Archive for März, 2007
Du bist Fernsehen
Ich muss es leider vorwegschicken: Ich gehöre zu einer Generation, die vollständig analog und partiell auch noch schwarz-weiß aufgewachsen ist. Man könnte in dem Zusammenhang dem Gedanken nachhängen, dass manches damals irgendwie einfacher war, weil leichter zu trennen. Zeitung war Zeitung, Radio war Radio und vor allem war Fernsehen Fernsehen. Zum Fernsehen gehörte für mich damaligen Zeitungsmann immer auch richtig schweres Gerät. Kameras, die in Größe und Gewicht einem Torpedo von U96 nicht unähnlich waren. Gigantische Mikros, lange Stangen, viele Kabel, ein persönliches Gefolge, als würde der Kaiser die Stadt betreten. 30 Mann waren damals quasi noch ein Team kleinerer Ausprägung. Und im Übrigen war es damals für eine Lokalredaktion per se schon berichtenswert, wenn “das Fernsehen” in die Stadt kam. Man unterhielt sich dann auch mal dankbar mit dem Aufnahmeleiter und verkündete dem Leser am nächsten Tag stolz und exklusiv, dass die in Dingolfing gedrehten Aufnahmen in ca. sieben Monaten für großartige ungefähre 8,5 Sekunden ab 23.30 Uhr im Bayerischen Fernsehen in einem Beitrag über Zuckerrübenanbau in strukturschwachen Gebieten zu sehen sei, das habe einem der stellv. erste Kameramann ziemlich exklusiv zugesichert.
Irgendwie hat das Fernsehen an Bedeutung ein wenig verloren. Erstens kommt man in Sachen Technik und Auftritt heute nicht mehr ganz so dramatisch und pompös daher, zweitens würde heute sogar der Praktikant der Lokalzeitung eher gelangweilt sein, würde man ihn bitten, doch mal mit dem Aufnahmeleiter zu reden. Das hat zum einen natürlich mit dem inflationären Auftauchen großer, kleiner und kleinster Sender zu tun, aber auch mit einer Sache, die ich erst in den letzten Tagen bei der Arbeit mit einer Studentengruppe richtig realisiert habe: Früher war Fernsehen sogar für Journalisten ein Ding zum Staunen, etwas, das nur einigen wenigen Priveligierten zustand und von ihnen beherrscht wurde (das dachte ich sogar noch, als ich mich von Zeitungen verabschiedet und in den Fernsehirrsinn eingetaucht war). Heute haben meine Studenten (und die sind keine Journalisten) alle wie selbstverständlich ein chices Schnittprogramm auf dem eigenen Laptop, jonglieren ein wenig die Clips und machen daraus einen ansehnlichen und natürlich vertonten Dreiminüter. Das Equipment dazu haben sie im Rucksack und das für gute Fotos, Audios, Interviews gleich auch noch.
Fernsehen hat sich für mich in dieser Woche endgültig entzaubert. Kann jeder, wenn er will.
Was allerdings diesen gelebten volldigitalen Lebensstil von heute 22jährigen Studenten angeht, so würde ich jedem derjenigen, die die Digitalisierung für gehypt halten, empfehlen, mit ihnen eine Woche zu verbringen: Der Umgang mit rasant sich verändernden Technologien und Inhalten, die unsere Generation Analog jeden Tag aufs Neue herausfordert (und manchmal einfach nur überfordert), ist für diese Jungs und Mädels – ganz banaler Alltag. Eine Selbstverständlichkeit. Von der es keinen Weg zurück zum analogen Lebensstil gibt.
Zum Bloggen braucht kein Mensch eine Zeitung
Leser bloggen – auch so eine eigenartige Modeerscheinung. In meinen Augen allerdings zumeist nur eine Kommunikationsattrappe, eine Feigenblättchen dafür, dass man sagen kann, man hätte online auch etwas getan. In der Tat kenne ich so gut wie keine wirklich funktionierenden, akzeptierten und relevanten Leserblogs (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Stattdessen sacken Leserblogs sehr häufig nach der ersten Begeisterung schnell zusammen mit ein Omelett. Im Übrigen: Erstens braucht kein Mensch eine Zeitung als Bloghoster, zweitens sind gerade Regionalblätter von der Blogosphäre weiter entfernt als Dingolfing von Hamburg und drittens bewegt man sich möglicherweise auch als Blogger lieber im eigenen Millieu als angedockt an die Hemisphäre des Trierschen Volksfreunds. Wer sich darüber beklagen will, sollte sich allerdings ans eigene Näschen fassen und mal die ganze Horde gescheiterter, eingestellter oder bestenfalls irrelevanter Redaktionsblogs Revue passieren lassen. Mehr zum Thema hier.
Warum Zwonull für Journalismus uninteressant ist
Lieblingsdisziplin der Fernsehkritiker und der Zuschauer gleichermaßen: Denen fällt alles nix Neues ein, überall dasselbe, einer schaut vom anderen ab. Da ist viel Wahres dran – und vor allem: Die Aussage lässt sich auf viele Mediengattungen transferieren, neuerdings auch auf Online-Journalismus. Nach all den pompösen 2007-wird-ein-ganz-entscheidendes-Jahr-Ankündigungen und den bisher zu sehenden Resultaten fällt mir vor allem eines auf: Die Ergebnisse sind alles, nur noch nicht originell. Zwischen Spiegel, Stern, Focus, Welt, SZ und den anderen Epigonen sehe ich kaum mehr nennenswerte Unterschiede. Das mag für SPON als Branchenprimus ein Kompliment sein, für alle anderen ist es eher ein Beleg der Einfallslosigkeit. Beim Surfen (ja, das tue ich, ganz altmodisch und unter Verzicht auf irgendwelche Reader) musste ich unlängst schon ein paar Mal auf die Domain schauen, um mich zu vergewissern, bei wem ich jetzt überhaupt gelandet bin.
Ich denke, ein entscheidender Punkt für diese fehlenden eigenen Profile ist der fehlende Fokus auf journalistische, multimediale Inhalte. Wenn ich mir beispielsweise die Multimedia-Sektion der NYT anschaue und das dann mit den wenigen und dann häufig kümmerlichen Flash-Grafiken in deutschen Angeboten betrachte, dann liegen dazwischen journalistische Welten (übrigens kommt die Multimedia-Sektion der NYT auch ganz wunderbar ohne das ganze Zwonull-Gedöns aus – es ist einfach nur wunderbarer, aufregend guter Journalismus). Und wenn ich mir die Mitteilungen in den entsprechenden Fachblättern und die Ausagen aus den einzelnen Häusern so anschaue, dann wundere ich mich: Durch die Bank wird derzeit betont, man habe so aufregende Dinge wie Social Bookmarking oder Kommentarfunktionen eingeführt. Dass man Geschichten jetzt irgendwo taggen kann, ist ein uralter Hut, ein schöner Service, aber mehr eigentlich auch nicht. Die Kommentare der meisten anderen User sind mir schlichtweg egal, ich gebe allerdings auch gerne zu, dass ich auch in den gedruckten Ausgaben Leserbriefe so gut wie nie lese.
Darum geht es aber auch nicht. Von mir aus sollen die Leute kommentieren und taggen wie sie wollen, ich gehe trotzdem immer noch in erster Linie wegen der journalistischen Inhalte auf eine Seite. Und kann sich jemand umgekehrt eine Kampagne von – sagen wir – SZ oder Spiegel vorstellen, in denen mit dem Claim “Jetzt noch mehr Leserbriefe!” geworben wird? Soll letztendlich heißen: Journalistisch getriebene Seiten definieren sich über Inhalt und nicht über Technik. Wie zwonullig ein Angebot ist, interessiert mich wenn überhaupt nur am äußersten Rand. Wenn also jemand jetzt und künftig ankündigt, sein Angebot an Zwonull-Trends orientieren zu wollen (Blogs! Community! Bookmarking! Kommentare!), dann ist das keinerlei Ausweis für irgendweine journalistische Leistung und Qualität. Was man leider unschwer den Ergebnissen der Zwonull-Relauncher auch ansieht. Hinter dem neuen Anstrich liegt nämlich selten auch eine neue journalistische Qualität.
YouTube, Profi-Edition
Und ich wunderte mich schon, warum eigentlich die ganzen TV-Konzerne den Markt der Web-Videoplattformen mehr oder minder konkurrenzlos YouTube überlassen. In den USA jedenfalls gibts jetzt ein bisschen Feuer unter dem Hintern – tausendmal vielversprechender als diese ganzen ideenlosen Copyright-Klagen.
Vom Saulus zum Paulus und wieder zurück
(Disclaimer) Mit der Hauptperson dieses Beitrags habe ich in meinem Leben vielleicht vier Sätze gesprochen. Sie gehört also zu den Menschen, von denen man korrekterweise sagen müsste, sie zu kennen. Aber von wirklichem “Kennen” kann keine Rede sein.
Normalerweise schreibe ich hier nur sehr selten über Personen, schon gleich gar nicht über solche, die ich kenne (siehe deswegen auch Disclaimer). Für diese Geschichte mache ich gerne eine Ausnahme…
Vor ziemlich genau einem Jahr erschien in der Münchner tz eine Geschichte über (u.a.) Bastian Schweinsteiger. Darin hieß es, Schweinsteiger und einige andere Kicker seien in einen großen Wettskandal verwickelt und würden deswegen bereits von der Polizei verhört. Die Geschichte erwies sich als heiße Luft. Noch am Abend kamen die ersten Dementi seitens der tz, man ruderte zunächst zurück und zwei Tage später widerrief man. Alles und vorbehaltslos. Mit Entschuldigung und Kniefall. Selbst für die rauen Sitten des Boulevards also ein GAU.
Als Co-Autor, Sportchef und stellv. Chefredakteur des Blattes zeichnete seinerzeit Gerald Selch verantwortlich. Die Geschichte bedeutete sein Aus bei der tz, kurz nachdem sich die Geschichte als brutale Ente entpuppt hatte, durfte Selch gehen. Im “beiderseitigen Einvernehmen”, wie es dann immer so schön heißt.
Ein paar Monate später stieß ich wieder auf den Namen Selch, diesmal allerdings nicht im Boulevard-Umfeld, sondern als Interviewer für eine völlig andere Baustelle: das SZ-Magazin. Auch am vergangenen Freitag durfte Selch dort ran, mit Interview samt Foto (Ballack und ich)…
Im Gespräch fragte der gewandelte Boulevard-Mann gar nicht mehr im Nussknacker-Stil, sondern einfühlsam folgendes:
»Lachnummer«, »Fans haben Schnauze voll«, »Ballack kaputt«, so lauten Schlagzeilen in der Bild-Zeitung. Sprechen Sie im Moment mit Leuten von Bild?
Nein.
Kann man sich das als Kapitän der Nationalmannschaft überhaupt leisten? Haben Sie nicht die Befürchtung: Ich rede nicht mit einigen Journalisten, dafür schreiben die noch schlechter über mich?
Das ist keine Befürchtung, sondern Realität. Wenn man falsch berichtet, Unwahrheiten verbreitet oder gar hetzt, dann ist es verständlich und auch legitim, dass ich mich wehre. Ich will nicht meinen Anstand verkaufen, damit mein Bild in der Öffentlichkeit so perfekt wie möglich ist.
Vielen Spielern ist dieses Bild extrem wichtig; die würden fast alles dafür tun. Und sie werden dann auch meistens besonders geliebt von den Fans.
So sieht es aus.
(…)
Wenn Ballack konsequent ist, war das für längere Zeit sein letztes Gespräch mit Gerald Selch. Heute verkündet kress ein paar Bild-Personalien, u.a. die des neuen Chefs der Hamburger Bild-Ausgabe.
Sein Name: Gerald Selch.
Pay per action
Es ist – natürlich mal wieder – Google, der mit der BETA-Version eines schon länger angekündigten Projekts Ernst macht und der gedruckten Anzeige ganz, ganz böse auf den Pelz rückt. Pay per action soll zum neuen Prinzip bei AdWords werden, d.h., alles bleibt wie gehabt, nur dass der Kunde nicht für das bloße Trafficschaufeln auf seine Seite zahlt, sondern erst dann, wenn wirklich etwas Messbares passiert: Einkauf, Newsletter-Abo et al.
Bin gespannt, was euch dazu mal wieder nicht einfällt, liebe Zeitungsverleger.
Buzzword Leserreporter
Wenn alle durcheinander schreien, kommt noch lange kein wohl klingender Chor raus. Nicht jeder, der seine Stimme erhebt, hat auch ein wohl klingendes Organ. Und so, wie man zwischen einem wohlklingenden und aus vielen Elementen zusammen gesetzten Chor und einer Kakophonie unterscheiden muss, so sollte man auch endlich mal beginnen zu diferenzieren, wenn es ums Buzzword Leser- oder Zuschauerreporter geht. Nichts einzuwenden gegen Partizipationen, gemeinsame Meinungsbildung, aktiven Dialog zwischen Redaktionen und Nutzern. Eine ganze Menge einzuwenden gegen Billig-Content-Einsammler, die dem ganzen das Deckmäntelchen des Journalismus umhängen und mit irgendwelchem Zukunftsgeblubber zutexten. Merke: Wer anderen seine Plattform zur Verfügung stellt, um schnell und billig an Inhalte zu kommen, betreibt noch lange keinen Journalismus. Und wenn er noch so sehr mit Buzzwords um sich wirft.
Bewegend
Gerade mal durchgeschaut: Gibt´s eigentlich noch irgendeine auch nur halbwegs relevante Online-Seite, die auf bewegtes Bild verzichtet, gaz egal, wie es aussieht, hauptsache es flackert irgendwie? Und müssen wir in diesem Zusammenhang nicht auch mal einfach nur dankbar sein für Perlen wie diese?
Ich sag was, auch wenn ich eigentlich nix zu sagen habe
Auch wenn es selbstverständlich politisch völlig unkorrekt ist: Wenn man in den User-Kommentaren mancher Newsseiten auch nur oberflächlich liest, fragt man sich gelegentlich, ob das mit dem Zwonull wirklich so ne dolle Idee ist.
Teaser mit Spannung
Seuche Nummer eins momentan: Die nervtötenden Versuche der Teasertexter, die Leute mit vermeintlich spannenden Cliffhangern (Clickhanger??) zum Weiterklicken in den Text zu bewegen. Motto: Ich verrate dir ein bisschen was, aber nicht alles. Besonders grotesk und misslungen Versuche in der Art wie “Der FC Chelsea hat erneut Boden im Kampf um die Meisterschaft verloren. Ein deutscher Nationalspieler stand dabei im Mittelpunkt der Kritik.” Ich fühle mich von solchen seuchenartig um sich greifenden Teasern ziemlich verar vergackeiert und bin deswegen inzwischen in den unbefristeten Streik getreten, auch und vor allem deswegen, weil diesen Nonsens inzwischen fast alle und in fast jedem Text betreiben. Wer so etwas tut, wird fortan mit Leseentzug nicht unter drei Tagen bestraft. Das kündigte ein bekannter deutscher Blogger heute an…