Die Facebook-Falle

Über die Hälfte der Journalisten sind von Social Media gefrustet. Die Meldung macht seit ein paar Tagen die Runde – und sie scheint auf den ersten Blick alte Vorurteile insbesondere auf der digitalen Seite des Grabens zu bestätigen: Immer dasselbe mit diesem analogen Volk. Aber ganz so einfach kann man es sich nicht machen. Der augenscheinliche Frust zeigt vielmehr, wie sehr klassische Medien inzwischen in der Facebook-Falle gelandet sind…

Erstmal die nackten Zahlen: Es ist ja gar nicht so, wie in den meisten Meldungen geschrieben wird – nämlich, dass die Journalisten überwiegend Frust schieben. Zunächst einmal sagen 56 Prozent der befragten Journalisten, dass sich ihre Arbeit durch den Einsatz sozialer Netzwerke verbessert habe. Der Frust entsteht eher aus Enttäuschung: darüber, dass unter dem Strich nicht der Ertrag steht, den man sich erwartet hatte (was natürlich auch eine Frage falscher Erwartungen sein kann). 51 Prozent beklagen sich darüber, dass der Ertrag gemessen am Aufwand zu niedrig  ist. Oder der Aufwand zu hoch, ganz wie man will. (Detaillierte Zahlen gibt´s drüben beim „Universalcode“).

Das mag sicher zum Teil daran liegen, dass es nur wenig Strategien gibt und in vielen Fällen noch weniger Personal. Social Media ist immer noch häufig ein Nebenher-Produkt, das man halt macht, weil man es machen muss. Eine wirklich Idee davon, was man mit der Präsenz in sozialen Netzwerken erreichen will? In vielen Fälle immer noch nicht vorhanden…

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Ja, diese Sache mit den Strategien. Es wäre nicht mal sonderlich ketzerisch, würde man fragen: Habt ihr überhaupt eine? Also, eine die darüber hinausgeht, Links auf die aktuellsten eigenen Geschichten bei Facebook zu veröffentlichen. Oder gelegentlich Fragen zu stellen, die wohl so etwas wie Interaktion bedeuten sollen: Ist es bei euch heute auch so neblig? Habt ihr auch alle einen schönen ersten Advent? Klingt banal, erlebt man aber tatsächlich immer wieder. Das macht zwar auch Arbeit und Aufwand, aber es ist dann nicht  erstaunlich, dass sich der Ertrag in überschaubaren Grenzen hält. Wenn man als Nutzer am Tag von ungefähr 37 Redaktionen eher unpersönlich irgendwas gefragt wird, dann ist man nicht so sehr gewillt, darauf zu antworten. Oder womöglich irgendwas mit Interaktion zu machen.

Und überhaupt: Facebook, Goole, Twitter, all der andere Kram – es ist natürlich schon eine Idee, sich dort zu präsentieren. Aber gleichzeitig haben all diese Frenemys auch einen veritablen Nachteil: Mit jeder Aktion, und sei sie noch so klein, füttert man das Monster noch ein bisschen mehr. Natürlich gibt es die Beispiele für überaus gelungene Social-Media-Aktionen. Vor Auge halten sollte man sich aber auch das: Der allergrößte Teil dessen, was Menschen und Medien im sozialen Netz veranstalten, bleibt weitgehend folgenlos. Nur ein winziger Bruchteil wird wirklich wahrgenommen – man kennt dieses Long-Tail-Phänomen auch aus andere Teilen des Netzes. Was ja auch gar nicht anders geht, schon alleine angesichts der schiere Masse des täglich geposteten Sinn und Unsinns.

Wie gut ist also dann die Idee, das Monster jeden Tag weiter zu füttern, in der kleinen Hoffnung, dass man irgendwann mal einen Glücks-Treffer landet und seine 15 Minuten Social-Media-Ruhm abholt? Ist das in etwa so sinnvoll, wie in einem großen Raum voller heftig und laut debattierender Menschen so lange und laut zu brüllen, bis man alle anderen übertönt hat und sich damit wenigstens ein bisschen Gehör verschafft hat?

Die Frage ist, Sie ahnen es, rhetorisch. Wenn aus den bisherigen Aktivitäten im sozialen Web nicht so wahnsinnig viel Erfolgreiches und Zufriedenstellendes erwachsen ist – ist dann das soziale Netz schuld? Oder vielleicht die (falschen) Aktivitäten? Mit dem, was wir da laufend tun, vergrößern wir die Abhängigkeit von Frenemy Facebook&Co immer ein kleines Stückchen mehr. So wie ein Junkie an der Nadel (Hinweis: Ich mache das auch nicht anders, weil ich diese Beitrag natürlich später noch auf Facebook posten werde).

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Warum das alles hier steht? Weil die Journalisten-sind-gefrustet-Debatte in die falsche Richtung führt. Weil sie die ollen Kamellen zu bestätigen scheint, dass Journalisten und Medien einfach nur zu doof und faul sind, dieses Neuland zu begreifen. Die spannendere Frage wäre wer tatsächlich die: Ist es nicht langsam an der Zeit, sich aus der Rolle der Facebook-Junkies zu befreien? Eine Strategie ausschließlich darauf aufzubauen, dass man auf fremden Kanälen irgendwie wahrgenommen wird, klingt jedenfalls auf Dauer nicht wirklich zukunftsträchtig.

4 Gedanken zu „Die Facebook-Falle

  1. Hallo Herr Jakubetz,
    eine sehr vernünftige Einstellung. Die Social-Media-Strategie für meinen Blog Finanzwesir (Ingenieur schreibt über Finanzthemen) sieht so aus:

    – Twitter ist mein vwd / dpa -Äquivalent. Ich folge Leuten, die Interessantes aus dem Finanzbereich posten und packe selbst meine Artikel augf Twitter. Aber ich versuche nicht mit Buffer oder einem anderen Tool automatisiert zu posten. Es gibt ein paar Leute, die mir auf Twitter folgen. Sollen sie doch.

    – Facebook: Ich habe eine Zeitlang meine Artikel auf meiner persönlichen FB-Site gepostet. Kam aber nie viel bei rum. Hab´s dann sein lassen

    – G+: Ich poste hier meine Artikel kurz und prägnant. Warum? Weil G es gerne sieht, wenn man G-Properties nutzt. Also tue ich den Mountain Viewern den Gefallen. Kostet nicht viel Zeit und bringt mir noch den einen oderen anderen Link mit Bild in den Suchergebnissen. Ein paar Leute haben mich in ihre Kreise aufgenommen. Sollen sie doch.

    Das einzig entscheidende ist die „DIE LISTE“. Ich will, dass die Leute sich für meine Mailingliste eintragen. Denn da habe ich den direkten Kontakt zu ihnen. Das einzige was zählt, ist die eigene Web-Site und die eigene Liste. Unsere Großeltern sagten: „Eigener Herd ist Goldes wert“.

    Mein Tag hat 24 Stunden. Die kann ich entweder dazu verwenden coole Artikel zu schreiben oder in der SM-Pampe herumzurühren in der Hoffnung, das auch für mich ein paar Klicks abfallen.
    Ich halte es da eher mit der EKS-Strategie: Konzentration der
    Kräfte auf das Wesentliche. Ich bin alleine. Ich kann nicht überall sein. Deshalb bin ich vor allem auf meiner Web-Site zu finden.

    Der Erfolg: Februar 2014: Null Leser, November 2014: über 10.000 Leser monatlich.

    Erfreulicher Nebeneffekt: Wer diesen ganzen SM-Schlonz nicht auf seine Web-Site einbindet hat eine schnellere Web-Site (das freut die Leser & G) und ist weniger abmahngefährdet.

    Gruß
    Finanzwesir

  2. Kleiner Nachtrag: Ich habe kein Problem mit Schlagzeilen auf Boulevard-Niveau (Der Runde muß ins Eckige), aber den Kram, den man für SM produzieren muß, ist selbst mir zu blöde (47 Gründe, warum sich Deine Finanzen in Luft auflösen werden).
    Wenn Boulevard in reine Hysterie umschlägt, wird´s einfach öde.

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