Ein Teil wird Sie verwirren

Ich habe unlängst in Hamburg etwas gemacht, was ich von mir selbst kaum erwartet hätte: Ich habe einen halbwegs zuversichtlichen Ausblick auf die Zukunft des Journalismus gegeben und habe die Nörgler als das bezeichnet, was sie sind: Nörgler. (Wer es nachlesen will, bitte sehr, hier ist meine Keynote in der geschriebenen Form).

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Ich habe dann noch von mehreren Seiten gelesen, dass es erstaunlich sei, wenn ausgerechnet ich, der ich jahrelang nur vom drohenden Tod der klassischen Medien gesprochen hätte, wenn also ausgerechnet ich plötzlich halbwegs zuversichtliche Töne anschlage. Ich selbst habe mich und meine Auffassungen zwar nie als so düster empfunden wie das draußen zumindest teilweise angekommen ist, aber sei´s drum – dann ist das jetzt eine schöne Gelegenheit, nochmal ein paar grundsätzliche Dinge loszuwerden.

Ein bisschen genauer hinschauen, ein wenig differenzieren

Ich glaube fest daran, dass die Debatten über die Zukunft der Medien vor allem an einem kranken: an der mangelnden Differenzierung (das ist übrigens bei den allermeisten Debatten in der Welt so). Wenn man an die Zukunft des digitalen Journalismus glaubt, ist man gleichzeitig der Untergangsprophet der analogen Medien. Wenn man gerne gute Blogs liest, findet man konventionelle Journalisten automatisch doof (und umgekehrt). Man glaubt entweder an eine Zukunft von Paid Content oder nicht. Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Hamburg, eine Keynote und ich…(Foto: Message/Uni HH)

Das Dumme daran ist, dass die Wahrheit in den seltensten Fällen schwarz oder weiß ist, sondern irgendwo in der Mitte liegt, ergo also ein wenig attraktives Grau ergibt. Schon klar, wenn man ordentlich Tremolo in der digitalen Welt erzeugen will, dann ist Grau nicht gerade die attraktivste Farbe. Trotzdem: dass ein Teil des Journalismus und der Medien, die wir bisher kennen, untergehen werden und dass es für den Journalismus und die Medien dennoch eine richtig gute Zukunft gibt, klingt auf den ersten Blick widersinnig, ist es aber nicht. Man darf nur nicht den Fehler machen, die Zukunftsfrage an Mediengattungen festzumachen. Zu sagen, dass beispielsweise Print sterben würde, ist nur so mittelrichtig. Wer stirbt, sind diejenigen, die nicht zur Veränderung bereit sind (gut möglich, dass diese Haltung in Verlagen manchmal etwas ausgeprägter ist als andernorts). Vielleicht sollte ich ja künftig meine Vorträge und Beiträge mit dem de-Maiziere-Diktum beginnen: Ein Teil dieses Vortrags wird Sie möglicherweise verwirren.

Aber auch wenn es verwirrend sein mag: So ein bisschen Differenzierung in den Debatten wäre schon fein, ganz ehrlich.

Auf der Suche nach der Neupositionierung

Aber klar, so ganz von alleine wird diese Sache mit der guten Zukunft für den Journalismus nicht funktionieren. Schon gar nicht, wenn wir so weitermachen wie bisher. Was wir also dringend bräuchten – neben ein paar funktionierenden Geschäftsmodellen – ist eine Neupositionierung. Wir sollten uns dringend der Frage stellen, was Journalisten in dieser Gesellschaft eigentlich sein sollen und wollen. Welche Rolle sie in einer sich dramatisch schnell verändernden Gesellschaft einnehmen können. Sicher ist: Sie muss deutlich über die frühere hinausgehen, die sich weitgehend darauf beschränkt hat, Informationen unter die Leute zu bringen und sie ab und an auch mal zu kommentieren.

Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich Debatten um neue Kanäle wie aktuell beispielsweise Snapchat so langweilig finde. Das ist furchtbar kurzatmig und wenig perspektivisch. Von mir aus kann ja jeder snapchatten wie er mag, aber außer ein bisschen lauwarme Luft in einer sehr grundsätzlichen Problematik wird dabei nicht herauskommen.

Journalisten müssen Moderatoren einer digitalen Gesellschaft werden. Die Informationsbeschaffung, die früher den Kern unserer Arbeit ausgemacht hat, wird zunehmend unwichtiger (bitte denken Sie jetzt gleich an den oberen Absatz zur Differenzierung: Ich sagte unwichtiger. Ich habe nicht gesagt, dass Informationsbeschaffung keine Rolle mehr spielt). Informationen oder was man dafür halten könnte gibt es heute an jeder Straßenecke. Nimmt man sich beispielsweise die vergangenen Terror-Tage zum Beispiel, dann war ganz sicher nicht die Menge an Informationen das Problem. Sehr viel schwieriger war deren Einordnung. Und mindestens genauso wichtig wäre es, den Raum für Debatten und Kontroversen zu geben, den man in Tagen wie diesen auch in einer digitalen Gesellschaft unbedingt braucht. Mir mag in diesem Zusammenhang immer noch nicht einleuchten, warum dieser Platz oder jede Einschränkung Facebook sein soll. Und warum wir Medienmacher uns diese Aufgabe einfach mal so aus der Hand nehmen lassen.

Die hybride Zukunft

Ich glaube also keineswegs an den bedingungslosen Untergang des einen und den krachenden Triumph des Neuen. So einfach, so schwarz und weiß ist die Welt nicht. Wir erleben es ja gerade, wie zunehmend mehr die konventionellen Medien zu Hybrid-Medien verschmelzen. Der „Spiegel“ beispielsweise zieht in dieser Woche bereits zum zweiten Mal seinen Erscheinungstermin vor, bereits am heutigen Mittwoch Abend liegt die digitale Ausgabe bereit. Das ist natürlich überaus sinnvoll in diesen Tagen, zeigt aber auf der anderen Seite auch, wie untauglich inzwischen auch in der Praxis die Trennung zwischen Print und Online geworden ist. Das Medium, der Journalismus – sie suchen sich schon jetzt den Kanal, der gerade passend ist. Natürlich bin ich gespannt und freue mich auf die angekündigten 30 Seiten zum Thema Terror. Ob ich diese Analysen auf Papier bekomme oder in meiner App oder doch im Browser, spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn also in dieser Woche „Spiegel“ und „Stern“ ihre Ausgaben vorziehen, dann ist das eben auch ein schönes Beispiel, wie das Primat des Print langsam aufbricht.

Es ist womöglich für den Journalismus auch nicht die allerschlechteste Nachricht, wenn plötzlich die Frage nach dem richtigen Inhalt die entscheidende ist. Wenn wir unser „gut“ oder „böse“ nicht mal an Kanälen, sondern nur noch an Inhalten festmachen. Wenn Journalisten einfach Journalisten sind, die gute und relevante Geschichten zu erzählen haben.

Wer das allerdings verneint, der stirbt wirklich. Und um den ist es auch nicht schade.