Archive for Oktober, 2006
Medientage, erster Eindruck
Man kann die Stimmung der Branche manchmal schon daran ermessen, wie die Leute bei der Mediennacht drauf sind. Und wie viele es sind. Und vor allem: welche es sind. Wenn man das also als Maßstab nimmt, dann ging es uns schon lange nicht mehr so gut. Ich kann mich an die Jahre zwischen 2001 und 2003 erinnern, da herrschte eine Stimmung wie bei der inoffiziellen Jahreshauptversammlung von Opus Dei. Viel geheimnisvolles und bedeutungsschwangeres Getuschel, düstere Mienen auf den Fluren und über allem ein klitzekleiner Hauch von Pestillenz. Jetzt aber sind sie alle wieder ganz fröhlich und dazu passt, dass derzeit vielerorts nicht nur Leute gesucht werden, sondern auch flugs mal eben ein paar Prognosen korrigiert werden – nach oben, versteht sich. Irgendwie riecht vieles momentan nach Aufbruch: Das ZDF verkündet eine neue multimediale Inhaltestrategie, ProSiebenSAT1 geht auf Webzwonull-Shoppingtour, man traut sich wieder was.
Umgekehrt bin ich mir aber ziemlich sicher, dass momentan wie in Zeiten der gotthabsieselig-NE die Schnelligkeit vor der Größe kommt resp. Schnelligkeit entscheidend ist. Es gibt immer noch Leute, die mit der inzwischen überausabgedroschenen Phase vom Digital-Tsunami, der da demnächst kommenwerde, unterwegs sind. Das ist wie ein Frühwarnsystem, das nach erfolgter Katastrophe anschlägt. Der Tsunami – wenn man schon dieses unschöne Sprachbild gebrauchen will – ist schon lange über uns weggerauscht. Reden wir also nicht mehr vom drohenden Tsunami, reden wir vom aktuell anstehenden Neuaufbau.
ZDF, wir haben verstanden
Interessante Geschichte heute in der SZ: Das ZDF geht den BBC-Weg und stellt irgendwann mal alle seine Inhalte online zur Verfügung. TV on demand, TV 2.0 sozusagen. Klingt schwer nach “wir haben verstanden”, was immerhin nicht jeder von sich behaupten kann.
Medientage
Für fünf Jahren war ich zum ersten Mal als Referent bei den Medientagen in München, das Thema (Anforderungen an künftige Journalisten) unterschied sich nicht allzu stark von dem, zu dem ich morgen auf einem Podium dabei sein werde. Mit dem Unterschied, dass ich damals als kleiner Exot betrachtet wurde und morgen vermutlich Dinge erzähle, die common sense sind. So ändern sich die Zeiten. Und vermutlich werde ich auch am Samstag bei den Jugendmedientagen mit dem, was ich da erzähle, niemand mehr so richtig erschrecken können.
GEZbühr
Die Rundfunkgebühr überlebt in der heutigen geräteabhängigen Form das Jahr 2007 nicht mehr. Wollen wir wetten?
Lesestoff
In Dänemark sind sie Alltag, bei uns gelten sie den Verlegern als Teufelszeugs: Gratiszeitungen. Spannend, was Spiegel Online über die Blätter aus dem hohen Norden bringt – und bemerkenswert vor allem eine Feststellung, die die Chefredaktionen der SZ oder der FAZ zwar vermutlich kaum betreffen wird, über die allerdings die Beletagen der restlichen rund 300 Tageszeitungen in Deutschland ruhig mal nachdenken dürfen:
Die Gratiszeitungen verzichten auf einen Großteil des traditionellen Zeitungsstoffes wie Features, Analysen und Leitartikel – die laut Henrik Dahl von Explora durchaus entbehrlich sind: “Die meisten Chefredakteure wären fürchterlich enttäuscht, wenn sie wüssten, was der beste Stoff in der Zeitung ist. Der stammt nicht von den prestigeträchtigen und kostspieligen Leitartiklern und Auslandskorrespondenten. Nein – es sind Sport, Todesanzeigen und Personalien.”
Fernseher, abgeklemmt
Nix dagegen, im Zeitalter fernsehfähiger Bandbreiten vermehrt mit Bewegtbildern zu experimentieren. Erkenntnis aus dem neuesten Projekt von Spiegel Online: Wenn Media gut ist, muss es nicht noch Multi sein. Ein wirklicher Nutzwert bei “Matusseks Kulturtipp” ist jedenfalls nicht zu erkennen, außer, dass Selbstverliebte jetzt ihr Gesicht vor eine Kamera halten können. Journalistisch – überflüssig. Da würde der Text reichen. Immerhin, man rückt Blatt und Online wieder ein Stück näher zusammen und lässt einen exponierten Kollegen sich jetzt auch online exponieren.
Weitere Erkenntnis: einen Nachmittag auf der Suche nach gutem Bewegtbild im Netz verbracht. Etliches gefunden, auf klassischen Newsseiten, bei den üblichen Verdächtigen der Videoplattformen, bei unzähligen hochprofesionellen, spannenden Vodcasts. Der Fernseher im Wohnzimmer wird demnächst abgeklemmt, denke ich.
Rückzieher vom Rückzieher
Der BR macht den Rückzieher vom Rückzieher und beerdigt die Jugendwelle auf UKW jetzt doch nicht. Was zur Konsequenz hat, dass es die geplante Verjüngung von Bayern 3 dann erst mal nicht geben wird, was ich persönlich wiederum etwas schade finde, weil ich die öffentlichrechtlichen Versuche hip zu werden in den meisten Fällen recht lustig finde.
Aber mal im Ernst: So sehr ich die Problematik nachvollziehen kann und so sehr ich die Notwendigkeit einer Jugendwelle beim BR sehen würde – wieso ist eine eigene Köchelverzeichniswelle wie Bayern 4 eigentlich derart sakrosankt?
Medien Mittweida
Ziemlich im Verborgenen, in der ostdeutschen Provinz, hat sich an der Hochschule Mittweida eine beachtliche Ausbildung für Medienmenschen etabliert. Findet neuerdings auch auf einer durchaus sehenswerten Website (ein rein studentisches Projekt) seinen Niederschlag. Klicken lohnt.
Lokales TV in den USA
Mit dem größten Vergnügen verweise ich auf diesen Beitrag im Notebook Onlinejournalismus, in dem es im Wesentlichen darum geht, wie es Sender in Nashville lokales Fernsehen neu definiert. Überaus klug und clever. Der Blick über den Teich lohnt sich in Zeiten, in denen deutsches Lokalfernsehen regelmäßig an Ideen- und Konzeptlosigkeit scheitert. Muss so nicht sein, wie Nashville zeigt.
Fernsehjournalismus…
…erscheint in neuer Auflage, ich durfte ein wenig mitschreiben und fühle mich durchaus geschmeichelt. Vielen Dank dafür.