Die Kaste der Verweigerer

Drüben beim „Universalcode“ habe ich ein paar Zahlen aufbereitet, von denen ich mir erst nicht sicher war, ob sie so richtig sind. Sie würden nämlich bedeuten, dass rund die Hälfte der deutschen Journalisten mit sozialen Netzwerken nichts oder kaum etwas anfangen kann.

Auf der anderen Seite habe ich dann mal eben meine Filterblase verlassen und dann über meine Kollegen außerhalb dieser Blase nachgedacht. Dann fiel mir noch ein entferntest bekannter Kollege ein, der den schönen Satz geprägt hat: „So weit ist es schon, dass dieses Geschwafel mehr zählt als die gedruckte Zeile der Tageszeitung.“ Und ich habe drüben beim Kollegen Thomas Knüwer nachgeschaut, der  visualisiert hat, wie aktiv die Führungsriegen der deutschen Verlagshäuser in sozialen Netzwerken sind. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich verrate, dass das Ergebnis nur so mittelgut war. Die Kaste der Verweigerer ist immer noch ein nicht zu unterschätzender Faktor im Medien-Deutschland 2015.

Es ist also nicht sehr übertrieben, wenn man feststellt, dass Deutschlands Journalisten ein tiefer digitaler Graben trennt.  Ein Graben, bei dem auf der einen Seite diejenigen stehen, die selbstverständlich mit all den hübschen digitalen Gerätschaften hantieren, die es inzwischen so gibt. Und auf der anderen Seite diejenigen, die das alles aus den unterschiedlichsten Gründen für Teufelszeug halten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Bei den einen mag tatsächliche Überzeugung eine Rolle spielen, bei den nächsten sind es latente Ängste, mit diesen rasanten Veränderungen nicht mehr klarzukommen. Und bei anderen wiederum ist es tatsächlich Faulheit. Das alles ist viel weniger erstaunlich als man auf den ersten Blick denken könnte. Tatsächlich sind Journalisten damit nur ein Abbild der Gesellschaft. Was sollten Journalisten auch anderes sein?

digitalindex2015_51-1024x765

(Grafik: Initiative D21/TNS Infratest, CC Lizenz 4.0 International)

 

So viel muss man also festhalten, wenn man über die Zukunft unserer Branche in zunehmend digitalen Zeiten nachdenkt: Man kann auf der einen oder der anderen Seite dieses Grabens stehen. Das hat nur bedingt mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche oder dem Alter zu tun, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass ein 50jähriger Redakteur einer Lokalzeitung eher auf der einen und der 20jährige Student auf der anderen Seite steht.

Darüber kann man sich aufregen. Man kann die Zukunftsunfähigkeit von Journalisten und anderen Medienmenschen ernsthaft anprangern und man kann sie natürlich fragen, wie sie sich das eigentlich so vorstellen mit der Zukunft.  Natürlich kann man sich darüber wundern, wie jemand, der vermutlich gerne in Kommentaren mal fordert, die Gesellschaft als solches müsse flexibel und lernbereit bleiben, den Gebrauch eines Smartphones und von Twitter verweigert. Ich gebe auch gerne zu, dass ich das über viele Jahren mit Ausdauer getan habe. Bis ich dann gemerkt habe, dass mich solches Verhalten mehr nervt als die eigentlich Betroffenen. Das ist ziemlich bekloppt, um ehrlich zu sein.

Inzwischen – man wird ja mit der Zeit alt und weise – habe ich zu dem Thema eine restlos pragmatische Einstellung: Wer zurück bleibt, bleibt zurück. Das war schon immer so und weiß Gott nicht nur in unserer Branche. In der Musikindustrie gab es lange genug Menschen, die digitale Musik verteufelt haben, in der Autoindustrie gibt es heute noch reihenweise Manager, die lieber eine 100 Jahre alte Technologie wie den Diesel verfeinern wollen, als sich den Antriebsarten der Zukunft zu widmen. Und die lieber auf die Probleme als auf die Chancen der neuen Technologie verweisen wollen. Was soll´s? In gar nicht so ferner Zukunft fahren wir weitgehend elektrisch oder sonstwie, die fleißigen Verbrennungs- und Selbstzünder-Ingenieuere spielen dann mit sich selbst.

Was ich sagen will:  Lassen wir die, die digitale Medien blöde finden, doch einfach die digitalen Medien blöde finden. Die Energie ist weitaus besser investiert, wenn wir vernünftige Dinge vorwärts treiben, als uns über die Blockierer und Verweigerer aufzuregen.

Die sind nämlich unausrottbar.

16 Gedanken zu „Die Kaste der Verweigerer

  1. Es wäre interessant zu erfahren, was unter „Social Media“-Nutzung fällt – also welche Angebote/Plattformen/Dienste.
    Und ich würde gerne noch einen weiteren Grund für vermeintliche Verweigerung nennen: den Zeitbedarf. #socmed frisst unendlich Zeit, wenn man sich richtig damit beschäftigt.

  2. „wenn man sich richtig damit beschäftigt“ benötigt jede Aktivität „unendlich“ viel Zeit. Dass heute niemand mehr Zeit für Qualität und in die Beendigung einer Aufgabe investieren will (kann) ist das eigentliche Problem unserer Gesellschaft.

  3. „Was ich sagen will: Lassen wir die, die digitale Medien blöde finden, doch einfach die digitalen Medien blöde finden. Die Energie ist weitaus besser investiert, wenn wir vernünftige Dinge vorwärts treiben, als uns über die Blockierer und Verweigerer aufzuregen.“

    Noch ein Punkt dazu: Wenn Ihnen das wirklich so egal wäre, sollten Sie vielleicht eine neutrale Wortwahl wählen. Ich aber lese: „Kaste“, „Verweigerer“, „unausrottbar“ (!).

    Da solltet Ihr „Schreiberlinge“ Euch nicht wundern, wenn die „echten Journalisten“ [tm] mit Euch nichts zu tun haben wollen.. Aber als digitaler Fortschrittsgeist begreift man das vermutlich noch als Auszeichnung.

  4. Ich empfinde es eher als Auszeichnung, wenn Sie hier zwar klare Gegenposition vertreten und die wahren Probleme der Gesellschaft benennen, sich beider Diskussion aber dann doch lieber nicht mit Namen zu erkennen geben wollen.

  5. Es ist absurd, jemandem Rückständigkeit zu unterstellen, nur weil er seine Kommunikation nicht der Überwachung und Kontrolle US-amerikanischer Großkonzerne ausliefern will.

  6. Mir ist das zu undifferenziert. Anfangs geht es um „social media“ später plötzlich um „digitale medien“? Ist das das gleiche?

    Meine Erfahrung ist das social media im engeren Sinne, also FB, Twitter, Snapchat etc., journalistisch wirklich wenig Mehrwert bringt die digitale Ausgestaltung von Qualitätsjournalismus aber sehr wohl. Bei letzterem denke ich an Netzangebote klassischer Medien, z,B, DLF podcasts, Economist app oder auch Spon, aber auch neue Akteure wie (watch)blogger, z.B. Nachdenkseiten, Bildblog etc.

    Letztendlich kommt es aber auf die Qualität und die Tiefe an, so wie schon immer. Und da würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass die meisten sozialen Medien das per se ausschließen. Tweets und Snaps sind per se kurz und schnelllebig und daher als Grundlage für guten Journalismus im Kern ungeeignet.

  7. Es geht mir in erster Linie um Haltung. Um die Bereitschaft, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Zu welchen Schlüssen man dann kommt, überlasse ich gerne jedem einzelnen.

  8. So ähnlich ist das in meinem Beruf mit der Cloud.

    Auch wenn es Bereiche gibt, in denen Skepsis angebracht ist, herrscht in Deutschland eher Totalverweigerung (kein Facebook)als sinnvoller Umgang (keine Konderfotos). Ob Facebook, Google (Streetview) oder Cloud Computing.

    Die Meckerer und Verweigerer sind stark. Und sie machen übrigens die Gesetze (Neuland).

  9. Cloud Computing ist in der Tat ein ähnlich gelagertes Beispiel. Ebenso wie es blanker Wahnsinn ist, wenn ein Verlag seine Distributionskanäle an Facebook oder Apple auslagert, ist es blanker Wahnsinn, wenn Unternehmen ihre IT auslagern. Damit werden sie zu ahnungslosen Opfern, denen die Anbieter alles erzählen können und die alles glauben müssen, weil sie nicht mehr das nötige Wissen im Haus haben.

    Soziale Netzwerke, Cloud Computing und auch Big Data sind alles Symptome einer digitalen selbstverschuldeten Unmündigkeit.

  10. Bernd, das ist so nicht richtig. Auch Firmen mit wenigen Mitarbeitern können CRM Systeme, ERP Systeme etc. nutzen. Oder E-Mail. Oder Datenbanken.

    Zu behaupten, es sei „blanker Wahnsinn“ wenn Firmen ihre IT auslagern…. Soll sich ein Fahrradgeschäft eine IT Abteilung halten? Oder eine Schreinerei? Du zeigst genau die Attitüde, die ich meine. Anstatt Vor- und Nachteile von Technologien abzuwägen, wird die Nutzung der Technologie als letzter Schritt vor der Einweisung in die Klapse gesehen.

    Als ob kleine Firmen nicht auch jetzt schon IT allein von ihren Dienstleistern betreuen lassen. Ob Handwerk, Arztpraxen, Architekten, Gastronomie, Anwälte etc.

  11. Äh, man kann selbstverständlich seine IT-Infrastruktur von einem externen Dienstleister betreuen lassen und trotzdem am Sitz des Unternehmens betreiben. Also nix mit Cloud Computing. Das hilft vor allem ungemein, wenn man mal den besagten Dienstleister wechseln will.

  12. Hmm, ein komischer Beitrag, dessen Informationsgehalt ich nur schwer einschätzen kann. Dabei interessiert mich dieses Thema unbedingt – deshalb die Nachfrage: Gibt es dazu (vor allem zu den Details der Studie – wie z.B. der Fragestellung, des Personenkreises usw. usf.) weitergehende Informationen? Oder mal rundheraus gefragt: Ist dies jetzt nichts weiter als die Wiedergabe einer Pressemitteilung der erwähnten Bundeswehr-Universität, die mit ein bißchen subjektiver Erfahrung (ja, dieser entfernteste Bekannte, herrje, den haben wir alle, was aber irgendwie nichts an der Tatsache einer völligen Nullaussage ändert) aufgehübscht wurde? Denn etwas anderes ließ sich bei einer Recherche nicht finden (die Studie selbst fand ich nicht – deshalb wäre ich im gegebenen Falle an einem Link interessiert). Ansonsten wäre mir dies als Diskussionsgrundlage doch ein wenig zu flach. Sorry.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.