Archive for Januar, 2006
Und damit zum Wetter…
Mitte/Ende Januar in Deutschland. Das Thermometer fällt nachts schon mal unter die Marke von minus 15 Grad und kommt tagsüber kaum an den Gefrierpunkt heran. Ungewöhnlich? Kaum.
Interessant daran ist lediglich, wie Medien – und dabei nicht der generell verdächtige Boulevard, sondern auch öffentlich-rechtliche Nachrichten – ein Null-Thema wie “Im Januar ist es kalt” zur Russenkälte hochjazzen.
Man könnte drüber schmunzeln, würde man nicht einen unschönen Trend daraus ablesen können – nämlich den, dass die ÖR auch in ihren Nachrichten immer “privater” und boulevardesker werden. Beispiel “heute-journal” gestern abend. Aufmacher; die Kälte. Anmoderation Slomka: “Sibirien rückt näher”. Konterkariert wird das alles dann im eigenen Beitrag, wo die voxpops vornehmlich kundtun, es sei schon auszuhalten, wenn man sich richtig anzieht. Und vom eigenen Wettermann, den man eigens ins Studio gezerrt und dann mit sorgenvoller Miene befragt hat. Dessen Antwort (O-Ton): Nun, erstmal sind solche Temperaturen im Januar ja nichts ungewöhnliches…”
Von Journalisten für Journalisten
Indiskretion Ehrensache spöttelt charmant über ein paar neue Leitsätze des Journalistenverbands, der inzwischen angeblich im 21. Jahrhundert angekommen ist (wovon ich persönlich ganz und gar nicht überzeugt bin; wenn sie könnten, würden sie heute noch eine Spontandemo gegen den Ganzseitenumbruch bei Tageszeitungen organisieren).
Ein interessanter Aspekt – der Ratschlag an den Journalistenverband, doch bitte mal als ersten Schritt “ein Verbandsblatt herausbringen, das ansatzweise dem Anspruch von Qualitätsjournalismus gerecht wird und den Leser nicht nach zwei Seiten in den Schlaf treibt”.
Nachdem ich mein Journalist-Abo (als Nicht-Mitglied des Verbands übrigens ein wahnwitzig teures Vergnügen) vor ein paar Tagen gekündigt habe, treibt es mir Freudentränen in die Augen, so etwas zu lesen. Ich hatte anfangs ernsthaft überlegt, dem Verlag in meinem Kündigungsschreiben meine Gründe darzulegen, verzichtete dann aber darauf, weil´s eh sinnlos ist. Obiges Zitat hätte ich allerdings uneingeschränkt verwenden können.
Ich finde es mehr als erstaunlich, dass ein Blatt von Journalisten für Journalisten einen derart hohen Schnarchfaktor aufweisen kann. Von ein paar lesenswerten Geschichten des Kollegen Thomas Mrazek mal abgesehen: Langeweile, Langeweile, Langeweile. Neuigkeits-Faktor: unter Null. Nach Lektüre des Blatts kam ich mir regelmäßig vor, als hätte ich einen Monatsrückblick gelesen.
Was mich letztendlich zu der Frage getrieben hat: Wie will eigentlich dieser Verband auf Augenhöhe mit Verlegern etc. pp. verhandeln und wie will er eigentlich für sich in Ansspruch nehmen können, für uns Journalisten zu sprechen? Wobei ich mit allergrößtem Vergnügen auf jene Geschichte aus notebook-onlinejournalismus und indiskretion ehrensache verweise, die sich über die Tagesordnung einer Verbandsveranstaltung amüsierten, in der innerhalb von drei Tagen nicht ein einziges Mal der Begriff “online” vorkam.
Noch ne kleine Meldung…
…lesenswert vor allem für all jene unzählige Zeitungsleute, die meinen, online sei ein lästiges und zum Geld verdienen nicht geeignetes Anhängsel der gedruckten Ausgabe(n):
Auf Rekordniveau: Nielsen Media Research hat für den Online-Markt in 2005 Bruttoaufwendungen in Höhe von 410 Mio Euro ermittelt. Mit einem Plus von 32,8% weist das Medium Online die stärkste prozentuale Wachstumsrate aller von Nielsen Media Research erfassten Medien auf (kress.de).
Arabella Langweiler
Unfassbar: Arabella Kiesbauer jetzt als Talkerin bei einem Nachrichtensender (N24).
Noch unfassbarer: Frau Kiesbauer hat sich in einem Anflug von Seriösitätswahn offenbar entschlossen, das Publikum zu Tode zu langweilen.
Nur eine kleine Meldung, Januar 2006
…die dafür umso exemplarischer ist:
Drei Lokalredaktionen auf einen Streich schließt der Verlag Lensing-Wolff, Dortmund: Zum 31. März sollen bei den “Ruhr Nachrichten” (“RN“) in Bottrop, Gelsenkirchen und Gladbeck die Lichter ausgehen. Dem Vernehmen nach sind 11 Redakteure betroffen. Sie sollen entlassen werden und in eine Transfergesellschaft übergehen. Der Verlag hat sich in der Angelegenheit noch nicht geäußert. Die drei “RN”-Ausgaben hatten zuletzt verkaufte Auflagen zwischen 2.828 (Bottrop) und 2.238 (Gelsenkirchen) Exemplaren – mit absteigender Tendenz.
(gefunden bei kress.de)
Kein Weg zurück
Es gibt Tage, an denen ich verdammt froh bin, nicht mehr bei ProSiebenSAT1 zu arbeiten.
In letzter Zeit sind sie gehäuft aufgetreten, diese Tage. Nicht lustig, wenn man da arbeitet, momentan.
Grimme und Osthoff
Mit dem Grimme-Institut und seinen Entscheidungen und Auffassungen hab mich mich in den letzten Jahren gelegentlich, hüstel, schwer getan.
Mit der Entscheidung des ZDF, eine sichtlich traumatisierte Susanne Osthoff auf Sendung zu geben, hab ich mich auch schwer getan.
Mit dem Vorschlag, Osthoff u.a. für das ZDF-Interview für den Grimme-Preis zu nominieren – soll ich mich da schwer tun oder drüber lachen?
Grimme-Reflexe
Wenn es um Medien und Ökonomie geht, herrschen in Deutschland immer noch eigenartige öffentliche Reflexe vor. Zur Ablehnung der Pro7-Übernahme durch Springer von KEK und vermutlich auch Kartellamt, lässt das Grimme-Institut wissen, hierbei handle es sich möglicherweise um ein “Eigentor”. Man öffne schließlich damit ausländischen Investoren und ihren “publizitätsfremden Überlegungen” (sprich: Rendite) Tür und Tor.
Das ist ja mal eine wirklich interessante Geisteshaltung: Lieber also eine enorme Konzentration auf einen deutschen Medienkonzern, als einen ausländischen Konzern? Alle ausländischen Investoren sind demnach renditefixiert, während Springer die Rendite ziemlich wurscht ist und man dort aus Spaß an der Freud´ Fernsehen macht? Rendite ist schlecht? Manchmal frage ich mich echt, wie die ticken, da oben in ihrem trostlosen Marl. Zum Notieren, liebe Freunde: Privatfernsehen ist ne Rendite-Veranstaltung. Da soll Geld verdient werden. Für alles andere gibt´s eure vielbejubelten öffentlich-rechtlichen Sender.
Und falls ihr es noch nicht bemerkt habt: Der ausländische Investor mit ehrgeizigen Renditezahlen ist längst da – schon mal den Namen Saban gehört?
zustand des onlinejournalismus, anfang 2006
Es gibt Dinge, die sind so surreal, dass man glaubt, jemand mit sehr schlechter Phantasie habe sie erfunden. Wenn eine Mutter ihr Kind mit angeblich zuviel Rotkohl tötet, illustriert die Netzeitung das mit einem Rotkohl-Foto, das sie aus einer privaten Rezeptesammlung geklaut hat.
Oh my god.
Gefunden bei notebook-onlinejournalismus.
Programm, seltsames
In den letzten Tagen beobachtet: Wenn man am Samstag morgen auf n-tv Nachrichten sehen will, wenn man Dienstag abend im DSF Sport sehen will und sich mittags durch SAT 1 und Pro 7 zappt, bekommt man in dieser Reihenfolge folgendes:
1. Dampfbügeleisen
2. erst ein grenzdebiles Gewinnspiel, dann eine leichtbekleidete Boxerin.
3. moderierende Randbegabungen in Brüllshows.
Wundert mich nicht, dass jeder halbwegs intelligente Zuschauer anfängt, sich selbstständig resp. zum eigenen Programmdirektor zu machen. Möglichkeiten gibt´s inzwischen unzählige, Fernsehen nach eigenen Wünschen und vor allem ohne störende Nebeneffekte zu konsumieren. Mag sein, dass diese elegant “Diversikation” genannte kreative Form der Generierung neuer Einnahmequellen kurzfristig Erleicheichterung in einem schwierigen Markt schafft. Allerdings: Wenn´s so weitergeht, wird vom Free-TV letztendlich nur noch das übrig bleiben, was spätestens seit Schmidt als “Unterschichtenfernsehen” zum geflügelten Wort geworden ist.
Alle anderen sind weg.