Krautreporter: Was zu erwarten war

Die „Krautreporter“ sind online. Herausgekommen ist das, was man erwarten durfte. Was je nach Sichtweise eine gute oder auch nicht so gute Nachricht ist.

Vorweg: Ich habe durchaus gezögert, diesen Beitrag zu schreiben. Weil ich ahne, dass man mir aufgrund der Vorgeschichte Befangenheit oder Rechthaberei vorwerfen wird. Auf der anderen Seite: Kann man als Blogger, der sich mit Medien auseinandersetzt, ernsthaft an den Krautreportern vorbei am Tag ihres Launchs? Natürlich nicht.

Vorbemerkung, 2. Teil: Ich habe diese Tage eine Geschichte in den „Ruhr-Nachrichten“ gelesen. Sie heißt „Die schwarze Gefahr“, ist mit der Software „Creatavist“ erstellt worden und ist das, was man inzwischen wohl Multimedia-Reportage nennt. Ein sehr gelungene, sowohl optisch als auch inhaltlich. Das steht deswegen hier, weil es zeigt, was im Onlinejournalismus inzwischen möglich ist – mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln und auch aus der Redaktion einer Regionalzeitung heraus, die ja gerne mal als Beleg dafür genommen werden, warum es im Journalismus so wie bisher besser nicht weitergehen sollte.

Die „Krautreporter“ haben sich zwar inzwischen ein wenig vom „Wir retten den Journalismus“-Anspruch verabschiedet, die Messlatte liegt dennoch so hoch wie bei keinem anderen journalistischen Neustart dieses Jahres. Gemessen nicht nur am Anspruch, sondern auch an der Tatsache, für dieses Projekt eine Million Euro eingesammelt und etliche bekannte Autoren verpflichtet zu haben, muss man zugestehen: ein Anspruch, der kaum zu erfüllen ist.

So, und jetzt habe ich mich genug gewunden und ausreichend relativiert.

Herausgekommen ist bei den „Krautreportern“ eine Webseite mit vielen langen Stücken. Das ist nicht zu kritisieren, sofern man gerne viele lange Stücke auf Webseiten liest.

Nicht herausgekommen ist irgendetwas Überraschendes.  Stefan Niggemeier zerlegt das neue Buch von Udo Ulfkotte. Peer Schader schreibt über Supermärkte. Christoph Koch präsentiert sein Medien-Menü. Thomas Wiegold schreibt über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Das kann man alles machen, das ist alles in Ordnung, an manchen Stellen auch unterhaltsam.

Aber eben: genau das, was passiert, wenn man diese Autoren auf einer Webseite zusammenpackt.

Die „Krautreporter“ lesen sich deshalb nicht wie ein Magazin. Sondern wie eine Sammelstelle langer Texte bekannter Autoren. Ressorts gibt es nicht, einen inhaltlichen roten Faden auch nicht – jeder schreibt, was ihn gerade interessiert. Das kann man schon zum Konzept machen, aber irgendwann schleicht sich dann doch im Hinterkopf wieder diese Sache mit der Fallhöhe ein. Bisher lesen sich die „Krautreporter“ nur wie ein „Best of“ verschiedener bekannter Autoren.

Der Online-Journalismus ist kaputt und wir bekommen das wieder hin. Der Satz, sorry, liebe Krautreporter, der klebt einfach an euch.

Aber ich habe mich schon mal böse in die Nesseln gesetzt mit einem etwas vorschnellen Urteil. Und heute ist ja gerade mal Tag 1. Da ist noch viel Zeit. Ebenso viel wie Luft nach oben. Lassen wir ihnen also Zeit, gratulieren höflich dazu, ein solches Projekt tatsächlich gestemmt bekommen zu haben – und lesen bis dahin auch mal Sachen wie das Stück in den „Ruhr-Nachrichten“.

Was ja auch irgendwie eine positive Nachricht sein kann: Vielleicht ist es um den Online-Journalismus gar nicht so schlecht bestellt, wie man manchmal glauben könnte.

10 Gedanken zu „Krautreporter: Was zu erwarten war

  1. Hallo Herr Jakubetz,
    ich habe mir nach Ihrem Artikel die Krautreporter-Site angesehen. Ich würde sagen, das ist das deutsche Medium (www.medium.com) nur ohne die großen Intro-Bilder.
    Medium hat die Tagline: „Everyone’s stories and ideas“

    Da darf auch nicht jeder schreiben, sondern die Betreiber achten schon darauf, dass die Qualität der Texte – die auch gerne mal recht lang werden dürfen – gut ist.

    Aber ein Magazin ist Medium.com nicht, genauso wenig wie die Krautreporter.

    Auch wenn ich nicht die Zielgruppe bin, so wünsche ich den Betreibern viel Erfolg.
    Es ist immer gut etwas neues auszuprobieren.

    Gruß
    Finanzwesir

  2. Meine Ewartungen sind bisher erfüllt. Aber ich bin ja Leser. Ich erwarte dass ich darauf vertrauen kann, dass Artikel auch lesenswert sind. Das fehlt mir bei den meisten Publikationen.

    Nur bei einigen Blogs schaltet sich bei mir nicht sofort das Mistrauen und die Goldfisch Konzentrationsspanne ein.

    Solange ich Artikel von oben bis unten lesen kann ohne es zu bereuen, sind sie mein Geld wert.

  3. @Finanzwesir: Der Vergleich hinkt etwas, Medium.com ist eine Technologie bzw. ein Content-Silo wie einst Blogger.com. Der Unterschied ist auch die Priorisierung, Medium.com unterhält eine eigene Redaktion vor allem deshalb, um das Backend zu testen und zu verbessern (= bieten wir alle Tools, um Geschichten zu erzählen?). Aber das nur am Rande, ich habe Krautreporter trotz Mitgliedschaft noch nicht angeguckt und werde das demnächst nachholen.

  4. Kann Ihnen diesmal zustimmen. Irgendwie alles vorhersehbar gewesen. Die Geschichte über die Park Avenue gabs auch schon mal sehr ähnlich als Reportage auf Arte. Nur besser, wie ich finde. Aber ist ok, sollen die nur machen; sind ja noch frisch. Gibst bestimmt Schlimmeres. Das Design ist auch gewöhnungsbedürftig. Die „Rettung“ des Online-Journalismus sehe ich hier aber auch nicht wirklich.

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