11 irre Fakten über das Medienjahr 2015

Zugegeben, etwas früher als sonst: Der Jahresrückblick 2015. Mit vielen tollen Fakten. Und der Erkenntnis: Du weißt, dass Du in der Medienkrise lebst, wenn das Jahr plötzlich um zwei Monate gekürzt wird…

Januar: Das Jahr beginnt mit einer erstaunlichen Groß-Fusion: GDL und Gruner&Jahr schließen sich zusammen. Das neue Großgewerkschaftsmedienunternehmen GDLGJ erkennt in einer gemeinsamen Pressemitteilung „erstaunliche Ähnlichkeiten in der Weltsicht“ und zudem enormes Synergie-Potenzial. Die freigestellten Brigitte- und Geo-Redakteure werden beim nächsten Lokführer-Streik eingesetzt und zwar als Traffic-Manager in einem Lok-Pool, von wo aus sie die leerstehenden Züge auf verschiedene Abstellgleise dirigieren sollen. Die GDLGJ definiert sich zudem als Content- und Traffic-Haus. In einer neuen Lok mit dem Namen „Brigitte“ will man ein revolutionäres System erproben: Vier Traffic-Manager überwachen und steuern die Fahrt des Zuges, Lokführer werden nach Bedarf in einem Netzwerk entlang der Strecke eingekauft. Zudem kündigt das Großunternehmen an, frühere Geo-Redakteure zu freiberuflichen Lokführern umschulen zu wollen. Auch Maßnahmen der übrig gebliebenen Gewerkschaften laufen ins Leere: Ein angekündigter Streik in den Redaktionen von „Brigitte“ und „Geo“ scheitert daran, dass niemand da ist, der streiken könnte.

Februar: Und noch ein Paukenschlag: Spiegel, Stern und Focus fusionieren zum Spiegelsternfocus. Die an der Fusion beteiligten Manager sprechen von einem revolutionären Befreiuungsschlag und verweisen auf die zu erwartende Produktions- und Qualitätssteigerung von ca. 37,5 Prozent, die vor allem durch die Entlassung von Personal erreicht worden ist. Auch auf die Installation eines Chefredakteurs verzichtet das neue Super-Magazin. Erstens sind die zu erwartenden jährlichen Abfindungen zu hoch. Zweitens sprachen sich im Vorfeld der Fusion insbesondere „Spiegel“-Redakteure gegen einen solchen Posten eines Chefredakteurs aus: „Auf den hört eh niemand“, soll es im kleinen Kreis geheißen haben. Für betretenes Schweigen sorgt der Moment, an dem eine Putzfrau Wolfgang Büchner aus seinem Büro holt. Vertieft in das Konzept „Spiegel 4.1“ hatte er offenbar nicht bemerkt, schon seit Wochen alleine im Gebäude zu sein. Zudem behauptet er, in Wirklichkeit Moritz Rodach zu sein.  Der neue Groß-Gesellschafter GDLGJ kündigt unterdessen an, die neue Redaktion mit einigen ehemaligen Lokführern zu verstärken. Letztere wettern zwar gegen den „unzumutbaren sozialen Abstieg“, willigen aber schließlich ein, als ihnen als einzige Alternative angeboten wird, sich an der Nannen-Schule weiterbilden zu müssen. Dort hatte man im Vorfeld angekündigt, künftig Ausbildungsgebühren zu erheben. Eine solch hochkarätige Ausbildung könne es schließlich nicht umsonst geben, heißt es seitens GDLGJ.

März: Die ersten Fälle werden bekannt, in denen Banken Journalisten ihre Dispo-Kredite kündigen. Experten raten, als Berufsbezeichnung keinesfalls „schreibende Redakteure“ anzugeben. Im internen Scoring bei Banken wirke sich dies extrem negativ aus.

April: Die unter sinkenden Einschaltquoten leidende Sendung Spiegelsternfocus TV  zieht die Notbremse und entlässt ihren Moderator. Nachfolger wird ein Lokführer. In der ersten Sendung mit ihm debattieren Julia Jäkel und Claus Weselsky zum Thema „Wer bin ich und wenn ja, warum gibt’s dann nicht noch viel mehr von uns?“ Gleichzeitig werden Magazin-Umbenennungen bekannt: „Brigitte“ heißt künftig Julia und „Geo“ Claus.

Mai: Spiegelsternfocus online stellt alle seine Blogs und Kolumnen ein. Fortan schreibt nur noch Sascha Lobo. Zur Einstimmung auf die 17. Staffel seines thematischen Monolithen „Ich und die NSA“ wiederholt die Redaktion zunächst alle bisherigen 734 Beiträge Lobos zu diesem Thema. Den Verdacht, es handle sich dabei um eine reine Sparmaßnahme, weist Lobos neuer Pressesprecher Stefan Niggemeier in einem 42.000 Zeichen-Beitrag für die Krautreporter zurück.

Juni: Eine 11-seitige Wochenend-Ausgabe der FAZ sorgt für Aufsehen. So viel Umfang hatte das Blatt das ganze Jahr noch nicht.

Juli: Das Thema Medienkrise zieht weite Kreise. Ein Beitrag der „HuffPo“ mit dem Titel „37 Dinge, die in München anders gemeint sind als in der Medienkrise“ bekommt 9866 Likes bei Facebook und wird 3092 mal retweeted. „Buzzfeed“ zieht nach mit dem Stück „23 untrügliche Anzeichen dafür, dass sie dir nur in der Medienkrise begegnen können“. Der Hashtag #MK2014 geht viral ziemlich steil. Bei YouTube tauchen erste Wolfgang-Büchner-Parodien auf. Aus den Berliner Problembezirken wird berichtet, dass Jugendliche dort neuerdings nicht mehr „hartzen“ als Berufswunsch angeben. Sie möchten jetzt lieber „was mit Medien“ machen. Oder zu Buzzfeed gehen.

August: GDLGJ stellt eine neue und von ihr entwickelte Zug-Variante vor. Das Besondere ist: Die Loks werden von niemandem mehr gesteuert. Die Tatsache, dass auch fast jemand mehr mit diese Zügen fährt, wird von der GDLGJ begeistert gefeiert. Mit der Reduzierung des Bahnverkehrs sei es ihr gelungen, sowohl die Personalkosten signifikant zu senken als auch die Zahl der Verspätungen deutlich zu reduzieren. Auch die Umweltbelastung sei spürbar zurückgegangen.

September: GDLGJ kündigt eine Fusion mit Cockpit an. Die Bundesregierung lässt vorsorglich die Grenzen abriegeln, um die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren.  Die Maßnahme erweist sich als unnötig, da ohnehin weder Züge fahren noch Flüge gehen. Der erfolgreichste Medienbeitrag des Monats kommt von Buzzfeed: „23 Gründe, warum GDLGJCOCKPIT noch immer nicht so schlimm ist wie Putin.“

Oktober: Die Medientage München stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Mut zur radikalsynergetischen Totaltransformation“. Aus Kostengründen interviewt bei der traditionellen Elefantenrunde Julia Jäkel Julia Jäkel.

November/Dezember: Die beiden letzten Monate des Jahres 2015 werden gestrichen und fallen deshalb aus. Bundeskanzler Weselsky gibt einem Antrag der GDLGJCOCKPIT statt, wonach die Monate ohnehin überflüssig seien und zudem hohe Heizkosten verursachen.

Krautreporter: Was zu erwarten war

Die „Krautreporter“ sind online. Herausgekommen ist das, was man erwarten durfte. Was je nach Sichtweise eine gute oder auch nicht so gute Nachricht ist.

Vorweg: Ich habe durchaus gezögert, diesen Beitrag zu schreiben. Weil ich ahne, dass man mir aufgrund der Vorgeschichte Befangenheit oder Rechthaberei vorwerfen wird. Auf der anderen Seite: Kann man als Blogger, der sich mit Medien auseinandersetzt, ernsthaft an den Krautreportern vorbei am Tag ihres Launchs? Natürlich nicht.

Vorbemerkung, 2. Teil: Ich habe diese Tage eine Geschichte in den „Ruhr-Nachrichten“ gelesen. Sie heißt „Die schwarze Gefahr“, ist mit der Software „Creatavist“ erstellt worden und ist das, was man inzwischen wohl Multimedia-Reportage nennt. Ein sehr gelungene, sowohl optisch als auch inhaltlich. Das steht deswegen hier, weil es zeigt, was im Onlinejournalismus inzwischen möglich ist – mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln und auch aus der Redaktion einer Regionalzeitung heraus, die ja gerne mal als Beleg dafür genommen werden, warum es im Journalismus so wie bisher besser nicht weitergehen sollte.

Die „Krautreporter“ haben sich zwar inzwischen ein wenig vom „Wir retten den Journalismus“-Anspruch verabschiedet, die Messlatte liegt dennoch so hoch wie bei keinem anderen journalistischen Neustart dieses Jahres. Gemessen nicht nur am Anspruch, sondern auch an der Tatsache, für dieses Projekt eine Million Euro eingesammelt und etliche bekannte Autoren verpflichtet zu haben, muss man zugestehen: ein Anspruch, der kaum zu erfüllen ist.

So, und jetzt habe ich mich genug gewunden und ausreichend relativiert.

Herausgekommen ist bei den „Krautreportern“ eine Webseite mit vielen langen Stücken. Das ist nicht zu kritisieren, sofern man gerne viele lange Stücke auf Webseiten liest.

Nicht herausgekommen ist irgendetwas Überraschendes.  Stefan Niggemeier zerlegt das neue Buch von Udo Ulfkotte. Peer Schader schreibt über Supermärkte. Christoph Koch präsentiert sein Medien-Menü. Thomas Wiegold schreibt über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Das kann man alles machen, das ist alles in Ordnung, an manchen Stellen auch unterhaltsam.

Aber eben: genau das, was passiert, wenn man diese Autoren auf einer Webseite zusammenpackt.

Die „Krautreporter“ lesen sich deshalb nicht wie ein Magazin. Sondern wie eine Sammelstelle langer Texte bekannter Autoren. Ressorts gibt es nicht, einen inhaltlichen roten Faden auch nicht – jeder schreibt, was ihn gerade interessiert. Das kann man schon zum Konzept machen, aber irgendwann schleicht sich dann doch im Hinterkopf wieder diese Sache mit der Fallhöhe ein. Bisher lesen sich die „Krautreporter“ nur wie ein „Best of“ verschiedener bekannter Autoren.

Der Online-Journalismus ist kaputt und wir bekommen das wieder hin. Der Satz, sorry, liebe Krautreporter, der klebt einfach an euch.

Aber ich habe mich schon mal böse in die Nesseln gesetzt mit einem etwas vorschnellen Urteil. Und heute ist ja gerade mal Tag 1. Da ist noch viel Zeit. Ebenso viel wie Luft nach oben. Lassen wir ihnen also Zeit, gratulieren höflich dazu, ein solches Projekt tatsächlich gestemmt bekommen zu haben – und lesen bis dahin auch mal Sachen wie das Stück in den „Ruhr-Nachrichten“.

Was ja auch irgendwie eine positive Nachricht sein kann: Vielleicht ist es um den Online-Journalismus gar nicht so schlecht bestellt, wie man manchmal glauben könnte.

Zeit ist leider noch lange nicht Geld

Kann man mit Micro-Payment Geld verdienen? Ja, schreibt Richard Gutjahr – und zieht die Bilanz seines eigenen Experiments mit „Later Pay“. Die Technologie mag also durchaus funktionieren. Am eigentlichen Problem beim Thema „Geld verdienen im Netz“ ändert das nur nicht viel…

Das Thema bleibt naturgemäß eines der wichtigsten der nächsten Jahre: Womit wollen Medien, (freie) Journalisten und Blogger in den nächsten Jahren ihr Geld verdienen? Die alten Geschäftsmodelle zerbröseln langsam, die neuen potentiellen Modelle werden immer noch heftig diskutiert. Zeit, um ein paar generelle Entwicklungen festzuhalten:

Der Schlüsselreiz Gratis: Es gibt ein wunderbares Buch mit dem Titel „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“. Dort hat der US-Forscher Dan Ariely auf ziemlich amüsante Weise Dinge festgehalten, die sich im Wesentlichen um unser paradoxes Verhältnis zu Geld und Konsum drehen. Eine dieser Erkenntnisse: Wenn Menschen irgendwo das Wort „gratis“ hören, setzt ihr Verstand weitgehend aus. Nichts reizt den Menschen mehr, als wenn es etwas kostenlos gibt. Es macht also gar nicht viel Sinn, jemandem erklären zu wollen, dass die eigene Arbeit einen Wert hat und deshalb irgendwie finanziert werden muss. Wer etwas gratis bekommen kann, nimmt es sich in aller Regel auch. Natürlich gibt es Idealisten, die bezahlen, obwohl sie gar nicht bezahlen müssten. Aber sie sind eine Minderheit und werden es immer bleiben.

Der Wert bestimmt den Preis: Was ist ein journalistisches Angebot wert, welchen Preis kann man dafür verlangen? Einfache Faustregel: den, der einem Publikum angemessen erscheint. Und das wiederum wird immer noch vom einfachen Prinzip von Angebot und Nachfrage bestimmt. Im Netz übersteigt das Angebt in den allermeisten Fällen die Nachfrage ganz eindeutig. Es ist also gar nicht die Frage, ob Paid Content funktioniert. Die Frage ist, wo Geld für Inhalte verlangt werden kann, weil er so knapp und exklusiv ist, dass jemand bereit ist, in seinen Geldbeutel zu greifen. Das Argument, man müsse die Menschen einfach nur ans Bezahlen für Inhalt im Netz gewöhnen, ist kompletter Unfug. Weil das nichts mit dem Netz zu tun hat. Gäbe es den „Spiegel“ künftig am Kiosk kostenlos, müsste seinen Konkurrenten schon sehr viel einfallen, um Geld für das eigene Heft verlangen zu können.

Geschäftsmodelle müssen sich am Markt orientieren: Wie hoch muss eine Paywall sein? Welche Technologien funktionieren und welche nicht? Das sind natürlich wichtige Fragen, aber nicht die wirklich entscheidenden. Niemand wird behaupten können, dass Sachen wie „Flattr“ oder „LaterPay“ technisch zu anspruchsvoll seien, als dass man sie nicht einsetzen könnte. Wenn also die Frage nach künftigen Geschäftsmodellen für Medien in der digitalen Welt auftaucht, dann ist die Antwort erst einmal ein wenig zufrieden stellendes: kommt drauf an. Darauf nämlich, was man wem verkaufen will. Die Klage darüber, dass Menschen im Netz so ungern zahlen wollen, ist zwar wohlfeil geworden, führt aber am eigentlichen Problem vorbei. Konkret: Das Geschäftsmodell, auf Papier gedruckte Nachrichten zu verkaufen, funktioniert nicht deswegen nur eingeschränkt, weil es jetzt das Internet gibt. Sondern weil Nachrichten zu einer inflationär gehandelten Ware geworden sind, deren materieller Wert inzwischen gen Null geht. Die Frage ist also nicht, wie man Menschen dazu bewegt, trotzdem dafür zu bezahlen. Sondern: Welche journalistische „Ware“ verkaufen wir künftig, wenn die bisherige im Überfluss zu haben ist?

Blogs bleiben (weitgehend) kostenlos: Rund 1100 Euro hat Richard Gutjahr in den vergangenen sechs Monaten auf seinem Blog eingenommen. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen Seite ernüchternd. Weil statistisch gesehen im Monat ein Betrag von 200 Euro rauskommt. Rechnet man dann noch die Besonderheit dazu, dass Gutjahr mit der Apple-Produktpräsentation rund zwei Drittel seiner Einnahmen mit einem einzigen Beitrag erzielt hat, bleibt die  Erkenntnis: Mit Blogs lässt sich im Regelfall bestenfalls ein mehr oder weniger gutes Taschengeld verdienen. Zumindest dann, wenn man tatsächlich direkt Erlöse erzielen will. Der eigentliche Effekt des eigenen Blogs bleibt gerade für freiberufliche Journalisten ein anderer. Anders gesagt: Wer wirklich Geld verdienen will, sollte Einnahmen aus Blogs nicht ernsthaft in seinen Business-Plan schreiben. Dass es mit „Flattr“ oder „LaterPay“ ordentlich funktionierende Plattformen für Micro-Payment gibt, ändert am eigentlichen Grundproblem nichts.

Die Zeitung und ihre letzte Chance

Eine runderneuerte SZ am Wochenende mit digitaler Sonntagszeitung – und eine Nachmittagszeitung in Köln: Zwei unterschiedliche Konzepte zeigen vor allem, dass die Tageszeitung den Kampf um die Aktualitätshoheit endgültig aufgeben muss.

Am Wochenende hatte ich endlich mal wieder Zeit zum Lesen. Also, zu dieser Form des Lesens, zu der irgendwie Sinn und Verstand und vor allem etwas Muße gehören. Früher, also irgendwann vergangenes Jahr, hatte ich mir gewünscht, dass es mehr Lesestoff am Wochenende gäbe. Und nicht erst am Montag, wenn die Woche gerade erst wieder los geht.

Inzwischen hat sich die Welt geändert und ich wusste am Wochenende gar nicht mehr, wo ich anfangen sollte. Die Kollegen der SZ legten mir die erste neue Wochenend-Ausgabe ins Tablet, die tatsächlich so umfangreich wie zwei Zeitungen war. Am Sonntag legten sie dann noch mit dem neuen digitalen Wochenend-Sport nach und der neue „Spiegel“ war auch schon da. Früher wäre das der Tag gewesen, an dem ich mir vielleicht noch eine FAS gegönnt hätte, aber das war nun beim besten Willen nicht mehr drin. Kurzum: Es hab so viel Lesestoff, dass das Wochenende vollgepackt war, weil das Internet und Facebook und Twitter ja auch keine Wochenendpause machen. Im Gegenteil: Das Gemeine an diesem Internet ist ja, dass jeden Tag ein bisschen mehr drin steht.

Interessant war vor allem zu lesen, was eine Tageszeitung wie die SZ jetzt am Wochenende macht. Das ist nicht mehr Tageszeitung, sondern Magazinjournalismus. Eine Zeit, eine FAS, das alles nur auf süddeutsch. Was keineswegs als Kritik gemeint ist, sondern eher als Feststellung. Die Wochenend-SZ hat de facto den Tageszeitungs-Journalismus früherer Prägung zu Grabe getragen. Sie hat, falls es das noch gebraucht hat, den letzten Beleg dafür geliefert, dass kein Mensch mehr eine Tageszeitung braucht, die die Ergebnisse des Tages zuvor rekapituliert. Die wirklich lesenswerten Stücke (und von denen gab es einige) waren keine tagesaktuellen, sondern Hintergründe, Reportagen, Analysen. Was übrigens auch im Sonntags-Sport nicht anders war. Kein Wunder, wer braucht schließlich am Tag darauf nochmal den klassischen Spielbericht, in dem die Torschützen des Bayern-Spiels und die Zahl der gelben Karten nochmal minutiös wiedergegeben werden?

Könnte also gut sein, dass es ab kommendem Jahr ein ganz schönes Gedränge am Samstag und Sonntag geben wird. Wenn neben der umfangreichen SZ auch der „Spiegel“, der „Focus“, die FAS und die „Welt am Sonntag“ mit einer ähnlichen Vorstellung von Journalismus an den Start gehen. Ich habe keine Ahnung, wer aus diesem Duell am ehesten als Sieger hervorgehen könnte. Interessanter ist die generelle Entwicklung, die dahinter liegt: De facto verlassen die großen Printmedien im Land das Tagesgeschehen mehr und mehr dem Netz; eine Entwicklung, die auch die NZZ in Zürich angekündigt hat. Das ist nicht mehr als vernünftig und realistisch.

Tageszeitung 2015, das heißt also idealerweise: Newsstream während des Wochentags, Lesestücke dann, wenn die Menschen dafür noch am ehesten Zeit dafür haben. Ob das funktioniert wird sich erst zeigen müssen – eine Alternative zu diesem Modell existiert allerdings derzeit nicht wirklich.

Ungewollt hat übrigens Dumont in Köln den Beleg dafür angetreten, dass die Branche das inzwischen Begriffen hat: Auf die Ankündigung, demnächst eine Nachmittagszeitung zu machen, die sich irgendwie an der Ästhetik des Netzes orientiert, hat es bisher bestenfalls milden Spott gegeben.

Die VG Media und die digitale Falle

Es gehörte zu den Nachrichten, die leicht mal ein bisschen untergehen: Google wird die so genannten „Snippets“ der Verlage aus der VG Media noch nicht aus den Suchergebnissen rausnehmen. Es gibt noch einen kurzen Aufschub. Einen Aufschub, um den die Verlage gebeten hatten. Also ausgerechnet die, die zuvor einigermaßen vollmundig angekündigt hatten, Google künftig zur Kasse bitten zu wollen, wenn der Suchmaschinen-Riese weiterhin sich mit den hochwertigen Inhalten der Verlage schmücken wolle.

Darauf hat Google dankend verzichtet und die VG Media fühlt sich deshalb jetzt, äh, ja…erpresst, genau. Das ist sehr ulkig. Noch ulkiger ist der Aufschub, um den die Beteiligten jetzt bitten. Weil er sehr deutlich die Verhältnisse ins Licht rückt. Die Machtverhältnisse. Und weil die Frage beantwortet ist, wer auf wen verzichten kann. Was eigentlich nie eine Frage hätte sein dürfen. Wenn man die Welt nicht gerade durch eine sehr rosa getönte Verlagsbrille betrachtet, dann steht außer Zweifel, wer dieses Armdrücken gewinnt.

Die Welt hat sich also gewandelt, endgültig (dies nur als Feststellung für den Fall, dass Sie sich dieser simplen Erkenntnis bisher erfolgreich entzogen haben). Die einstmaligen Gatekeeper müssen jetzt selbst erst einmal durch ein Gate, ganz egal, ob das Google oder Facebook oder wie auch immer heißt.

Kann es also angesichts dessen sein, dass wir bei den ganzen Debatten um den Medienwandel und die Digitalisierung schlichtweg die falschen Fragen stellen? Dass wir darüber streiten, wie hoch eigentlich so eine Paywall sein müsste und, ob man Geschichten multimedial-interaktiv oder nicht doch einfach ganz klassisch erzählen müsste, während die wirkliche Frage die ist:

Müssen Journalisten und Redaktionen nicht schlichtweg ihre eigenen kleinen Communitys werden?

Dafür spräche einiges. Zu allererst die Tatsache, dass wir im Netz gerade die große communitysierung erleben. Gemeinschaften und Netzwerke, wohin man schaut, das muss nicht mal der große Gleichmacher Facebook sein. Ob wir jetzt von Büchern, Musik der klassischen Medien reden, die Prinzipien eines sozialen Netzwerks halten überall Einzug. Man hört heute nicht mehr einfach Musik, sondern folgt und postet. Man liest nicht mehr einfach Bücher, sondern macht das, wenn denn das Lobo-Prinzip der Sobooks erfolgreich ist, ein soziales Erlebnis daraus. Und die Krautreporter begründen einen der Vorteile der finanziellen Unterstützung nicht nur mit irgendwelchen Mehrwerten. Sondern mit einer ganz simplen Aufforderung: Werde Teil der Krautreporter-Gemeinschaft!

Mediennutzung bekommt also zunehmend mehr auch die Züge eines Bekenntnisses. Das ist keine restlos neue Geschichte, Medien waren schon immer auch Bestandteil einer inneren und äußeren Haltung. Wer eine FAZ liest, bekennt sich – und wer die taz liest auch. Der Bezug und der Konsum von Inhalten und Informationen war schon seit jeder immer nur ein Teilaspekt. In Zeiten des Medienüberflusses und Info-Overkills gewinnt der Aspekt des Bekenntnisses zu einer Community einen immer größeren Stellenwert. Sieht man mal davon ab, dass es auch der eigenen Orientierung und dem eigenen Weltbild ganz zuträglich sein kann, wenn sich unter halbwegs Gleichgesinnten bewegt.

Es war übrigens Mark Zuckerberg himself, der schon vor Jahren erkannt hatte Für alles und jeden da draußen gibt es eine Community. Und vermutlich ist es tatsächlich so: Je globalisierter und verwirrender diese Welt da draußen, umso größer wird das Bedürfnis nach Gemeinschaften. Dass es Facebook ist, das dieses Bedürfnis momentan immer noch größtenteils stillt, lässt neben etlichen anderen Schlüssen auch diesen zu: Es gibt zu wenige, die das tun. Von Medien und dem Thema Communitys hört man vergleichsweise wenig, sieht man von den selten Ausahmen wie beispielsweise der des Guardian ab.

Stattdessen beschränken sie sich häufig auf die Rolle des Zulieferers für Facebook – und beschweren sich dann genau darüber: Facebook profitiert vom guten Job, den teuer bezahlte Redaktionen leisten. Man versucht es dann mit Leistungssschutzrechten und anderem sinnlosen Kram, der zu nichts anderem gut ist, als bestenfalls aufzuzeigen, dass man sich strategisch seit Jahren auf einem Holzweg befindet. Kurz gesagt: In nicht ganz wenigen Häusern ist die Idee, möglichst viel von dieser neuen, digitalen Welt zu verhindern, um irgendwie das alte Geschäftsmodell hinüberzuretten. Umgekehrt würde eher ein Schuh daraus:  Selbst aktiv zu werden, aus den eigenen Lesern und Nutzern eine Community zu machen. Eine, die eben nicht erst den Umweg über Facebook gehen muss, um sich auszutauschen. Eine, die so lebendig ist, dass man sich ihr gerne zugehörig und nicht als eher unwillkommenes Anhängsel fühlt.

Das schreibt sich leicht dahin, ich weiß. Aber es bleibt der einzige Weg. Die Machtverhältnisse in der digitalen Welt sind nämlich vorerst geklärt. Frag nach bei der VG Media.

Lesen bildet (Spiegel-Titel)

Sie würden gerne mal auf einem Spiegel-Titel landen? Heißer Tipp: Schreiben Sie ein Buch, drücken Sie es den Kollegen in die Hand – und achten Sie darauf, dass Ihr Buch so formuliert ist, dass man daraus eine knackige Titel-Headline machen kann.

Irgendwas mit Abrechnungen und bröckelnden Landschaften beispielsweise. Oder mit Helmut Kohl.

Deshalb: Hier sind ein paar Spiegel-Titel der letzten 6 Wochen, die irgendwie mit Büchern zu tun haben, gerne auch mal mit solchen, die Spiegel-Kollegen geschrieben haben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und ohne die Geschichten, die zwar von Büchern inspiriert wurden, es aber leider nicht auf den Titel, sondern irgendwo in den Innenteil geschafft haben.

Keine Ahnung übrigens, ob diese eigenwillige Methode, zu Titelgeschichten zu kommen, damit zusammenhängt, dass sie in Hamburg momentan etwas arg viel mit sich selbst beschäftigt sind – aber schauen wir doch einfach mal, welche Titelgeschichten seit dem 1.9. 2014 irgendwas mit frisch erschienenen Bücher zu tun hatten:

Nr. 36, 1. September 2014, „Gegen die Uhr“

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Die Titelgeschichte stammt von Jörg Schindler und beschäftigt sich mit dem Stress, die die neuen, hekischen, digitalen Zeiten so mit sich bringen. Am Ende der Titelgeschichte zeigt sich Jörg Schindler transparent und schreibt:

„Der Text basiert auf einem Kapitel des soeben erschienenen Buches des SPIEGEL-Redakteurs Jörg Schindler „Stadt, Land, Überfluss – warum wir weniger brauchen als wir haben“.

Nr. 37, 8. September 2014, „Der Bröckelstaat“

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„Eine Abrechnung mit den Lebenslügen der Republik“, kündigt die Redaktion an. Die Substanz Deutschlands sei marode.  Zu der Auffassung ist der Spiegel gekommen, weil er ein Buch des „Regierungsberaters“ Marcel Fratzscher gelesen hat. Das Buch heißt „Die Deutschland-Illusion“, Autor und Buch werden in dem Titel hinreichend vorgestellt und gewürdigt. Für die Tablet-Ausgabe gibt Spiegel-Redakteur Michael Sauga, einer der Autoren des Titels, in einem Video „einen Überblick über die These und den Autor des Buches“. Der wird sich gefreut haben, nehme ich an.

Nr. 40, 29. September 2014, „Der Seher“

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Vor 100 Jahren beschrieb Franz Kafka die Ängste des modernen Menschen. 2014 wiederum beschreibt Reiner Stach in einem Buch die „frühen Jahre“ Kafkas. Das Buch und der Autor landen auf dem Titel. Wer Stach einmal live erleben will: „Stach wird jetzt erst einmal auf Lesetour gehen“, schreibt der Spiegel.

Danach einen kafkaesken Traum gehabt: Stach geht auf Lesetour und hat all die anderen Autoren dabei, die der Spiegel in den letzten Wochen so vorgestellt hat. Am Ende verwandeln sie Wolfgang Büchner in einen kleinen hässlichen Käfer.

Nr. 41, 6.10.2014, „Die Abrechnung“

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Der „Spiegel“, schreibt „Spiegel Online“, zitiere exklusiv aus den Gesprächsprotokollen von Altkanzler Helmut Kohl mit seinem Ghostwriter Heribert Schwan. Das ist immerhin nicht gelogen.  Aber auch nicht so ganz richtig. Tatsächlich hat der Spiegel das Buch „Vermächtnis – die Kohl-Protokolle“ gelesen, das zufällig diese Woche erscheint. Zudem hat der Spiegel nochmal (zum wievielten Mal eigentlich?) aufgeschrieben, dass das Verhältnis von Kohl zum Spiegel etwas schwierig war. Und das zwischen Strauß und Kohl auch. Das ist eine hochinteressante Geschichte, sofern man die letzten 30 Jahre auf einem fernen Planeten verbracht hat und jetzt erstaunt feststellt, dass auch nochdiese Mauer zwischen Ost und West verschwunden ist.

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Unknown-1Ach, ähm, liebe Kollegen, bevor ich es vergesse: Ich habe da ein Buch geschrieben, es heißt „Der 40-Jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand“ –und irgendeine knackige Generationen-Titelgeschichte wird sich doch daraus machen lassen, oder?

Wir Internet-Opas

Ein bisschen musste ich gestern Abend schon lachen – und richtig laut dann heute morgen: Die Kollegen von „turi2“ hatten die Beiträge, die Thomas Knüwer und ich gestern geschrieben hatten, einfach zu einer Meldung zusammengefasst. Ziemlich zurecht, übrigens. Es kommt ja ab und an ohnehin vor, dass der Herr Knüwer und ich ähnliche Ansichten vertreten, aber das wir sogar den gleichen Text von Wolfgang Blau zitieren, das hatten wir auch noch nicht.

Dabei hatten wir weder irgendwie über das Thema gesprochen noch irgendwie vereinbart, jetzt mal ähnliche Texte zu schreiben. Das ist deswegen wichtig zu wissen, weil Thomas Knüwer, ich und ein paar andere gerne mal als ein paar schlaumeiernde „Internet-Opas“ vergackeiert werden. Als „Medienblogger“, die zwar die Probleme prima aufschreiben könnten, beim Thema „Lösungen“ aber dann genauso scheitern würden wie alle anderen auch. Es gibt auch Menschen, die uns unterstellen, daraus eine Art Geschäftsmodell gemacht zu haben: rummotzen, sich auf Panels präsentieren, uns selbst irgendwo als Troubleshooter anbiedern und ungefähr keine Lösung anbieten. Da ist es natürlich für Verschwörungstheoretiker aller Art ein hübscher Beleg für die Verschwörung der ahnungslosen Medienblogger und Berater, wenn zwei aus dieser Szene am selben Tag Texte veröffentlichen, die wie abgesprochen aussehen (dass dem nicht so war, brauche ich vermutlich nicht eigens zu betonen).

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Was in diesem Jahr in Medien-Deutschand passiert ist, bringt zumindest mich in eine für mich selbst eher unangenehme Lage (wie es den anderen Internet-Opas damit geht, weiß ich nicht). Es gibt ja tendenziell kaum etwas Unangenehmeres als Rechthaberei. Als diese Haltung: Hab ich euch doch gleich gesagt. Womöglich noch verziert mit einem halb-beleidigten „aber ihr wolltet mir ja nicht glauben“.

Tatsächlich erleben wir aber speziell in diesem Jahr sehr häufig das, was die Internet-Opas schon seit ein paar Jahren ankündigen. Und dafür wahlweise als Defätisten, Pessimisten, Nestbeschmutzer, Ahnungslose und Verlagsbasher bezeichnet werden. Die Dinge, die momentan auf etlichen Panels, Kongressen und anderen Veranstaltungen beklagt werden, sind zwar grundsätzlich richtig, aber sie wären eben zumindest in dieser Heftigkeit vermeidbar gewesen. Weswegen es erstaunt, wenn jetzt plötzlich Banalitäten zum nächsten heißen Scheiß erhoben werden.

Der Ringier-CEO beispielsweise beklagt sich, dass der technologische Vorsprung der USA auf Deutschland kritisch sei. Recht hat er, der gute Mann. Aber mit Verlaub: Als ich vor inzwischen sagenhaften 15 Jahren für das ZDF an der deutschen Umsetzung der Kooperation mit dem US-Sender MSNBC beteiligt war, da hatten die Kollegen drüben damals schon mehr Leute, die sich nur ums Design kümmerten, als wir in der ganzen Redaktion. Von der Technik ganz zu schweigen. Unsere IT-Kollegen in Mainz waren weitgehend die Troubleshooter, wenn irgendwas nicht ging. Richtig entwickelt wurde drüben in den USA. In nahezu allen anderen Häusern, in denen ich seitdem unterwegs war, hat sich das gleiche Schauspiel gezeigt: Technik, Usability, Design, alles nicht so wichtig. Eine Haltung, die sich bis heute fortsetzt. Man macht halt Webseiten und mobile Angebote. Was ich nur sehr vereinzelt sehe: Einheiten, die sich Gedanken machen, wie Journalismus der Zukunft erzählt und verkauft werden könnte.

Es passt irgendwie ins Bild, dass der neue Vorzeige-Nerd der Branche Kai Diekmann dem „Standard“ jetzt ein Interview gegeben hat, in dem er Dinge erzählt, die natürlich nicht falsch sind (so schlau ist Diekmann ja dann doch), aber eben auch: nicht wirklich neu. Den Satz, dass eine Nachricht den Empfänger schon erreicht, wenn sie wichtig ist, müsste man mittlerweile eigentlich unter Quarantäne stellen. Die Erkenntnis, dass Journalismus nicht am Papier hängt, ebenso. Macht nichts, dachten sich die ansonsten sehr geschätzten Kollegen in Österreich – und machten kurzerhand den Satz, Journalismus hänge nicht am Papier, zur Überschrift. Sein Chef Matthias Döpfner sieht das übrigens ein bisschen anders: Man müsse das Papier ja nur digital machen und quasi eine digital und zusammenrollbare Displayschöpfung gestalten, schon sei die Zeitung wieder…nun ja, lassen wir das.

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Der Denkfehler – und ja, das erzählt die Kamarilla der Internet-Opas schon ein bisschen länger –  liegt genau in diesem Döpfner-Gedanken: Man muss die Technologie, die Plattform nur dem bestehenden Produkt anpassen, dann ist alles wieder gut.

Dabei ist es genau andersrum: Wir werden unseren Journalismus den neuen Technologien, den neuen Plattformen und ja, auch das, den neuen Anforderungen der Nutzer anpassen müssen. Das gilt für alle gleichermaßen, ganz egal, ob wir heute von Print oder von TV sprechen. Wie das am Ende aussehen wird, kann heute seriös noch niemand prognostizieren. Ebenso wenig, wie wir seriös voraussagen können, welche Geschäftsmodelle am Ende tragen werden und welche nicht.  Das ist keine Aussage, mit der man die Branche glücklich macht, ich weiß. Aber alles andere wäre Scharlatanerie.

Und lieber bin ich ein Internet-Opa, als ein Medien-Scharlatan.