Die Digital-Trends 2016

2016 ist das Jahr, das fast alles ändert in der digitalen (Medien-)Welt. Weil zum ersten Mal Dinge Realität werden, die lange Zeit eher in das Genre „nette Visionen“ gefallen sind. Fünf Prognosen für das erste richtige digitale Jahr.

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  1. The next big thing

Bevor man solche Prognosen abgibt, sollte man sich erst mal gut anschauen, was alles schon an gescheiterten Prognosen existiert. Als da wären:

Datenbrillen! Ich kann mich an Menschen erinnern, die sogar mal mit Attrappen von Google Glass rumliefen und dachten, das sei cool. Dabei war nicht mal das Original cool, was zur Folge hatte, das heute außer ein paar Nostalgikern wirklich kein Mensch mehr von den Datenbrillen spricht.

Smartwatch! Analysten streiten ja noch ein bisschen, ob die „Apple Watch“ ein Flop oder ein kapitaler Flop ist. Egal – weil die einstige Euphorie auch unter Medienunternehmen verflogen ist. Wer heute ankündigt, demnächst eine App für die Apple Watch zu veröffentlichen, erntet im besten Fall ein Schulterzucken. Der Misserfolg ist zumindest Stand heute leicht erklärbar: Eine Watch kann man lustig finden, muss man aber nicht. Eine Uhr, die nur Sinn macht, wenn man das Smartphone dabei hat und einen dann beispielsweise darauf aufmerksam macht, dass das Smartphone läutet, ist keine Erleichterung des Alltags, sondern nur noch ein weiteres Gimmick, das man mit sich rumschleppt.

Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.

Ziemlich außen vorgelassen oder besser gesagt: zu einseitig betrachtet – Messenger! Diese kleinen Dinger, die alles das haben, was den Nerd-Anwendungen fehlt. Einfach und intuitiv zu bedienen, klarer Nutzwert, vielseitig und multimedial einsetzbar. Man muss sich nix überstülpen, man muss nichts koppeln und man nutzt ihn nur, wenn tatsächlich Bedarf ist.

Kein Wunder, dass sich das Zuckerberg-Imperium nicht nur auf WhatsApp, sondern auch den eigenen Messenger konzentriert und den mit Gewalt noch mehr in den Markt drücken will. Und ebenfalls kein Wunder, dass eine App wie „Snapchat“ gerade durch die Decke geht (selbst dann, wenn man sie eigentlich nicht so sehr mag). Messenger sind die neuen sozialen Netzwerke (bevor jemand mault: Nein, hier steht ausdrücklich nix von Facebook-Killer oder ähnliches Zeug). Weil man zwar alles teilen kann, was man will, aber nicht gleich deswegen eine lebenslange digitale Marke hinterlässt (zumindest in der User-Wahrnehmung).

Auch für Medien bieten die kleinen Apps eine Menge Potential. Man interagiert mit sehr bekannten und transparenten Zielgruppen, man interagiert zudem nur mit Menschen, die vorher proaktiv Informationen angefordert haben.

Und der User? Kann das Wunderwerkzeug Smartphone nochmal komprimieren. Potentiell können Messenger alles sein. Das Schweizer Taschenmesser innerhalb des Schweizer Taschenmessers sozusagen. Das zentrale Tool. Der Verwalter eines ganzen Lebens. Wer genau hinschaut, der entdeckt schnell, dass in Messengern sehr viel mehr steckt als nur ein SMS-Ersatz.

Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.

Infografik: WhatsApp jetzt mit 800 Millionen Nutzern | Statista
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2. Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Gerade unter Journalisten herrscht immer noch Düsternis, wenn es um das Thema „Bezahlen für Inhalte“ geht. Wollen Nutzer im Netz nicht immer und grundsätzlich alles umsonst? Das ist das erstaunlich flache Gerede, das man in anderen Branchen zunehmend weniger, in Medienkreisen dafür aber immer noch erstaunlich oft hört. Es ist schon alleine deshalb flach, weil Menschen es grundsätzlich immer bevorzugen würden, Dinge kostenlos zu bekommen.  Mit dem Netz hat das ungefähr nichts zu tun. Sie haben sich mittlerweile aber daran gewöhnt, dass es auch im Netz nicht alles umsonst gibt und dass natürlich auch „immaterielle“, weil digitale Güter einen Wert haben. Beispiele? Die früher viel gescholtene Musikindustrie hat mittlerweile neben dem Download mit dem Streaming das nächste Geschäftsmodell entwickelt (spannenderweise hat übrigens noch keines der jeweils neuen das Vorgängermodell zerstört.)  Fernsehen und Filme gibt es schon lange als digitalen Paid Content, wie überhaupt das Bezahlen im Netz ebenso selbstverständlich wie einfach geworden ist.

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Inzwischen ist auch im Journalismus das Argument, dass die Leute einfach nix zahlen wollen, keines mehr. Wenn es denn jemals eines gewesen sein sollte. Natürlich funktionieren digitale Bezahlmodelle und selbstverständlich kann man dort Geld verdienen. Beispielweise die „Süddeutsche“, die mit ihren digitalen Bezahlangeboten mittlerweile beinahe so viel verdient wie mit digitaler Werbung, wie Digitalchef Stefan Plöchinger immer wieder betont (siehe dazu auch den entsprechenden Beitrag und O-Ton im „Medienmagazin“ des BR). Gerade im vergangenen Jahr haben sich so viele erfolgreiche Modelle wie noch nie in den vergangenen Jahren entwickelt. Angebote wie „Blendle“ sind jetzt endlich dieses „iTunes für Verlage“, das man schon vor 15 Jahren erstmals in die Debatte geworfen hat. „Blendle“ geht übrigens im nächsten Schritt in die USA. Menschen zahlen nicht für Journalismus im Netz, hallo, merkt ihr was?

Was natürlich nicht bedeutet, dass es jetzt ein Modell gibt, das gleichermaßen für alle funktioniert. Das wird nach wie vor jeder für sich selbst herausfinden müssen. Nur die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.

3. Es gibt keinen Journalismus mehr, der nicht digital ist

Nach wie vor gibt es so schöne Begriffe wie „crossmediale Volontariate“ oder „trimediale Sendeanstalten“. Das ist deshalb ebenso witzig wie bezeichnend, weil diese Wortmonstren ja immer auch signalisieren, dass es eine Besonderheit sei, wenn man irgendwas mit Digital auch noch macht. Dabei ist mittlerweile endgütig die Zeit gekommen, in der jede Form von Kommunikation und Medien irgendwas mit digital zu tun hat. Es gibt keine nicht-digitalen, analogen Medien mehr.  Andersrum: Wenn jemand im Jahr 2016 irgendwas mit Medien machen will und dabei keine Ahnung von der digitalen Welt hat, kann er seinen Job nicht mehr richtig machen. Such is life, deal with it.

4. Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Die Debatte hat uns über viele Jahre hinweg begleitet: Machen die neuen Medien nicht zwangsweise die alten kaputt? Kommt es nicht automatisch zum großen Sterben insbesondere von Zeitungen? Inzwischen kann man halbwegs belastbare Antworten auf diese Fragen geben: Nein, das wird nicht passieren. Zumindest nicht in dieser radikalen Form. Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.

Bei all den anderen wird dieses Verschwinden länger dauern. Schon alleine deswegen, weil sie alle immer noch von einem vergleichsweise hohen Sockel kommen und es immer noch eine ausreichend große Masse von Menschen gibt, die ihre alten Medien so nutzen wollen, wie sie dies die zurückliegenden Jahrzehnte auch getan haben.

Insbesondere beim Fernsehen geht der eigentliche Schrumpfungsprozess erst jetzt langsam los. Was viel damit zu tun hat, dass digitale Technologien und die dazu gehörenden Breitbandnetze bisher noch nicht ausgereift genug waren, um Fernsehen mit seinen ganzen Datenmengen zu ersetzen. Mittlerweile aber geht das: Theoretisch muss irgendwann demnächst niemand mehr lineares Fernsehen schauen – und kann dennoch den ganzen Tag die Kiste laufen lassen und dabei großartiges Zeugs sehen (noch dazu ohne Werbepausen).

Natürlich gibt es immer noch ein paar Gründe, ab und zu mal ins TV zu schauen. Nicht nur wegen der Live-Events, die nach wie vor zumindest auf unabsehbare Zeit am ehesten noch im Fernsehen funktionieren. Sondern vielleicht auch aus Kostengründen oder weil man sich einfach mal berieseln und überraschen lassen will. Sicher, solche Nutzung wird weniger. Aber deshalb muss sie keineswegs verschwinden.

Zumindest aber eines könnte 2016 dann tatsächlich markieren: den Endpunkt jener unsäglichen Debatten, die sich damit beschäftigen, ob die alten Medien jetzt sterben und ob das Internet nicht böse ist. Irgendwie.

5. Qualität siegt!

Ulrike Simon, eine der bekanntesten Medienjournalistinnen überhaupt, hat in eine Interview bei „Turi2“ den Nagel getroffen: „Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.

Wenn man so will, dann sind diese „Blinkportale“ ganz besondere Auswüchse eines, nun ja, Journalismus, der sich ausschließlich über Reichweite und Werbung finanzieren will. Aber Werbung, war da nicht was? Stimmt. Adblocker. Diese kleinen gemeinen Teile, die eine Strategie derart zerschießen können, dass man bei „Bild“ schon so weit ist, mit ähnlichen Methoden zurückzuschießen: Du nutzt Adblocker? Sorry, dann gibt´s hier für dich nix zu lesen.

Das ist natürlich legitim, zeigt aber letztendlich ein Dilemma, das über die reine Frage nach Ads oder nicht hinausgeht: Ist nicht in Wahrheit das Problem, dass es nicht einfach nur Werbung ist, die man nicht sehen will – sondern schlechte, aufdringliche, blinkende, alles blockierende Werbung? Niemand will ich echten Leben angeschrien, festgehalten, drangsaliert werden. Warum sollte das im Netz anders sein?

Nicht nur deswegen haben Adblocker ihr Gutes. Sondern auch deswegen, weil sie Medien und ihre Werbekunden dazu zwingen, auch über so bizarre Dinge wie Usability und Zumutbarkeit nachzudenken. Kurz, über Fragen der Qualität, die auch Werbung haben muss (und in etlichen Fällen ja auch hat).

Andersrum: Wenn irgendwann mal – theoretisch – alle mit Werbeblockern unterwegs sind, sind reichweiten- und werbefinanzierte Medien am Ende. Was wiederum dazu führt, dass wir schon bald erleben werden, wie Medien darüber nachdenken, wie sie mit mehr Qualität und weniger anbrüllender Werbung zu ihrem Publikum finden.

Für den Journalismus muss das übrigens gar kein Schaden sein.

Das neue Buch (ohne Titel)

2016 wird mein neues Buch über Journalismus erscheinen. Es ist keine richtige Neuauflage von „Crossmedia“ und einen guten Titel hat es auch noch nicht. Zeit, mal wieder die verehrte Community zu Rate zu ziehen…

Es ist ziemlich hilfreich, wenn man sich über einen Buch-Titel intensiv Gedanken macht. Weil man beim Sinnieren über den Titel zwangsweise auch mit der Frage konfrontiert wird, welchen Inhalt das Buch eigentlich genau haben soll.

Dass das Buch nicht „Crossmedia“ heißen wird, stand schnell fest. Weil „Crossmedia“ ein Begriff aus lang vergangenen Tagen ist. Und weil das Buch bestenfalls in Fragmenten auf „Crossmedia“ basieren, aber keine echte Neuauflage sein wird. Dazu ist zu vieles passiert in den letzten Jahren. Betrachten Sie es also als ein komplett neues Buch, bei denen Ihnen höchstens dann das eine oder andere etwas bekannt vorkommen könnte, wenn Sie „Crossmedia“ sehr gründlich gelesen und in Erinnerung haben.

Aber wie soll es dann heißen? Eine Zeit lang dachte ich an „Digitaler Journalismus“. Aber erstens mag ich den Begriff nicht sonderlich, weil es dann ja auch eine Art „analogen Journalismus“ geben müsste. Davon abgesehen glaube ich fest daran, dass jeder Journalismus inzwischen digital ist, zumindest potentiell. „Crossmedia“ ist es aus genannten Gründen auch nicht und „Onlinejournalismus“ würde auf die völlig falsche Spur führen.

Davon abgesehen: Ich will keinen Titel, der nach Leitz-Aktenordner klingt. Wo stand nochmal der „Digitale Journalismus“, Frau Müller? Gleich neben „Recherche“ und „Reportage“, Chef.

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Die Ausrichtung des Buches ist diesmal eine andere. „Crossmedia“ war am ehesten noch das, was man leicht antiquiert ein „Lehrbuch“ nennt. Die Zeiten solcher Lehrbücher sind allerdings ziemlich vorbei. Beim Thema „Digitaler Journalismus“ sowieso. Lehren im klassischen Sinne kann man da vergleichsweise wenig, weil nahezu jedes Thema zwangsweise auch mit Einschätzungen und Spekulationen darüber zu tun hat, wie es wohl weitergehen könnte mit diesem digitalen Journalismus.

Die Halbwertszeit von vielen Themen ist zudem überschaubar. Ich habe beim Schreiben immer wieder Texte aus „Crossmedia“ gelesen und dabei regelmäßig wahlweise leicht gekichert bis laut gelacht. Zum gemeinsamen Amüsement, aber auch um zu belegen, wie schnell sich die Zeiten ändern, poste ich in den nächsten Wochen immer wieder mal besonders lustige Auszüge aus dem Buch. Als kleiner Appetizer schon mal der hier:

Eigene, wirklich originäre Darstellungsformen im Online-Journalismus gibt es noch so gut wie gar nicht, die allermeisten machen das, was sie ohnedies schon können – nur eben auf einem Computerbildschirm. Nicht umsonst entstand in den Anfangsjahren des Online-Journalismus so ein abstruser Begriff wie »Internetzeitung«. Der per se ziemlich unsinnig, trotzdem aber insofern nachvollziehbar war, als dass es keine wirklich gute Alternative zu ihm gab. »Online-Angebot«, wie man heute zu sagen pflegt, trifft die Sache schon erheblich besser, weil damit charakterisiert wird, dass in einem nicht-linearen Medium tatsächlich nur Angebote gemacht werden. Ein Teil der Aktivität, der Selektion und der Gewichtung wird dem User überlassen.

(Doch, ich habe das wirklich so geschrieben. War allerdings auch 2007.)

Das neue, immer noch titellose Buch soll deshalb beides sein: eine Art „Gebrauchsanleitung“, ein Handbuch, in dem man schnell mal etwas nachschlagen kann auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber auch eine Art Jahrbuch, das in Titel und Ausrichtung signalisiert, dass es eine begrenzte Halbwertszeit hat, gleichzeitig aber auch fortgeschrieben wird. So eine Art „Agenda 2020“ halt, wobei leider seit Herrn Schröder der Begriff „Agenda“  ziemlich abgenutzt ist. Zu einer solchen Agenda gehören dann eben auch grundsätzliche Einschätzungen, Überblicke über die wichtigsten zu erwartenden Entwicklungen und gelegentlich auch mal so etwas wie völlig haltlose Meinungsstücke.

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Ein paar Dinge werden anders sein als bei „Universalcode“. Erster entscheidender Unterschied: Ich schreibe diesmal alleine, bestenfalls lade ich mir einen oder zwei Gastautoren dazu. Das hat vor allem damit zu tun, dass zum einen knapp 20 Autoren enorm schwierig zu koordinieren sind und es – zugegeben – bei „Universalcode“ auch nicht gerade mein Lieblings-Job war, knapp 500 Seiten Fremdtexte zu lesen. Zum anderen sind viele der damaligen Co-Autoren inzwischen so sehr in ihre eigenen und aufwändigen Projekte eingebunden, dass es vermutlich kaum machbar wäre, sie alle wieder unter einen Hut zu bekommen.

Davon abgesehen wird das neue Buch auch nicht so ein ausführlicher Schinken wie „Universalcode“ werden. Rund 600 Seiten sind zwar mal eine ganz hübsche Fingerübung, aber ob man Bücher dieses Formats wirklich braucht, sei dahin gestellt. Ganz davon abgesehen, dass das ja auch eine Kostenfrage ist. „Universalcode“ war ein Non-Profit-Projekt und ging halt deshalb für vergleichsweise günstige 29,90 Euro.

Trotzdem: Ich freue mich natürlich, wenn es wieder so viel Anregungen wie möglich aus der Community gibt. Das war letztlich ein entscheidender Grund dafür,  warum „Universalcode“ ein wirklich sehr, sehr schönes Projekt geworden ist.  Diesmal muss übrigens niemand in Vorleistung gehen und irgendwas bestellen oder crowdfunden: Das Buch kommt so oder so, ob es euch passt oder nicht. Trotzdem: Je mehr Community, Debatten, Kritik, Anregungen und vielleicht auch gerne mal eine lobende Bestätigung – umso besser. In den kommenden Wochen gibt es hier deswegen auch immer mal wieder Statusberichte und erste Text-Auszüge aus dem neuen Epos.

Und es bekommt ein neues Cover. Für das „Crossmedia“-Cover schäme ich mich heute noch.

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Wann? Der Plan ist: Sommer 2016. Im UVK. Und jetzt wird weitergeschrieben.

Meint ihr „pferdeähnlich“?

Wenn ich mich ab und an mit branchenfremden Menschen unterhalte und mich dann als Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erkennen gebe, dann höre ich in regelmäßigen Abständen die Frage, warum ARD und ZDF eigentlich dauern die Sendungen schon nach 7 Tagen aus den Mediatheken nehmen. Meistens ist das gepaart mit wüsten Verwünschungen der Öffis: Da zahlt man so viel Gebühren und der Saustall schafft es nicht mal, die Sendungen dauerhaft anzubieten. Ich erzähle dann lieber nicht, dass es noch gar nicht solange her ist, als ARD und ZDF mit einem hohen personellen und finanziellen Aufwand zig Tausende Inhalte aus dem Netz gelöscht haben. Muss man sich mal vorstellen: Man nimmt richtig viel Geld in die Hand, um Journalismus zu löschen. Es gibt Regionen in dieser Welt, da sollte man das besser nicht erzählen.

Der Hintergrund war schon damals ein ähnlicher, wie er auch heute hinter einer Klage der bayerischen Zeitungsverleger gegen die BR24-App des BR ist: Die Verlage sind nicht mehr ganz alleine in dieser Medienwelt, im Netz gibt es keine abgesteckten Claims und auch keine Monopole. Also klagt man. Man sorgt dafür, dass die ÖR´s nichts mehr machen dürfen, was „nichtsendungsbezogene presseähnliche Angebote“ und „flächendeckende lokale Berichterstattung“ sein könnte. Man klagt deshalb gegen die App der „Tagesschau“ und gegen BR 24, so wie man auf der anderen Seite versucht hatte, Google mit dem Leistungsschutzrecht einzudämmen (was übrigens grandios gescheitert ist, selten war ein Gesetz so tot wie das LSR). Kurz gesagt hätte man das Internet gerne für sich, zumindest den Teil, der nach Verleger-Vorstellung irgendwie „presseähnlich“ ist.

Genau darin liegt der grundsätzliche Fehler der Argumentation, der auch die diversen Richter m Rechtsstreit um die App der „Tagesschau“ zum Stirnrunzeln brachte: „Presseähnlich“ im Netz, was soll das eigentlich sein? Der Begriff ist ein ein derartiges Kunst-Produkt, dass sogar der „Duden“ etwas irritiert ist, wenn man ihn sucht:

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Ein wesentlicher Kern der Argumentation der Verlage ist also auf einen Begriff gestützt, der weder im Duden existiert noch juristisch definiert ist (deswegen streitet man ja jetzt auch schon gefühlte 20 Jahre). Und auch die Medienwissenschaft kennt diesen Begriff nicht. Wohl aber kennt sie den Begriff „Multimedia“. Wie aber soll in einem multimedialen Umfeld etwas presseähnlich sein? Und käme man auf die Idee, den Verlagen zu unterstellen, sie seien „fernsehähnlich“, weil sie jetzt auch Videos machen. Man sieht, dass es zu nichts führt, wenn man eine völlig neue Mediengattung mit den Maßstäben der bisherigen Medien messen will. (Nebenbei bemerkt: Es wundert mich aufrichtig, dass sich hochbezahlte Juristen zu einer derart mauen Strategie hinreißen lassen.) Wenn wir also nicht wollen, dass irgendwann mal in Zeichen festgelegt wird, wie lang ein Text sein darf oder wie viel Text eine App enthalten darf, dann sollten wir diese Debatte beenden. Das ist schon beim Versuch, legale Snippets bei Google News zu definieren, ziemlich schief gegangen.

Letztlich geht es für beide um das selbe: eine Rolle in einer digitalen Welt zu finden

Dabei geht es bei diesen ganzen Klagen gar nicht so sehr um Apps. Sondern eher um die Frage, welchen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wir in einer digitalen Welt haben wollen.  Wenn er seinem Auftrag nachkommen soll, dann muss er sich auch in einer digitalen Welt entwickeln können. Gibt man ihm diesen Freiraum nicht, kann man ihn ebenso gut in 10 Jahren zusperren. Weil er, wie alle anderen auch, ohne vernünftige digitale Angebote nicht überlebensfähig ist.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Man kann vieles, sehr vieles am öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisieren. Die Apps von „Tagesschau“ und BR sind im digitalen Mediengebilde nur kleine Bausteine, die weder die Lage der Verlage noch der Sender wesentlich verändern.

Umgekehrt müssen sich allerdings auch die Verlage fragen, wie sie sich diese digitale Welt der Zukunft vorstellen. Weil sie letztendlich in der gleichen Lage wie die Öffis sind. Ihr eigentliches Kern- und Monopolprodukt existiert auf den Rechnern und Smartphones dieser Welt nicht mehr. Sie sind genauso Sender und Zeitung und Hörfunk wie alle anderen auch. Sie werden sich ihre Rolle in dieser Welt erst noch erkämpfen müssen (ebenfalls wie alle anderen auch).

Unter dem Strich jedenfalls wird bestenfalls ähnlicher Nonsens herauskommen wie damals bei der großen Depubliaktions-Orgie: Gerichte werden eine Definition finden müssen, was diese „Presseähnlichkeit“ überhaupt sein soll, wo sie beginnt und wo sie endet. Das wird Jahre dauern und irgendwann wird man einen Kompromiss haben, den beide Seiten als sensationellen Erfolg werten.

Allerdings, und diese Wette biete ich jedem an: Der Auflagenrückgang der Zeitungen wird um kein Promille weniger, selbst wenn man die „presseähnlichen Apps“ irgendwie ein bisschen zurückstutzt.

(Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für den BR und bin in das Projekt BR 24 eingebunden. Dieser Beitrag ist meine Privatmeinung und in keiner Weise mit dem BR abgestimmt.)

Pest im Focus

Wenn man wissen will, was im Onlinejournalismus alles schief läuft, muss man praktischerweise nur ein Beispiel nennen: Bei „Focus Online“ haben Sie sich anscheinend vorgenommen, auf eine ganz spezielle Art in den Lehrbüchern zum Thema Journalismus aufzutauchen…

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Unlängst war es soweit: Laut AGOF hat „Focus Online“ die Freunde von „Bild.de“ als reichweitenstärkstes Newsportal abgelöst. Zumindest dann, wenn man die Zahl der „Unique Visitors“ als Maßstab nimmt. Das führte zu einer ganzen Reihe hämischer Kommentare und lustigerweise befand man sogar bei „Bild.de“, dass die Kollegen aus München alles machen würden, wenn es denn klickt.  Tatsächlich muss man kein intimer Kenner der Szene sein, um zu wissen, woher der, nunja, Erfolg von „Focus Online“ kommt: Ex-Bild-Mann Daniel Steil lässt seine Mannschaft derart übergeigte Geschichten machen, dass selbst das geflügelte Diekmann-Wort als harmlos erscheint. Daneben greift die Redaktion zu allen sich nur bietenden SEO-Möglichkeiten und hat selbstverständlich keinerlei Probleme, sich mit erstaunlich hemmungslosem Populismus als Sprachrohr aller zu gebärden, die meinen, man müsse das eine oder andere doch wohl noch sagen dürfen. Kurzum: Bei kaum jemandem trifft der Satz, bei ruiniertem Ruf lebe es sich völlig ungeniert, so zu wie bei „Focus Online“.

Das alles ist hochgradig unerfreulich und eigentlich auch nicht vieler Worte wert. Schon alleine deswegen nicht, weil sie sich dort viel zu sehr über Ihre gefühlten Fantastilliarden an Klicks freuen, als dass sie ernsthaft darüber nachdenken würden, es mal mit Journalismus zu probieren. Aber weil ja selbst abschreckende Beispiele für irgendwas gut sind, belegt „Focus Online“ unfreiwillig, wie unsinnig diese Jagd nach dem kurzen Klick ist. Wenn schon nicht aus journalistischen Erwägungen, dann wenigstens aus strategischen.

Zum einen: „Focus Online“ ist inzwischen derart unterirdisch, dass man es fast schon wieder für eine gute Idee halten muss, dass sich das gedruckte Heft eher distanziert zu seinem Online-Ableger verhält. Den „Focus“ muss man zwar auch nicht unbedingt mögen, aber immerhin versucht er sich immer wieder mal an seriösem Journalismus und ab und an gelingt es ihm auch. Dass das Netz anders tickt, weiß man ja – und auch „Spiegel“ und „Spiegel Online“ liegen inhaltlich ein Stück weit auseinander. Der „Focus“ hingegen hat gar keine digitale Erweiterung und natürlich auch keine cross- oder transmedialen Effekte.

Kurzsichtig ist die Klickschinderei auch aus anderen Gründen, wie die Zahlen belegen, auf die sie beim „Focus“ so stolz sind: Zwar hat der „Focus“ die höchste Zahl der „Unique Visitors“, trotzdem aber ein vergleichsweise illoyales Publikum. Mit einem Publikum, das zu einem beträchtlichen Teil über SEO-Strategien und SM-Clickbaiting kommt, baut man schlechterdings keine wirkliche Community auf. Eine, mit der man sowas Ähnliches wie Qualitätsjournalismus machen könnte, schon gleich gar nicht. Wer wissen will, was damit gemeint ist, braucht sich nur mal durch ein paar Kommentare in den Facebook-Postings klicken. Das ist selbst des nicht immer sehr hohen Facebook-Niveaus eher unterirdisch.

Nicht zu vergessen: Markenbildung. Man debattiert ja gerne mal darüber, dass Digital-Angebote noch keine richtig hohen Ergebnisbeiträge liefern, wie das im Business-Deutsch so schön heißt. Gleichzeitig wird die Funktion solcher Angebote für das Branding eines Titels oft unterschätzt. Die Unterscheidung zwischen analog und digital ist vermutlich in den Köpfen vieler Redaktionen immer noch deutlich ausgeprägter als bei den Nutzern. Für den ist die SZ die SZ und die „Zeit“ eben die „Zeit“. „Focus“ und „Focus Online“ sollte man dagegen besser nicht miteinander in Verbindung bringen, wenn man das Blatt nicht ernsthaft beschädigen will.

Aber genau mit diesen vielen immer noch verblüffenden Fehlern, die irgendwie so sehr an das Jahr 2003 erinnern, ist „Focus Online“ leider immer noch ein Beispiel dafür, woran es so häufig hakt in diesem Online-Journalismus.  Das ist zusammengefasst insbesondere der Mangel an Ausdauer, an Perspektive.

Und letztendlich: auch an Journalismus. Als sich Daniel Steil und sein Gerschäftsführer Oliver Eckert in einem Interview zu ihrem Erfolg äußerten, fiel dieser Begriff „Journalismus“ genau ein einziges Mal.

 

Der neue App-Journalismus

Bisher waren Apps eher so eine Art Reproduktion. Eines Hefts, einer Webseite, irgendeines anderen journalistischen Angebots. Meistens mit vergleichsweise wenig Eigenleben. Ab und an mal mit einem zusätzlichen Video oder einem anderen multimedialen Element. Meistens aber blieb es dabei: Mit copy and paste das eigentliche Produkt rübergehoben, fertig.

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Der „Spiegel“ hatte da bis dato keine Ausnahme gemacht. Wer den „Spiegel“ auf den Tablet las, bekam einen unwesentlich veränderten Druck-Spiegel. Was dazu geführt hat, dass die wichtigste Motivation für das Digital-Abo die war, dass man kein Papier mehr zu Hause mehr haben wollte. Die anderen Dinge waren Gimmicks: dass man das Blatt schon am Freitagabend bekommen konnte, dass es ein paar nette zusätzliche Features gab und dass man sich ein paar Cent gegenüber der Druckausgabe sparen konnte. Dafür fehlten der App ein paar Elemente, die man sich gewünscht hätte…

Seit der aktuellen Ausgabe gibt es den Digital-Spiegel in einer neuen Form. Was diesmal nicht einfach zu ein paar optischen Retuschen geführt hat, sondern dazu, dass sich eine neue Sparte entwickelt, über die wir bisher noch gar nicht so geredet haben: eine Art „App-Journalismus“. Das ist ein Journalismus, der sich dem Endgerät anpasst, der eigenständige Inhalte und eigenständige Optik hervorbringt. Beim „Spiegel“ beginnt das tatsächlich schon mit der Optik: Das Magazin sieht jetzt eben auf dem Magazin tablet-gerecht aus. Davor war es eine mehr oder weniger schnöde 1:1-Umsetzung der Papier-Ausgabe. Sieht man übrigens auch an einer vermeintlichen Kleinigkeit: Wo vorher wie im Heft „geblättert“ wurde, wird jetzt gescrollt. Nicht ganz neu als Idee, aber eben auch ein weiterer Schritt zu einem eigenständigen Ding.

Auch andere Kleinigkeiten – beispielsweise die Tatsache, dass man jetzt nicht mehr die ganze Ausgabe erst komplett laden muss, um einzelne Artikel lesen zu können – zeigen, dass die App als ein mobiles Medium betrachtet wird. Und nicht einfach als „Digital-Ausgabe“.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass man an Apps in Zukunft noch stärker journalistisch herangehen muss. Dass man sie als ein eigenständiges Produkt mit eigenen Inhalten machen muss.

Was der „Spiegel“ gemacht hat, sieht jedenfalls schon mal sehr, sehr ordentlich aus. Wer braucht eigentlich noch ein Heft, wenn es solche Apps gibt?

Mein Leben in der Blase

Ab und an mache ich etwas, was mir erwartbar den Puls in die Höhe treibt: Ich kaufe mir eine FAZ. Und dann lese ich dort bevorzugt die Kommentare von den Leuten, von denen ich verlässlich weiß, dass unsere Sicht der Dinge weit auseinander liegt. Ich lese die Autoren, von denen ich ahne, dass mich über sie eher ärgere. Und ab und an finde ich manches von dem, was da steht, sogar richtig gut (gestehe mir das aber eher zähneknirschend ein). Ich lese gelegentlich auch die Kommentare aus der „Welt“ und wenn ich ganz hart drauf bin, dann sogar die Kolumnen von Jan Fleischhauer.

Das hat einen einfachen Grund: Gelegentlich muss ich raus aus meiner eigenen Filterblase. Zum einen, weil es mich langweilt, immer nur das bestätigt zu bekommen, was ich ohnehin weiß oder glaube zu wissen. Und von dem ich erwarten kann, dass es irgendwo in meiner Bubble auftaucht. Zum anderen, weil es in Zeiten der Timelines, Newstreams und Algorithmen fast schon wieder spannend ist festzustellen, dass es außerhalb der Blase sowohl Leben als auch andere Meinungen gibt.

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Womit ich nach ein paar Umwegen und Schlenkern endlich in meiner eigenen Filterblase angekommen bin. Sie lief mir in diesen Tagen vermehrt über den Weg, weil es jetzt ein neues Angebot gibt, das „piqd“ heißt und nach eigener Beschreibung eine Art Programmzeitung für das gute Netz sein soll. Experten kuratieren quasi das Netz für mich und suchen das raus, was sich zu lesen lohnt. Man kann die Idee gut finden (muss man aber nicht), wenn man aus der eigenen Bubble nicht raus will oder sich in ihr womöglich sogar wohl fühlt. Mich jedenfalls hat ein Unbehagen beschlichen, weil ich auf ein paar Leute gestoßen bin, die schon gerade an anderen Ecken des Netzes kursieren, von Blendle über diverse Blogs bis hin jetzt eben zu „piqd“. Das ist legitim, kommt mir aber gerade im Moment etwas absurd vor: Ich hatte noch nie so viele Möglichkeiten, die Welt aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten – und soll sie mir jetzt von den dann doch immer wieder gleichen Leuten erklären lassen?

Gleichwohl ist das ja schon erstaunlich: Da sind wir immer so verdammt aufgeklärt und aufgeschlossen in unserer digitalen Welt, benehmen uns aber dann auch nicht sehr viel anders als ein durchschnittlicher CSU-Parteitag. Ein paar haben immer die Klappe offen und erzählen uns auf den billigen Plätzen, was wir zu denken, zu lesen und zu glauben haben.

Und deshalb wird „piqd“ leider auf mich verzichten müssen, sorry. Nix gegen eure Leute, ich mag die zum größten Teil und spreche ihnen auch in gar keinem Fall irgendwas ab. Aber ich esse auch nicht jeden Tag das gleiche und gemeinsame Weltbilder waren mir schon immer etwas suspekt.

Und jetzt geht´s an den nächsten Kiosk. FAZ kaufen.

Foto auf dieser Seite: NASA/CXC/SAO/J.Hughes et al, Optical: NASA/ESA/Hubble Heritage Team (STScI/AURA),
CC BY-NC 2.0

Die Kaste der Verweigerer

Drüben beim „Universalcode“ habe ich ein paar Zahlen aufbereitet, von denen ich mir erst nicht sicher war, ob sie so richtig sind. Sie würden nämlich bedeuten, dass rund die Hälfte der deutschen Journalisten mit sozialen Netzwerken nichts oder kaum etwas anfangen kann.

Auf der anderen Seite habe ich dann mal eben meine Filterblase verlassen und dann über meine Kollegen außerhalb dieser Blase nachgedacht. Dann fiel mir noch ein entferntest bekannter Kollege ein, der den schönen Satz geprägt hat: „So weit ist es schon, dass dieses Geschwafel mehr zählt als die gedruckte Zeile der Tageszeitung.“ Und ich habe drüben beim Kollegen Thomas Knüwer nachgeschaut, der  visualisiert hat, wie aktiv die Führungsriegen der deutschen Verlagshäuser in sozialen Netzwerken sind. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich verrate, dass das Ergebnis nur so mittelgut war. Die Kaste der Verweigerer ist immer noch ein nicht zu unterschätzender Faktor im Medien-Deutschland 2015.

Es ist also nicht sehr übertrieben, wenn man feststellt, dass Deutschlands Journalisten ein tiefer digitaler Graben trennt.  Ein Graben, bei dem auf der einen Seite diejenigen stehen, die selbstverständlich mit all den hübschen digitalen Gerätschaften hantieren, die es inzwischen so gibt. Und auf der anderen Seite diejenigen, die das alles aus den unterschiedlichsten Gründen für Teufelszeug halten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Bei den einen mag tatsächliche Überzeugung eine Rolle spielen, bei den nächsten sind es latente Ängste, mit diesen rasanten Veränderungen nicht mehr klarzukommen. Und bei anderen wiederum ist es tatsächlich Faulheit. Das alles ist viel weniger erstaunlich als man auf den ersten Blick denken könnte. Tatsächlich sind Journalisten damit nur ein Abbild der Gesellschaft. Was sollten Journalisten auch anderes sein?

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(Grafik: Initiative D21/TNS Infratest, CC Lizenz 4.0 International)

 

So viel muss man also festhalten, wenn man über die Zukunft unserer Branche in zunehmend digitalen Zeiten nachdenkt: Man kann auf der einen oder der anderen Seite dieses Grabens stehen. Das hat nur bedingt mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche oder dem Alter zu tun, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass ein 50jähriger Redakteur einer Lokalzeitung eher auf der einen und der 20jährige Student auf der anderen Seite steht.

Darüber kann man sich aufregen. Man kann die Zukunftsunfähigkeit von Journalisten und anderen Medienmenschen ernsthaft anprangern und man kann sie natürlich fragen, wie sie sich das eigentlich so vorstellen mit der Zukunft.  Natürlich kann man sich darüber wundern, wie jemand, der vermutlich gerne in Kommentaren mal fordert, die Gesellschaft als solches müsse flexibel und lernbereit bleiben, den Gebrauch eines Smartphones und von Twitter verweigert. Ich gebe auch gerne zu, dass ich das über viele Jahren mit Ausdauer getan habe. Bis ich dann gemerkt habe, dass mich solches Verhalten mehr nervt als die eigentlich Betroffenen. Das ist ziemlich bekloppt, um ehrlich zu sein.

Inzwischen – man wird ja mit der Zeit alt und weise – habe ich zu dem Thema eine restlos pragmatische Einstellung: Wer zurück bleibt, bleibt zurück. Das war schon immer so und weiß Gott nicht nur in unserer Branche. In der Musikindustrie gab es lange genug Menschen, die digitale Musik verteufelt haben, in der Autoindustrie gibt es heute noch reihenweise Manager, die lieber eine 100 Jahre alte Technologie wie den Diesel verfeinern wollen, als sich den Antriebsarten der Zukunft zu widmen. Und die lieber auf die Probleme als auf die Chancen der neuen Technologie verweisen wollen. Was soll´s? In gar nicht so ferner Zukunft fahren wir weitgehend elektrisch oder sonstwie, die fleißigen Verbrennungs- und Selbstzünder-Ingenieuere spielen dann mit sich selbst.

Was ich sagen will:  Lassen wir die, die digitale Medien blöde finden, doch einfach die digitalen Medien blöde finden. Die Energie ist weitaus besser investiert, wenn wir vernünftige Dinge vorwärts treiben, als uns über die Blockierer und Verweigerer aufzuregen.

Die sind nämlich unausrottbar.