2016: Was war – und was nicht

Einmal im Jahr werfen wir auf dieser kleinen Seite einen Blick auf die Trends des kommenden Jahres. Und am Ende dieses Jahres steht die Frage: Was kam so – und was war völlig verkehrt? Ein Rückblick.

Der Journalismus lebt noch, so viel lässt sich wenigstens mit Sicherheit sagen. Es gibt immer noch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Aber es gibt unverkennbar auch: mehr Digitales. Vor allem solche digitalen Dinge, die journalistisches Eigenleben führen und nicht nur einfach alten analogen Kram in neue digitale Schläuche packt.

Aber schauen wir mal, welche Trends für 2016 hier vorausgesagt wurden – und was aus ihnen geworden ist…

Prognose 1: VR kommt, aber erst später!

Der Originaltext von damals: 

„Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.“

Nein, es war noch nicht das Jahr der Virtual Reality, auch wenn es ein paar echte und auch selbsternannte Netzkenner gab, die genau das prophezeit hatten. VR hätte bereits in diesem Jahr zum Massenphänomen werden sollen. Wurde es aber nicht, aus einer Reihe von guten Gründen. Einer davon war beispielsweise, dass es einem Massenmarkt nie sonderlich zuträglich ist, wenn man sich erst einmal ziemlich teures und sperriges Zubehör zulegen muss. Für eine Sache, die eine nette und immer ausgefeiltere Spielerei ist. Aber eben: eine Spielerei, die man zum Überleben sicher nicht braucht. Das alte Spiel halt: Nerds glauben, der Rest der Welt bestehe auch aus Nerds, nur aus solchen, die es erst etwas später merken. Reden wir doch in ein, zwei Jahre nochmal, vor allem dann, wenn die Hardware günstiges geworden ist. Und wenn es Anwendungen gibt, die wirklich Spaß machen. Solange man nur zeigt, was man alles damit machen könnte, ist das kaum ein Kaufanreiz.

Prognose 2: Die (Medien-)Welt wird ein Messenger!

Der Originaltext von damals: 

„Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.“

WhatsApp ist der Standard aller (mobilen) Kommunikation geworden, Facebook will seinen Messenger ebenfalls weiter massiv in den Markt drücken. Chatbots sehen aus wie Messenger, Snapchat ist, genau betrachtet, auch nichts anderes als ein sehr, sehr bunter und greller Messenger.  Klein, wendig, schnell und einfach zu bedienen (ok, Snapchat vielleicht nicht so). Aber das Prinzip wird immer klarer: Die One-to-One-Kommunikation wird mindestens genauso wichtig wie die großen Netzwerke, in denen jeder alles lesen kann. Und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas diese Trends stoppen könnte.

Prognose 3: Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Der Originaltext von damals: 

„Die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.“

Zugegeben, über den richtigen Weg wird immer noch gestritten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zumal es den einen, funktionierenden Königsweg nicht geben wird. Beim „Spiegel“ etwa debattieren sie angeblich gerade mal wieder darüber, ob das mit dem Einzelverkauf mit Laterpay wirklich so eine grandiose Idee war. Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ will es ihnen ja gleich gesagt haben.

Aber davon abgesehen: Niemand würde heute mehr ernsthaft behaupten wollen, dass man Journalismus im Netz nicht verkaufen kann. Lediglich das wie und das wieviel sind umstritten. Und ob das wirklich für alle reicht, die sich heute am Markt tummeln, kann man natürlich auch bezweifeln.

Prognose 4:  Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Der Originaltext von damals:

„Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.“

Im WDR läuft seit dieser Woche eine ziemlich empfehlenswerte TV-Serie namens „Phoenixsee“ (die ist wirklich gut!). Aber was heißt schon TV-Serie? Natürlich kann man sich jeden Montag um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und die aktuelle Folge anschauen. Aber im Zeitalter des Binge-Watching setzt sich der Digitalmensch natürlich vor die Mediathek von ARD/WDR und streamst sich eine Folge nach der anderen auf den TV-Bildschirm. Da gerät die Mediathek also zum Beleg dafür, dass unsere gute, alte Fernsehwelt auch immer netflixiger wird. Wer schaut schon noch Fernsehen?

Unterdessen hat die „Passauer Neue Presse“ den „Donaukurier“ aufgekauft, während in Berlin gerade die „Berliner Zeitung“ zu einem Zombie umgebaut wird. Überhaupt hat sich auch in diesem Jahr die Trends fortgesetzt, dass die gute alte Tageszeitung weiter an Boden verliert, zumindest in der gedruckten Form.

Und selbst im Radio ist der Umbruch unverkennbar: Schulz und Böhmermann muss man nicht zwingend mögen. Aber dass ihr Podcast jetzt nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern bei Spotify läuft – noch Fragen?

Prognose 5: Qualität siegt!

Der Originaltext von damals:

„Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.“

Hm. Würde ich so heute nicht mehr schreiben. Nicht weil ich nicht glauben würde, dass Focus Online nervt. Sondern weil die immer noch sehr erfolgreich sind. Da war wohl (leider) mehr der Wunsch der Vaters des Gedankens. Natürlich gibt es auch im digitalen Zeitalter reichlich Platz für das, was wir Qualität nennen. Für reichlich journalistischen Sperrmüll wohl aber auch.

Muss wohl so sein. Und außerdem hätten ja dann die ganzen Niggemeiers dieser Welt nix mehr zu tun, wenn es anders wäre.

(Die Trends für 2017 kommen in den nächsten Tagen mal…)

Print muss man sich leisten wollen…

Zweimal Print, einmal die selbe Idee: Die neuen Ausgaben der turi2-Edition und des Gagazins „Bock“ zeigen vor allem, in welchen Nischen gedrucktes Papier immer noch unschlagbar gut ist…

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„Bock“ ist auch in der zweiten Ausgabe geiler Scheiß. Meistens zumindest. Ein Interview mit Gunter Gabriel, fernab aller journalistischer Konventionen ist da drin, ebenso wie lustige Bock-Aufkleber, die man irgendwo aufkleben kann. Kurz: „Bock“ ist das sinnloseste Heft, das man sich vorstellen kann. Das macht die Sache ja so interessant. „Bock“ schreibt über Dinge, die man noch nie wissen wollte, bemüht sich erst gar nicht, irgendeinen Eindruck von journalistischer Relevanz zu erzeugen und ist damit wunderbar entspannend. Noch wichtiger: auf seine Art einzigartig. Und damit ein Sinnbild dafür, wie Print funktionieren kann.

Nämlich dann, wenn man ein Luxusprodukt in die Hand nimmt. Eines, für das man sich bewusst entscheidet, das man sich möglicherweise aufhebt in einem Regal oder einem Sammelordner. Kurz gesagt: als ein Kulturgut, das eben kein Internet ist. Für das man sich Zeit nimmt, weil man sich Zeit nehmen will. Und das kein Ambitionen hat, einer Aktualität hinterherzuhecheln, die einen ohnehin schneller überholt als man überhaupt „Print“ sagen kann.

Für 5 Euro jedenfalls ist Bock ein ziemlicher Spaß. Nur einen minimalen Schwachpunkt (sonst kann man ja das Kritisieren gleich bleiben lassen!) habe ich entdeckt: Eine Geschichte darüber, dass Fluss-Kreuzfahrten von Passau nach Wien mit einer Horde Rentner nicht wirklich witzig sind – Kinder, wer in der Redaktion hat denn die Idee durchgehen lassen? Das wäre selbst der „Passauer Neuen Presse“ zu langweilig – und ist somit der einzige echte Schwachpunkt im Heft.

Noch teurer aufwändiger und natürlich auch ambitionierter wird es in der dritten Ausgabe der Turi2-Edition. Die kostet mit 20 Euro das Vierfache, ist aber erneut ein opulentes Teil geworden. Das liest man gerne, noch lieber schaut man es sich an. Die Turis haben enorm viel Zeit, Aufwand und wahrscheinlich auch Geld in Fotografie gesteckt, ebenso in ein Design, bei dem man sich wünscht, bei der Webseite würde das Team ähnlich viel investieren. Überhaupt hat man den Eindruck, Peter Turi wäre lieber Print-Verlger als Herausgeber einer Webseite, aber das ist natürlich nur Spekulation…

Klar könnte man sich das alles auch in einer App anschauen. Will man aber nicht. Weil doppelseitige Fotos halt einfach doppelseitige Fotos sind. Und weil man Luxus in der Hand haben will. Praktischen und lesenswerten Kram habe ich in meiner digitalen Welt. Bock und Turi sind eher die Design-Ausstellungsstücke, die man sich gönnt, obwohl es aus praktischer Sicht nahezu keinen Sinn macht, sich das zu gönnen.

Ansonsten ist das Heftbuch seine 20 Euro schon alleine wegen der großartigen Silke Burmester wert, die wahrscheinlich sogar ihre Beobachtungen beim Trocknen von Wandfarbe so beschreiben könnte, dass man gefesselt dran bleibt und ab und an laut lacht. Wenn es jemanden gibt, der außerhalb aller elitären Filterbubbles elitären heißen Scheiß schreiben kann, dann Silke Burmester.

Hallo, Bock und Bulo – läutet was??

Print muss man sich leisten wollen

Das alles ist also ziemlich wunderbar. Und steht auf den ersten Blick im krassen Gegensatz zu dem, was auch auf dieser kleinen Seite immer wieder postuliert wird: Die Zukunft ist digital.

Tatsächlich ist das gar kein Widerspruch. Es gibt kein Medium, keinen Kanal, der per se zum Sterben verurteilt ist. Es gibt nur: falsche Inhalte für den richtigen Kanal. Ob man eine Tageszeitung noch sehr viel länger auf Papier drucken wird, bezweifeln inzwischen sogar die Verlage. Wie das mit Wochenzeitungen weitergehen wird, kann man diskutieren. Beides sind Medien, bei denen es immer noch mehr um die Information handelt.  Das kann man genauso gut – oder womöglich besser – auf einem mobilen Device bekommen. Großartige Fotos und lange Lesestücke aber, die man sich so einfach mal leisten will…

Und jetzt lege ich den Turi und den Bulo ins Regal und freue mich auf die nächsten Ausgaben…

Eine Ohrfeige namens Trump

Die USA haben gewählt, Trump ist Präsident – und auch Journalisten, Medien und Social-Media-Enthusiasten haben eine bittere Lektion bekommen.

Natürlich bin ich kein Anhänger von Donald Trump. Wie könnte ich? Trotzdem gibt es speziell an einem Tag wie heute ein paar Dinge, die mich wahlweise erstaunen oder auch mal leicht wütend machen.

Die tiefe Kluft zwischen Medien und „denen da draußen“…

Journalisten leben gerne in ihrer eigenen Welt. Die ist, aller Krisen zum Trotz, immer noch ziemlich kuschelig. Vor allem dann, wenn es um Politik geht. Da sitzt man dann gerne in Redaktionsstuben zusammen, diskutiert den Lauf der Dinge, gibt Politikern ein paar Tips, was jetzt zu tun sei.  „Denen da draußen“ sagt man ebenfalls gerne mal, wie sie die Welt zu sehen haben. In den USA haben in diesem Jahr die 50 größte Tageszeitungen eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton ausgesprochen. Keine einzige gab es für Trump. Kann eine Kluft noch tiefer sein?

Dabei müsste man sich nur mal mit Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises unterhalten. Man würde feststellen, dass die echte Welt manchmal eine andere ist als wie man sie sich wünschen würde. Immerhin hat in den USA jeder Zweite offenbar eine komplett andere Wahrnehmung als viele Journalisten. Und dass es auch in Deutschland der Begriff „Lügenpresse“ zu einem feststehen Begriff gebracht hat, mag man erschütternd finden. Neben dem propagandistischen Gedöns zeigt er aber auch, dass es diese tiefe Kluft auch in Deutschland gibt.

Aber klar, so eine Redaktion ist schon eine schöne Komfortzone. Und mit den Fingern auf die dummen Demoskopen zu zeigen ist durchaus bequemer, als mal die eigene Rolle zu überdenken.

Noch ein letztes: In en USA hat man weniger für die Person Trump gestimmt, als gegen Hillary und damit „das System“ (was auch immer das sein soll). Wenn man Journalisten auch als einen Bestandteil des „Systems“ sieht, dann war das heute Nacht auch eine Klatsche für sie.

Trump als Präsident? Es kann nicht sein, was nicht sein darf…

Präsident Trump? Das werde nicht passieren, kommentierte die SZ vergangene Woche. Weil es bei dieser Wahl nur eine Kandidatin gebe. Man müsse Hilary Clinton nicht mögen, hieß es dort sinngemäß weiter, aber der Kandidat Trump sei alles mögliche, eine Witzfigur, ein Horrorclown, ein billiger Populist, aber eben: kein Kandidat. Weswegen nach dem 9. November es Clintons vordringlichste Aufgabe sei…undsoweiterundsoweiter. Ebenfalls dieser Tage schrieb die SZ dann nochmal in den Kommentaren, es bestehe an einem Wahlsieg Clintons ja kein vernünftiger Zweifel.

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Damit stand die SZ nicht alleine, wie der schöne Ausriss aus dem „Tagesanzeiger“ belegt. Wobei ich die Frage stellt: Wie sehr muss man eigentlich die Augen verschließen können, wenn man bei einem Präsidentschafts-Kandifaten einer großen Partei mehr oder weniger ausschließt, er könne gewinnen? Noch dazu bei einem, der zwar lange in den Umfragen hinter Clinton lag, aber nie so weit, dass das Rennen aussichtslos gewesen wäre.

So ist das übrigens mit der Demokratie: Auch die andere Hälfte darf mitreden. Selbst wenn´s wehtut.

Die Arroganz der vermeintlich Klügeren

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Und wenn jetzt doch? Sind die halt alle dumm, die so einen wählen. Kann man schon mal machen, dass man rund 100 Millionen Menschen als dumm bezeichnet. Kann aber auch sein, dass das eine Analyse ist, die etwas kurz greift.

Vor allem dann, wenn es sich dabei nicht nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Eine rechtspopulistische Konterrevolution ist gerade fast überall zu beobachten, auch in Deutschland haben wir mit dem Thema gerade genug zu tun. Und auch hier gibt es den Reflex: Die sind ja alle dumm, die AfD und Co. wählen. Den Fehler machen vermeintlich Intellektuelle gerne mal. Kann sein, dass im Fußvolk solcher Bewegungen nicht immer die Hellsten unterwegs sind. Diejenigen, die solchen Bewegungen vorangehen, sind meistens alles andere als dumm. Man hat übrigens auch bei Trump lange genug der Verlockung nachgegeben, ihn als tumben Dummkopf darzustellen. Der Dummkopf wird demnächst Präsident der Vereinigten Staaten sein.

Zweiter Effekt: Wie wollen wir  jemals wieder zu einer halbwegs solidarischen Gesellschaft kommen, wenn wir jeden, der von unseren tollen Ideen nicht überzeugt ist, mal eben als „dumm“ abqualifizieren? Ich hatte erwartet, dass kluge Menschen bessere Ideen haben, als jemanden, der nicht auf unserer Seite ist, im Vorbeigehen ins Gesicht zu spucken.

Noch ein Gedanke: Eine der heute in meiner Timeline meist gehörten Forderungen ist, man müsse jetzt einfach mal mehr Geld in Bildung investieren, dann komme so etwas nicht mehr vor.

Alles andere steht im Tweet von Meike Lobo.

Die USA haben schon immer ein Faible für „unmögliche“ Kandidaten gehabt

Ich erinnere mich gerade an die 80er. Als die Leute, die heute vermutlich meine Timeline darstellen würden, sich über die Amerikaner amüsierten. Bei denen, so hieß es damals im linksintellektuellen Arroganz-Spott, kandidiere mittlerweile ein zweitklassiger Hollywood-Schauspieler für das Präsidenten-Amt. Der habe natürlich keine Chance, aber da könne man mal sehen, wie dumm diese Amerikaner seien.

Kurz darauf war ein gewisser Ronald Reagan Präsident und wenn man seine Bewertungen gut 30 Jahre später liest, dann klingt das alles gar nicht so schlecht. Reagan habe den kalten Krieg gewonnen, heißt es mittlerweile. Und ein bisschen auch die Mauer zum Einsturz gebracht („Tear this wall down“). Ob man jemals über einen Präsidenten Trump etwas ähnlich Gutes sagen wird, weiß ich nicht. Tatsache aber ist, dass wir uns vielleicht daran gewöhnen sollten, dass generell in den USA andere politische Karrieren möglich sind als bei uns. Dort werden Schauspieler Gouverneure und auch 2008 beispielsweise passierte etwas, was nach unserem Verständnis völlig unmöglich wäre: Ein junger, weitgehend unbekannter und noch dazu farbiger Senator wirft die haushohe Favoritin Hillary Clinton aus dem Rennen.

Mit dem Unterschied, dass Obama halt „unser“ Kandidat war.

Umgekehrt staunen übrigens Amerikaner gerne mal darüber, dass in Deutschland nur jemand Kanzler werden kann, der vorher die klassische Partei- und Ministerkarriere gemacht hat.

Was passiert, wenn man in der Filter Bubble lebt

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Mir ging es ähnlich wie Philipp Matheis. Kein einziger Trump-Anhänger in meinen vielen Timelines. Nebenbei versuche ich gerade mir vorzustellen, was passiert wäre, hätte sich einer meiner  Freunde auch nur ansatzweise als ein solcher geoutet, er hätte ebenso gut behaupten können, die Erde sei eine Scheibe und werde von Dämonen regiert. Und, zugegeben: Weil ich ja auch in einer solchen Filterblase lebe und die dort installierte Echokammer keinen Zweifel gelassen hat, dass am Ende die Präsidentin Clinton heißen wird, habe ich selbst bis heute Nacht nicht geglaubt, dass Trump Präsident werden kann.

Hätte ich mal auf meinen guten Freund Anthony gehört. Ein in Deutschland lebender, aus Florida stammender Farbiger, überzeugter Demokrat: „It really can happen“, hat er mir immer und immer wieder gesagt, zuletzt vor gut einer Woche. Ich hab´ ihn belächelt. Und es darauf zurückgeführt, dass Amerikaner ja immer ein Faible für völlig unmögliche Geschichten haben.

Anthony ist übrigens weder bei Facebook noch bei Twitter.

Traumwandelnd in Digitalistan…

Ein Live-Echtzeit-Bewegtbild-Virtuelles-Netz: Wir erleben gerade, wie sich digitaler Journalismus und das Netz neu erfinden. Und diesmal ziemlich sicher alle zurücklassen werden, die einfach nur weiter Löcher stopfen wollen. Crossmedia? Tot. Willkommen in Digitalistan.

cwki56kxgaaczsx DigitalistanZwei Dinge, die mir in den letzten Tagen über den Weg gelaufen sind. Das eine: ein Interview mit Joachim Braun, Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“ im neuen „Journalist“. Daran ist nicht nur bemerkenswert, dass das DJV-Verbandsorgan noch lebt. Sondern auch die erstaunliche Karriere von Joachim, der innerhalb weniger Jahre vom Lokalchef in Oberbayern mindestens zum Messias all derer geworden ist, die wissen, dass es mit den Zeitungen so nicht weitergehen kann, die Blätter trotzdem nicht über den Haufen werfen wollen. „Wie wollen Sie die Lokalzeitung retten?“, fragt der Journalist den guten Joachim, den ich im Übrigen, nur mal als Klarstellung, wegen seiner angeborenen Bissigkeit ziemlich schätze.

Außerdem gehört er zur Generation 50plus, in der man ungefähr alles sagen darf, weil´s eh schon wurscht ist. Joachim Braun jedenfalls, um wieder zum Thema zu kommen, glaubt nicht daran, dass die meisten Verlage wirklich gut auf diese Sache mit Digitalistan vorbereitet sind.

Das ist ebenso richtig wie wenig überraschend. Und natürlich praktisch, für mich zumindest. Weil damit Joachim Braun das sagt, wofür man mich wieder als Verlags-Basher bezeichnen würde.

Man muss sich also ziemlich schnell ziemlich viel einfallen lassen, wenn man die Kurve ins gelobte Digital-Land noch bekommen will. Wie das im Einzelnen aussehen soll, verrät Kollege Braun im ausführlichen Interview mit dem „Journalist“; auf das hiermit verwiesen sein soll, wenn es denn jemals bei den Abonnenten des DJV ankommen wird.

Die zweite Sache: ein junger Mann, deutlich jünger als Joachim Braun und auch phänotypisch nicht ganz vergleichbar. Rotes FC-Bayern-Jäckchen, optische Erscheinung so wie man sich die eines Social-Media-Managers beim FC Bayern München vorstellt.  Mit Verlagen hat er nichts am Hut, mit klassischem Journalismus auch nicht. Warum auch? Als Leiter der Social-Media-Abteilung beim FC Bayern erreicht er täglich 60 Millionen Fans auf der ganzen Welt. Wenn der FC Bayern oder einer seiner Spieler also irgendwas loswerden will, den Umweg über eine Pressekonferenz oder andere Dinge muss er immer seltener gehen.

Natürlich wird auch das Weltunternehmen FC Bayern nicht völlig auf Journalismus verzichten können und nicht jeder Fußball-Fan ist hinreichend beglückt, wenn er paar bunte Snaps und Tweets serviert bekommt. Aber 60 Millionen sind 60 Millionen. Wenn man sich dann noch vorstellt, wer inzwischen alles über soziale Netzwerke kommuniziert und wie mächtig Facebook und Freunde inzwischen geworden sind, der hat auch eine Ahnung, dass eine solche Entwicklung zu Lasten des konventionellen Journalismus geht.

60 Millionen Fans weltweit, künftiger Fokus auf mehr Bewegtbild und mehr Live-Events: Social-Media-Strategie beim FC Bayern. (Foto: Jakubetz)

 

Dabei wollen sie beim FC Bayern in den kommenden Monaten schon wieder ein paar ganz andere Schritte gehen. Mehr Video, mehr Live-Events. Kurz gesagt: Geschichten erzählen in Beinahe-Echtzeit mit vielen bewegten und vermutlich manchmal auch bewegenden Bildern. Das ist nur konsequent, weil soziale Netzwerke, so wie wir sie gerade kennen, ihrem Ende entgegen gehen. Statusmeldungen, Textpostings, Links auf irgendwelche Geschichten? Willkommen im Jahr 2012. Die Zukunft wird eher eine Art Social-Live-TV, angereichert mit virtuellen Realitäten und 360-Grad-Anwendungen. Eine virtuelle Echtzeit-Parallel-Welt, gegen die unsere frühere Idee von einer Art schwarzem Brett, an das jeder irgendwas dranpinnen kann, rührend antiquiert wirkt.

Die Löcher sind noch nicht gestopft, da kommt in Digitalistan schon das nächste große Ding…

Was uns dazu führt, ob die Zeitungen und all die anderen konventionellen Medien ihre perspektivische Frage um „Sein oder Nichtsein“ beantworten können. Dass sie nicht richtig auf den digitalen Wandel eingestellt seien, sagt auch Joachim Braun (zurecht). Was allerdings auffällt: Die vergangenen Jahre Hütte man nutzen müssen, um diese Lücke zu schließen. Wenn ich mir aber gerade so anschaue, was an neuen Entwicklungen kommt, dann wird mir, ebenfalls perspektivisch, für einen großen Teil konventioneller Medien ziemlich bange. Und damit meine ich keineswegs nur Zeitungsverlage…

Was ich in der Praxis als Status quo immer wieder mitbekomme, ist das hier: Man akzeptiert inzwischen, dass dieses Internet nicht mehr weggeht. Man weiß auch, dass man mit einer Webseite alleine noch lange nicht in der digitalen Gegenwart angekommen ist. Man ahnt, dass man Social Media betreiben muss und Videos machen und multimedial Geschichten erzählen sollte. Dort aber hört es vielerorts schon wieder auf. Multimediales Storytelling? Schön und gut, aber wie genau soll das funktionieren? Videos? Sollte man haben, geht aber ohne ein bisschen Know-how und Equipment nicht.

Und überhaupt, bräuchte man für all diese hübschen Dinge nicht mehr und, sorry Kollegen, auch mal anderes Personal?  Es ist vermutlich zu viel verlangt von Menschen, die seit 25 Jahren Zeitung, Radio oder Fernsehen machen, plötzlich zum multimedialen Storyteller zu werden, selbst wenn das theoretisch noch so wichtig wäre. Dieser Status Quo in vielen Häusern ähnelt also oft immer noch eher einer provisorischen Mängelverwaltung als einer wirklichen Idee.

Während also die Lücken noch gar nicht geschlossen sind, kommt  die nächste Welle. Mit VR, mit 360-Grad-Produktionen, mit einem Allzeit-Live-Bewegtbild-Netz, das eher einer Neuerfindung des Fernsehens gleicht als dem guten, alten StudiVZ. Und dann schaue ich mich bei einer ganzen Menge Häuser um – und denke mir: Wie zur Hölle wollt ihr das eigentlich noch gestemmt bekommen?

Das ist nur was für Nerds? Die Argumentation gibt es schon seit 15 Jahren.

Schon klar, man kann darauf verweisen, dass VR und 360 Grad und all der ganze andere Kram noch ganz am Anfang stehen. Eine Sache für Nerds sozusagen. Und dass der durchschnittliche Leser/Hörer/Zuschauer irgendwo in der deutschen Provinz nicht darauf wartet, endlich seine Nachrichten durch eine VR-Brille sehen zu können. Dumm nur, dass man genau diese Art von Argumentation in den letzten 15 Jahren immer und immer wieder gehört hat. Und dass genau wegen dieser konsequent durchgehaltenen Wagenburg die Lage heute so ist, wie sie beispielsweise Joachim Braun (und neben ihm natürlich auch noch ein paar andere helle Köpfe) beschreibt.

Diesmal aber wird einiges anders sein. Weil wir gerade erleben, wie das Netz endgültig zum Netz wird. Keine Adaption mehr von Zeitung oder Fernsehen oder Radio. Sondern ein sehr eigenes, spezielles Medium. Das man verstehen und bespielen kann oder eben auch nicht. Zeit also, nicht nur Lücken zu schließen. Sondern sich an einen neuen, digitalen Journalismus zu machen – time will wait for no one…