Heiß-hassgeliebte Bubble

Erika Steinbach, eine erzkonservative Politikerin und langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat etwas wenig Überraschendes gemacht: Sie hat einen Tweet abgesetzt, über den man sich aufregen kann, weil er potentiell fremdenfeindlich ist. (Man kann es auch lassen, weil es nur Erika Steinbach ist, aber dazu später):

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Wenn man auch nur ein bisschen weiß, wer Erika Steinbach ist, dann kann man an diesem Tweet nichts wirklich Überraschendes finden. Frau Steinbach äußert sich regelmäßig in diese Richtung. Was übrigens ihr gutes Recht ist, ebenso wie es das gute Recht anderer ist, diesen Tweet wahlweise doof, ärgerlich, rassistisch oder einfach nur billig zu finden.

Wenig überraschend war dann auch das, was kurz darauf in meiner Filterblase einsetzte: Empörung. In meinen diversen Timelines tauchten in einem erwartbarem Tempo erwartbare Äußerungen auf. Ob diese Frau noch ganz bei Trost sei, dass dies eine Unverschämtheit ganz der Nähe geistiger Brandstiftung sei, dass diese Frau Steinbach…(setzen Sie hier bitte Beschimpfungen aller Art ein).

Ich habe mich, zugegeben, amüsiert. Über zweierlei. Darüber, dass es Menschen, die mit gezielten Provokationen Menschen provozieren wollen, immer noch vergleichsweise einfach haben, selbst bei Menschen, von denen ich eigentlich denke, dass sie für psychologische Taschenspielertricks wenig empfänglich sind. Und zum anderen darüber, wie sehr erwartbar leider auch meine eigene Filterbubble ist. So wie die Steinbach-Filterbubble erwartungsgemäß „Gutmenschen“ quäkt, brüllt meine eigene sofort „Brandstifterin“ oder Ähnliches. Das ist natürlich völlig in Ordnung so, zeigt aber, warum es so schwierig, ja beinahe unmöglich geworden ist, sich im digitalen Zeitalter in sozialen Netzwerken ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und es zeigt auch, warum es soziale Netzwerke so furchtbar schwer machen, sich auch mal mit der – selbstredend unwahrscheinlichen – Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass der andere Recht haben könnte. (Bevor ihr jetzt laut losbrüllt, nein, ich denke nicht, dass Frau Steinbach Recht hat). Immerhin wurde der Steinbach-Tweet fast tausend Mal gelikt, was zumindest den Rückschluss zulässt, dass es noch mindestens eine andere Filter Bubble gibt, die von sich ebenso wie wir glaubt, sie leben in der einzig richtigen Filter Bubble.

Was mich stört und weswegen ich mich nicht über diesen Tweet öffentlich ausgekotzt habe: Speziell in sozialen Netzwerken sind Likes und andere Sachen so furchtbar billig zu bekommen, wenn man nur genügend Poser-Naturell in sich hat und weiß, worauf die Horde abfährt. Die Steinbach als durchgedrehte, alte Irre darzustellen? So einfach wie billig. Dafür gibt´s ganz viel virtuelles Schulterklopfen aus der eigenen Blase, was man sich ganz leicht zunutze machen kann, wenn man denn nur weiß wie.

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Ich geb´s gerne zu, dass es solche Tage wie der Steinbach-Tweet-Tag sind, die mein latentes Unbehagen mit meiner eigenen Was-mit-Medien-Blase weiter steigen lassen. Weil sie letztendlich den selben Herdentrieben folgt wie alle anderen Blasen auch. Weil es ein paar ungeschriebene Gesetze gibt, an die man sich genauso wie in anderen Milieus  gefälligst zu halten hat. Weil es genau solche Poser und Wortführer wie andernorts gibt, ebenso wie die treudoofen Dackel, die alles geil finden, so lange es von den richtigen Leuten kommt. Und ich mag es nicht, wenn man sich andauernd gegenseitig auf die Schulter klopft. Du findest die Steinbach auch krank? Dann gehörst du zu uns, Freibier für alle!

Und leider, liebe Bubble, ist die Welt nur selten schwarz oder weiß, sondern allermeistens einfach nur grau. Mit die besten Titelseiten und Geschichten zum Thema Flüchtlinge habe ich in den letzten Wochen ausgerechnet in der „B.Z.“ gesehen, während die größten medialen Enttäuschungen der letzten Monate ausgerechnet von Leuten verantwortet wurden, von denen ich das als allerletztes erwartet hatte.

Das beinahe fertige neue Buch…

Endspurt: „Universalcode 2020“ ist beinahe fertig. Das „beinahe“ hängt an einer Lektorin und drei neuen Autoren, die noch dazu gekommen sind…

Im ersten Moment war ich versucht zu schreiben: Das Buch ist fertig! Das stimmt aber aus mehreren Gründen nicht. Wenn man ein Manuskript bei einem Verlag abgibt, dann bedeutet das ja erstmal nur, dass der Verlag eine erste Fassung hat. Momentan gehen die Augen der gestrengen Lektorin Sonja Rothländer vom UVK drüber; was danach noch von meinem Entwurf übrig bleibt, wissen die Götter.

Thomas Hinrichs, BR-Informationsdirektor. (Foto: BR/Markus Kovalin)

Thomas Hinrichs, BR-Informationsdirektor. (Foto: BR/Markus Kovalin)

Und zweitens habe ich drei Gastautoren dazu bekommen, über die ich mich sehr freue. Thomas Hinrichs (Informationsdirektor des BR und quasi der erste trimediale Chefredakteur des Senders), Christian Daubner (Leiter der Digitalstrategie des BR) und Silvia Renauer (Informationsdirektion BR) werden in einem eigenen, umfangreichen Kapitel zweierlei schildern: wie und warum der Umbau des BR zum trimedialen Sender vonstatten geht – und was das zweitens für Menschen bedeutet, die künftig was mit Medien machen wollen.

Es gibt auch Gründe dafür, warum mir speziell dieses Kapitel sehr wichtig ist. Weil so ein Buch wie „Universalcode 2020“ unweigerlich Gefahr läuft, ein sehr theoretisches Konstrukt zu werden. In dem so ein bisschen steht, was man in diesem digitalen Journalismus so alles machen kann. Aber die Frage nach den Konsequenzen in der Praxis und für unseren Beruf bleibt dabei schnell mal auf der Strecke.  Diese Fragen werden durch das Hinrichs-Daubner-Renauer-Kapitel ausgiebig beantwortet.

Was allerdings auch bedeutet, dass die Fertigstellung des Buchs auf zwei Baustellen gleichzeitig passiert (die ich blöderweise beide nur sehr eingeschränkt beeinflussen kann): In Konstanz wird gerade lektoriert, beim BR geschrieben.

Ich bin trotzdem optimistisch, dass „Universalcode 2020“ wie geplant im Juni/Juli erscheinen wird…

Tief im digitalen Schützengraben

Der digitale Graben 2016 – er ist tiefer als man denkt. Insbesondere unter Journalisten: Man staunt, was man von denen immer noch alles zu hören bekommt.

Gerade eben hatte ich mich noch halbwegs optimistisch gezeigt. Das letzte Kapitel von „Universalcode 2020“ beendet, in dem es um Aus- und Weiterbildung und irgendwie auch um die Zukunftsperspektiven der Branche geht. Sinngemäß schrieb ich,  dass es mittlerweile auch im Mainstream angekommen sei, dass Medien heute nur noch überleben können, wenn sie eine Idee von ihrer digitalen Existenz haben.  Und dass zu dieser Idee natürlich etwas mehr gehören müsse als nur das Veröffentlichen von Texten im Netz und das Posten von Links bei Facebook.

Ich habe das geschrieben, weil ich der festen Überzeugung war, dass ein solcher Satz eine Art kleinster gemeinsamer Nenner ist. Dass niemand ernsthaft behaupten würde, diese ganzen Geschichten mit diesem (sozialen) Netz seien ja ohnehin überschätzter Humbug.

Ich habe mich getäuscht.

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In ein paar Thesen schreibt der Vorsitzende des Bayerischen Journalisten-Verbandes, Michael Busch, im  neuen BJV-Report Sätze, bei denen man sich fragt, wie sich eigentlich Journalisten die Gegenwart und vor allem die Zukunft vorstellen. Und ob sie sich schon mal mal Social-Media-Präsenzen von Redaktionen angeschaut haben (vermutlich: nein). Busch ist demnach ernsthaft der Auffassung, dass es sich bei Facebook um einen Kanal handle, der „für Politiker und Populisten“ wichtig sei, aber doch bitte sehr nicht für uns Journalisten.

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Und diese Katzenbilder! Völlig klar also, findet Busch, dass ein solcher Blödsinns-Kanal nicht als ernsthafte und relevante Konkurrenz zu einer ordentlichen, sagen wir, bayrischen Tageszeitung betrachtet werden kann (wobei mir nicht klar ist, warum er sich sich dann überhaupt so echauffiert, wenn´s eh keine ernstzunehmende Konkurrenz ist).

Mit einem saftigen „Schmarrn“ tut der BJV-Vorsitzende also mal eben die Tatsache ab, dass Facebook weltweit über eine Milliarde Mitglieder hat, dass es in Deutschland geschätzt 30 Millionen sind und dass man auch ansonsten dann ausgehen muss, dass nahezu jeder deutsche Erwachsene inzwischen in irgendeinem sozialen Netzwerk dabei ist – theoretisch zumindest. Sollen die Leute doch bitte lieber wieder Zeitung lesen und Fernsehen schauen, statt diesem Schmarrn! Das wär schön, wenn das so einfach wäre.

Noch nicht angekommen ist bei Busch, dass inzwischen nahezu jede Redaktion, die ein bisschen was auf sich hält, eigene Social-Media-Editoren beschäftigt und wenigstens versucht, so etwas Ähnliches wie eine Strategie zu entwickeln. Braucht´s nicht, sagt dagegen der BJV-Chef, ist ja eh alles nur überbewerteter Katzen-Content. Vielleicht zeigt dem BJV-Chef ja irgendwann mal jemand ein paar Zahlen über das Mediennutzungsverhalten von heute 35jährigen und druckt ihm den Screenshot eines durchschnittlichen Smartphone-Homescreens aus.

(Anmerkung aus Gründen der Fairness: Michael Busch hat sich bei Facebook zu dem Thema einer sehr langen Diskussion gestellt. Ich war fast nie seiner Meinung, respektiere aber sehr, dass er dieser Debatte nicht ausgewichen ist. Auch nicht, als er irgendwann mal bemerken musste, eine Minderheitenmeinung zu vertreten. War in einer geschlossenen Gruppe, deshalb kein Link.)

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Aber es ist ja nicht so, dass Busch und der BJV alleine sind mit solchen Auffassungen. Der Chefredakteur der Passauer Neuen Presse, Ernst Fuchs, hat in einer Beilage zum 70jährigen Bestehen des Blattes ebenfalls einen bemerkenswerten Satz geschrieben:

Grundsätzlich glaube ich, dass wertvolle Informationen auch künftig gedruckt werden, der Computer das Papier ebenso wenig verdrängen wird wie die Befindlichkeiten-Blogger den Leitartikler.

Bevor Sie das missverstehen: Fuchs schrieb diesen Satz im Jahr 2016, dabei wäre er schon im Jahr 2006 rührend anachronistisch gewesen. Und im Jahr 2026 wird er dann vermutlich als ein wunderbares Exempel dafür gelten, wie Journalisten einfach so lange den Kopf in den Sand gesteckt haben, bis dieses Internet dann mal wieder weg war. (Am Rande bemerkt verliert die PNP auch unter dem Chefredakteur Fuchs seit 2009 Jahr für Jahr zwischen einem und zwei Prozent seiner Auflage. Als Monopolist, wohlgemerkt).

Aber vermutlich halten sich Fuchs und seine Kollegen momentan für ziemlich fortschrittlich, schließlich haben sie erkannt, was der Unterschied zwischen Zeitung und Netz ist und wie man die beiden eventuell zusammenbekommt:

Zeitungsleser und digitale Nutzer haben unterschiedliche Erwartungen an den Journalismus: Zeitungsleser wünschen sich in aller Regel neben Nachrichten auch Analysen, Hintergründe und Kommentare. Die Zeitung ordnet das Geschehen ein, bietet Überblick und Orientierung. Internetnutzer wollen dagegen so gut wie immer auf Höhe der Nachrichtenlage sein. Es zählen Aktualität und Geschwindigkeit.

Huhu, Herr Chefredakteur: Im April beginnt mein nächstes Semester an der Uni Passau. Wenn Sie mögen, kommen Sie mal mit und fragen die Studierenden, wie viele von ihnen so eine gedruckte Tageszeitung (irgendeine, muss nicht die PNP sein) lesen, um „Überblick und Orientierung“ zu gewinnen. Wenn wir auf eine Quote von mehr als zehn Prozent kommen, lade ich Sie auf ein Weißbier im „Goldenen Schiff“ ein, ok?

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Ja, und schließlich noch der schon erwähnte Paul Josef Raue, der gerne zusammen mit Wolf Schneider Handbücher des Journalismus und des Onlinejournalismus schreibt. In seiner Welt leimen „Internet-Gurus“ etablierte Medien mit irgendwelchem Blendwerk und haben von seriösem Journalismus vergleichsweise wenig Ahnung. So geht das nicht, befindet Raue – und gibt ein paar Ratschläge mit, die zwar irgendwie nett onkelig klingen, aber mit der digitalen Realität 2016 nicht mehr sehr viel zu tun haben.

Was ich daraus mitnehme? Wir werden noch ein paar Jahre lang viel zu reden haben. Nur mit dem Unterschied, dass die Digitalverweigerer 2016 dann vermutlich darüber lamentieren werden, wie furchtbar böse die Geschichte einfach über sie hinweg gegangen ist.

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Usability first: In den kommenden Jahren wird es vor allem darum gehen, neue Redaktions-Pakete für den Nutzer zu schnüren. Das ist schon wieder der nächste Schritt auf dem Weg zu einem digitalen Journalismus.

Paul-Josef Raue, altgedienter Ex-Chefredakteur, Journalistenausbilder und Autor, hat sich über die „Zukunft des Journalismus“ ausgelassen. Einigermaßen wortreich beklagt er die Lähmung, die der Streit zwischen Print- und Digitallager in vielen Häusern auslöse. Nicht ohne allerdings dann doch ein paar Schlenker loszulassen, möglicherweise, um seinem Ziehpapa Wolf Schneider noch ähnlicher zu werden, der ja das Internet auch irgendwie doof findet, sich aber an und an etwas ausdrucken lässt, um dann festzustellen, dass er natürlich  Recht hat, womit auch immer.

Jedenfalls schreibt Raue darüber, wie man in manchen Häusern einigen „Internet-Gurus“ auf den Leim gegangen sei, wobei Wolf Schneider wahrscheinlich und zurecht den Begriff „Guru“ als Phrase rot unterschlängelnd würde. Diesen Gurus sei nicht sehr viel mehr eingefallen als einen Blick in die USA zu werfen und noch ein paar andere Sachen, die der Rede nicht wert sein. Beim „Spiegel“ wiederum habe Cordt Schnibben eine „weitgehend folgenlose Debatte begonnen, die er nicht weiterführte, weil das Interesse in der Branche gering war“.

So ist das in der Welt des Paul-Josef Raue: Internet-Gurus leimen arglose Verlage und verlangen viel Geld für unsinnige Ratschläge. Grunddepressive Topjournalisten starten folgenlose und uninteressante Debatten und geraten dann selbst in Turbulenzen. Wenn das so wäre, verehrter Herr Raue, dann müssten sich allerdings auch etliche Verlage ein neues Management suchen, wenn sie von Blendern und Schnibben so leicht übers Ohr zu hauen sind.

Umgekehrt gibt es dann noch ein paar Ratschläge, die Zeitungs-Guru Raue den Journalisten als Beitrag zur Rettung ihrer Branche mit auf den Weg gibt. Man solle verständlich schreiben, beispielsweise. Oder seinen Leser achten. Lauter so schneiderhafte Dinge, die natürlich ganz wunderbar aufrichtig klingen, bestimmt nicht falsch sind und trotzdem kein einziges Journalistenleben retten werden.

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Wenn man sich also darauf einließe, es würde wieder genau das entstehen, was Raue vermeintlich doch beenden will: die unsinnigen Debatte zwischen Onlinern und Analogen, die ein einziger Anachronismus ist. So 2004 irgendwie. Die Debatte würde uns wieder auf die Frage zurückwerfen, welche Form des Publizierens die bessere sein und wie man dieses Internet irgendwie in die Abläufe eines erfolgreichen Verlags integrieren könnte (eher unzureichende Vorstellungen dazu finden Sie übrigens im letzten „Handbuch“ von Schneider und Raue).

Dabei ist das im Jahr 2016 beim besten Willen nicht mehr die Frage. Es geht nicht mehr darum, wie wir einen read-and-write-Modus aus der Zeitung jetzt irgendwie auch ins Netz oder sogar, wohoo, aufs Handy übertragen. Es geht nicht darum, ein Produkt einfach mal eben ins Digitale zu transformieren.

Tatsächlich kommen im Falle der digitalen Medien noch ein paar Besonderheiten hinzu. Noch nie ist ein Medium derart rasant zu einem Massenphänomen geworden. Innerhalb von nur zehn Jahren ist es aus einer kleinen Nische und einer minimalen privaten Verbreitung zu einem Gegenstand des täglichen Gebrauchs geworden. Es ist inzwischen müßig geworden, mit irgendwelchen Zahlen zu hantieren, die diese Entwicklung belegen sollen. Zumal diese Entwicklung ja immer noch rasant weitergeht und schon wieder ganz andere Formen angeht. Es geht auch schon seit geraumer Zeit nicht mehr um die Frage, ob die Digitalisierung die klassischen Medien umkrempeln – sondern nur noch darum, wie schnell dieser Umbruch stattfinden wird.

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Gerade jetzt, wo sich die mobile Nutzung von Medien allmählich als Standard durchzusetzen beginnt, nehmen Medien und Journalismus inzwischen eine andere Rolle im Leben der Menschen ein. Verkürzt gesagt: Medien sind inzwischen ein Begleiter durch den ganzen Tag. In allen nur denkbaren Situation, auf potenziell unendlich vielen Kanälen.

Nimmt man die Sache genau, dann ist Mobilität in Bezug auf Medien mittlerweile ein ohnehin wenigstens irreführender Begriff. Weil er suggeriert, dass man im klassischen Sinne unterwegs sein müsse, wenn man „mobile“ Medien nutzen will. Das ist schon alleine deswegen inzwischen eine überholte Vorstellung, weil Menschen ihr Smartphone inzwischen wie selbstverständuch auch zuhause dauernd in der Hand haben. Streng genommen ist es also nur das Endgerät, das potenziell mobil ist. Sein Nutzer muss es schon lange nicht mehr sein.

Es geht also um: Usability. Um Interaktion. Um Beziehungsmanagement, um das, was die Engländer so schön costumer service nennen (und mit Kundenservice nicht wirklich gut übersetzt ist). In den kommenden Jahren geht es also nich (oder: nicht nur) darum, verständlich zu schreiben, sondern für „Kunden“ ein Paket zu schnüren, in dem er sich in jeder Station wohl und gut informiert fühlt. Das hat viel mit Technologie zu tun, natürlich. Aber auch mit einem grundlegend geänderten Verständnis des Begriffs „Redaktion“.

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Von dem her ist es kein Wunder, dass ein Begriff wie responsive design inzwischen nicht nur aus optischer Sicht bedeutend geworden ist, sondern wie ein Synonym für die gesamte Entwicklung der Digitalisierung steht: Es kommt immer auf den Anlass, das Gerät, den Kontext an. Und so wie für das Design gilt auch für Inhalte und Geräte: Es kommt auf den Anlass und die Umgebung an. Unser User ist inzwischen flexibel geworden und wir müssen es auch sein. Wir müssen uns seinen Lebenssituationen, seinen Bedürfnissen, seinen Gewohnheiten anpassen. Nicht umgekehrt.

Ein Stück weit also gilt: die Usability des digitalen Lebens entscheidet darüber, ob wir Nutzer überhaupt noch erreichen. Das ist ein ziemlich neuer Aspekt, für Journalisten zumal. Galt doch noch bis vor kurzem das Mantra, dass es ausschließlich auf den Inhalt ankomme. Und dass ein guter Inhalt noch so bescheiden verpackt könne – solange er gut genug sei, erreiche er seine Adressaten immer.

(Foto auf dieser Seite: Jens Schmitz_pixelio.de)

Willkommen im Netz-Totalitarismus

Ist das Netz kaputt und der Journalismus dort gleich auch noch? Soweit muss man vielleicht nicht gehen. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Dinge, die momentan in die falsche Richtung laufen.

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Vor ziemlich genau zwei Jahren schrieb Sascha Lobo in der FAZ einen Aufsatz, den ich längere Zeit für einen cleveren Schachzug eines begnadeten Eigenvermarkters gehalten habe: Das Netz sei nicht das, wofür er es gehalten habe und sei mithin ziemlich kaputt. Inzwischen, im Februar 2016, würde ich mir nicht so viel Überblick zutrauen, um gleich das ganze Netz für kaputt zu halten. Wohl aber dämmert mir mehr und mehr, dass ich vieles in der digitalen Medienszene für einigermaßen kaputt halte. Inhaltlich, strukturell und personell.

Warum ich das glaube? Mich stört zunehmend die unbedingte Fortschritts-und Technikgläubigkeit digitaler Sektierer. Mich stört die Absolutheit, mit der alles und jeder in die Ecke gestellt wird, der diesen Glauben nicht teilt. Und es stört mich, wie wir digitale Monster füttern. Wie wir Strukturen aufbauen, vor denen wir eigentlich als halbwegs bei Verstand befindliche Journalisten zurückschrecken müssten.

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Irgendwas zwischen 1,5 und 2 Milliarden Menschen auf dieser Welt vertrauen große Teile ihre Kommunikation dem Reich des Mark Zuckerberg an (über eine Milliarde bei Facebook, rund eine Miliarde bei WhatsApp, dazu noch ein paar nicht unwesentliche Millionen bei Instagram). Es ist also keineswegs übertrieben, wenn man sagt, dass das „soziale“ Netz zu einem beträchtlichen Teil in der Hand eines einzigen Konzerns ist, der sich dann auch dementsprechend benimmt.

Dieser Konzern bietet Medien seit einiger Zeit generös an, man könne sich mit ihm in die Kiste legen. Man könne auf seiner Plattform Geschichten erzählen, man könne dank seiner Reichweiten unzählige Menschen erreichen und dabei auch noch Geld verdienen. Ein Pakt mit dem Teufel ist ein Witz dagegen: Der Gigant wirft ein paar Brosamen hin, stellt aber dafür natürlich eine Rechnung. Gäbe es solche Strukturen in irgendeiner anderen Branche, die Wirtschaftsteile der Zeitungen und Sender würden sich (hoffentlich) die Finger wundschreiben.

So geht das mit diesem ganzen digitalen Kram immer. Evgeny Morozov, mit dem man natürlich keineswegs immer einer Meinung sein muss, hat das unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“ mit den Mechanismen einer Sekte verglichen: Kommt aus irgendeiner Ecke wenig opportuner Gegenwind, sind die üblichen Verdächtigen aus dem Silicon Valley (und das keineswegs nur aus der Medienecke) jederzeit in der Lage, ihre Jünger zu mobilisieren, die dann gemeinsam zur wütenden Attacke auf den gesammelten Unverstand ansetzen. Die Silicon-Jünger gibt es auch in Deutschland zuhauf und auch hier kann man sich sicher sein, schnell als seniler Trottel hingestellt zu werden, wenn man nicht beim Wort Hackathon sofort einen Orgasmus hat.

Dabei sind wir, zumindest in Deutschland, schon länger in einer Lage, die für den Journalismus gar nicht gut sein kann. In dem der Abhängigkeit nämlich. Ich war immer ein Gegner des Leistungsschutzrechts, aber gleichzeitig hat diese Debatte auch gezeigt, wie groß die Abhängigkeit von Google inzwischen ist. Wer dort nicht gefunden wird, ist in der digitalen Welt praktisch nicht existent. Deutlich über 90 Prozent aller Suchanfragen in Deutschland kommen über Google – de facto ist da nichts anderes als ein Monopol, selbst wenn Wirtschaftstheoretiker jetzt natürlich darauf verweisen werden, dass es ja auch andere Anbieter gibt, weswegen die Vorraussetzungen für ein Monopol nicht gegeben seien.

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Noch weitere Zahlen gefällig? 87 Prozent aller Social-Media-Nutzer in Deutschland sind regelmäßig auf Facebook unterwegs, was nur noch von YouTube mit 88 Prozent übertroffen wird. Der neue Riesenkonzern Alphabet kontrolliert also nicht nur über 90 Prozent der Suchanfragen in Deutschland, sondern auch nahezu den kompletten Markt der Webvideos. Auf über der Hälfte der deutschen Smartphones läuft das Google-Betriebssystem Android. Unsere journalistische Aufregung darüber hält sich in engen Grenzen; stattdessen verbreiten wir (ich mache da leider auch nur eine bedingte Ausnahme) die reine Lehre von der unbedingten Präsenzpflicht auf allem, was aus irgendwelchen Start-Up-Kellern im Valley kommt.

Demnach müssen wir jetzt alle auf Snapchat sein, ohne uns vorher überhaupt einen Gedanken zu machen, welchen Sinn das inhaltlich machen soll. Und ob wir auf einer Plattform, deren Kernzielgruppe irgendwas zwischen 14 und 20 ist, überhaupt jemanden erreichen, der ernsthaft zu unserer potenziellen Zielgruppe gehört (wenn wir nicht gerade bei Bento arbeiten). Wir erklären also eine Poser-Plattform zur Zukunft der digitalen Kommunikation, weil es uns irgendjemand vorkaut. Wenn das so wäre, dann ist es mit unserem eigenen Kopf, den wir uns in dieser Netz-Blase so gerne attestieren, nicht wirklich weit her.

Um ehrlich zu sein: Ich fürchte sogar, dass wir in dieser Beziehung kein bisschen anders sind als diejenigen aus den „alten“ Medien, die wir gerne etwas belächeln. Es gibt ein paar (vor)laute Wortführer und eine eher lahme Herde, die dem hintertrottet, der möglichst laut und spektakulär agiert. Dass ihm Netz für eher graue Zwischentöne nicht so viel Platz ist, wissen wir ja selbst nur zu gut.

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Auf der anderen Seite ist es ja leider so, dass man, wenn es um Thema Digitalisierung geht, schnell in eine Ecke gestellt wird, aus der man dann bestenfalls in die andere Ecke wechseln könnte. Mehr geht nicht. Der Verweis darauf, dass man sich in der einen Ecke ja ganz wohl fühle, es aber dennoch das eine oder andere gibt, was in der Ecke nicht ganz so dolle ist, führt zur sofortigen Strafversetzung in die andere Ecke. Soll heißen: Man ist irgendwie Internet-Guru und wird sofort zum Internet-Skeptiker umgewidmet.

Dabei gibt es zu vieles, was man nicht akzeptieren kann, wenn einem das Netz am Herzen liegt. Das Netz allgemein und natürlich der Journalismus dort.

Die Journalisten-Rausbilder

„Fallstudie organisierter Unverantwortlichkeit“ – so hat Stephan Russ-Mohl unlängst die Journalistenausbildung in Deutschland genannt. Ein bitterer und leider wahrer Befund. Dabei müsste man sich gerade jetzt, am Beginn des digitalen Zeitalters, mehr Gedanken denn je zu diesem Thema machen.

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(Foto: Christian Jakubetz)

Vorweg: Ich habe mitterweile ein gutes Dutzend Semester als Lehrbeauftragter an diversen Unis hinter mir, die meisten davon in Passau. Im April beginnt mein letztes, was am allerwenigsten mit den wirklich wunderbaren und manchmal sogar inspirierenden Menschen am dortigen Lehrstuhl zu tun hat. Und mit der Stadt auch nicht. Passau ist vielleicht verschlafen und irgendwie im besten Sinne auch provinziell, aber trotzdem schön. Ich weiß jetzt schon, was mir fehlen wird, wenn ich im Sommer meine letzte Stunde dort gemacht habe. Und wenn es in Passau eine halbwegs erträgliche Zeitung gäbe, ich wüsste, wo ich gerne meine letzten Berufsjahre verbringen würde.

Trotzdem: Im Sommer ist Schluss.

Journalistenausbildung ist ja ohnehin schon so eine Sache, ich kenne keinen Berufsstand, der vor so großen Umbrüchen steht und bei der Aus- und Weiterbildung seiner personellen Zukunft derart salopp vorgeht (der Begriff „salopp“ steht da nur, weil ich ein gut erzogener Mensch bin. Sonst stünde da was anderes). Aber an Hochschulen, mit Verlaub, das ist albern. „Journalistenausbildung taugt inzwischen als Fallstudie organisierter Unverantwortlichkeit“, schreibt Stefan Russ-Mohl – und weiter:

„Die ‚Crème de la crème‘ der Bewerber wird ohnehin von den privaten, konzernnahen Journalistenschulen abgeschöpft, die ihren Trainees eine Ausbildungsbeihilfe zahlen, eine Berufsperspektive bieten und obendrein die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen weitgehend ersparen. Dort gibt es allerdings auch keine Dozenten mit Professorentitel, die noch nie einen Zweispalter geschrieben haben und dennoch meinen, dem Nachwuchs Journalismus beibringen zu können.“

Das klingt erst einmal nach einem veritablen Rant – und ist doch leider so furchtbar wahr. Wenn man ein bisschen aus der Praxis kommt, wenn man weiß, was gerade da draußen außerhalb der abgeschiedenen akademischen Welt passiert und wenn man dann manchmal zuhört, was manche Profs ihren Studenten erzählen, dann ist man versucht, sofort in einen Hörsaal zu stürmen und unter Vortäuschung eines dringenden Feueralarms die Studierenden zum sofortigen Verlassen des Gebäudes aufzufordern. Ich habe Entwürfe für Curricula von Professoren gelesen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob ich lachen oder weinen soll. Und ich habe Berufungen erlebt, bei denen mir für einen Moment echt die Sprache weggeblieben ist. (Liebe ausgeglichene Korrektheitsfanatiker, ich weiß natürlich, dass es auch ganz wunderbare und fähige Professoren und Dozenten gibt; wenn es nicht so wäre, wäre ich nicht sieben Jahre in Passau geblieben). Im übrigen darf man natürlich auch von Lehrbeauftragten nicht allzu viel erwarten: Die Rahmenbedingungen dort sind so, dass man sich einen Lehrauftrag leisten können muss. Und dass man am besten auch noch Idealismus mitbringen sollte. Als Quell des Lebensunterhalts sind solche Jobs wirklich nicht geeignet.

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Aber, protestieren jetzt möglicherweise manche, es gibt doch: DJS, Nannen-Schule und noch ein paar andere, die für hochwertige Ausbildung stehen. Stimmt, man lernt dort einiges. Nur sind diese privaten Journalistenschulen alles andere als ein Querschnitt für unsere Journalistenausbildung. Sie sind kleine elitäre Zirkel, die für kleine elitäre Zirkel ausbilden – und wenn man sich die Lebensläufe dieser Absolventen ansieht, dann stellt man sehr schnell fest, dass dort Namen wie die SZ und der BR (im Süden) und der Spiegel, die Zeit und der Stern (im Norden) überproportional oft vorkommen. Das ist natürlich völlig in Ordnung, aber eben alles andere als ein Beleg dafür, dass die Journalistenausbildung in Deutschland doch eigentlich ganz töffte ist.

Die Realität in den Niederungen der Ebene sieht anders aus. Und alle Beteiligten, Ausbilder wie Auszubildende, wissen das auch. Man arbeitet zwei oder drei Jahre als eine vergleichsweise billige Kraft, man bekommt ab und an vielleicht mal ein externes Seminar und wurstelt sich halt so durch, bis man dann irgendwann mal Redakteur heißt und mit sehr, sehr viel Glück auch einen entsprechenden Anschlussvertrag bekommt. Ich sitze immer wieder in Seminaren mit frustrierten Volos, die nur zu genau wissen, dass das, was ihnen da als „Ausbildung“ verkauft wird, ein lauer Witz ist. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass die Auszubildenden vor allem von Zukunftskram deutlich mehr Ahnung haben als die eigentlichen Ausbilder. Und ich habe deutlich mehr als einmal von Volos unter der Hand den Satz gehört, sie wüssten schon, dass sie gerade nur eher untaugliches Zeug vorgesetzt bekommen.

Das alles ist wirklich nicht neu. Und es löst bei den allermeisten Betroffenen nach wie vor nur Schulterzucken aus. Man sollte halt besser nicht irgendwas mit Journalismus an der Uni (oder auch: FH) studieren – den Rat geben Praktiker schon lange. Man muss sich die Dinge halt irgendwie selbst beibringen – auch das hört man seit Jahrzehnten immer wieder so (ich habe das 1986 auch nicht anders gemacht).

Einen überfälligen Ruck im Fach fordert Stephan Russ-Mohl. Eine schöne Forderung und ein wohlfeiler Glaube. Kommen, da bin ich mir sicher, wird er nicht. Die Realität ist schneller als jede Universität, als jedes Volontariat.