nebenher dazu ein kleiner Lesetipp: „Die tote Kuh kommt morgen rein“ vom geschätzten Kollegen Ralf Heimann. Er weiß, wovon er spricht.)