Archive for Mai, 2006
Klinsi
Aus der Serie “Tägliche Beobachtungen bei YouTube”: Gestern abend beim Länderspiel hat Klinsmann aus Versehen irgendeine Werbebande abgerissen. Danach hat er verlegen damit rumgespielt und sie zur Seite gelegt.
Das war so gegen 22 Uhr. Heute Nacht um 1.30 Uhr war die Szene bei “YouTube”.
Natürlich hat diese Szene null Relevanz. Aber eines zeigt sich überdeutlich: Die Leute machen sich ihr eigenes Programm. Die Debatten laufen bei YouToube. Das ist sexy. Fernsehen ist unsexy.
Der Satz des Tages
“Wir schaffen den Journalismus ab”, habe ich heute jemanden in unseren Hallen sagen hören. Ich mag den Satz.
Schumi bei YouTube
Noch ein Beleg dafür, wie sehr, wie schnell und wie selbstverständlich sich bewegtes Bild vom klassischen TV weg bewegt: Bei YouTube haben bereits etliche User Bilder vom Fomel1-Rennen in Monaco hochgeladen und diskutieren angesichts der Schnipsel jetzt heftig, ob Schumi da nun einen Cheat begangen hat oder nicht.
Merkwürdig: Das könnte/müsste doch eigentlich bei RTL auf deren Site passieren. Aber wie man sieht: Was der Markt nicht bekommt, nimmt er sich. Die Möglichkeiten dazu hat er jetzt.
Klassenkampf
Natürlich müssen das wirklich harte Tage für die “Berliner Zeitung” gewesen sein. Ein neuer Eigentümer, ein Chefredakteur, der sich verabschiedet und ein neuer, ungebliebter Chefredakteur, der bisher eher durch Aktivitäten im Boulevard auffällig wurde anstatt durch Journalismus bei Qualitätsblättern. Und ein solches will die “Berliner Zeitung” ja sein.
Was ich aber bei alledem nicht verstehe, sind die Klassenkampf-Argumente aus den 70ern, mit denen die Redaktion argumentiert. Der neue Chef erwartet Rendite? So what…entweder du wirst als Journalist ein öffentlich-rechtlicher Rundfunker oder aber du musst dich mit dem Thema Rendite auseinandersetzen. Die Frage mag berechtigt sein, mit welchen Mitteln diese Rendite zu erreichen sei. Aber Sätze wie der, dass man eine Renditevorgabe “nicht kenne und nicht wolle” zeugen von herzerweichender Naivität. Vermutlich sind das dann auch die selben Leute, die bei Stellenkürzungen wegen mangelnder Rentabilität sofort auf die Straße gehen und Mahnwachen halten. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum Rendite etwas Negatives sein soll. Es gibt genügend Beispiele, wo wunderbare, anspruchsvolle Medienprojekte auch ebensolche Renditen abwerfen. Das schließt sich keineswegs aus.
Und manchmal muss man über Bitteres auch nachdenken dürfen. Ich kann nichts Ketzerisches daran entdecken, wenn jemand die Zahl von 12 Planstellen (!) im Feuilleton zumindest zur Disposition stellt, wenn gleichzeitig im Vermischten eineinhalb Leute ihr Dasein fristen. Deswegen wird aus der Zeitung noch lange keine “Bild”. Und beim Thema Feuilleton denke ich in letzter Zeit mit großer Vorliebe an die Ergebnisse des Reader Scan, wo diese Seiten auf null Prozent Quote kamen. (Jaaahaaa….liebe Feuilletonisten….ist ja gut, nicht aufregen, niemand nimmt euch euer Spielzeug weg.)
Was mich zu dem Gedanken bringt, dass Digitalisierung auch analoge Medien unter Zugzwang setzt. Wenn ich heute schon einzelne Videos nach Schlagworten absuchen kann, wenn ich Programme ganz nach meine Gusto erstelle, wenn in der Konsequenz zu Ende gedacht nur noch zählt, was ich will, was mich interessiert, dann kann ich mich als Journalist, der seine Arbeit halbwegs ernst nimmt, der Diskussion darüber, welche Inhalte das Publikum überhaupt will und wahrnimmt, nicht verschließen.
Und das hat dann wirklich gar nichts mit Kommerzailisierung zu tun. Nur mit Berufsauffassung.
PS: War ja klar: Der DJV ist den kämpfenden Kollegen bereits beigesprungen. Manche Reflexe funktionieren wirklich sehr zuverlässig.
Geld für Blogs
Natürlich ist es eine Ausnahme – aber dass das Bildblog jetzt richtig professionell vermarktet wird, zeigt zum einen, dass man mit Blogs eben doch Geld verdienen kann, dass Blogs eben nicht die Klowände des Webs sind und dass letztendlich für den Erfolg, ob ökonomisch oder idealistisch, nur eines verantwortlich ist: dass die Inhalte stimmen. Ob Blog oder nicht Blog, who cares?
Radio, revisited
In den letzten Tagen und Wochen ausgesprochen viel mit diversen Autos unterwegs gewesen und deswegen entgegen meiner Gewohnheiten viel Radio gehört.
Meine Güte. Was für eine trostlose Veranstaltung. Innerhalb von zwei Tagen siebzehnmal die gleichen Lieder gehört. Rotation? Minimal. Die Moderatoren austauschbar und in den meisten Fällen geistreich wie ein Gartenstuhl. Die Gags, so unfassbar platt. Und überhaupt: Muss Radio immer mit aller Gewalt LUSTIG sein?
Ein Zwischendrin gibt´s merkwürdigerweise trotz der unzählig vielen Sender so gut wie gar nicht. Entweder gemütsterrorisierendes Formatradio oder Wortradio für Oberstudienräte. Wehe dir, du verlässt das Sendegebiet von FM4. Keine wirklich neuen Feststellungen, ich weiß. Aber nach längerer Radioabstinenz ist man dann doch wieder erstaunt, was den ganzen Tag den Äther so verstopft. Und auch kein deutsches Problem, wirklich nicht: Ein paar Ausflüge ins Ausland in den letzten Wochen haben mich zu der Feststellung gebracht, dass die Pest globalisiert ist.
Und der nächste Sender, der mich mit einem Jingle “Das Beste der 80, der 90 er und die Hits von heute” quält, bekommt ne Bombe aufs Headquarter geworfen.
Echt wahr.
Current TV
Zugegeben: Ich konnte nicht sehr viel damit anfangen, als der Erfinder des Internet, Al “Ich-ziehe-meinen-Glückwunsch-wieder-zurück” Gore ankündigte, nach dem Netz jetzt auch das Fernsehen neu zu erfinden. Shame on me: Inzwischen halte ich Current TV für eine der spannendsten und gelungensten Projekte der letzten Jahre. Trauen muss man sich können – und Trends muss man erkennen. Schaffen unter unseren Fernsehmachern leider nur wenige. Die denken immer noch in Programmschemata und Werbeblöcken. Und wenn sie ganz besonders innovativ sind, nehmen sie ein paar Gewinnspiele aus dem Neun-Live-Programm und plärren damit den Sender voll.
Mäxchen…
…schläft immer noch und das finde ich inzwischen schon wieder fast komisch-lustig.
Total TV
“Innerhalb weniger Jahre wird die alte Fernsehwelt einem Total-TV weichen. Neben der Telekom drängen Dutzende von Unternehmen in den Markt, von Mobilfunkanbietern bis zu Internet-Start-ups. Ausgelöst wird dieser Wandel durch eine technische Zeitenwende: den Durchbruch der Digitalisierung. Sie ermöglicht die fast unbegrenzte Übertragung von bewegten Bildern über jedes Kommunikationsnetz. Die Grenzen zwischen bisher getrennten Märkten verschwinden.”
Die Zeit über einen Markt, in dem nichts mehr ist, wie es scheint.
Lokalchef der Zukunft
Kann mich noch gut erinnern, wie vor 15 Jahren Stellenbeschreibungen eines Lokalchefs einer Tageszeitung aussahen. Dass er sich mit der Region irgendwie verwurzelt fühlen müsse, dass er schreiben können soll und Mitarbeiter anleiten soll und dass er einen irgendwie kuscheligen Wohlfühl-Lokalteil zusammenschreiben soll. Dass er trinkfest sein soll, stand zwar nicht dabei, wurde aber irgendwie auch erwartet.
Heute beim Scannen die Stellenanzeige der Münsterschen Zeitung gefunden, deren künftiger Lokalchef auch noch folgendes können/haben soll: Internet-Kenntnisse, multimediale Fähigkeiten (O-Ton).
Da mag mancher Digital-Verweigerer aufjaulen, aber das ist die Realität 2006: Sogar im Lokalen wird jetzt gefragt, wie du es mit der Digitalisierung hältst. Es gibt so manchen 25-Jährigen, den ich in jüngster Vergangenheit kennengelernt habe, dem ich das gerne um die Ohren hauen würde.
Außerdem, und da wird´s dann wieder ulkig, suchen sie in Münster einen Lokalchef, der “Mut zu fortschrittlichem Layout” hat. Wer formuliert eigentlich derart drollige Stellenanzeigen?