Worüber wir 2016 reden werden

2016 wird das Jahr, in dem sich der Journalismus so stark verändern wird wie schon lange nicht mehr. Deshalb: Die 5 wichtigsten Themen, über die wir im kommenden Jahr werden reden müssen.

 

1. Kleinteilige Welt: Partikel statt Artikel

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Das Selbstverständnis des Journalisten geht immer noch davon aus: „Richtiger“ Journalismus ist nur das abgeschlossene Stück. Egal, ob Artikel oder TV-Beitrag, wir denken in den großen Dimensionen. Und in denen, in denen das gedachte Wort „Ende“ vorkommt. Das ist allerdings ein bisschen widersinnig im Zeitalter des permanenten Newsstreams – wann, bitte schön, soll denn etwas zu Ende sein?

Natürlich, auch weiterhin gibt es die Ereignisse, über die man abschließend berichtet. Selbstverständlich werden wir weiter Kommentare, Reportagen, Analysen, „fertige“ Stücke eben produzieren. Allerdings brauchen wir dringend eine Idee, wie wir neben dem Artikel auch den Partikel als ein erstzunehmendes Narrativ etablieren.

Das ist im Übrigen keine Sache, die nur den klassischen Text betrifft. Wie sich Erzählungen zunehmend aus Partikeln zusammensetzen, erleben wir nirgendwo so drastisch wie ausgerechnet beim Thema Bewegtbild. Bei Videos war die Sache noch bis vor kurzem klar: Das ist ein „gebauter“ Beitrag. Sieht meistens aus wie Fernsehen, selbst dann, wenn der Beitrag nicht im Fernsehen zu sehen ist. Inzwischen gibt es enorm vieles, was aus Bewegtbild sein kann: ein 15-Sekünder bei Instagram, ein auch ohne Ton funktionierendes Autoplay-Stück bei Facebook oder auch ein Livestream, vermutlich der Inbegriff eines Partikels. Man loggt sich von irgendwoher ein, macht eine mehr oder weniger kurze Momentaufnahme von irgendwas und geht dann wieder.  Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil des „gebauten“ Beitrags.  Trotzdem: In der Masse wird Bewegtbild in den nächsten Jahren sehr viel mehr aus diesen winzigen Partikeln statt aus dem ganz großen Kino bestehen.

Wobei ich diesen Begriff „Narrativ“ bewusst gewählt habe. Eine Ansammlung von Tweets, Snaps, Instagram, Livestreams und Facebook-Postings ist eben erst einmal nur das: eine lose Ansammlung. Wohingegen ein Narrativ dann entsteht, wenn man gezielt anfängt, Geschichten zu erzählen. Wie also sieht diese kleinste Narrativ unterhalb des Artikels und des Beitrags aus? Vermutlich eine der spannendsten Fragen für 2016.

2. Digital vs. analog: Lassen wir den Graben Graben sein

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Seit ein paar Monaten beschäftigt mich diese Frage intensiv: Wie sinnvoll ist es zu versuchen, ein „analoges“ Publikum auf digitale Plattformen holen zu wollen? Mehr und mehr komme ich zu den Einschätzung, dass es ein komplett idiotisches Unterfangen ist. Weil es aussichtslos ist und weil wir es kaum schaffen werden, dem eingefleischten Zeitungsleser die Vorzüge eines Smartphones nahelegen zu wollen. Oder dem Fernsehzuschauer die Errungenschaften einer App. Mediennutzer sind, das zeigen nahezu alle einschlägigen Untersuchungen, beinahe so stur wie Bankkunden, die auch erst wechseln, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Tatsächlich sind die Zuwächse bei den digitalen Medien zu einem beträchtlichen Teil einem Publikum unterhalb der 40 zu verdanken.Nahezu alle, die altersmäßig darüber liegen, mögen sich mal mehr und mal weniger für Netz und seine Segnungen interessieren, beim Medienkonsum bleiben sie aber überwiegend konservativ.

Das aber bedeutet für alle, die nicht zu der Kategorie der „Digital Onlys“ gehören, auf längere Zeit zweigeisig fahren zu müssen. Zweigleisig, weil sie ihre bisherigen analogen Angebote aufrecht erhalten müssen, um gleichzeitig neue, digitale Projekte zu etablieren. Dass man das Publikum auf beiden Seiten des digitalen Grabens miteinander versöhnen kann, ist so unwahrscheinlich, dass man es besser nicht auf einen Versuch ankommen lässt.

3. Livestreaming und anderes: Lieber jetzt als gleich!

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Journalismus war früher eine ziemlich einfache Sache. Zumindest in textlastigen Medien. Eine, in der man – stark zugespitzt gesagt – über Dinge berichtete, die in der Vergangenheit lagen. Was man in bestimmten Zyklen machte, ob nun alle 15 Minuten oder einmal im Monat. Egal also, welche Form des Journalismus man sich erwählte, ob die nüchterne Nachricht oder der feurige Kommentar: Der Begriff „live“ war dem Radio und dem Fernsehen vorbehalten.

Das lag in erster Linie daran, dass Radio und Fernsehen die einzigen Medien waren, die technisch überhaupt in die Lage kamen, Dinge live zu übertragen. Und weil sich das allmählich ändert, ist plötzlich das Thema Echtzeit eines für beinahe alle geworden. Der wirklich spektakuläre Aspekt dabei ist das Livestreaming, das 2015 mit Apps wie „Meerkat“ oder „Periscope“ seinen massenkompatiblen Durchbruch geschafft hat. Aber wie das eben so ist mit neuen Themen: Erst einmal sind es die „First Mover“, die sich mit so etwas auseinander setzen. Inzwischen aber haben eine ganze Reihe von guten Beispielen und Anwendungen gezeigt: Das Thema Livestreaming wird uns bleiben, es wird sich in nächster Zeit zu einer Selbstverständlichkeit entwickeln. So wie man inzwischen wie selbstverständlich twittert oder bei Facebook präsent ist, so wird man mit Livestreams von sonstwoher präsent sein. Gerade weil es so einfach zu handhaben, ist es für nahezu jeden interessant, der Journalismus macht: vom Lokalreporter bis zum Auslandskorrespondenten.

Das Thema hat aber noch einen weiteren Aspekt. Weil zu der bisher vergangenheitsgetriebenen Seite des Journalismus eine weitere kommt: Berichten in Echtzeit. Das kann man mit bewegtem Bild naturgemäß besonders gut. Aber Livestreams sind nicht die einzige Möglichkeit. Genau genommen gehört jede Social-Media-Plattform zu den Kanälen, die das Leben so abbilden, wie es gerade im Augenblick ist. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, kann man sicher sein: Irgendwo in den Tiefen von Twitter, Snapchat, What´sApp oder Instagram wird es abgebildet. Das ist ein Aspekt, den man gerne übersieht, wenn man von diesen Plattformen spricht. Trotzdem: Wenn sich Journalisten zukunftsfähig aufstellen wollen, entwickeln sie eine Idee davon, wie sie mit dem Thema „Live-Journalismus“ umgehen wollen.

Was auch damit zu tun hat, dass die Generation der heute 15- oder 20jährigen das wie selbstverständlich wahrnimmt und erwartet: Wenn etwas passiert, existiert davon auch ein virtuelles Abbild. Es wäre keine schlechte Idee, wenn Journalisten an diesem virtuellen Abbild mitzeichnen würden.

4. Personalisierung: Gib´s mir!

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Als ich vor ungefähr 15 Jahren das erste Mal mit dem Thema „Personalisierung“ in Berührung gekommen bin, habe ich das – zugegeben – für Quatsch gehalten. Für netten Quatsch zwar, aber eben doch für Quatsch. Damals habe ich mir gedacht: Warum soll ich möglicherweise wichtige und interessante Dinge ausblenden, die mir die lieben Kollegen aufbereiten. Das war im Jahr 2000. Da hatte ich noch den Eindruck, man könne die Massen an Medien noch halbwegs bewältigen. Heute weiß ich, dass das womöglich schon damals ein Trugschluss war. Heute ist das Realität: Wer sich die Fluten an Informationen stürzt, der ersäuft darin.  Vermutlich ist es heute der Ausweis höchster Medienkompetenz, wenn man weiß, welche Filter man ansetzen muss.

Natürlich weiß ich, dass es so etwas wie eine „Filter Bubble“ gibt. Ich weiß, dass jedes Weltbild einseitig ist, mein eigenes natürlich eingeschlossen. Aber man macht weder sein Weltbild noch seinen eigenen Informationsstand besser, wenn man planlos anfängt, irgendwo rumzusurfen. Das ist das neue Zapping – und wie das endet, wissen wir seit den Zeiten, in denen man plötzlich mehr als 30 TV-Programme zur Verfügung hatte und unleidlich wurde, weil man den ganzen Abend irgendwelches Geflimmer so ein bisschen und nichts richtig wahrnahm. Die jüngeren unter Ihnen ersetzen dieses Beispiel bitte einfach durch sinnloses Scrollen in Social-Media-Timelines. (Was im Übrigen nicht bedeuten soll, dass sinnloses Zappen und Scrollen nicht manchmal auch ganz nett wäre).

Trotzdem: Wir kommen heute an dem Thema Personalisierung und personalisierte Angebote nicht mehr vorbei (eine Erkenntnis, die ich wesentlich den großartigen Kollegen Christian Daubner, Marcus Schuler und Mustafa Isik vom BR zu verdanken habe, die ich Ihnen hiermit zum Verfolgen in den diversen Netzwerken ans Herz legen möchte). Die Sektion „Mein BR24“ ist inzwischen mein  persönlicher Favorit in der Nutzung der BR24-App geworden. Weil ich mich sehr darauf verlassen kann, tatsächlich einen Überblick über die Themen zu bekommen, die mich wirklich interessieren. Es schadet im Übrigen weder Journalisten noch Nutzern sich einzugestehen, dass man sich völlig unmöglich für alles interessieren kann. Wenn man dann so ehrlich zu sich selbst ist, dann kommt man an einem weitgehend personalisiertem Angebot nicht mehr vorbei.

Im Übrigen ist diese grandiose Erkenntnis eine, die die Großen im Netz schon lange hatten: Wer heute googelt oder bei Amazon oder Apple einkauft, kann sich darauf verlassen, dass das, was er zu sehen bekommt, so personalisiert wie nur möglich ist. Selbst wenn der User selbst sich in dem Glauben wähnt, gar nicht personalisiert zu haben.

Klingt erstmal alles nach Bagatelle und einem eher technikgetriebenen Problem. Ist es aber nicht. Weil es in der Konsequenz bedeutet, dass sich die Idee, wir Journalisten könnten mit einem Angebot ungefähr alle glücklich machen, zunehmend als nicht mehr umsetzbar erweist.

Meine These: In 10 Jahren haben sich die meisten General-Interest-Angebote erledigt.

5. Wir sehen uns alle auf dem Smartphone wieder

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Die Frage musste man sich ja bis vor kurzem immer mal noch stellen lassen: Für welches Medium arbeiten Sie? Man antwortete dann höflich, man arbeite für eine Zeitung oder beim Radio oder beim Fernsehen (wenn man „Online“ geantwortet hat, wurde man schon kurz darauf nicht mehr ernst genommen).

Das hat sich mittlerweile erledigt, zumindest dann, wenn man noch ein paar Jahre in diesem Job überleben will. Tatschlich gibt es keinen Journalismus mehr, der nicht digital wäre. Im Jahr 2016 wird man hinzufügen müssen: und mobil zudem. Die Durchdringung mit Smartphones ist inzwischen insbesondere beim jüngeren Publikum so hoch, dass diese kleine Ding mittlerweile zum wichtigsten Gerät in der täglichen Mediennutzung geworden ist. Wichtiger als jeder Fernseher, als jedes Radio. Wer nicht auf dem Smartphone präsent ist, kann sich genauso gut auch gleich eingraben lassen.

Präsenz auf dem Smartphone, das bedeutet: Man muss sich etwas einfallen lassen, was darüber hinaus geht, mobile Versionen der eigenen Webseite anzubieten. Im Gegenteil: Man muss das Smartphone im Jahr 2016 in den Mittelpunkt aller strategischen Überlegungen stellen. Weil es nicht nur ein Gerät zur potentiellen Mediennutzung ist, sondern mehr und mehr zum Mittelpunkt unseres digitalen Alltags wird. Bedenkt man dann noch, dass auch soziale Netzwerke zunehmend gerne mobil genutzt werden, dann kann man sich vorstellen, welch potentiell explosive Mischung das ist: sozial und mobil zugleich. Wenn sich ein Großteil des durchschnittlichen User-Lebens künftig so abspielt, kann man sich leicht ausrechnen, wie fahrlässig es ist, das Smartphone immer noch als ein nettes Zusatz-Gadget abzutun.

Fotos auf dieser Seite: BR, Christian Jakubetz

Ein Teil wird Sie verwirren

Ich habe unlängst in Hamburg etwas gemacht, was ich von mir selbst kaum erwartet hätte: Ich habe einen halbwegs zuversichtlichen Ausblick auf die Zukunft des Journalismus gegeben und habe die Nörgler als das bezeichnet, was sie sind: Nörgler. (Wer es nachlesen will, bitte sehr, hier ist meine Keynote in der geschriebenen Form).

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Ich habe dann noch von mehreren Seiten gelesen, dass es erstaunlich sei, wenn ausgerechnet ich, der ich jahrelang nur vom drohenden Tod der klassischen Medien gesprochen hätte, wenn also ausgerechnet ich plötzlich halbwegs zuversichtliche Töne anschlage. Ich selbst habe mich und meine Auffassungen zwar nie als so düster empfunden wie das draußen zumindest teilweise angekommen ist, aber sei´s drum – dann ist das jetzt eine schöne Gelegenheit, nochmal ein paar grundsätzliche Dinge loszuwerden.

Ein bisschen genauer hinschauen, ein wenig differenzieren

Ich glaube fest daran, dass die Debatten über die Zukunft der Medien vor allem an einem kranken: an der mangelnden Differenzierung (das ist übrigens bei den allermeisten Debatten in der Welt so). Wenn man an die Zukunft des digitalen Journalismus glaubt, ist man gleichzeitig der Untergangsprophet der analogen Medien. Wenn man gerne gute Blogs liest, findet man konventionelle Journalisten automatisch doof (und umgekehrt). Man glaubt entweder an eine Zukunft von Paid Content oder nicht. Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Hamburg, eine Keynote und ich…(Foto: Message/Uni HH)

Das Dumme daran ist, dass die Wahrheit in den seltensten Fällen schwarz oder weiß ist, sondern irgendwo in der Mitte liegt, ergo also ein wenig attraktives Grau ergibt. Schon klar, wenn man ordentlich Tremolo in der digitalen Welt erzeugen will, dann ist Grau nicht gerade die attraktivste Farbe. Trotzdem: dass ein Teil des Journalismus und der Medien, die wir bisher kennen, untergehen werden und dass es für den Journalismus und die Medien dennoch eine richtig gute Zukunft gibt, klingt auf den ersten Blick widersinnig, ist es aber nicht. Man darf nur nicht den Fehler machen, die Zukunftsfrage an Mediengattungen festzumachen. Zu sagen, dass beispielsweise Print sterben würde, ist nur so mittelrichtig. Wer stirbt, sind diejenigen, die nicht zur Veränderung bereit sind (gut möglich, dass diese Haltung in Verlagen manchmal etwas ausgeprägter ist als andernorts). Vielleicht sollte ich ja künftig meine Vorträge und Beiträge mit dem de-Maiziere-Diktum beginnen: Ein Teil dieses Vortrags wird Sie möglicherweise verwirren.

Aber auch wenn es verwirrend sein mag: So ein bisschen Differenzierung in den Debatten wäre schon fein, ganz ehrlich.

Auf der Suche nach der Neupositionierung

Aber klar, so ganz von alleine wird diese Sache mit der guten Zukunft für den Journalismus nicht funktionieren. Schon gar nicht, wenn wir so weitermachen wie bisher. Was wir also dringend bräuchten – neben ein paar funktionierenden Geschäftsmodellen – ist eine Neupositionierung. Wir sollten uns dringend der Frage stellen, was Journalisten in dieser Gesellschaft eigentlich sein sollen und wollen. Welche Rolle sie in einer sich dramatisch schnell verändernden Gesellschaft einnehmen können. Sicher ist: Sie muss deutlich über die frühere hinausgehen, die sich weitgehend darauf beschränkt hat, Informationen unter die Leute zu bringen und sie ab und an auch mal zu kommentieren.

Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich Debatten um neue Kanäle wie aktuell beispielsweise Snapchat so langweilig finde. Das ist furchtbar kurzatmig und wenig perspektivisch. Von mir aus kann ja jeder snapchatten wie er mag, aber außer ein bisschen lauwarme Luft in einer sehr grundsätzlichen Problematik wird dabei nicht herauskommen.

Journalisten müssen Moderatoren einer digitalen Gesellschaft werden. Die Informationsbeschaffung, die früher den Kern unserer Arbeit ausgemacht hat, wird zunehmend unwichtiger (bitte denken Sie jetzt gleich an den oberen Absatz zur Differenzierung: Ich sagte unwichtiger. Ich habe nicht gesagt, dass Informationsbeschaffung keine Rolle mehr spielt). Informationen oder was man dafür halten könnte gibt es heute an jeder Straßenecke. Nimmt man sich beispielsweise die vergangenen Terror-Tage zum Beispiel, dann war ganz sicher nicht die Menge an Informationen das Problem. Sehr viel schwieriger war deren Einordnung. Und mindestens genauso wichtig wäre es, den Raum für Debatten und Kontroversen zu geben, den man in Tagen wie diesen auch in einer digitalen Gesellschaft unbedingt braucht. Mir mag in diesem Zusammenhang immer noch nicht einleuchten, warum dieser Platz oder jede Einschränkung Facebook sein soll. Und warum wir Medienmacher uns diese Aufgabe einfach mal so aus der Hand nehmen lassen.

Die hybride Zukunft

Ich glaube also keineswegs an den bedingungslosen Untergang des einen und den krachenden Triumph des Neuen. So einfach, so schwarz und weiß ist die Welt nicht. Wir erleben es ja gerade, wie zunehmend mehr die konventionellen Medien zu Hybrid-Medien verschmelzen. Der „Spiegel“ beispielsweise zieht in dieser Woche bereits zum zweiten Mal seinen Erscheinungstermin vor, bereits am heutigen Mittwoch Abend liegt die digitale Ausgabe bereit. Das ist natürlich überaus sinnvoll in diesen Tagen, zeigt aber auf der anderen Seite auch, wie untauglich inzwischen auch in der Praxis die Trennung zwischen Print und Online geworden ist. Das Medium, der Journalismus – sie suchen sich schon jetzt den Kanal, der gerade passend ist. Natürlich bin ich gespannt und freue mich auf die angekündigten 30 Seiten zum Thema Terror. Ob ich diese Analysen auf Papier bekomme oder in meiner App oder doch im Browser, spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn also in dieser Woche „Spiegel“ und „Stern“ ihre Ausgaben vorziehen, dann ist das eben auch ein schönes Beispiel, wie das Primat des Print langsam aufbricht.

Es ist womöglich für den Journalismus auch nicht die allerschlechteste Nachricht, wenn plötzlich die Frage nach dem richtigen Inhalt die entscheidende ist. Wenn wir unser „gut“ oder „böse“ nicht mal an Kanälen, sondern nur noch an Inhalten festmachen. Wenn Journalisten einfach Journalisten sind, die gute und relevante Geschichten zu erzählen haben.

Wer das allerdings verneint, der stirbt wirklich. Und um den ist es auch nicht schade.

Meine neue Sonntagszeitung

Ich geb´s zu: Bei Blendle gehöre ich zu den Fanboys der ersten Stunde. Vor allem, weil ich dort alles gefunden habe, was eine neue Produktidee gut macht. Mein persönlicher Nutzen erschließt sich mir sofort, die Abwicklung und die dahinterliegende Technik funktionieren und auch das Bezahlen ist eine angenehm simple Geschichte.

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Vor allem an den Wochenenden hat sich „Blendle“ bei mir schnell zu meiner persönlichen neuen Sonntagszeitung entwickelt. Früher stand ich immer vor der Wahl zwischen FAS und Welt am Sonntag, wobei mich beide für sich alleine nie hundertprozentig glücklich gemacht haben und mir beide gemeinsam an einem einzigen Sonntag einfach zu viel waren. Jetzt aber: stehe ich sonntags gerne auf und stelle mir dann am iPad meine ganz persönliche Sonntagszeitung zusammen.

Vor allem jetzt, am zurückliegenden Wochenende des Terrors, habe ich für mich persönlich festgestellt, wie viel so eine eigene Sonntagszeitung wert ist. Ich habe mich für große Geschichten aus Welt am Sonntag, FAS und NZZ entschieden. Drei teils sehr unterschiedliche Einschätzungen, allesamt klug geschrieben, ohne dass ich jede dieser Meinungen teilen hätte müssen. Und weil der ökonomische Aspekt ja immer auch eine Rolle bei der Debatte um Medienzukunft spielt: Ich habe für jede die drei Geschichten zusammen weniger bezahlt als für eine einzige Sonntagsausgabe. Das alleine wäre mir noch Wurscht, der richtige, tolle Vorteil ist der, den ich schon vor 15 Jahren bei iTunes für mich entdeckt habe: Ich habe nur das, was mir wirklich interessiert,kann den ganzen Rest vergessen und zudem inzwischen auch schon ein ganz ansehnliches Archiv von Blendle-Geschichten, die ich in keiner Cloud eigens ablegen muss. Für normale Leser also schon sehr schön, für uns Journalisten ein echtes Muss.

Nicht ganz zuletzt: Blendle belegt, wie verkehrt diese ganzen grunddüsteren Debatten um die Zukunft des Journalismus geführt werden. Weder ist es so, dass Menschen einfach nur noch alles umsonst haben wollen (Blendle kostet), noch haben sie kein Interesse mehr an guten Geschichten. Nur weitermachen wie bisher – das ist eben verbindlich keine Option mehr.

 

Das Alter! Ich bin kein Snapchatter!

Woran ich merke, allmählich alt zu werden? Ich brauche eine Lesebrille, höre zunehmend schlechter – und ich bin nicht bei Snapchat…

 

Es gibt ja so ein paar Dinge in jeder Szene, die ungeschriebene Gesetze sind. Was man anzieht, was man liest oder hat und was man so macht oder wo man sich trifft. In der digitalen Filter Bubble gibt es jedes Jahr so ein, zwei Dinge, die der neue heiße Scheiß sind. Und weil ein untrennbarer Bestandteil dieser digitalen Filter Bubble unbestreitbar auch eine Neigung zum Exhibitionismus ist, führt man diesen heißen Scheiß dann gerne ein bisschen spazieren. Was mich manchmal an  russische Society Ladys erinnert, die erst sauteuer einkaufen waren und dann den ganzen Klunker irgendwo spazieren tragen, auf dass ihn jeder sehen möge.

Und wie das so ist mit dem Gruppenzwang: Natürlich war ich brav immer mit dabei, habe mich in Netzwerken angemeldet, deren Sinn ich nicht verstanden habe, fand es cool, Einladungen zu bekommen für angesagten heißen Scheiß, obwohl ich es kaum hinbekommen habe, meine anderen digitalen Präsenzen mit halbwegs sinnvollen Inhalten am Leben zu halten.

Letztes Jahr beispielsweise habe ich gleich drei Einladungen für diesen neuen Facebook-Killer bekommen, dessen Name ich leider schon wieder vergessen habe, wo sich aber mal für ein paar Wochen alle angesagten Digital-Leute getroffen haben, um sich dort dasselbe zu erzählen wie bei Facebook. Während sie bei Facebook fleißig posteten, man solle doch rüber kommen zum Facebook-Killer, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe.

Nach ein paar Wochen herrschte übrigens drüben beim Facebook-Killer eine noch größere Ödnis als bei Google +. Und das will echt was heißen.

Jetzt also Snapchat. Es war wie immer in der Digital-Bubble. Auf einmal tauchten irgendwelche Profilbilder auf, die nach Snapchat aussahen. Diejenigen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie heißen Scheiß schnell als heißen Scheiß erkennen und danach erklären, warum das jetzt gerade wirklich heißer Scheiß ist, waren sofort drüben und irgendwie habe ich nur noch auf einen solchen Satz gewartet: Twitter? Das ist so 2013.

Ich hab´s trotzdem nicht mehr übers Herz gebracht, mich auch dorthin zu schleppen, auch wenn mich dabei jetzt endgültig als nicht mehr zugehörig zur Heiße-Scheiß-Blase oute. Vermutlich war der Blick in den Spiegel schuld, der mir eindeutig signalisierte, dass ich mich nicht in einem Netzwerk rumtreiben sollte, das meine 16- und 13jährigen Töchter gerade echt geil finden. Und zugegeben, ich habe auch festgestellt, erste Ansätze einer gewissen Müdigkeit zu verspüren, noch einen Kanal mehr aufzumachen, auf dem ich den verehrten Freunden und Lesern in etwa dasselbe erzähle wie bei Facebook, Twitter, Periscope, Google oder sonstwo – nur eben angepasster, hipper und hochformatiger.

Wir brauchen die Tagesschau in 10 Sekunden!

Aber natürlich müssen wir jetzt alle als Journalisten drüber nachdenken: Wie erzähle ich Journalismus snapchat-gerecht? Wie formuliere ich Nachrichten, die sich nach 10 Sekunden wieder in Luft auflösen? Und ist Hochformat nicht irgendwo das neue Querformat? Wir brauchen die Tagesschau in 10 Sekunden und Journalisten, die sich endlich mal intensiv mit den Potentialen von Snapchat auseinandersetzen, verdammte Axt! Gibt es eigentlich schon irgendwo Snapchat-Seminare?

Vorhin übrigens, das am Rande, habe ich einen wunderbaren Nachruf auf Helmut Schmidt von Evelyn Roll in der SZ gelesen. Ein großes, schönes Stück Journalismus.

Irgendjemand müsste jetzt nur noch Frau Roll beibringen, wie man das in einen ordentlichen Snap verpackt.

Und jetzt muss ich leider aufhören. Termin beim HNO. Hörtest. Mach´s gut, digitale Filter Bubble.

Eine Frage der Haltung

Was müssen digitale Journalisten können? Viel weniger als man glaubt. Weil digitaler Journalismus viel mehr eine Frage der Haltung als des Handwerks geworden ist.

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(Foto: Jakubetz)

Vor ein paar Tagen habe ich drüben beim „Universalcode“ eine dieser Aufzählungen geschrieben, die man ganz gerne liest, wenn man sich bei einem Thema schnell orientieren will. Es ging darum, was Journalisten heute alles können müssen. Oder zumindest sollten.

Nachdem das eine alte, aber nicht beendete Debatte ist, gab es dazu eine ganze Reihe von Reaktionen (und wie das inzwischen so ist: kaum auf der Seite selbst, dafür umso mehr in den diversen Netzwerken). Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Die Palette: von der Frage, was das überhaupt sein soll, so ein digitaler Journalist – bis hin zu einer Auflistung von zusätzlichen Kompetenzen, die ich in meinem Beitrag gar nicht aufgelistet hatte.

Clemens Lotze kommentierte, man müsse das Folgende beherrschen, ansonsten solle man sich doch einfach Autor nennen und Bücher schreiben:

– eine Bildgröße den Erfordernissen der benutzen Kanäle zuschneiden
– einen Twitter-Kanal besitzen und regelmäßig benutzen.
– Die Bildauflösung dem Kanal anpassen
– Metadaten vergeben
– Keywords im erforderlichen Umfang verwenden
– ein Storytellingtool bedienen
– interaktive Maps und Timelines erstellen
– eine Infografk erstellen
– Bilder für SocialMedia-Kanäle vorbereiten
– Den Teaser brauchbar für Multichannel schreiben
– wissen wieviel Zeichen eine Überschrift in Facebook, Google+ oder Twitter haben darf.
– einen sinnvollen CTA setzen, falls erforderlich
– wissen wie Hashtags in den unterschiedlichen Kanälen verwendet werden
– Text-, Video und Audioformate kennen und umwandeln
– neben HTML selbstverständlich auch CSS kennen
– die unterschiedlichen Farbräume verstehen
– eine “mobilefähige” Schreibe und Formatierung beherrschen
– grundsätzlich nur in responsive-fähigen Medien veröffentlichen

Um ehrlich zu sein: Ich bin etwas zusammengezuckt. Weil ich bei dieser Liste passen müsste. Ich müsste eingestehen, dass es einiges bei diesen Dingen gibt, die ich nur so mittelgut kann. Und manches sogar gar nicht. Ich gebe beispielsweise zu, mich noch nie wirklich mit Farbräumen beschäftigt zu haben. Und wie viele Zeichen eine Überschrift bei Google + haben darf, ist mir eher gleichgültig.

Ich glaube tatsächlich nicht, dass man das alles können muss.  Würde man uns das alles abverlangen, käme die journalistische Komponente deutlich zu kurz. Zumal ich mir sicher bin, dass die alte Weisheit, man müsse nicht alles wissen, wenn man stattdessen weiß, wo man nachzuschauen hat, es in diesem Fall sehr gut trifft.

Wichtiger für Journalisten und womöglich sogar die entscheidende Kompetenz in ihrem digitalen Dasein ist etwas anderes: Zu wissen, auf welchem Kanal welcher Inhalt der richtige und und wie man ihn dort präsentiert. Bei meinen diversen Vorträgen versuche ich das inzwischen auf die folgende Formel zu verknappen:

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(Eigenwerbung: Hier gibt es mehr meinen Beratungs- und Vortragsprojekten gemeinsam mit dem großartigen Kollegen Kristian Laban.  Werbemodus aus.)

Soll heißen: Es ist womöglich viel wichtiger, die Veränderungen zu begreifen, die der digitale Journalismus mit sich bringt. Ohne ein profundes Verständnis der Kanäle, der veränderten Nutzungsgewohnheiten, der grundsätzlichen Anforderungen, die Journalismus inzwischen mit sich bringt, können Journalisten heute nicht mehr überleben. Das ist zuweilen leider deutlich schwieriger, als ein bisschen Handwerk zu lernen.

Zumal diese Veränderungen noch einen weiteren Aspekt mit sich bringen: Sie gehen rasend schnell. So schnell, dass sich niemand der Illusion hingeben sollte, jetzt aber habe er es endlich begriffen, wie diese Medienwelt tickt. Ich bemerke das jedes Jahr aufs Neue bei mir selbst. Wenn ich meine Unterlagen für meine diversen Vorträge und Lehrveranstaltungen vorbereite und dann aus purer Bequemlichkeit nachschaue, ob ich zu dem Thema nicht schon mal ein Jahr zuvor etwas gemacht habe, dann stelle ich immer zweierlei fest:

  1. Ja, ich habe vor einem Jahr schon mal was zum Thema gemacht.
  2. Kannste wegschmeißen.

Journalismus bedeutet also inzwischen auch eine Art Dauer-Weiterentwicklung für jeden selbst. Ich würde nicht bestreiten wollen, dass ich das inzwischen selbst etwas ermüdend finde. ich bin ja schließlich keine 30 mehr. Immer dann, wenn man glaubt, etwas endlich begriffen zu haben, steht schon wieder etwas Neues vor der Tür; die Trends und Hypes kommen in Schüben. Ich kann auch jeden verstehen, der darauf wahlweise genervt oder auch verängstigt reagiert. Man macht es sich ein bisschen einfach, wenn man auf jeden, der einfach nur gerne mal seinen Job in Ruhe machen will, mit Fingern zeigt und ihn als analogen Gimpel verspottet.

Digitaler Journalismus ist eher eine Haltung als Handwerk

Zumal es ja nicht so ist, dass man mühelos unterscheiden könnte, was nun einfach Hype und was von Bestand ist. Von nahezu jedem Hype der letzten Jahre ist auch irgendwas Dauerhaftes übrig geblieben. Was wiederum bedeutet, dass man nicht daran vorbeikommt, sich alles zumindest mal anzuschauen und – noch besser – auch auszuprobieren. Das kann auf Dauer ziemlich anstrengend sein und macht vermutlich nur denjenigen so richtig viel Spaß, die eine ausgeprägte autodidaktische Ader haben (und die hat nun mal nicht jeder).

Journalismus hatte also schon früher mit Haltung zu tun – inzwischen womöglich sogar mehr denn je. Diese Haltung müsste so aussehen: akzeptieren, dass Journalismus nach wie in einem Veränderungsprozess steckt, der so schnell nicht beendet sein wird. Konstruktiv daran arbeiten, dass dieser Journalismus auch in einer digitalen Gesellschaft seine Existenzberechtigung behält. Als richtig und relevant Erkanntes dauerhaft wieder in Frage stellen. Die Kommunikation und Interaktion als einen festen und elementaren Bestandteil des Journalismus zu begreifen.

Der Rest kommt dann fast von ganz alleine. Beispielsweise diese Sache mit den Farbräumen.