Archive for Januar, 2006
Podcasting, das statuierte Exempel
Hab mich nach längerer Zeit heute mal wieder mit meinen Podcast-Abos beschäftigt: alte gelöscht, neue abonniert, mal geschaut, was es an Neuem gibt. Wenn man es in Relation setzt zu dem, was Podcasts noch vor einem Jahr waren: sensationell. Es gibt so gut wie nichts mehr, was es nicht auch als Podcast gäbe. Ich war nie ein großer Radiohörer, aber in dieser Form habe ich das Medium für mich wiederentdeckt. Es ist, als ob mir eine gute Fee alle meine Wünsche erfüllt hätte: Ich höre nur noch, was ich wirklich will. Ich muss keine dampfplaudernden Moderatoren ertragen, ich muss mich nicht dem “Das-beste-von-den-70ern-bis-heute”-Gemütsterrrorismus aussetzen. Und ich muss nicht bis 23.45Uhr warten, bis irgendwo ein gutes Feature läuft.
Was mich zu dem Gedanken bringt, dass die Entwicklung von Podcasting exemplarisch stehen dürfte für vieles, was künftig in der Medienwelt passiert. Die ständige Verfügbarkeit, die Möglichkeit, mir meine Mediennutzung bis ins letzte Detail zu personalisieren und gleichzeitig die Befreiung vom Diktat von Programmchefs und Werbekunden – all das, was Podcasting für mich interessant macht, gilt auch für andere Medien, egal ob Online oder Fernsehen. Außer für die konventionelle Form der Tageszeitung. Die wird es auch weiter nicht personalisiert geben und auch nicht frei von Werbezwängen. Ein Problem? Aber ja. Wenn ich künftig mehr und mehr selektieren kann und zu meinem eigenen Programmchef werden kann – warum sollte ich dann noch ein Medium konsumieren, das mir eine vorselektierte Auswahl von Dingen auf den Tisch legt und mich dann mit einem fröhlichen “take it or leave it” hinterlässt?
Abgesehen davon – die digitale Distribution ist inzwischen so leicht und so schnell zu handhaben, dass sie keinen wirklichen Hinderungsgrund mehr darstellt. Im Gegenteil: Ist es nicht anachronistisch, Informationen, Medien noch mit dem Lastwagen durch die Nacht zu fahren? Und ist es nicht ein Anachronismus, bis 21.15 Uhr zu warten, weil dann SAT1 zufälligerweise was Gutes im Programm hat?
Wahre Worte
“Ich bin nach wie vor überzeugt, daß immer noch nicht alle Manager, die den Attacken aus dem Internet ausgesetzt sind, inzwischen verstanden haben und gewillt sind, ihr Geschäftsmodell zu ändern. Wir haben das wunderbare Beispiel der Musikindustrie gesehen. Nun ist die Filmindustrie dran, und danach kommt das Free-TV. Ich hoffe wirklich, daß inzwischen jeder weiß, was es bedeutet, wenn von Momentum gesprochen wird.”
(Thomas Middelhoff; Quelle: FAZ.net)
Vom Netz ins Blatt
Nicht, dass ich die Idee, Online-User aktiv an der Gestaltung der Zeitung von morgen mitwirken zu lassen, übermäßig originell oder spannend finden würde. So, wie man es in Wisconsin angeht, klingt mir das eher halbherzig – ein bisschen Internet für die Zeitung; eine Grundhaltung, die auch in Deutschland in nahezu jedem Verlag anzutreffen ist. Wasch mich, aber mach mich nicht nass.
Warum diese Geschichte dann doch hier gepostet ist? Weil bei näherem Hinsehen klar wird, dass wir in Deutschland noch nicht einmal so weit sind, dass ein solch bescheidener Ansatz Normalität wäre.
Immer wieder GEZ…
Auf mein letztes Schreiben an die GEZ hab ich eine Antwort bekommen. Allerdings nicht die, die ich wollte. Denn eigentlich war´s gar keine Antwort. Sondern mal wieder nur eine maschinell erstellte Drohung. Interessanterweise nennen die nicht mal einen Sachbearbeiter, eine Abteilung, eine Service-Nummer, an die man sich wenden könnte. Stattdessen schreibt man einfach nur der GEZ. Und die groß und sehr unbeweglich und eigentlich ist es ihr auch scheißegal, ob sie da draußen mit Menschen, Kühen oder Marsmännchen kommuniziert. Hauptsache, sie zahlen Gebühren. Für so wundervolle Formate übrigens wie gestern der große Persönlichkeits-Test im ZDF, bei dem wir eineinhalb Stunden mit der Frage gequält wurden, ob Heiner Lauterbach ein Kuscheltyp und Claudia Roth eine verkappte Domina ist. Großartig. Ich warte auf die Pressemitteilung, die lanciert, dass der Zuschauerschnitt des ZDF-Publikums erstmals auf über 70 gestiegen ist,
Geschrieben habe ich denen (also der GEZ, nicht dem ZDF) jetzt u.a. folgendes:
Dass Sie es vorziehen, einfach nicht zu antworten bzw. mich nunmehr seit Monaten mit maschinell erstellten Schreiben zu überziehen, werte ich als Ausweis dafür, wie weit entfernt das öffentlich-rechtliche Gebührensystem von den Bedürfnissen der Kunden ist und welch unglaubliche Arroganz in einem öffentlich-rechtlichen Koloss herrscht. Dass vermutlich ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer Gebühren zur Finanzierung eines ineffizienten Kolosses ausgegeben werden, macht die Sache nicht besser – im Gegenteil.
Ich bin allerdings nicht so naiv zu glauben, hierauf jemals eine vernünftige Antwort zu bekommen.
Blogger-Power
Was die Klickzahlen betrifft, können es Weblogs zwar nicht einmal mit Regionalzeitungen aufnehmen, geschweige denn mit überregionalen Angeboten. Aber es kommt eben nicht nur auf die bloße Zahl der Leser an…
…schreibt Spiegel online über die heftig diskutierte Klowände-Äußerung eines bekannten deutschen Werbegurus und den daraus resultierenden Reaktionen in der Blogosphäre. Schlau erkannt. Jetzt noch dem eigenen Chefredakteur erklären, dass Blogs eben nicht zu 90 Prozent Müll sind und gute Inhalte eben doch nicht nur von Journalisten gemacht werden – und schon könnte wieder ein wenig Hoffnung für SPON bestehen.
Kein Preis, kein Vorschlag, kein Hirn
Wenn´s um Susanne Osthoff und die Medien geht, ist kaum eine Wendung bizarr genug. Dass sie nun jedenfalls nicht unter den Nominierten zum Grimmepreis gehört, entspricht ja noch allen Maßstäben der Vernunft.
Wie der vermeintliche Vorschlag, sie dafür zu nominieren, zustande gekommen ist, lässt sich aber kaum mehr nachvollziehen: Ein Redakteur des “Tagesspiegels” reicht als “Privatmann” diesen Vorschlag ein, um dann seine Zeitung “exklusiv” berichten zu lassen, dass eine ebensolche Nominierung gebe. Statement der Chefredaktion hierzu:
Lorenz Maroldt, Chefredakteur des «Tagesspiegel», äußerte im Gespräch mit der Netzeitung sein Bedauern über den Vorfall. Er trat zugleich dem Eindruck entgegen, dass die Zeitung die Meldung bewusst lanciert haben könnte. «Der Redakteur hat nicht im Namen des ‘Tagesspiegel’ und nicht mit Wissen des ‘Tagesspiegel’, sondern als Privatmann den Nominierungs-Vorschlag gemacht», sagte er.
“Bedauern” ist charmant formuliert – keine Ahnung, warum sich eine Chefredaktion auch noch schützend vor einen Redakteur stellt, der ganz offensichtlich versucht hat, eine Geschichte zu inszenieren.
Citizen Media vor der Haustür
Über Citizen Media wird derzeit viel geredet und es wird in Zukunft noch viel mehr sein. Was mich erstaunt: Noch kenne ich nur ausgesprochen wenige deutsche Medienunternehmen, die mit diesem Thema wenigstens mal experimentieren. Dabei denke ich, dass Citizen Media angesichts der weit verbreiteten und zudem auch durchaus berechtigten Unzufriedenheit der Leute mit lokalen Medien doch mal ein Weg wäre. Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen: Muss lokaler Journalismus unbedingt von Journalisten als klassischem Gatekeeper gemacht werden?
Wäre ich Chefredakteur einer Regionalzeitung oder eines lokalen TV-Senders, würde ich mir darüber langsam mal Gedanken machen. Ehe es andere tun und das Gejammere der Etablierten über die marktverderbenden Newcomer wieder groß ist. Die stehen nämlich schon vor der Haustür, klein, aber fein…
Dotcomtod reloaded
Natürlich wisst Ihr es eh schon alle, aber man kann ja nie sicher genug gehen: Dotcomtod ist wieder da unter neuer URL (http://www.boocompany.de). Sonst ist alles wie früher. Ein sicherer Hinweis darauf, dass sich momentan schon wieder einige Blasen bilden, die demnächst zum platzen zu bringen sind.
The worst case
Ob ich mir jemals Gedanken gemacht habe über die Abhängigkeit des modernen Menschen von einem Rechner? Nö. Das heißt, vor kurzem gab´s mal im kleinen Kreis eine nette Debatte über den worst case: wenn der Rechner zusammenstürzt und wirklich nix mehr geht. Großes Gelächter, das wär ja wie ein Rückfall in die Zeit der Industrialisierung.
Gestern abend ist er eingetreten, dieser worst case. Rechner überm Jordan, rien ne vas plus. Und auf einmal wird klar, wie sehr diese Maschine das Leben dominiert: Kein Internet mehr, keine Filme mehr, keine Musik mehr, keine Mails mehr, kurz: kein Leben mehr. Alles was Spaß macht und wichtig ist, zusammengepackt auf ein paar Gigabyte digitaler Dateien. Was schert´s mich, dass ich eine Zeitung habe, ein Radio, einen Fernseher? ICH WILL MEINEN RECHNER ZURÜCK!! Holy shit.
Was ich daraus lerne: Abhängigkeit ist bullshit, so sehr ich mein digitales Leben liebe. Werde evtl. mein Leben doch wieder auf mehr Standbeine verteilen, manche davon dürfen auch analog sein. Zumindest versuche icb es.
Was sich leicht dahin sagt, weil morgen PC-Doktor Alex kommt, der am Telefon schon diagnostiziert hat, es handle sich möglicherweise lediglich um ein Problem mit dem Arbeitsspeicher, das sich evtl. lösen lässt, ohne dafür die halbe Republik lahm legen zu müssen. Und mit etwas Glück hänge ich am Donnerstag wieder am digitalen Tropf.
PS: Wer sich wundert, wie ich ohne Rechner blogge: Office-Rechner. Allerdings ein surreal ausgestatteter Mac, der u.a. bei WordPress keine Links setzen kann. Deshalb Blog ohne Link. Ist ein bisschen wie Zeitung ohne Text oder Fernsehen ohne Ton, aber immer noch besser als nix.
PPS: @Mike: Deine Frage, ob das Netz jetzt schneller läuft, fand ich gestern abend richtig lustig. Sehr witzig.
GEZ. Nächster Teil.
Der Ton der (maschinell erstellten) Schreiben der GEZ gleicht mittlerweile russischem Inkasso. Hab´s jetzt mal per gutem altem Einschreiben versucht, nachdem auf meine letzten beiden Mails nicht reagiert wurde. Das Ergebnis ist aber noch das gleiche: keine Antwort, stattdessen immer neue (maschinelle) Schreiben. Zur Erinnerung: Ich mag GEZ, wenn schon, nur einmal zahlen. Nicht doppelt.
Drohungsstand aktuell: Gerichtsvollzieher, Zwangsvollstreckung, Ordnungsgeld.
Demnächst wird man mich vermutlich in Beugehaft nehmen.