Archive for Mai, 2006
Ich mag gerade meine Kollegen nicht
Seit einer ganzen Zeit geht das jetzt so: Aufschrei über die Attacken des BND auf unsere Pressefreiheit, auf uns Journalisten. “Die hässliche Fratze des BND”, schreibt der Spiegel beispielsweise, der Tenor bei den anderen ist ähnlich. Die Kanzlerin schreitet ganz aufgeregt ein und jeder, der sein Gesicht abends gerne in der Tagesschau sehen würde, beeilt sich zu versichern, dass das ganz bestimmt nicht gut ist und nie wieder vorkommen darf.
Gut so. Der nächste Kommentar des DJV im Journalist ist sicher in Vorbereitung. Ich ahne, was drin stehen wird.
Und danach, wenn wir uns alle entrüstet haben, würd´ich gerne eine andere Debatte hören. Nämlich über unseren Berufsstand. Wie verlottert er eigentlich sein muss, wenn es offensichtlich gar kein großes Problem ist, Journalisten zu Spitzeln zu machen. Und wie groß der daraus resultierende Schaden für die ganze Branche ist.
Ich wiederhole mich, ich weiß – aber ich bleibe dabei: Wenn es nicht den Markt, den Bedarf dafür gäbe, dann wären alle Graswurzelaktivitäten, Blogs, Citizen Media-Geschichten et al hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. Ich weiß nicht, wie viele Gründe es für diesen Markt und diesen Bedarf gibt. Was ich aber weiß: Arroganz, Ignoranz, Null-Kommunikation mit dem Publikum und Sich-Gemein-Machen mit Geheimdiensten von Journalisten gehören sicher dazu.
Oh my Lordi!
Wenn seriöse Nachrichtenangebote sich zwei Tage das Hirn zermatern und tiefschürfende Geschichtlein schreiben (“Der Hardrock ist im Mainstream angekomen”), nur weil ein paar Klamaukfiguren in Athen eine belanglose Persiflage auf Rock´n´Roll abgeliefert und dieserhalb den Songcontest gewonnen haben – dann sind das die Tage, an denen ich ernsthaft am Zustand unseres Journalismus und seiner Epigonen zweifle.
Noch ne Debatte
Das Schöne an Blogs ist, dass man jederzeit alles publizieren kann, was man so möchte. Selbst dann, wenn man eine Geschichte in einem anderen Blog kommentieren möchte und die Kommentarfunktion gerade geschlossen ist. Bei Notebook Onlinejournalismus entspinnt sich jedenfalls gerade mal wieder eine neue Debatte rund um das Thema Blogs vs.klassischer Journalismus, die eigentlich zum Gähnen wäre, würde sie nicht zeigen, dass etablierte Journalisten das Thema Blogs anscheinend immer noch nicht verstanden haben. Was man ganz wunderbar ja auch an den unzähligen missratenen “Redaktionsblogs” sieht.
Folgendes wollte ich jedenfalls als Kommentar zu dieser Debatte im NOJ loswerden:
Du liebe Zeit, wenn ich etwas nicht mehr hören kann, dann das Genöle des klassischen Journalisten über Blogs. Was soll der Mist eigentlich? Die Leute haben ein günstiges und einfaches Mittel an die Hand bekommen, um selbst zu publizieren und zu produzieren. Und, what´s the problem?
Im Übrigen: Meine Wahrnehmung über den Zustand des klassischen Journalismus ist leider ziemlich exakt die, die Fabian geschildert hat. Ziemlich verlottert, das. Wäre der Zustand des Journalismus besser, gäbe es für alternative Formen des Publizierens gar keinen so großen Markt, keinen so großen Bedarf.
Und apropos Bedarf: Ich habe mit großem Interesse Ergebnisse gelesen, die der Reader Scan bei einigen deutschen Tageszeitungen hevorgebracht hat. Man kann vielleicht über die Methodik von Reader Scan streiten, aben wenn es reihenweise Seiten gibt, die eine Lesequote von 0,0 Prozent aufweisen, dann steht doch zuminest eines fest: dass Journalisten über Jahrzehnte konsequenterweise an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigearbeitet haben.
Darüber würde ich mir ein paar warme Gedanken machen. Und nicht darüber, was Blogs alles anrichten.
UMTS im Praxistest
Das Thema UMTS hatte ich, offen gesagt, für ziemlich tot gehalten. Aufgrund Dauerfliegerei im Moment dann jetzt erste wirklich relevante Praxistests mit Karten und Handys. Subjektive Feststellungen: Karte ist interessant, weil man irgendeinen Connect immer hat, selbst im Zug nach Niederbayern, wo WLAN eher exotisch ist. Mit dem GPRS-Connect, der angewählt wird, wo es kein UMTS gibt, kann man zwar nicht mehr wirklich arbeiten, aber man hat zumindest eine Online-Notversorgung (so weit ist das jetzt schon, dass ich eine Online-Notversorgung als echtes Kriterium betrachte, holy shit). Handy: nett, aber absolutes nice-to-have. Lustig, wenn man den eigenen Sender als Handystream sieht und feststellt, dass die Qualität ganz beachtlich ist, wenn man das entsprechende Netz hat. Und für Vielreisende wärs ja eine schöne Sache, wenn ich die Fußball-WM wenigstens partiell so sehen könnte. Auch das: eine Notversorgung. Aber eben auch ein Ding, das mich von dem großen Kasten in der Eichenvitrine unabhängiger macht.
Gebloggt am Flughafen Köln/Bonn, Gate B 60, LH-Flug 1287. Schon schön, so eine drahtlose Unabhängigkeit.
European Newspaper Conference
Zwei Tage Wien, zwei Tage die Großen und Mittelgroßen und vor allem die Internationalen des Zeitungsgeschäfts auf einem Haufen. Zwei Tage Debatten, die sich früher darin erschöpften, ob als Spaltenbreite 43 mm ausreichend seien oder ob es doch lieber 45 mm sein sollen. Und die ansonsten im Applaus endeten für die, die Wettbewerbe im Stil von “Das schönste Leserfoto” machten.
Inzwischen merkt die Branche unterschwellig, dass es ihr langsam an den Kragen geht und dass man eben mit ein paar kosmetischen Retuschen nicht mehr weiterkommt. Weswegen auf einmal ziemlich viel die Rede davon ist, wie man die Leser an das auf einmal so erstaunlich unsexy wirkende Medium Tageszeitung binden kann. Sehen wir also mal ab vom Dickschiff Zeit, für dass Herr di Lorenzo verkünden konnte, sein Leser lechze förmlich nach einem 800-Zeiler, stehen die Chefredakteure und Geschäftsführer vor ein paar einfachen Fragen: Wie ersetzen wir die abfließenden Rubrikenanzeigen? Wie werden wir inhaltlich wieder relevanter? Und, das vor allem: Wir erreichen wir wieder eine jüngere Zielgruppe, wie stillen wir deren Bedürfnisse nach schneller, digitaler Information?
Erkenntnis 1: Über eine wirklich stringente Strategie hinweg über viele Plattformen verfügt – fast niemand. Mal hier ein Aufflackern von User-Content, da ein bisschen Online-Strategien. Aber die zündende Idee – nicht dabei. Zumal das, was man stellenweise als gelungene Crossmedia-Idee präsentierte, so klang, als sei sie alles mögliche, nur nicht cool und an der Netzgemeinde orientiert. Der Rentner trägt plötzlich eine zerrissene Jeans. Deswegen ist aber immer noch ein Rentner. Leser können per SMS oder Internet Themenvorschläge melden, Nachrichten schicken, Fotos mailen. Schön – aber ist das schon alles?
Erkenntnis 2: Wenn es irgendwo Ansätze wirklicher Innovation und neuer Denkweise zu sehen gibt, dann an den Rändern. In Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen. Deutschland? Viel Leere.
Erkenntnis 3: Wenn man jemals fürs Fernsehen oder für Onlinemedien gearbeitet hat, findet man die Debatte bizarr, es gibt sie aber trotzdem: Nach dem Einsatz von Reader Scan fürchten die Printer jetzt den Siegeszug der “Quote”. Mag gut sein, dass diese Quoten jetzt eine verstärkte Rolle bei der Debatte über Inhalte spielen werden, aber angesichts der in Wien vorgelegten Ergebnisse muss das keine schlechte Idee sein. Es kann jedenfalls niemanden freuen, keinen Leser, keinen Redakteur, keinen Verleger, wenn das Blatt reihenweise Seiten im Blatt hat, deren Quote sehr regelmäßig und zuverlässig bei 0,0 Prozent (wiederhole: nullnull) liegt. Wer also hat etwas von einem Feuilleton, das niemand (und dieses niemand ist wörtlich zu nehmen) liest? Nebenbei bemerkt sind diese Erkenntnisse (Heimatsport liest in bisheriger Aufmachung übrigens auch keine alte Sau) ein schöner Beleg dafür, wie und warum Journalisten jahrzehntelang konsequent an ihren Lesern vorbei geschrieben haben und dabei auch noch die Grundhaltung verinnerlichten, man könne ja nix dafür, wenn der Leser zu dumm sei, um das zu kapieren. Man ist jedenfalls schon gespannt, wie die nächsten Kommentare von Blätter aus Pforzheim und Osnabrück ausfallen, wenn man sich mal wieder dem Diktat der Quote beim deutschen Fernsehen widmet, wenn man selbst gerade erst schwarz auf weiß bestätigt bekommen hat, dass der gestrige Aufmacher zwar eine großartige Geschichte gewesen ist, ihn aber leider niemand richtig zur Kenntnis genommen hat.
Erkenntnis Nummer 4: Doch, eine Lokalzeitung kann auch richtig gut aussehen. In Deutschland eher selten, aber ein Blättchen wie der “Östersunds Posten” aus Schweden hat eine derart gut gemachte Aufmachung und eine so klare Leserführung, dass dem durchschnittlichen deutschen Tageszeitungsverleger angst und bange werden müsste. Allerdings: Das hat seinen Preis. Die in Wien anwesenden Kollegen aus Skandinavien arbeiteten zu einem beträchtlichen Teil mit Art-Direktoren. Es gäbe viele Blätter bei uns, denen eine solche Investition ziemlich gut täte.
IP-Bundesliga
Wenn´s stimmt, was Premiere gerade behauptet, dann zeigt das mal wieder, wie wenig selbst vermeintliche Top-Manager verstanden haben, was sich auf digitalen Plattformen so alles anstellen lässt. Jedenfalls geht Premiere inzwischen davon aus, dass die für IP-basierte Übertragungen gekaufte Fußball-Rechte auch terrestrisch etc. übertragen werden können. Das hieße in der Tat, dass die DFL in diesem Jahr die Bundesligarechte zweimal vergeben hat. Wird man zwar bei Arena nicht so witzig finden, aber für die Annahme von Premiere spricht einiges. Und, wichtigstes Indiz: Die Telekom hat Beckenbauer als Kommentator unter Vertrag genommen. Das wird man kaum für 39 Versprengte machen, die im Garten via WLAN Telekom-Buli am Laptop schauen.
Multimediahaus
Vor ein paar Jahren fanden es alle tres chic, sich als “Multimediahaus” zu bezeichnen. Danach war der Begriff erst einmal für ein paar Jahre ruiniert – und jetzt kommt er wieder. Zwar nicht exakt mit dem selben Vokalbular, immerhin aber mit strategischen Entscheidungen, die de facto genau darauf rauslaufen:
Die Online-Angebote “sueddeutsche.de” und “sz-mediathek.de” sollen stärker verbunden werden, es soll künftig noch aktueller zugehen und (GF) Lutz will mit Internet-Fernsehen experimentieren. (aus: kress.de)
Web 2.0 = Web 1.0
Beim Thema Web 2.0 zucke ich in letzter Zeit immer öfter zusammen. Weil ich den Eindruck gewinne, als würde sich um dieses Thema ein ähnlicher Unsinns-Hype aufbauen und die selben Kolonien und Kategorien von Leuten anlocken, die schon Web 1.0 ruiniert haben. Die Tonality, die auf den inzwischen anscheinend wieder sehr populären Konferenzen angeschlagen wird, und vor allem die Leute, die dort auftauchen, erinnern mich jedenfalls wieder verdammt an 99/2000.
Und wenn ich dann die Uhrenbacher-Aussagen bei dieser Konferenz so lese, dann fühle ich mich endgültig in diese unsäglichen Tage zurück versetzt. Motto: Wir haben was Neues, wir wissen noch nicht, wie es funktioniert, aber es wird the next big thing.
Ich weiß immer noch nicht so ganz, wo der Unterschied des von Uhrenbacher und anderen Epigonen propagierten 2.0 zu 1.0 liegt. Um genauer zu sein: Auf die Fragen, die bei 1.0 schon unbeantwortet blieben, werden auch bei 2.0 nur neue Fragen gestellt. Keine Antworten, oder zumindest keine wirklich zufrieden stellenden. Man könnte in dem Zusammenhagn auch wunderbar bösartig sein und als Paralelle zu diesem Thema entdecken, dass auch Kamerad Maxdome schon wieder ne ganze Zeit angekündigt ist, de facto bis heute aber nix anderes als ein schicker Trailer ist.
Nix gegen Web 2.0 – und ich bin wirklich der allerletzte, der den digitalen Umbruch negieren würde. Ich hätte es nur gerne etwas differenzierter.
Und ich kriege heute noch Bauchschmerzen, wenn ich an etliche Gestalten aus der seligen NE denke.
Das hat man dann davon…
…wenn man als Tageszeitung meint, man könne einfach das CMS mal machen lassen und dann bekommt man schon irgendein Online-Angebot. Und wenn man seinen Print-Redakteuren nicht sagt, dass ein CMS nicht denkt, sondern einfach macht:
KURZ GEMELDET Foto von Kümpfbeck fehlt noch!!! Er kann es erst am Dienstag liefern
(aus pnp.de)
Seite 1
Seit ich wieder ziemlich viel unterwegs bin, zu Lande und in der Luft, haben Zeitungen für mich wieder eine neue Dimension gewonnen. WLAN ist was wunderbares, aber im Flugzeug? Oder in der S-Bahn? Zum schnellen Rausholen und ebenso schnellen Zusammenfalten ist die Zeitung dem Laptop dann doch überlegen und am Handy oder PDA Nachrichten lesen, dafür bin ich dann vielleicht doch zu konservativ und zu zeitungsaffin.
Was mich seitdem aber immer wieder wundert und gleichermaßen auch an meinen Nerven zerrt: Warum nur meint der Großteil der Blätter eigentlich immer noch, eine gute “Eins” bestehe aus Geschichten und Themen, die ich schon lange kenne? Da herrscht anscheinend immer noch das Verständnis vor, eine Titelseite einer Tageszeitung müsse in etwa so was sein wie die gedruckte Version der Tagesschau vom Tag zuvor. Komische Idee in Zeiten, in denen das Nachrichtengeschäft von elektronischen Medien schneller, zuverlässiger und an (fast) jedem Ort der Welt erledigt wird. Mit dem Ergebnis, dass die “Eins” der meisten Tageszeitungen die Seite ist, die ich am schnellsten überblättere. Sogar bei der SZ, auch wenn die inzwischen zunehmend mehr Erklär- und Hintergrundstücke draufnimmt: Streiflicht lesen, Aufmacher wegblättern, das Blatt beginnt auf den Seiten drei und vier.
Niemand macht der Zeitung einen Vorwurf aus ihrer technischer Unterlegenheit. Aber das man ausgerechnet auf einem Feld zu punkten versucht, auf dem der Konkurrent einen uneinholbaren Vorsprung hat, lässt bei mir manchmal den Gedanken keimen, es würde den meisten Blättern ganz gut tun, in ihren Chefredaktionen für ein wenig frisches Blut zu sorgen.