Archive for Juli, 2006
Und außerdem…
…fält mir gerade eben noch ein, dass derzeit allen Ernstes in den Medienhäusern dieses Landes Schlaumeier unterwegs sind, die Citizen Media fleißig propagieren und dabei gleichzeitig rechnen: Wenn ich mehr Inhalte von den Leuten draußen bekomme, kann ich mir Teile meines professionellen Personals sparen, günstiger produzieren und also einen ökonmisch guten Schnitt dabei machen.
Erstaunlich, dass es immer noch Leute gibt, die journalistische Inhalte und journalistischen Output sozusagen für eine mathematisch berechenbare Menge halten. Das sind übrigens dann auch die, die meinen, man könne Fotografen sukzessive ersetzen, weil man aus Bewegtbildmaterial ohne weiteres Stills ziehen könne.
Grundsätzlich festgehalten: Ich bekenne mich zu jeder technischen Innovation. Ich kann mich gelegentlich dafür sogar begeistern. Solange Technik Mittel zum Zweck ist. Mehr wird sie im Journalismus nie sein können; allen Synergieschwätzern zum Trotz.
Tour de Trance
Die 17. Etappe der Tour de France von Saint-Jean-de-Maurienne nach Morzine gewann der Amerikaner Floyd Landis (Phonak) mit 5:43 Minuten vor dem Spanier Carlos Sastre (CSC). Damit ist der Kampf um das Gelbe Trikot wieder eröffnet. Andreas Klöden (T-Mobile) und Oscar Pereiro Caisse d’Epargne-Illes Baleares bleiben ebenfalls noch im Rennen.
Ja, in der Tat. Spannend. Blöd nur, dass diese Meldung jetzt, am Samstag nachmittag da prangt, ungerührt seit zwei Tagen schon, und dass inzwischen auch radsportuninteressierte Mitmenschen wissen, dass Landis die Tour wohl gewinnen wird. Weil inzwischen nämlich schon zwei Tage vergangen sind und mithin das, was die Readers Edition auf ihrer Startseite bejubelt, ein so was von alter Hut ist, dass es völlig irrelevant ist, ob wir es hier mit Citizien Media oder sonstwas zu tun haben.
Ganz banale Erkenntnis also nach ein paar Wochen dieses grundsätzlich spannenden Projekts: Erstmal kommt es immer noch auf den Inhalt an. Bei aller halbideologischen Begeisterung für dieses Projekt ist mein Lesespaß dann doch enorm getrübt, wenn man mir alte Kamellen vorsetzt.
Was mir noch wichtiger erscheint: Man wolle den Dingen die Draufsicht des Non-Profit-Journalisten verleihen, man wolle die konkreten Auswirkungen politischer Beschlüsse auf die Menschen von denjenigen schildern lassen, die es tatsächlich betrifft – und nicht von im Elfenbein kauernden Journalisten. Von diesem selbst formulierten Anspruch ist die RE aktuell weit weg, sehr weit sogar. Ziemlich oft liest man dort die klassischen Darstellungsformen des klassischen Journalismus, die man im Übrigen in diesem Zusammenhang wieder sehr zu schätzen lernt. Bis dahin ist das also eher langweilig. Wer jemals in einer Lokalredaktion einer Regionalzeitung gearbeitet hat, der weiß, wie es sich liest, wenn semiprofessionelle Berichterstatter zur Feder greifen. Das ist schon ganz ok, aber auf Dauer ersetzt der leidenschaftlich gerne schreibende Oberstudienrat dann eben doch nicht den Kister.
Aber keine Häme bitte, ich finde die Idee und den Mut für ein solches Projekt immer noch zu beachtlich, als dass ich den Stab drüber brechen würde, schon gar nicht nach so kurzer Zeit. Und als Journalist muss man der Netzeitung für dieses für jeden zu beobachtenden öffentlichen Feldversuch ja sehr dankbar sein. Man kann nur einige Schlüsse aus diesem Projekt ziehen – und einer davon heißt für mich: Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht. Als Feldstudie besuche ich die RE weiterhin jeden Tag; als User wäre ich vermutlich schon wieder ziemlich weit weg.
Nur mal angenommen…
…die unzähligen Regionalzeitungen dieses Landes würden ihren Leuten mal den vernünftigen Umgang mit einer Videokamera zeigen, würden sie mit solchen zu ihren Terminen schicken und ihre Onlineangebote dann mit halbwegs passablen Filmen bestücken? Wäre das nicht mal wirklich ein Asset für die Lokalen – und wäre dann, konsequent weitergedacht, lokales Fernsehen dann nicht endgültig tot?
Spontaner Gedanke, entstanden gestern bei einer interessanten Diskussion mit der 44 K der DJS. Sehr gute, engagierte, interessierte Klasse; das muss man hier, nach vielen Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit von Journalistenschülern, auch mal loswerden. Gestern die obligatorische Frage, wer sich eine Zukunft in den neuen Medien vorstellen kann. Erstaunliche Antwort: eigentlich alle; das hatte ich in dieser Form bei den DJS-Klassen noch nie.
Was allerdings nicht das Verdienst von mir und meiner Überzeugungskraft war, sondern dem Chefredakteur des Stern zu verdanken ist. Andreas Petzoldt war zwei Tage vor mir in der Klasse und machte dort klar, dass es in der Philosophie der Chefredaktion den “Stern” als reinen Print-Titel nicht mehr gibt und dass es ergo künftig irgendwann mal den reinen “Print-Redakteur” auch nicht mehr geben wird. Das hat gewirkt, anscheinend. Und auch wenn es ihm persönlich herzlich egal sein wird – allerbesten Dank dafür, dass Sie das Thema Multimedia aus der Schmuddelecke geholt haben. So viel kann ich in fünf Tagen gar nicht reden und bewirken, wie es der Chefredakteur des Stern mit wenigen Sätzen kann.
Nachtrag: Die Kollegen der Vorarlberger Nachrichten praktizieren diese Video-Sache schon ziemlich konsequent. Die “Kollision” (so nennen Österreicher Unfälle) in XY interessiert außerhalb von XY keinen Menschen mehr, aber die Leute in XY freuen sich natürlich ungemein, wenn sie sich die Kollision vor ihrer Haustür nochmal anschauen können. Inzwischen sind die Beiträge auch halbwegs professionell geschnitten und vertont.
Nachtrag 2: Bevor es Kommentare hagelt: Ich empfehle die Videos der Vorarlberger. Über das Seiten-Layout hüllen wir gnädig den Mantel des Schweigens.
Zug nach München…
…mir gegenüber ein älteres Ehepaar, glücklich in das Freisinger Tagblatt versunken. Ich habe währenddessen meinen Laptop auf den Knien, UMTS-Karte an, Handy und all das andere unvermeidliche Zeugs neben mir.
Sie lesen Nachrichten, die ungefähr 15 Stunden alt sind. Ich lese, was gerade jetzt los ist in der Welt.
Die Herrschaften neben mir werden vermutlich noch einige Zeit zeitungslesend im Zug sitzen. Ich habe gestern zum ersten Mal eine Mail bekommen, die jemand über dem Atlantik in einem Lufthansa-Jumbo abgeschickt hat.
Und so werden wir vermutlich noch lange zwei Parallelwelten haben – welche allerdings die Zukunft ist, ist klar.
Anti-Portale
Wenn man das Web – so wie der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe – darauf reduziert, dass sich dort Menschen ausziehen, entblößen, entblöden, dann darf man sich nicht wundern, dass die Distanz zwischen den klassischen Medien und all den Anti-Portalen, die quasi von ihren Nutzern programmiert werden, nicht kleiner wird. Ich bin kein Web 2.0-Epigone, aber so einfach darf und kann man sich das nicht machen.
Mir ist nicht ganz klar, wie viel Einfalt hinter den momentanen rfeichlich schlichten Umarmungsversuchen steckt. Der Imagetransfer funktioniert nicht – und die Leute, die sich von klassischen Medien und Marken verabschiedet haben, machen das nach meinem Empfinden ganz bewusst. Denen geht es nicht darum, ein Blog von einer bekannten Institution zu bekommen, denen geht es nicht darum, dass die Kanzlerin jetzt podcastet und WAZ-Bloggern ganz spontane (latürnich…) Interviews vor wackelnden Kameras gibt. Authenzität ist nicht käuflich und auch nicht transferierbar, eine Binse, die noch nicht in jedes Geschäftsführer-Hirn passt.
Ein Rentner in Jeans – ist immer noch ein Rentner.
Kinder-Nachrichten
Wenn ich bei einer Sache richtig ahnungslos bin, dann beim Thema Naher Osten. Vermutlich weiß jede Hausfrau über dieses Thema deutlich mehr als ich, und das soll jetzt nichts gegen Hausfrauen heißen.
Heute abend auf dem KIKA Kindernachrichten gesehen. Verstehe jetzt wesentlich mehr davon. Einfach und gut erklärt, dieses Thema.
Man sollte jeden Nachrichtenredakteur mindestens einmal im Leben zu einem Zwangspraktikum bei Kindernachrichten vergattern.
Schlechte Kopien
Man jubiliert also bei Antenne Bayern, kann man den neuesten Verlautbarungen zu den neuesten Hörerzahlen entnehmen. Demnach kommen die Privatfunker inzwischen auf über eine Million Hörer pro Stunde, Bayern 3 erreicht gerade mal noch die Hälfte. Was mich nicht so sehr wundert: Wenn sich die Strategie von Bayern 3 inzwischen darauf beschränkt, Moderatoren aus der zweiten Antenne-Reihe zu kaufen und ansonsten exakt so zu klingen, wie man sich eine schlechte Kopie des Originals vorstellt, darf man sich nicht wundern. Dabei war Bayern 3 mal das Original…eine erstaunliche Leistung, sich selbst in so atemberaubendem Tempo zum gefühlten Nachahmer zu entwickeln.
Mir ist ohnedies nicht klar, warum Bayern 3 die Strategie fährt, irgendwie noch dudeliger als die Dudelfunker zu klingen. Ich für meinen Teil wäre jedenfalls ganz dankbar für ein halbwegs ansprechendes Radio, meinetwegen gerne im AC-Format. Man kann und will ja nicht den ganzen Tag B5 oder Bayern 2 hören und für Bayern 1 fühle ich mich noch entschieden zu frisch. Also, lasst doch die Antenne Antenne sein, hechelt nicht jedem Trend hinterher, kauft nicht jeden zweitklassigen Comedian von den Konkurrenz, dann könnte das noch was werden. Zu befürchten ist allerdings, dass sie in der Arnulfstraße jetzt einen Headhunter beauftragen, sofort einen Morning-Man von Radio Dudelfudel zu kaufen, auf dass er Schwung in den Laden bringe.
Dabei steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk für mich immer noch – vorsicht, Pathos – journalistische Standards, journalistische Qualität. Ist mir völlig unklarf, warum man dieses Asset in einem Massenprogramm so völlig außen vor lässt.
Wie auch immer, ein schönes Beispiel dafür, was rauskommt, wenn öffentlich-rechtliche privater als die Privaten sein wollen; egal ob Fernsehen oder Radio. Ich kenne kein Beispiel, wo das gut gegangen wäre.
Ich habe keinen RSS-Reader mehr
Als die Dinger gerade populär wurden, habe ich bei all meinen Seminaren und sonstigen öffentlichen Auftritten RSS-Reader demonstriert und sie gepriesen. Als die Zukunft des personalisierten, klar strukturierten, effizienten und stringenten Medienkonsums. Einfach zu bedienen und extrem nutzwertig. Kein langes Surfen mehr. Nur noch Nachrichten abrufen. Und zwar die, die ich will.
In den letzten Tagen neuen Rechner aufgesetzt. Jetzt erst bemerkt, dass ich gar keinen Reader installiert habe. Aus völlig unlogischen und dennoch nicht zu unterschätzenden Gründen.
Erstens: Ich WILL surfen. Ich will niemanden, der mir das abnimmt, auch wenn es noch so gut gemeint ist. Ich will im Auto ja auch schalten, obwohl eine Automatik vermutlich bequemer ist. Ich will Medien selbst entdecken. Ich will keine Maschine, die das für mich tut.
Zweitens: RSS-Reader erzeugen bei mir permanente Minderwertigkeitskomplexe und das Gefühl, mal wieder nichts geschafft zu haben. Es ist ein kleines bisschen deprimierend, wenn einem der Reader permanent mitteilt, man habe da noch so ungefähr 173 ungelesene Geschichten rumliegen.
Und wie schon bei Web 1.0 beschleicht mich jetzt auch bei Bubble 2.0 das Gefühl, dass nicht alles, was technisch machbar und rationell erklärbar ist, auch gut sein muss. Zumindest für mich nicht. Ich gönne jedem seine personalisierte Nutzung von Inhalten und seinen chicen Reader. Mir kommt jedenfalls keiner mehr auf die Platte. Ich lasse mich doch nicht von einer Maschine dominieren.
FAZ-Jobs
Ein eigenes Jobportal will die FAZ an den Start bringen – und das ist nicht mehr als: konsequent. Man muss dahin, wo die Kunden und Leser sind. Und die sind für klassische Rubrikenmärkte künftig im Netz und nicht mehr in der Zeitung. Aus vielen Gründen, die in diesem Blog schon oft genug dargelegt worden sind.
Wenn diese Erkenntnis jetzt jemand mal strategisch umsetzt und nicht im Dauergejammere hängenbleibt – umso schöner.
Es ist wieder soweit…
…die Untoten der NE kommen zurück. Diesmal nach Offenbach. Sieht optisch und inhaltlich nicht viel anders aus als damals, 1999, 2000. Aus sehr justitiablen Gründen muss ich in der Wortwahl zurückhaltend sein, würde aber dennoch die Empfehlung abgeben, nicht alles zu glauben, was die entsprechenden Epigonen erzählen. Zumal unter den Referenten einer dabei ist, der von einer Firma kommt, die im vergangenen Jahr das erstaunliche Kunststück fertiggebracht hat, deutlich mehr Verlust als Umsatz zu machen. Und zwar DEUTLICH mehr. Fast alles wieder so wie damals, als eine Idee alleine schon Kapital war und es eigentlich niemand wirklich interessierte, ob diese Idee den ökonomischen Alltagstest besteht. Von diesen Leuten sind momentan einige wieder unterwegs und das bezieht sich jetzt weiß Gott nicht auf die grandiose Offenbach-Conference.
Aber bitte, besuchen Sie diese Konferenz, lassen Sie sich für knapp 2000 Euro ein paar Powerpoint-Charts um die Ohren hausen, lassen Sie sich füttern mit den angesagten Buzzwords, gehen Sie danach zurück in Ihre Redaktion und erzählen Sie Ihrem Chefredakteur oder Verlegern, irgendwas mit Blogs und irgendwas mit Podcasts sei die Zukunft.
Gibt auch nen iPod nano als Frühbucherprämie. (via Notebook Onlinejournalismus)