Archive for Mai, 2007
Nackte (und uralte) Tatsachen
Ich kann mich noch gut erinnern, als wir bei N24.de darüber sinnierten, wie man neben dem Journalismus auch was für die Quote tun könnte. Irgendwann kam ein Kollege rein und meinte breit grinsend, man könne es ja auch mal so versuchen. Klar, ein Erfolg versprechendes Konzept: Moderatorinnen, die sich beim Verlesen der Nachrichten ausziehen. Kann ja keiner was dagegen haben, es geht schließlich um die Nachrichten und sonst um nix.
Gestern berichtete dann auch die Bild über die Naked News und kurz darauf schließlich zog sueddeutsche.de nach (was sicher nichts damit zu tun hat, dass die Geschichte in der Bild stand). Der Teaser ist allerdings nicht ganz richtig, statt “mit Bildstrecke” müsste da eigentlich stehen “nur Bildstrecke”, aber man sieht das gerne nach. wenn sich ein Medium an New York Times und Guardian orientiert.
Ach ja, ich vergass zu erwähnen, wann ich bei N24 war: vor sieben Jahren.
Nachtrag, 11.43 Uhr: Keine Ahnung, wie so was geht und wer das aus der Mottenkiste herausgezogen hat, aber gerade sehe ich, dass auch die Zoomin-Videonachrichten diese Geschichte ganz groß rausbringen. Hab ich was verpasst seit Anfang 2000???
Seminardeutsches Geschwafel
Immer, wenn ich mich in den letzten Jahren dazu zwang, eine Musikzeitschrift in die Hand zu nehmen, landete ich danach in tiefer Depression. Ich kam mir unnütz und unwissend und unwürdig vor.
Seit die Süddeutsche erklärt hat, wie sich in solchen Magazinen Seminardeutsch und journalistische Untugenden tümmeln, gehe ich wieder aufrecht durchs Leben, sitze gerade unter dem Kopfhörer und lasse was laufen, was die seminardeutschen Schwafler bestimmt ganz förchterlich fänden…
Herr Aust und die 100.000-Euro-Autos
Stefan Aust, so schreibt die Welt am Sonntag, lässt sich gelegentlich von der deutschen Autoindustrie ein paar Autos zur Verfügung stellen. Zum Testen. Autos der Preisklasse 100.00 plus. Herr Aust findet, er müsse sich mit solchen Autos und solchen Themen auseinandersetzen, weil er ja wissen muss, was die deutsche Autoindustrie so alles herstellt. Logo. Ich gehe davon aus, dass die selbe Argumentation beim “Spiegel” künftig dann auch greift, wenn sich ein deutscher Ministerpräsident mit Autos versorgen lässt (Stoiber – also nur mal angenommen, Stoiber – muss ja schließlich wissen, was BMW so baut, wie soll er sonst mitreden können?).
Kollege Niggemeier hat den Fall aufgegriffen, mit gewohnter Qualität kommentiert – und jetzt wird´s interessant: Eigentlich dachte ich ja, 37 Jubelperser würden angesichts eines derart klar liegenden Falls Kommentare der Güteklasse “Weiter so, Stefan!” verfassen und sich über Aust hermachen, stattdessen gibts auch Anmerkungen der Kategorie “albern” und “maßlos überzogen”. Kapiert hab ich´s, ehrlich gesagt, im ersten Moment ja nicht, auf der anderen Seite war ich dann auf einmal wieder ganz zufrieden mit der Blogosphäre.
Manchmal hat sie dann doch richtige Überraschungen auf Lager.
Nachruf auf die Blogosphäre
Glaubt man der FAZ und ihren Quellen, hat die Rumbloggerei bald wenn schon nicht ein Ende, dann aber doch wenigstens ihren Horizont demnächst überschritten. Und dann fliegen sie wild durch den Raum, die Millionenzahlen: x-Millionen inaktiv, x-Millionen uninteressant, x-Millionen weniger Zuwachs als in den Jahren zuvor. Karteileichen also, Langeweiler und sinkende Zuwachsraten, das also muss das Ende sein, schlussfolgern Researcher und FAZ gemeinsam.
Alles andere ist leider ein bisschen unsinnig resp. liest es sich so, als sei der Wunsch der Vater des Gedankens. Mit der nackten Zahl der existierenden Blogs haben schon immer nur die argumentiert, die sich dem Phänomen Weblogs nur von der Zahlenseite her nähern können, weil sie den Rest nicht verstanden haben. Dass der größte Teil der Blogs inaktiv und ein bisschen irrelevant ist, hätte die FAZ in den vergangenen Jahren an so vielen Stellen nachlesen können, dass sich die Links nicht lohnen. Niemand, der sich halbwegs ernsthaft mit Blogs beschäftigt, wird allen Ernstes behaupten, die Qualität dieses Phänomens definiere sich über deren Quantität. Dass man ein Blog schnell auf- und ggf. genauso schnell wieder zumacht, das ist systemimmanent. Man kann es ja mal ausprobieren: kostet nix, bedeutet nix, macht nix kaputt, ein Blog mehr auf der Welt und dann halt wieder eines weniger. Auch wenn ich mich wiederhole: Ich dachte immer, dies sein ein Teil des Grundverständnisses neuer Medien. Jeder kann, niemand muss.
In meinen Augen sind Blogs erst einmal etwas ganz Nüchternes: ein Produktionsmittel, ein Publishing-Tool. Steht für jedermann zu erreichen rum, jeder darf es ausprobieren. Möglicherweise schreibt der eine darin sein gutes altes Tagebuch, der andere macht dafür ein richtiges Medium mit allen Bestandteilen des konventionellen Journalismus daraus. Ich vermute, die allermeisten der 43-Tage-2-Einträge-Blogger stellen schnell fest, dass erstens Schreiben nicht so einfach ist, wie man sich das vorstellt und dass zweitens das regelmäßige Bloggen irgendwie sowas wie Selbstdiziplin erfordert.
Aber das ist auch nicht der Punkt. Für mich zieht die Blogosphäre ihre Relevanz aus den Leuten die dabeibleiben – nicht aus denen, die dann mal wieder weg sind. Insofern kann es meinetwegen 500 Millionen Blogleichen geben, irgend etwas über die Relevanz von Blogs sagt das nicht aus. Möglicherweise wird sie professioneller, die Blogosphäre, vermarktungsaffiner, kleiner, zentralisierter. Aber so lange es Leute gibt, die etwas zu sagen haben, wird auch gebloggt. Und die, die nix zu sagen haben, sagen auch im echten Leben auf Dauer gesehen – nix.
(via jepblog)
Qualitäts-Journalismus…
…tust du finden fast überall wo genau gründlich gelesen wird gegen Korrektor:
Der 28-Jährige wird trotz seiner Bekundung den Klub wohl im Sommer Richtung München verlassen wird. Sein Ziel wird wahrscheinlich München sein. Der FC Bayern buhlt seit Wochen um ihn und scheint bereit zu sein, eine Ablösesumme von rund 18 Millionen Euro zu zahlen. „Es wäre schön, wenn er kommt“, erklärte Bayern-Präsident gestern noch im “DSF”.
(Welt Online über Miroslav Klose)
Und wenn´s um Sex geht…
…ist die Blogosphäre irgendwie ähnlich gesteuert wie die konventionelle, analoge und – wir erinnern uns – demnächst ja versunkene Welt. In der Schweiz jedenfalls gibt´s eine gute und gerne gelesene Bloggerin bei bei heute-online.ch, die eine anscheinend etwas nachlassende Kommentarfrequenz im Blog mit einem ebenso einfachen wie probaten Mittel beendete:
Sie schrieb, sie wolle endlich mal wieder flach gelegt werden.
Kommentare bis dato: 27.
Miroslove und die Journalisten
Interessant, was Holger Gertz da gestern in der Wochenend-Beilage der SZ schrieb. Sinngemäß ging die (im Übrigen lesenswerte) Geschichte so: Nachdem die Fans von Werder Bremen im Forum der Homepage von Werder Bremen über die angeblichen Eheprobleme eines Stürmers von Werder Bremen debattierten, wurde das Forum geschlossen.
Man müsse Miroslav Klose schließlich vor dieser ausufernden Debatte um ein paar nicht näher zu belegende Gerüchte schützen, begründete Werder-Sportdirektor Klaus Allofs die Maßnahme. Und Gertz hängte noch einen Satz hintendran, sinngemäß in etwa so, da könne man mal wieder sehen, was das Internet so alles anrichten könne.
Das Klose-Forum (dass ich übrigens nie gelesen habe) auf der Werder-Seite ist also zu. Macht aber nix. Dank der ausgewogenen, objektiven Berichterstattung von SZ, Spiegel, Bild et al wissen jetzt auch alle Nicht-Foren-Leser, dass Miroslav K. angeblich Eheprobleme hat. Da muss das Internet gar nix mehr anrichten.
“Hoeneß ist nett, aber Bremsen ist nicht mehr so seine Sache”
Sportler und Sportjournalisten und Sportinterviews sind alle doof? Keineswegs: Den Beleg dafür tritt eine wunderbare Gesprächsrunde aus Süddeutscher Zeitung und Mehmet Scholl an. Davon abgesehen, dass Scholli (wie einer der Kommentatoren schreibt) einer der Fußballer ist, bei deren Rücktritt man ernsthaft Tränen in den Augen hat – das Interview ist traumhaft und man glaubt danach dann wieder an das Gute im Journalismus, wenn er so schön daherkommt. Selbst wenn´s nur um Fußball geht.
Warum ich welche Blogs lese
Weil heute undercover dann auch noch die Frage kam, warum ich eigentlich so gut wie keine Redaktionsblogs lese und welche Blogs ich ansonsten und warum lese, gibt´s hier öffenntlich die Antwort (so funktioniert Web 2.0, my dear):
Erstens: Ich kenne kaum gute Redaktionsblogs. Schon gleich gar keine, die ich lesen wollen würde. Ich muss immer an die SZ denken und leise lachen, als sie damals nach dem ungefähr zweiten Posting dem guten Don Alphonso attestierte, man habe ihn, den Platzhirschen, bereits “waidwund” geschossen. Weswegen er “röhren” musste, was ich insofern nicht glaube, weil er meistens von ganze alleine röhrt, auch ohne SZ. Das war lustig. Aber ich habe die gefühlten 37 SZ-Blogs danach nicht mehr gelesen, auch deswegen, weil Kister besser schreibt als die damaligen Blogger, selbst wenns gedruckt ist.
Zweitens: Ich lese Stefan Niggemeier, weil ich den in der FAS auch lese, die FAS aber nur sonntags erscheint und mir die Warteizeit von Sonntag zu Sonntag zu lange ist. Außerdem bekommt man die FAS bei uns in Niederbayern erst am Montag, was für eine Sonntagszeitung irgendwie doof ist. Mach ich nicht mal Niggemeier zuliebe. Und ich lese Knüwer, weil mich der Alptraum verfolgt, ich würde im echten Leben Peter Turi begegnen und er würde mich vor allen Leuten fragen:
Wer ist 2,50 Meter groß und Alphablogger? Ist es
a.) Thomas Knüwer
b.) Peter Turi
c.) Don Alphonso
und ich würde rot werden und stottern und sagen, es ist d.) der andere vom Bildblog, der Dingsbumms.
Danach würde mich der Herr Turi vor allen Leute zum Delta-Blogger degradieren, mir die Schulterklappen abnehmen und mir die Aufenthaltsgenehmigung für Kleinbloggersdorf offiziell entziehen.
Außerdem lese ich Knüwer, weil ihn alle lesen. Früher habe ich Bücher von Wolf Schneider gelesen, weil den auch alle gelesen haben und weil den alle toll fanden. Aber da gab´s ja auch noch keine Blogs. Und keine Rankings.
Und im Ernst, natürlich lese ich alle, die ich lesen will. Meistens sind es kleine, hübsche Perlen, irgendwo am Wegesrand. Das ist ja das Schöne an der Blogosphäre. Man muss dem Rudel nicht immer hinterher laufen, Rudel machen nämlich meistens irgendwann Bums.
Amen.
Achtung, Insider!
(Disclaimer: Der folgende Eintrag ist ein Insider. Sie sind ein Outsider und suchen irgendeinen Zusammenhang? Vergessen Sie´s.)
Zu einem überaus gelungenen Tag gehört, dass mein Lieblings-Aussender hoffnunglos überhöhter Pressemitteilungen heute eine Pressemitteilung ausgesendet hat, die so hoffnungslos überhöht war, dass ich für einen kleinen Moment dachte, jemand habe sie gefakt.
Nur um mir eine Freude zu machen.
Danke. Ich hab euch auch lieb.