Archive for Juni, 2006
WAZ – jetzt auch live
Wie originell – die WAZ startet ein Portal namens WAZ live. WAZ live, tz live, Focus live, haben die eigentlich alle die gleichen Berater im Haus?
Davon abgesehen, der Trend ist natürlich klar. Ob es reicht, einfach nur ein Portal hinzustellen und darauf zu warten, dass der wunderbare Content quasi wie von selbst einfließt, bezweifle ich. Es klingt vielleicht absurd, aber gerade Konzepte, die auf usergenerierte Inhalte abzielen, brauchen eine besondere redaktionelle Idee – und auch die entsprechende Betreuung.
Reden wir doch in einem halben Jahr noch mal drüber.
Citizen Hype
Auch die gute, alte WAZ startet jetzt ein Projekt, das mit Ciztizen Media betitelt werden kann. Man will Print und Online enger verzahnen, Fotos und Material bringen, für das in den beengten Verhältnissen einer Printausgabe kein Platz ist und mal will mit einer mobilen Redaktion wieder näher ran an die Leser. Im übrigen würde ich das alles gar nicht mal zwingend Citizen Media nennen – reden wir von Dialogjournalismus, das trifft es besser.
Abgesehen davon, dass ich von Haus aus skeptisch bin, wenn die gescheiterten New-Economy-Hauptdarsteller plötzlich erstaunliche auf Web 2.0 basierende Geschäftsmodelle entwickeln, eines ist grundsätzlich positiv: dass etablierte Medien plötzlich ihre Leser, Hörer und Zuschauer wiederentdecken.
Und Geschichte wiederholt sich doch
Eigentlich ist das ja fast schon spaßig: Während in diesen Tagen der Web2.0-Hype gerade auf Höchsttemperaturen kocht, während Veranstaltungen mit solchen mörderischen Titeln wie “forward2business” stattfinden (Hallo? 1999?), währenddessen also kommen die ersten ins Nachdenken: Gibt´s dafür überhaupt ein tragfähiges Geschäftsmodell? Braucht und will das alles überhaupt jemand? Und kommt jetzt eine Marktbereinigung? (in dem Zusammenhang, guten Morgen, Spiegel online).
Vor allem: Ist das alles wirklich neu? Bei manchen als CitizenJournalism hochgejazzten Veranstaltungen handelt es sich ja in Wirklichkeit um nichts anderes als den guten alten Fotowettbewerb, den Zeitungen schon vor hundert Jahren veranstaltet haben. Nur, dass man jetzt keine Abzüge mehr einschickt, sondern den digitalen Upload praktiziert.
Stichwort Marktbereinigung: Das ist aber mal ganz was neues, wenn jetzt die ersten Schlaumeier (und auch heute gilt: no names) so innovative Modelle entwickeln wie das des “premium content”, für den User zahlen müsse, wenn er zunächst durch free content quasi angefixt wurde. Uiii…da schau ich doch gleich mal auf der Festplatte meines Laptops aus New-Economy-Zeiten nach, da finden sich noch unzählige solcher Modelle, die man mir damals als Vorschlag für eine vernünftige Kooperation zugemailt hat. Dass man sieben Jahre allen Erntes den selben Blödsinn wieder aus der Tasche zieht, finde ich schon erstaunlich.
Man wird also 2007 leider Gottes ein paar Deja-vu-Erlebnisse haben. Dazu gehören dann auch zugesperrte Web2.0-Klitschen. Und ein paar Arbeitslose, die in diesem Jahr noch Forward2Business-Laienprediger waren.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich glaube sehr wohl an einen rasanten Wandel in der Medienwelt. Ich glaube auch daran, dass dieser Wandel ganz enorme Chancen bietet. Dass sich Journalismus und Mediennutzung ändern werden und letztendlich auch die Journalisten.
Nur an Konzepte, die schon 1999 krachend gegen die Wand gefahren sind – an die glaube ich nicht mehr.
Web First
Der Chefredakteur des “Guardian”, Alan Rusbridger, über den radikalen Kurswechsel seiner Zeitung – seit rund zwei Wochen erscheint dort jede Geschichte erst im Netz, dann in der Zeitungen. Die allermeisten machen es ja bekanntlich noch umgekehrt und in Deutschland, ich wette darauf, kollabiert angesichts dieser Idee nahezu jeder Verleger und Chefredakteur. Deren Kernargument: Man kannibalisiere damit die Zeitung.
Dabei ist die Guardian-Strategie so einfach, so nachvollziehbar. Ein Produkt, dass in dieser Form einfach nicht mehr überlebensfähig ist, kann man nicht am Leben erhalten indem man sich den Tatsachen verschließt. Dazu gehört auch diese merkwürdige Debatte, nach der man jetzt eine Zeitung weiterhin optisch Zeitung lassen will, sie dafür aber statt auf Papier auf einem Display abbildet.
Tatsache ist: Man kann gedruckt keinem Wettbewerb im News-Business mehr stand halten. Man muss sich also entweder auf andere Inhalte kaprizieren oder aber man verfolgt den davon rasenden Porsche ebenfalls mit einem Porsche. Aber nicht mit einem Ford Fiesta.
Was Leute wollen könnten
Erste Zwischenerkentnisse nach den ersten CitizenMedia- und Crossmedia-Projekten der letzten Monate: Wir reden immer noch von einer kleinen Avantgarde. Manchmal schadet es nicht, sich solche Kleinigkeiten vor Augen zu führen – und sich mal wieder etwas zu erden. Diejenigen, die solche Dinge nutzen, die tun es gerne, intensiv, durchaus engagiert. Aber es ist eben immer noch eine verschwindende Minderheit (was mich nicht abhält zu glauben, dass wir mit solchen Projekten auf einem richtigen Weg sind). Der abgenudelte Begrif von Klein-Bloggersdorf ist alleine deswegen schon richtig, weil “Klein” davor steht. Allen beeindruckenden Zahlen zum Trotz.
Man muss, dies als zweite Erkenntnis, als Redaktion eine Menge eigener Power in solche Projekte stecken. Ganz egal, ob man das als TV-Sender oder Lokalzeitung betreibt. Den Leuten nur eine leere Hülle hinzustellen, das funktioniert nicht. Erstens können sie so etwas an jeder Straßenecke bekommen, zweitens geht der Dialog mit Zuschauern und Lesern verloren. Woraus man leicht schlussfolgern kann, dass es für Medien insbesondere um letzteres geht – um den Dialog. Irgendwelche Web 2.0-Nummern zu machen, das ist witzlos und langweilig. Die Epigonen (no names, please, aber der eine oder andere Leser weiß, wen ich meine), die sich jetzt wieder auf solche Tools stürzen, ohne eine Idee zu haben, für was das gut sein soll, werden sich demnächst wieder böse umsehen.
Drittens: Die Überhitzung wird sich wieder legen. Danach sehen wir klarer. Momentan kann man ja leider keine einzige vernünftige Debatte über multimediale Zukunftsausichten führen, ohne dass nicht ein paar Leute angelesene buzz words in die Runde werfen. Zukunft heißt nicht: wahllos 27 Blogs gründen und eine Fotocommunity für den Hochsauerlandkreis aufbauen.
Viertens: Wo mein ultimativer Lösungsvorschlag bleibt? Den gibts nicht. Versuchen, immer wieder versuchen. Die letzten Wochen im Feldversuch haben mir persönlich jedenfalls hundertmal mehr gebracht als alle schlauen Aufsätze.
Tote Bäume
Jetzt sollen es also Displays aller Art irgendwie richten. Glaubt man den Debatten der Fachleute, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass Zeitungen keine Zeitungen (auf Papier) mehr sind, sondern auf Bildschirmen dargestellt werden. Siehst zwar dann immer noch aus wie ne Zeitung, ist aber keine mehr, zumindest keine nach unserem heutigen Verständnis.
Ich habe da meine Zweifel. Das Problem der Zeitungen ist nicht, dass sie auf Papier gedruckt sind. Ihr Poblem sind viel eher die Inhalte, die mangelnde Aktualität, ihr hoher Preis und ihr verstaubtes, unflexibles und aus Kundensicht letztendlich unlukratives Geschäftsmodell. Nebenbei: Wenn sich CAP (cost per action) durchsetzt, dann gibt es noch ein paar Argumente weniger für die Anzeigenannahmen dieser Welt. Flexible, kostengünstige, erfolgsoriente Modelle vs. hohe Kosten für die Tatsache, dass man eine Werbung abdruckt – man kann sich ausrechnen, wer die Oberhand behält.
Aber noch mehr: Warum soll ich auf einem elektronischen Medium eine Zeitung lesen, die sich dann doch nicht bewegt? Wenn schon elektronisch-digitale Inhalte, dann doch bitte auch aktuelle. Und das wiederum gibt es heute schon in ausreichender Menge. Wie also soll sich eine Zeitung aus der Krise rettet, wenn sie letztendlich etwas tut, was es seit vielen Jahren schon gibt, nämlich digitales Publizieren?
Insofern glaube ich immer noch und in letzter Zeit vermehrt an eine multimediale Markenstrategie, die die Stärken eines Medienunternehmens sinnig vernetzt. Eine Zeitung statt auf Papier im Display zu lesen – das klingt nicht gerade nach einer Überlebensstrategie.
Breitband
Dass ausgerechnet MTV mit “Overdrive” im Juli ein eigenes Breitbandportal ins Netz bringen will, ist keine wirkliche Überraschung. Das richtige Publikum resp. Zielgruppe – und Musikvideos et al sind vermutlich auch exakt der stuff, den man als VoD gerne nutzen will. Und es werden mehr und mehr von diesen Breitbandportalen, vermutlich ist es demnächst irgendwann einfacher aufzuzählen, wer keines hat.
Wer keines hat? Da fällt mir schon der erste Kandidat ein für diesen Ehrentitel, aber das wär jetzt gemein. Wirklich gemein.
Puffreis oder: Der Fischer und seine Frau
Ich verstehe von Boulevard-Journalismus so gut wie nichts. Nicht, dass ich ihn nicht akzeptieren würde, aber ich kapiere seine Grundregeln nicht.
Vielleicht muss mir deswegen ja irgendeiner erklären, welches merkwürdige Spiel Ottfried “Ja-ich-war-auch-schon-im-Puff” Fischer und die “Bild” momentan spielen…
Spiegel
Zweimal in den letzten Tagen mit Produkten aus dem Hause “Spiegel” in Berührung gekommen. Produkt eins: XXP. Da freut man sich dann doch, dass solches hochwertiges und hochglänzendes Fernsehen auch eine echte ökonomische Chance hat. Klar könnte man spötteln, dass XXP die 137. Aufbereitung von bisher wirklich noch nie aufgetauchten Farbbildern von Hitlers geheimer Hundehalsbandsammlung macht oder Historiker auf ihren Forschungen auf den Schlachtfeldern dieser Welt begleitet – aber alles in allem ist XXP sehr gut gemachtes Reporterfernsehen, ohne falsche Betroffenheiten, ohne Anbiederungen an den Zeitgeist und gleichzeitig ohne den Habitus des Oberstudienratsfernsehens. Herr Aust sieht allerdings mit aufgekrempelten Hemdsärmeln deutlich cooler aus als im brauen Sakko.
Produkt Nummer 2: der gedruckte Spiegel. Und bei dem frage ich mehr und mehr, warum er erstens zunehmend zu einem neoliberalen Blättchen für das interessierte JuLi-Mitglied wird und warum er zweitens in seinen Titelgeschichten an Irrelevanz nicht mal mehr vom Focus zu übertreffen ist. Wie man aus einer Vorrundenwoche Fußball-WM jedenfalls sofort die Geschichte stricken kann, man befinde sich in Deutschland jetzt in einem Zustand des positiven, ausgelassen Patriotismus, ist mir schleierhaft. Der Redaktion täte ein wenig Blutauffrischung gut, dann würde sie möglicherweise lebensechter an solche Themen rangehen. Die Leute feiern Party. Vier Woche lang. Sie freuen sich über ein großes Event, schwenken ein paar Flaggen, tauschen Trikots. Dann fahren große, blonde, blauäugige Männer in Costa-Rica-Trikots nachhause und kleine, dunkelhäutige Frauen im Deutschland-Dress. Mit Patriotismus hat das null zu tun.
Als Kirchentag war, haben die Leute Vatikan-Fähnchen geschwenkt, ohne dass sie auf einmal alle stockkatholisch wurden. Und wenn Benedikt demnächst wieder kommt, werden die Leute wieder ein Event draus machen. Katholischer sind sie deswegen auch nicht. Insofern: ein ziemlich substanzloser Titel, wie leider des öfteren in der letzten Zeit.
Und das Titelbild sah aus, als wenn der Praktikant der Apotheken-Umschau das erste Mal mit dem Photoshop vom Spiegel hätte spielen dürfen.
TZ Live
Zugegeben: Ich hätte von einigen erwartet, in diese Richtung zu gehen, nicht zwingend aber von der tz in München. Deren bisherige Online-Aktivitäten waren zumindest nicht dazu angetan, so etwas zu glauben. Jetzt aber hat die Zeitung TZ Live gestartet, ein Versuch, Leser ans Blatt zu binden, ihnen eine Teilhabe zu gewähren, kurz gesagt: sie auf Augenhöhe zu lassen.
Die Idee ist also gut, das Konzept auch – trotzdem meine Prophezeiung: Das wird nicht funktionieren. Aus ganz einfachen Gründen. Erstens ist die Umsetzung optisch und technisch suboptimal und auch inhaltlich kann man da schon ein wenig klagen (Abgehangene Promo-Videos, die schon tausendmal im Kino liefen, gehören da nicht rein). Ein paar Euro für einen guten Designer wären ebenfalls gut investiert gewesen und ne Webcam aus der Redaktionskonferenz, deren Bild sich alle zehn Sekunden erneuert, stammt ideenmäßig auch aus den späten Neunzigern.
Ausschlaggebend ist aber anderes: Ich kenne kein einziges Citizen-Media-Projekt in Deutschland (meine eigenen eingeschlossen), die ohne massive Anschubhilfe der Redaktion funktionieren. Was ja auch verständlich ist: Jahrelang musste ein Leser dankbar sein, wenn er einen Fünfzeiler als Leserbrief unterbrachte…und jetzt soll er quasi umfangreiche Rechte als Blattmacher und Reporter bekommen? Außerdem, in ein Gästebuch schreibt man auch lieber rein, wenn schon was drin steht. Wer will schon den Anfang machen?
Das bitte bedenken, ehe man bei einem möglichen Scheitern des Projekts wieder darüber lamentiert, Online und Citizen Media funktionierten irgendwie nicht richtig.