Archive for Februar, 2006
Leitbild, revisited
Da sieht man mal wieder, wie man sich vom Gutmenschentum manchmal einlullen lässt. Als das Netzwerk Recherche seinen neuen Leitbild-Kodex veröffentlichte, habe ich brav darauf gelinkt und die Meinung vertreten: Gut so.
Shame on me.
In der Tat kann man über das Ding ziemlich kontrovers debattieren, wie das hier beispielsweise der Fall ist. Und interessanterweise entspinnt sich gerade auch eine Debatte darüber, ob einer der obersten Gutmenschen, der Blogger für exzentrisch und PR für Teufelszeug hält, es selber mit den eigenen Leitbildern nicht sooo genau nimmt.
Und das nächste Mal lese ich mir solche Dinger vorher gründlich (!) durch, auch wenns von Gutmenschen kommt. Versprochen.
Das Innenleben der ARD
Hochinteressante Einblicke in das Innenleben eines öffentlich-rechtlichen Fernsehkolosses. Man hat immer geahnt, dass es wohl so sein müsste, erschrickt dann aber doch ein wenig, wenn man bestätigt kommt, dass es tatsächlich so ist.
PS: Am Spannungsgehalt der Geschichte ändert sich auch nichts dadurch, dass die Kollegen von sueddeutsche.de bei dieser Geschichte genau eine Aufgabe zu erledigen hatten. Die Geschichte aus der gedruckten SZ einstellen und einen Link setzen. Bei genau dieser einen Aufgabe haben die Kollegen eine Fehlerquote von 100 Prozent erzielt und den ARD-Chefredakteur in Hartmut von der Tann umbenannt. Ist dem hausinternen Standing der Onliner sicher sehr zuträglich.
Eine Frage, mal ganz im Ernst…
…auch wenn sie im ersten Moment so aussieht, als sei sie möglicherweise nicht ganz ernst gemeint: Kann mir jemand sagen, wer so etwas liest, warum man sowas liest – und vor allem (das ist mir am wichtigsten), wie sich das finanziert?
Danke schon mal für sachdienliche Hinweise.
Lieber Web als TV…
…auch wenn es um originäre TV-Inhalte geht: Amerikaner sehen Olympia lieber im Web als im Fernsehen.
Pacem.
Es war eine schöne Woche. Eine friedliche Woche.
Die GEZ hat sich nicht einmal gemeldet. Kein einziges Mal.
Ehrensenf
Ehrensenf hatte ich seit vergangenem Herbst auf dem Radar, als ich gemeinsam mit der letzten DJS-Klasse nach entsprechenden Projekten wie IP-basiertem Fernsehen, Vlogs etc. recherchierte. Zunächst dachte ich, dass wäre eine Art lustiges Quatsch-Garagenfernsehen. Bis ich dann merkte, dass die ihr Handwerk wirklich können resp. durchaus sehenswert sind. Dass jetzt Spiegel Online über Ehrensenf berichtet zeigt spätestens jetzt, dass dieses Projekt massenkompatibel geworden ist. Chapeau.
Kinokritiken FAZ
Sehr gelungen, wie die Online-Ausgabe der FAZ mit dem Thema “Kinokritiken” umgeht. Statt endloser Bleiwüste gibt´s hier feines Multimedia für den Alltagsgebrauch. Alles kompakt zusammengefasst, keine langen Installationen. Neben dem obligatorischen Lesestück gehören Slideshows und eine Videokritik des entsprechenden Films dazu. Dass die Selfmade-Videos gelegentlich etwas unbeholfen wirken und man den Dreiminütern anmerkt, dass sie nicht von TV-Profis gemacht sind – so what. Wichtiger ist unter dem Strich, dass ich bekomme, was ich will: Gute Texte, (bewegte) Bilder aus dem Film. Reicht, um sich schlau zu machen. Und wo würde sich Multimedia eigentlich mehr anbieten als in Kino-Ressorts?
Interessanter Nebenaspekt: Auch wenn es unser Berufsverband und eine ganze Reihe von Ausbildungseinrichtungen noch nicht wahrhaben, die Mutation unseres Jobs zum Multimedia-Allrounder ist im vollen Gang. Einem Jung-Journalisten, der sich entscheidet, sich nicht wenigstens mit Grundlagen von Video- und Audioproduktion auseinanderzusetzen, wünsche ich viel Vergnügen bei der für ihn zuständigen Agentur für Arbeit.
Verhaltenskodex
Es wäre schön, wenn man nicht extra auf Selbstverständlichkeiten verweisen müsste. Muss man aber in Zeiten wie diesen dann doch. Das Netzwerk Recherche hat zehn neue Leitlinien für die Arbeit von Journalisten veröffentlicht, und mir fallen auf den Schlag etliche Fälle ein, bei denen es gut gewesen wäre, diese Selbstverständlichkeiten hätte sich jemand übers Bett getackert.
Die nach meinen Erfahrungen aktuell übrigens größte Gefahr für seriösen Journalismus ist in Punkt 5 subsummiert.
Sie kapieren es einfach nicht…
Die “Dialog”-Seite der AZ, inzwischen auch durch Radiowerbung ins Bewusstein der Leute gebracht, hatte ich mir vor zwei Wochen nochmal auf Wiedervorlage gelegt, nachdem die ersten Ausgaben mit einem “Dialog” nichts zu tun hatten.
Deswegen heute mal wieder intensiver angesehen – und siehe da: Die erste Ahnung bestätigt sich. Der vollmundig angekündigte Dialog ist nach wie vor eine etwas aufgehübschte Leserbriefseite, auf der exakt neun Leserzuschriften abgedruckt sind. Genauer gesagt: Auszüge aus Leserzuschriften, denn nach wie vor “behält sich die Redaktion Kürzungen” vor. Die Kürzungen gehen dann schon mal so weit, dass vom ehemaligen Leser-Brief ein Leser-Zweizeiler übrig bleibt.
Weil man dem Dialog mit dem lieben Leser dann doch nicht so viel Stellenwert zubilligen will, packt man auch noch anderes auf die Seite; das Gerümpel quasi, das sonst keiner gebrauchen kann: einen ausgesprochen mediokren Comicstrip namens “Zits”, einen Fernsehtipp (warum man sich für eine Sendung des WDR um 18.20 Uhr entschied, wer weiß es…). Und eine Meldungspalte, die per definition ins Absurde geht: “Kompakt – hier lesen Sie täglich das Wichtigste in 100 Sekunden”. Davon abgesehen, dass ich nicht weiß, wie die AZ auf 100 Sekunden kommt: Ich dachte immer, ich würde das Wichtigste in einem linearen Medium wie einer Tageszeitung auf Seite 1 lesen, aber was weiß man schon. In der AZ lese ich “das Wichtigste” jedenfalls jetzt auf Seite 6. Unter dem Seitenkopf “Dialog”. Dialog ist also demnach, wenn mir ein AZ-Redakteur in 100 Sekunden erzählt, was seiner Meinung nach heute wichtig ist.
Die Dialog-Seite der AZ finde ich aber nicht nur missraten, weil sie kein Dialog ist. Sie ist für mich auch ein unfreiwilliger Beleg für die Geisteshaltung, die aus welchen Gründen auch immer nicht aus Journalisten-Köpfen rauszubekommen ist. Und diese Geisteshaltung sieht den Konsumenten als irgendein komisches Zwitterding zwischen Bittsteller und Schulbuben (resp. Mädel) an, das man nicht allzu sehr an sich ranlassen und schon gleich gar nicht auf Augenhöhe kommen lassen darf.
Was wirklich zählt im Hirn des etablierten, gesetzten (Abend-)Zeitungsredakteurs, ist anderes: Entweder wir Journalisten sagen, wo es lang geht. Und wenn es ein anderer ist als wir, dann muss eine Autorität sein. Und deswegen bekomm den mit enormen Absatnd größten Platz auf der Dialog-Seite nicht ein Leser – sondern ein Politiker. Im heutigen Fall durfte sich irgendein Referent aus dem Büro von Sepp Dürr am Thema “Innere Sicherheit” abarbeiten. Das ist Dialog, wie ihn die AZ versteht und ihn dieserhalb auch gleich heftig im Radio bewirbt.
Man verweist übrigens auch auf die Online-Seiten der AZ, wo angeblich die Leser im Forum diskutieren. Ein Euphemismus.
AZ-Bashing? Nein, keineswegs. Man muss der AZ zugute halten, zumindest über das Thema “Kommunikation mit dem Leser” mal nachgedacht, es wenigstens versucht zu haben.
Die meisten anderen tun nicht mal das.
Oh Welke…
Die BR-Übertragung von Bayern-Milan – wie immer sehr amüsant.
Man weiß das umso mehr zu schätzen, wenn man sich nach dem Spiel die Interviews von Oliver Welke auf SAT1 anschauen muss.
Welke: Michael Ballack, gegen den Gattuso zu spielen war ja kein Vergnügen. Freuen Sie sich schon aufs Rückspiel?
Ballack: Äh…das ist Gattuso gar nicht dabei.
Welke: Hä?
Ballack: Da ist der gesperrt. Zweite gelbe Karte.
Welke: Achsoja…ja, und wie war das heute gegen Gattuso?
Ballack: Naja, ich bin ja nicht so oft mit ihm zusammengekommen.
Welke: Hä?
Ballack: Das war nicht mein Gegenspieler. Mein Gegenspieler war ein anderer.