Dead Man Walking
30. November 2006 - 12:20 UhrGerade zufällig über eines der zahllosen E-Paper gestolpert. Erstaunlich, wie schnell aus dem Hoffnungsträger der Verlage ein Dead Man Walking geworden ist.
Anmerkungen eines Medienmenschen
Gerade zufällig über eines der zahllosen E-Paper gestolpert. Erstaunlich, wie schnell aus dem Hoffnungsträger der Verlage ein Dead Man Walking geworden ist.
Wenn man ein Gefühl dafür bekommen will, warum Videos im Netz eine große Sache sind, warum sie das Thema Fernsehen grundlegend tangieren – und wie man einen ganzen Abend mit dem Sehen guter Beiträge verbringen kann: Die New York Times hat inzwischen eine Video-Sektion aufgestellt, gegen die die Versuche hierzulande immer noch zimelich kümmerlich wirken. Quasi ein eigenes VoD-Portal im Angebot; sehenswert in des Wortes Sinne.
Zum kleinen Abgesang auf die Idee, die Leute würden in Heerscharen nur darauf warten, endlich mal selber publizieren zu können, eine nette Debatte darüber, wie schnell man Blogger werden kann, wie schwierig es ist ein gutes Blog durchzuziehen – und warum viele Klein-Publizisten die Brocken schnell wieder hinwerfen.
Zugegeben, ich war mit einiger Euphorie in dieses Jahr gestartet. Ich hatte einige Themen auf der Agenda, von denen ich dachte, sie könnten eine echte Chance für den Journalismus sein. Ich dachte, man könne sich auf das rückbesinnen, was guten Journalismus ausmacht. Und man könne Dinge entwickeln, die Jahrzehnte zu kurz kamen, wie beispielsweise Kommunikation und Interaktion.
Am (beinahe) Ende des Jahres fällt mir auf: Nichts davon ist so gekommen, wie ich es erhofft hatte, stattdessen waren die Totengräber, Lautsprecher und Schmalspur-Revolutionäre am Werk. Das Thema Citizen Media ist beispielsweise eines, über das ich am liebsten nicht mehr sprechen würde, weil das, was etablierte Medien aus diesem Schlagwort gemacht haben, mit Citizen Media nichts zu tun hat. Dass die Leserfoto bei “Bild” zu einem Marketing-Gag geworden ist, sei´s drum. Niemand hatte erwartet, dass eine Zeitung mit ein paar Millionen Auflage sich plötzlich seine Inhalte von anderen schreiben lässt. Aber dass man plötzlich anfängt, verwackelte Schnipsel aus UMTS-Handys unter dem Deckmantel des Bürgerjournalismus im TV zu zeigen, ist nichts anderes, als das, was Lokalzeitungen schon seit vielen Jahren machen. Sie lassen sich ihre Lokalteile von pensionierten Oberstudienräten und Vereinsschirftführernvollschreiben, die sie mit Honorarsätzen unterhalb der Existenzgrenze abspeisen. Mit digitaler Revolution und Partizipation des normalen Konsumenten hat das schlichtweg gar nichts zu tun – Sendeflächen zum Beinahe-Nulltarif-Vollstopfen ist das schon eher. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendjemand mal einen Verleger eines regionalen Blattes, der so arbeitet, mal als echten Revolutionär bezeichnet hat. Im Gegenteil: Dagegen kämpfen Journalistenverbände doch schon seit Jahrzehnten.
Das ist eigentlich tieftraurig. Weil es all diejenigen beschädigt, die es gut gemeint haben und immer noch gut meinen. Weil es eine hochinteressante Idee in Verruf bringt.
Ist Citizen Media vielleicht ganz einfach überschätzt worden? Immerhin kommen ja auch diejenigen, die das Projekt wenigstens seriös, ohne eingeschaltetes PR-Heißluftgebläse und mit Engagement angehen, nicht so richtig auf die Füße. Ich kann einer Seite einfach nichts abgewinnen, die am Samstagnachmittag auf ihrer Startseite immer noch zu einem beträchtlichen Teil aus tagealten Storys besteht. Auch wenn sie noch so gut gemeint ist.
Vielleicht haben wir uns alle getäuscht, ich nehme mich da nicht aus. Vielleicht sind die Grenzen der Partizipation und des Bürgerjournalismus viel enger gesetzt als wir dachten. Vielleicht ist Bürgerjournalismus auf den bestehenden Plattformen des konventionellen Journalismus – einfach eine Totgeburt. Die wirklich interessanten, lesens- und sehenswerten Projekte finden außerhalb der Strukturen behäbiger Konzerne, Firmen und Redaktionen statt. Das, was gut funktioniert, sind Communitys etablierter Marken. Möglicherweise wird es bei dieser strikten Teilung zwischen Markencommunitys auf der einen und den inhaltlich wirklich relevanten Graswurzelaktivitäten auf der anderen Seite bleiben – für immer.
Das hier kommt mir sehr bekannt vor. Mich wollte Premiere übrigens nicht aus dem Vertrag entlassen, weil ich ja angeblich weiter Bundesliga sehen könne – über VDSL. Ruhe war erst, als ich die Freunde schriftlich gebeten hatte, mir doch bitte dann bei Gelegenheit eine Übersicht der VDSL-Zugänge in Niederbayern zukommen zu lassen.
Denen geht´s nicht wirklich gut, glaube ich. Wie auch? Pay funktioniert in erster Linie immer noch über das Vehikel Bundesliga.
Ein paar dümmlich-sabbernde Studenten, ein paar dümmlich-eklatante Sicherheitslücken, ein Startup mit vielen Schlagzeilen und der Beleg dafür, dass sich manche Dinge nie ändern, egal ob einsnull oder zwonull.
Ich nehme mir ganz viele PDF´s, drucke sie am heimischen Tintenstrahler aus und klammere die einzelnen Seiten zusammen und habe dann meine Zeitung. Ich glaube, es war irgendwann mal in den späten Neunzigern, als ich diesen Gedanken letztmals als halbwegs ernste Zukunftsvision gelesen habe.
Dass genau dieses Konzept jetzt ernsthaft alles ist, was beim Start von OnRuhr rausgekommen ist, hätte ich nicht mal in unruhigen Nächten geträumt. Bei der WAZ werden sie die Sektkorken fliegen lassen. Dass der Rest der Bloggosphäre dieses Projekt ebenfalls schon abgehakt und es nicht mal irgendeiner Diskussion für wert hält, sagt eigentlich alles.
So schnell geht das in der schönen neuen Zwonull-Welt: Man setzt sich auf ein Podium zu besagtem Thema, stellt ein paar Fragen, bricht nicht schon alleine beim Hören des Wortes Zwonull in Ekstase aus – und schon findet man sich wieder als ahnungsloser Ignorant, der mal eben auf den Blogger-Grill gelegt wird. Ulkig. Ich dachte immer, mit mehr Meinungsmöglichkeiten könnte es auch mehr Meinungsvielfalt geben, aber anscheinend wird sich eines nie ändern: Einer gibt die Meinung vor, die Herde folgt. Brav. Pluralismus 2.0.
Um das nochmal klarzustellen, nachdem mein Eintrag zum Media-Coffee offenbar etwas missverständlich war: Ich sehe Web 2.0 als das, was es ist, nämlich als eine Fortentwicklung. Logisch. Wo es 2.0 gibt, muss es vorher 1.0 gegeben haben. Insofern erstaunt es mich, wie man jetzt auf die Idee kommt, alles was Zwonull ist, sei auch wirklich neu. Ist es nicht und das ist ja auch gar nicht schlimm. Web 1.0 kam stellenweise arg ungelenk daher und eben so wie alles, was dem Prinzip Trial & Error folgt. Aber tatsächlich sahen auch schon die Einsnuller den grundsätzlichen Unterschied zur analogen Kommunikation, zur Kommunikation ohne Rückkanal. Und, achja: Den Satz, die wahre Kunst sei es, den Content in den richtigen Kontext zu packen, habe ich zum ersten Mal irgendwann 2000 auf einem Podium gehört beim Grimme-Institut. Wenn ihr damals zu jung wart, um es mitzulesen: nachgooglen, liebe Zwonuller. Aber erzählt doch jetzt bitte nicht, dies sei eine neue, quasi eure exklusive Erkenntnis. Darüber denkt jeder Medienstratege schon seit Jahren nach.
Natürlich gibt es inzwischen ganz andere Möglichkeiten (technischer Natur) als damals. Ich habe irgendwann vor sieben, acht Jahren mein erstes mp3-File geladen und war natürlich fasziniert von den Möglichkeiten, die dieses Format bot. Aber hallo, es gab weder das Massenprodukt iPod (oder vergleichbare Player) noch gab es Bandbreiten, die es erlaubt hätten, auch mit diesem stark datenreduzierten Format wirklich massenkompatibel zu arbeiten. Inzwischen gibt es sie. Wunderbar – aber nicht wirklich neu. Und insofern hatte BR-Mann Tief auf diesem Panel schon recht: Früher hieß es Download, jetzt Podcast. Das Prinzip ist das gleiche, nur massenkompatibel.
Niemand streitet mehr ab, dass sich Kommunikation und Medien schon lange geändert haben. Kein Mensch negiert, dass noch nie ein Medium so schnell die Welt erobert hat wie das Web. Dass es daraus Konsequenzen gibt, liegt auf der Hand. Dennoch gibt es ein paar Dinge, die unumstößlich sind. Eines davon ist eben doch der Content. Mist lässt sich nie in einen richtigen Kontext stellen. Eine Community kann die tollste Software haben, wenn ihre Mitglieder nix sind, ist die Community nix. Und einen Podcast kann man inzwischen am Laptop mit dem 30-Euro-Mikro produzieren. Nur, wenn der Podcaster nix zu sagen hat, sollte er besser den Mund halten. Sogar in der künfigen Welt von Web 3.0.
Huii, ich muss mich auf wohlmeinenden Ratschlag lustiger Blogger dringend mehr mit Web 2.0 beschäftigen, noch dazu, wo doch die New York Times in dieser Woche schon groß Web 3.0 ausgerufen hat und inzwischen jeder publizistischer Knallkörper behauptet, der Unsinn, den er da in den Orkus schießt, sei zwar irgendwie Mist, aber dennoch Zwonull.
Wann ist eigentlich der 4.0-Release?
Interessante Beobachtung der letzten Tage: Zahlreiche Gespräche mit bereits älter gedienten Onlinern aus größeren Häusern. Vor ein paar Monaten noch als Bücklinge durch die Flure gereicht, sollen sie auf einmal nicht weniger, als den Laden zu retten.
So schnell wird man zum Hoffnungsträger.