Archive for September, 2005
very nice site
musste ja mal sein: die ersten spammer haben die seite entdeckt und sind voll des lobes (“very nice site”). der anschließende pornolink ist dann nicht mehr ganz so nice.
genug des lobs, jungs. bemüht euch nicht weiter, spamfilter liegt schon drüber.
es gibt echt biblische plagen im netz.
marginalisierte nicht-erneuerer
warum ich meinen dozentenjob an der djs so liebe? einfache antwort: weil ich meistens nach einer unterrichtswoche schlauer wieder herauskomme als die schüler. keine sorge, ich bemühe mich, die leute in den klassen nicht zu verblöden – der hintergrund ist ein anderer: wenn man eine woche lang vor 15 klugen köpfen bestehen will, muss man die dinge, die man manchmal als gottgegeben zu predigen geneigt ist, hinterfragen, reflektieren. und wenn man es nicht selbst macht, wird man von den studenten kurzerhand dazu genötigt.
aha-erlebnis der vergangenen woche in der 41 a: ein paar charts mit zukunftsprognosen und potenziellen tendenzen vorbereitet. genau bis zum dritten chart gekommen, und dann die ersten zwischenrufe, einwände, proteste. und der freundliche vermerk, dass man doch sehr hoffe, es würde nie so kommen, wie hier von mir prognostiziert.
was hatte ich denn schlimmes gesagt? nicht mehr als das, was zumindest bei denen common sense ist, die sich aus neutraler sicht mit den dingen beschäftigen: dass printmedien und dabei insbesondere tageszeitungen in den kommenden jahren als auflage, einfluss, bedeutung verlieren werden; bei einem gleichzeitigen proportionalen anwachsen von elektronischen resp. neuen, online- und mobilen medien. dass sich vulgo zeitungen schon ein bisschen mehr einfallen lassen müssen als ein herzhaftes “weiter so!”.
nachdem mich mindestens 12 augenpaare so anstarrten als hätte ich einer nonne von kopulierenden ferkeln in latex erzählt, den entschluss gefasst, zuhause nochmal nachzusehen, ob nicht doch ich es bin, der sich täuscht: was weiß man schon?
recherche also (logisch) beim netzwerk recherche. interessante (und letztendlich) zahlen über mediennutzung in europa bei 14-29jährigen. fernsehen demnach mit einem anteil von 31 prozent (noch) ganz vorne, dann radio mit 27 prozent – und dann schon direkt dahinter online, mit weiter rasant ansteigender tendenz.
zeitungen – marginalisiert irgendwo im gerade noch zweistelligen bereich. statistisch auf dem weg in die bedeutungslosigkeit; die gefühlte bedeutungslosigkeit in dieser altersgruppe ist vermutlich noch viel größer.
gleichzeitig übereinstimmende erkenntnisse von wissenschaftlern: es gibt eine latente unzufriedenheit und dito ein ebenfalls latentes misstrauen gegenüber etablierten medien, was nebenbei eine ebenso hübsche wie plausible begründung für den hype um blogs und podcasts ist.
unschöne voraussetzungen also speziell für tageszeitungen: von einer jüngeren generation als unsexy empfunden, bedacht zudem mit misstrauen und unzufriedenheit. müßig, jetzt darüber zu spekulieren, welche versäumnisse in den letzten jahren gemacht wurden; es waren viel zu viele. dass es aber mit daem erwähnten herzhaften “weiter so!” nicht getan sein dürfte, müsste nach der allmählich abdankenden generation der mittfünfziger in jedaes potenzielle chefredakteurs- und verlangschefs-hirn rein.
und wenn´s nicht ins hirn geht, dann viel spaß beim weg ins minderheiten-ghetto.
die ergebnisse der nr-recherchen gibts übrigens als pdf zum download hier.
einen neuen anstrich, bitte
gestern nebenbei entgegen aller gewohnheiten lokalfernsehen laufen lassen. dann den folgenden satz gehört:
die neue kneipe ist angetreten, um der gastronomischen szene der stadt einen neuen anstrich zu geben.
mich dann kurz gewundert, dass sprachvergewaltiger inzwischen das fernsehen anscheinend völlig gekapert haben.
und dann sofort wieder ausgeschaltet.
overkill
jajaja, liebe oldmedia-kollegen: wir haben es ja nun verstanden, dass ihr es jetzt auch verstanden habt, dass blogs grad irgendwie en vogue sind. ist ja auch schön, dass ihr jetzt meint, noch schnell die schlusslichter des bereits abgefahrenen bloggerzuges berühren zu müssen. aber, lieber stern, das lernen wir doch schon in der grundschule: masse muss nicht klasse sein. weswegen ihr jetzt also eine unmenge neuer blogs anbieten müsst, ist mir noch nicht so ganz klar. aber wenn ihr meint: ca. 38 blogs vom stern, 23 bei sueddeutsche.de, dazu die unsäglichen wahlblogs bei focus online – wer soll die eigentlich noch sinnvoll lesen?
lexikon der absurditäten
wirklich nicht schön ist das, wenn man noch jahre nach einem ereignis für die folgen des ereignisses verantwortlich gemacht wird, obwohl man schon damals sagte, dass man die befürchtung habe, das ereignis könne irgendwie unschön ausgehen.
heute mit einem schüler der 41 a der djs drüber debattiert, woher in der klasse dieses tiefsitzende misstrauen gegenüber neuen medien komme. antwort, sinngemäß: die vielen new-economy-heilspropheten von damals haben jede vorhandene form des urvertrauens vernichtet. yo. verstehe ich natürlich.
für alle die, die es nicht verstehen, mein kleines lexikon des neumedialen aberwitzes von damals, meine eigene wikimedia sozusagen.
konvergenz-manager, der: bringt zusammen, was nicht zusammengehört und auch nicht zusammengehören will. ab ca. 15 uhr verstärkt in fitness-studios oder völlig sinnlosen panels anzutreffen. keine angst, nicht bösartig, will nur spielen.
erfinder, der: unverzichtbarer innovativer geist der ne-firma. produziert jeden tag unglaubliche ideen und erfindet bahnbrechendes wie den videochat. prädestiniert für anschlusskarriere als postillion.
vision, die vgl. hierzu auch “unsere firma wird 2004 marktführer sein”. klappt aber nur, wenn´s die firma dann überhaupt noch gibt.
head of, the moderner begriff für “leiter der schadensregulierung, buchstaben a-k”.
bademeister, der wird von firmen eingestellt, die nachhaltigen wirtschaftlichen erfolg auch ohne plausibles geschäftsmodell erreichen.
betriebsübergang, der summe aller bisher aufgeführten begrifflichkeiten.
bloggende ich-ag´s
momentan mal wieder djs-woche, diesmal die ausgesprochen nette klasse 41 a. natürlich darf das hype-thema blogs garkeinenfalls fehlen. oft gestellte frage aus der klasse: welche relevanz haben blogs? stellt man diese frage in einem kontext nach besucherzahlen, dann greift weitgehend eine aktuelle geschichte des spiegel. relevanz ergibt sich allerdings nicht nur aus reichweiten und aus der frage, ob hinter einem medium eine bloggende ich-ag oder eine 70-mann-redaktion sitzt. gleichwohl: der gegencheck mit der realität schadet nicht, wenn man sich gedanken über blog-relevanzen macht.
noch was am rand: kein blog, aber ein beitrag zur basis-wilensbildung: www.dasvolkspricht.de (danke an mike für den tipp)
über ein leben als reporter
bloggend, podcastend, schreibend um die welt – und alleine deswegen lesenswert: die erlebnisse von kevin sites.
kein krieg, nur ein festival in der wüste, trotzdem (ich wiederhole mich da gerne) immer wieder lesenswert: ein paar aktuelle kleine tipps vom bloggendenpodcastendenfotografierendenschreibenden kollegen.
ein fernseher, zweimal zahlen, dreimal gejagt werden
es gibt ne menge guter gründe, warum mir bei allem respekt das öffentlich-rechtliche rundfunksystem mit seinen tausenden bediensteten ein bissel suspekt ist, einer davon hat drei buchstaben: gez.
meine frau und ich haben, man glaubt es kaum, einen fernseher. meine frau hat außerdem eine eigene firma. nach meiner logik heißt das: ein fernseher, einmal rundfunkgebühren.
nach logik der gez heißt das: eine firma, zwei leute, ein fernseher= dreimal rundfunkgebühren. und zwar einmal für mich, einmal für meine frau, einmal für die firma.
versteht ihr nicht? ich auch nicht. weswegen wir der gez geschrieben haben. einmal, zweimal, dreimal. freundlich, weniger freundlich, unfreundlich. grundtenor: hallo, liebe gez, wir haben einen fernseher. und für den würden wir bitte, wenn´s denn geht, auch nur einmal gebühren zahlen.
antwort gez (maschinell): sie sind ein teilnehmer. macht gebühren. meine frau ist ein teilnehmer. macht gebühren. die firma ist ein teilnehmer. macht auch gebühren.
nochmal der gez geschrieben: haaaalllooo…..wir sind ein haushalt. macht einmal gebühren. punktum.
antwort gez: wenn sie nicht demnächst zahlen, leiten wir die zwangsvollstreckung und ein bußgeldverfahren ein.
wenn ihr mich demnächst ein paar tage nicht lest – sitze ich vermutlich im knast.
chefredakteur user
eigentlich nur konsequent: wenn user zunehmend mit medien interagieren, wenn sie eigene inhalte generieren und citizen media betreiben – warum soll das nur über texte passieren? gerade während des hurricans haben sich viele websites in den usa user-fotos und user-videos zunutze gemacht; profitiert haben beide seiten davon. fast schon selbstverständlich auch, dass katrina draußen wüst tobte und drinnen immer noch unverdrossene blogger saßen…
was folgert man also bei ojr.org richtigerweise daraus:
Photos, video and audio are becoming part of the user-generated palette.
möchte fast ne wette eingehen: so wie alles mit ein wenig verspätung aus den usa bei uns eintrifft, wird 2006 dieses thema auch bei uns ein großes.
selbst wenn´s immer noch eine große zahl von chefredakteuren gibt, die von “aufgaben für profis” schwadronieren. pfeifen im walde, jungs. mehr nicht.
versuch einer reportage
bin selbst lang genug an irgendwelchen tickern rumgesessen, um einigermaßen zu verstehen, wie politischer journalismus tickt und wie wahlkämpfe laufen. wundere mich deshalb auch über vieles nicht mehr. auch nicht darüber, dass bild seit tagen den eindruck zu erwecken versucht, dass schröder im tv-duell mit merkel ganz entsetzlich untergegangen sein soll. das würd ich ja auch nicht unbedingt unter politischem journalismus, als vielmehr unter kampagnen verbuchen.
erstaunt bin ich aber dann doch immer wieder, wie kollegen von medien, denen ich eine etwas ernsthaftere sicht der dinge zugetraut hätte, zum verbreiten erstaunlicher platitüden kommen. bei meinen freunden von spiegel online lese ich heute bspw. folgendes:
Wie eine Bundeskanzlerin trat Angela Merkel heute im Bundestag auf. Beim letzten Showdown vor der Wahl unterliefen ihr keine Patzer. Schröders Gerd-Show hingegen wirkte verbraucht. Auch Joschka Fischer blieb unter seinen Möglichkeiten.
abgesehen davon, dass ich in dieser beziehung sehr konservativ bin und immer noch glaube, man sollte die nachricht nicht mit versatzstücken der meinung verwässern und selbst, wenn ich zugute halte, dass dieses stück der versuch einer reportage war – ich wundere mich einfach, wie journalisten nolens volens zu solchen urteilen kommen und dann nicht mal in der lage sind, sie näher zu begründen. schröder wirkte verbraucht? weil er ähnliches erzählte wie während des tv-duells? kann man so sehen. aber dann war frau merkel genauso verbraucht. denn im grunde haben beide während der debatte nichts anderes abgeliefert als die parlamentarische version ihres tv-duells.
und herr fischer blieb unter seinen möglichkeiten? das ist aber schön, dass der journalistische bundestrainer von spon die form des außenministers so gut beurteilen kann. fischer wird sich bestimmt auch sorgen machen, dass ihn spon nicht mehr nominiert – wo er doch so formschwach ist. gnädigerweise attestiert ihm der spiegel-kollege aber ein gewisses “talent”. da schau her.
man möchte übrigens bei dieser sichtweise des spiegel gerne mal kanzlerkandidat werden. immerhin bekommt man nämlich schon dann kanzlerhaftes auftreten bescheinigt, wenn einem “keine patzer unterlaufen”.
mag sein, dass es nicht so glamourös ist – aber mir ist solides journalistisches handwerk lieber als der versuch, politischen großinquisitor zu spielen. zumal, wenn man das urteil nicht mit fakten hinterlegen kann.
manchmal kann ich fischer verstehen, dass er auf unsere zunft milde lächelnd herabblickt.
ps: neinneinnein, ich will kein spon-basher werden und auch kein watchblog schreiben. mir fallen nur in der letzten zeit ein paar erstaunliche aussetzer auf, gemessen vor allem am niveau der printausgabe.