Archiv für Mai 2007


99 Luftballons, 100 Biertische, 101 Fragen

18. Mai 2007 - 14:38 Uhr

Man kann wirklich interessante Dinge machen, wenn man mittags einen schnellen und informativen Streifzug durch das neue Leitmedium machen und dabei auf die großen Qualitäts- und Nachrichtenmarken zugreifen will. Man kann beispielsweise herausfinden, ob dieses eine Ding von Nena 99 Luftballons oder doch eher 100 Bierbänke hieß. Man kann, nein: man muss geradezu auch unbedingt sein Wissen über edlen Gerstensaft testen, was insofern eine originelle Geschichte ist, weil der Claim der Marke, die solcherlei anbietet, “wir kommen zur Sache” lautet und es ja manchmal nicht schlecht ist, schon im Vorfeld zu wissen, was eine Redaktion als eine wirklich relevante Sache, zu deren Kern man kommen müsse, einordnet.

Wenn man dann zwischen dem ultimativen Jauch-Vorbereitungskurs zu unnützem Wissen mal nachschauen möchte, was gerade in der Welt los ist, sollte man sich keineswegs ablenken lassen. Vom dem Quiz hier beispielsweise oder von einer Runde Sudoku, was insofern zusammen passt, weil Zahlen, Zahlen, Zahlen und Fakten,Fakten, Fakten quasi zusammen gehören wie Zwillinge, die man bei der Geburt getrennt hat.

Wartet, wie hieß es nochmal? 99 Luftballons oder doch 100 Biertische?

Egal. Völlig egal. Wo ich doch gerade lerne, dass der Sex-Appeal des Studiengangs Apotheker unterhalb von dem des Designers liegt (3 vs 2) und ich deshalb beim Studenten-Quartett gerade ziemlich alt ausgesehen habe. Ich bin übrigens ziemlich froh, nicht mehr studieren zu müssen und auch nicht Apotheker werden zu wollen.

Was wollte ich wissen bzw. erzählen? Achja, irgendwas war heute mit der Merkel und dem Putin, was ich aber insofern nicht mehr so recht schildern kann, weil ich in der Hauptnavigation irgendwo eins zu tief gerutscht und jetzt auf Partnersuche bin; vermutlich habe ich das mit dem Überbegriff “Tipps” ein kleines bisschen falsch verstanden. Für einen kurzen Moment vermute ich einen kausalen Zusammenhang zwischen n-tv und den inzwischen gehäuft auftretenden an mich gerichteten Mails, in denen mir jemand verspricht, dass ich nach Einnahme von diesem Zeugs den Damen mal wieder richtig zeigen könnte, wo der Hammer hängt (wobei mich das ja immer ein wenig irritiert, sollte er denn irgendwie gerade nicht hängen, der dingsbumms…? Aber es steht da so, im Ernst).

Ja, so ist das, wenn ich mich einen Tag lang durch unsere Qualitätsmarken im Netz surfe und wissen will, wie das so war mit Merkel und Putin. Manchmal vermute ich, man könnte jedem Vermarkter und seinen tollen IVW-Zahlen ziemlich schnell das letzte Lichtlein ausblasen, wenn man diese Zahlen ein wenig genauer betrachten würde.

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Asterix und die Blogosphäre

16. Mai 2007 - 22:01 Uhr

In den vergangenen Tagen war ich viel in dem Mikrokosmos Blogosphäre unterwegs und ich habe viel über sie gelernt.

Vorab: Ich gehöre weder zum Inner Circle noch zum Greater Circle noch zum Outer Circle der (Medien-)Blogger. Google rankt mich wahlweise mit drei (an schlechten Tagen) oder mit vier (an guten, ich kenne nur den Unterschied noch nicht). Die großen Leithammel der Branche linken nicht auf mich und ich könnte hier auch drei Tage am Stück über kopulierende Fliegen schreiben, ohne dass ein Raunen durch die Blogosphäre ginge. Niemand käme auf die Idee, mich irgendwo als Chefredakteur zu engagieren, nur weil ich Blogger bin. Wenn, dann weil ich Journalist bin und irgendwann auch mal schon ein bisschen was geschafft gekriegt habe. Ich gehöre nicht zu den 500 wichtigsten Denkern dieses Landes und die Blogosphäre ist alles in allem mir insofern ziemlich unbedeutsam, als dass ich nicht zögern würde, wenn ich zu wählen hätte zwischen dem Verfassen eines Blogbeitrags oder einem schnellen Kick mit ein paar großen Jungs auf der Straße. Ich würde mich immer für den Kick entscheiden. Einen Ball kann ich nicht liegen lassen, eine Blogdebatte schon. Das ist sehr angenehm, weil ich schreiben kann, was ich will. Die paar wenigen, die es lesen wollen und sollen, die tun es. 100 Prozent Zielgruppenaffinität, was will ich mehr. Das ist soweit erstmal mein Verständnis von der Medienwelt 2.0.

Was deren Relevanz angeht, habe ich heute eine interessante Mail von einer Studentin bekommen, die irgendwie am Rande erwähnte, sie habe vor vier Wochen zum ersten Mal ein Blog gelesen. Nachdem die junge Frau weder Maschinenbau noch Hotelgastronomie sondern Medienwirtschaft studiert und nach meinem flüchtigen Eindruck auch nicht intellektuell benachteiligt ist, dachte ich, Blogosphäre sei schön, aber nur für ein paar wenige. Die wiederum frei nach Loriot denken: Ein Leben ohne Blogs ist möglich, aber sinnlos. 

Meine ersten ziemlich unangenehmen Erfahrungen mit der Blogosphäre habe ich irgendwann im Winter letzten Jahres gemacht, als ich im November das Vergnügen hatte, eine Diskussion zum Thema Web 2.0 zu moderieren. Kurz darauf fand ich mich als Diskussionsgegenstand in einigen Blogs wieder, in denen man mir bescheinigte, meine Moderation sei zwar eloquent, aber weitgehend ungetrübt von Sachkenntnis gewesen. Ich nehme an, man kam zu dem Urteil, weil ich nicht sofort in spitze, ekstatische Lustschreie ausgebrochen bin, als es um Xing oder StudiVZ oder Qype ging. Direkt ein Bild wollten sich einige der virtuellen Henker lieber nicht machen und kamen deswegen auch nicht zur Veranstaltung, man war sich aber sicher, es müsse so gewesen sein, schließlich hatte man das ja bei zumindest einem gelesen, der dabei war. Seitdem findet man, wenn man mich googelt, schon auch mal unter den Suchbegriffen “Web 2.0″ und “inkompetent”, was sich aushalten lässt, aber irgendwie nicht gerade mein höchstes Lebensziel war. Immerhin weiß ich jetzt, dass man in einer solchen Google-Suche landen kann aufgrund eines schreiberischen Verbunds von Leuten, die über eine Veranstaltung schreiben, die sie nicht besucht haben. Komisch. Ich hatte als Volontär ja mal was anderes gelernt, aber vielleicht ist das jetzt arg geschmäcklerisch und old school-artig. Und Blogosphäre ist eh über jeden Zweifel erhaben.

Jedenfalls habe ich in der stark demokratisierend und diskussionsfördernd wirkenden Blogosphäre, in unserer medialen Zukunft und dem gleichzeitigen Tod alter Medien, in den letzten Tagen viele demokratisierende Elemente gesehen. Beispielsweise, dass ich immer auf die selben Leute gestoßen bin. Die sich, ganz im Zuge sich gegenseitig verstärkender Prominenz, gegenseitig verlinken, gegenseitig zitieren und gegenseitig auf die Schulter klopfen. So richtig pluralisierend ist das ja nicht und irgendwie muss ich da am Rande immer auch darüber schmunzeln, dass sich in der Jury und in der Nominierungskommission des Grimme Online Award entweder die früheren oder die kommenden Preisträger die Klinke in die Hand geben und in irgendwelchen Kommissionen auch solche sitzen, die immer noch, selbst nach einem Jahr der nach außen nicht sichtbaren Ergebnisse, als Wette auf die Zukunft gelten. Man hat gemeinsame Freunde, Werte, Ziele, man kennt sich, man schätzt sich, man weiß, wo der Gegner steht. Merkwürdigerweise also alles irgendwie ähnlich wie beim erklärten Gegner.

Die Blogosphäre ist ein bisschen wie das Dorf der Unbeugsamen bei Asterix. Man rauft sich mit Leidenschaft, ab und zu wirft Verleihnix einen faulen Fisch in die Runde. Gelegentlich kommt auch der dicke Obelix und beschwert sich, dass man ohne ihn angefangen habe. Und einer gibt den Troubadix, der nie singen darf, obwohl er so gerne würde und sogar Listen erstellt, wer jetzt eigentlich A-, B- und C-Blogger ist. Das finde ich übrigens interessant in einer pluralistischen, demokratisierenden Blogosphäre, dass, ganz wie in der alten Welt, genau klassifiziert wird, ab wann der Alphablogger beginnt. Wohlgemerkt, der Alphablogger definiert sich über Quantität, nicht darüber, ob das, was er zu sagen hat, irgendwie relevant sein könnte. Also tausend am Tag sollten es schon, heißt es. Wenigstens habe ich es der Lektüre von Troubadix Turi zu verdanken jetzt zu wissen, dass es sich bei Thomas Knüwer um einen “Alphablogger” nahe der Zwei-Meter-Grenze handelt. Ich kenne Herrn Knüwer nicht (bin gerade noch mit dem Aufstieg von C nach B ausgelastet), würde ihn aber sofort erkennen an den zwei Metern und an dem eintätowierten Alpha auf der Stirn, und ihm auch nicht widersprechen, weil man einem Zweimeteralphablogger nicht widerspricht. Sagt der Alphablogger Troubadix.

Immerhin, wir haben dann doch wieder bei allen Raufereien einen gemeinsamen Feind, den Römer. Und Alesia, mein Herr, nein, ich kenne kein Alesia! 

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SPON-Teaser (7)

16. Mai 2007 - 20:49 Uhr

Roy Makaay aus Paraguay??

Der dienstälteste HSV-Spieler muss seine Koffer packen. Einen Bayern-Stürmer aus Paraguay zieht es nach Spanien. 

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Blogger und Journalisten

16. Mai 2007 - 10:35 Uhr

Der beste Claim, den sich ein Printobjekt in seinem Online-Ableger geben kann, ist momentan bei der Titanic zu lesen:

Garantiert ohne Blogs!

Ich staune gerade jeden Tag ein kleines bisschen mehr über die Vehemenz und die Brachialgewalt, über die in der Bloggosphäre diese Posener/Diekmann-Nummer debattiert wird. Vor allem staune ich darüber, wie sehr Blogger (und dazu zähle mich selber – wenn ich nicht gerade Journalist bin) erstens unsere eigene Relevanz überschätzen und zweitens meinen, der konventionelle Journalismus stehe vor dem Untergang, wenn er sich nicht sofort den Regeln des Web im Allgemeinen und der Blogosphäre im Besonderen unterwerfe. Ich weiß allerdings nicht, ob sich das überhaupt verträgt, das Bloggen und der konventionelle Journalismus. Vielleicht sollte man ernsthaft allen traditionellen Zeitungshäusern empfehlen, von Blogs die Finger zu lassen.

Momentan jedenfalls finde ich, dass die Debatte absurde Züge annimmt. Christoph Kesse muss sich derzeit mindestens der “Dummheit” bezichtigen lassen (leider vom von mir an sich über die Maßen geschätzten Kollegen Niggemeier), weil er ein Interview in der Süddeutschen gibt, über das man streiten kann und mit dem ich nicht immer d´accord bin. Aber “Angstschweiß und Dummheit”; Kollegen, haben wir es nicht gerade mal eine Nummer kleiner? Dem Springer-Konzern gerinnt der Angstschweiß, weil diejenigen, die ihm ohnedies ablehnend gegenüberstehen, ihm jetzt noch ein bisschen mehr ablehnend gegenüber stehen?

Und hallo, Freude vom Bildblog, es ist also ein Ausweis von “Merkwürdigkeit”, dass sich die Welt in einer satirischen (und ohnedies nicht eben lustigen) Umfrage NICHT über Kai Diekmann lustig macht? Ich hätte es eher anbiedernd gefunden, hätte man es getan.

Bloggen und Debattieren im Netz hat nichts oder nicht viel mit unseren konventionellen Vorstellungen von Journalismus zu tun. Stimmt. Das haben eine ganze Reihe konventioneller Medienhäuser noch nicht begriffen. Stimmt auch. Ich würde sogar so weit gehen, dass sich die allermeisten unserer Tageszeitungen mit den Umbrüchen und Verwerfungen, die wir momentan erleben, verdammt schwer tun, absolut kein Springer-Phänomen. Ich tu mich ja selber manchmal schwer damit. Aber tun wir doch bitte nicht so, als wären alle anderen, die (noch) drüben auf der analogen Journalisten-Seite sitzen, allesamt nicht mehr länger ernstzunehmende, bedauernswerte Kretins.

Ach, und dann würde ich doch noch mal gerne auf die hohe Debattenkultur durchaus nicht unprominenter Blogger erinnern wollen: Da gibts einen überaus bekannten, der schon mal schreibt: “Wenn du hier noch mal so einen Müll ablässt, fliegst du raus.” Und ein weibliches Pendant habe ich schon öfter mal mit Sätzen vernommen wie dem, man solle sich doch verkrümeln, wenn´s einem nicht passt, das nächste gute Blog sei nur einen Mausklick weg.

Das finden wir dann alle toll, wir Blogger. Weil es so echt und so authentisch ist.

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Tour der Leiden…

16. Mai 2007 - 9:19 Uhr

…beim Arbeiten beim bewegten Bild. Und obwohl man ja niemandem was Böses wünscht, ist man irgendwie doch froh, mit diesem Schicksal nicht alleine auf diesem Planeten zu sein.

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Fernsehen zum Selberbauen

16. Mai 2007 - 9:12 Uhr

Schnell mal einen eigenen Fernsehchannel ins Leben rufen? Bitteschön.

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Vodafone antwortet doch

16. Mai 2007 - 9:08 Uhr

Upps, kein böses Wort mehr über Vodafone. Ein Zehn-Minuten-Telefonat mit einert netten Dame in der Kundenbetreuung, Tarif geändert, die 900-Euro-Mörderrechnung gecancelt. Problemlos, unbürokratisch, schnell.

Man lässt sich gerne mal in seinen eigenen Erwartungen täuschen. 

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Eins noch…

14. Mai 2007 - 19:25 Uhr

…zur Debatte um Posener/Diekmann/Springer/Welt. Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es eine Menge Blogger, die mit Stolz von sich behaupten, auch mal zu löschen, wenn ihnen was nicht passt. Sogar sehr bekannte. Ich hab´s auch schon getan.

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Journalisten-Reflexe

14. Mai 2007 - 9:54 Uhr

Wir Journalisten sind ja bekanntermaßen das toleranteste, flexibleste, kritischste und aufgeschlossenste Volk der Welt. Wir betrachten Dinge differenziert, haben zu allem eine natürlich fundierte Meinung, neigen nicht zu Vorteilen, differenzieren die Dinge aus und teilen unserem geneigten Publikum gerne täglich und kostenpflichtig mit, was sich jetzt, verdammt noch mal, alles ändern muss, dass es mit der Welt im Allgemeinen und uns im Besonderen endlich wieder aufwärts gehe.

Und wir haben keinerlei Beißreflexe, natürlich nicht.

Insofern, obiges vollständig vorausgesetzt, habe ich geschmunzelt über diese Debatte über einen gelöschten Blog-Beitrag in der Welt-Debatte. Genau, jenen Beitrag von Alan Posener, der den Bild-Chefredakteur niederschrieb. Großer Aufschrei, weil dieser Beitrag gelöscht wurde. Springer, die schwarze Mafia. Springer, die dunkle Seite der Macht, die Meinungsfreiheit und Pluralismus unterdrückt. Böser Diekmann, guter Posener. Und überhaupt: Darüber gehört jetzt endlich mal ordentlich debattiert und zwar selbstverständlich auf den Seiten von Springer.

Ein paar Anmerkungen dazu, auch wenn ich mich unbeliebt mache.

Erstens: Ich fand das Stück von Posener eher kümmerlich. Es gibt nichts Einfacheres, als auf Diekmann und die Bild zu schießen. Das ist kein Heldentum, weil mir der Applaus fast aller sicher ist und ich keine ernsthafte Debatte zu fürchten brauche. Im Gegenteil, wird dieses Stück kritisiert oder gar gelöscht, dann steckt dahinter keine andere Meinung, sondern Zensur und schwarze Mafia, ein paar Nummer kleiner haben wir´s gerade nicht.

Ich konnte nichts Substantielles in dieser Geschichte entdecken. Diekmann anzuschießen ist in etwa so, als würde ein Feuilletonist feststellen, Dieter Bohlens Musik sei konfektionierte Massenware und irgendwie ein bisschen substanzlos und außerdem sei der Typ ein bisschen doof. Tusch, Vorhang, die selbstgerechte Menge jubelt und keiner widerspricht. Wunderbar. Aber brauche ich das und gehört dazu auch nur ein Fünckchen Courage? Diekmann bietet viel Angriffsfläche und einer schießt auf diese große Fläche. Kunststück.

Zweitens: Ich habe eine ziemlich altmodische Vorstellung von Anstand. Ich erwarte, dass ein Kollege aus meinem Haus, der mir etwas mitzuteilen hat, dies mir persönlich mitteilt. Oder dass er mir zumindest mitteilt, dass er vorhat, etwas über mich zu publizieren. Wenn er das dann tut, in Ordnung – soll er schreiben, was er will. Alles andere ist nicht akzeptabel und ich schildere aus Gründen potenzieller strafrechtlicher Relevanz nicht, was ich mit jemandem machen würde, der mir derart hinterrücks eine reinwürgen würde. Selbst bei ziemlich erbitterter Gegnerschaft gibt es ein paar Anstandsregeln, ohne die nichts funktioniert. Nach meinem Wissen stellen selbst die Bildblogger, bestimmt nicht Springers beste Freunde, im Regelfall bei Fragen eine offizielle Anfrage an die Pressestelle des Verlags, selbst wenn sie wissen, dass sie vermutlich keine Antwort bekommen werden.

Drittens: In unserer Branche wird gerne mal Selbstreflektion verwechselt mit dem Drang, sich selbst zu kasteien. Bevor mir jetzt jemand einen gepfefferten Kommentar reinwürgen will: Der Gedanke stammt nicht von mir, sondern vom großen Herbert Riehl-Heyse. Aber ich fand ihn immer richtig. Riehl-Heyse schrieb, niemand würde beispielsweise von der Metzgerinnung bei deren Hauptversammlung erwarten, dass sie sich öffentlich kasteie, weil irgendjemand mal schlechtes Fleisch ausgeliefert habe (sinngemäß). Nur wir Journalisten sollen uns immer öffentlich selbst auspeitschen, wenn was schief läuft. Man erwartet also – in diesem Fall von Springer – dass ein Verlag ein Pamphlet eines Kollegen gegen den anderen Kollegen ohne Rücksprache nicht nur zulässt, sondern auch ausdrücklich die Debatte darüber befördert. Ich finde das, mit Verlaub, unsinnig. Und ich bezweifle, dass die Reaktionen ähnlich ausgefallen wären, wäre der betroffene Verlag nicht Spinger, sondern – sagen wir – der Spiegel gewesen. Wäre der Spiegel als zensierende Mafia angeklagt worden, hätte man dort einen Beitrag von Spiegel Online entfernt, in dem Gabor Steingart Stefan Aust als einen ziemlichen Idioten schildert? Oder sueddeutsche.de schreibt einen langen Beitrag, die Kommentare von Kurt Kister seien aber nun wirklich unerträglicher Quark…

Bevor das Argument kommt: Natürlich kann man mit Fug und Recht ins Feld führen, dass Bild und Welt zwei eigenständige Titel sind, aber umgekehrt nimmt man ja seitens der Springer-Gegner auch gerne mal die Welt für die Bild in Sippenhaft, das Argument zählt also nicht.

Um beim Thema Reflexe zu bleiben: Man muss schon fast wieder lachen, wenn die Kollegen des JEPBLOG am Freitag dann Bild.de den (Negativ-)Award der Woche verleihen. Natürlich ist die Begründung in der Sache absolut vertretbar, so ist es nicht. Trotz alledem kommt mir das ganze so vor, als wolle man nun mit Gewalt beweisen, dass man auch dann was Böses über Bild schreiben darf, wenn man bei Springer arbeitet.

Viertens: Die Reflexe sind bei uns wirklich ausgeprägt, auch in anderer Hinsicht. Wolf Schneider beispielsweise hat mal wieder ein neues Buch geschrieben, ich nehme an, dass es das siebenundsiebzigste ist. Wolf Schneider lässt sich derzeit wieder gerne in furchterregenden Posen ablichten und suggeriert, der alte Sprachgeneral sei immer noch da und hochvital. Und alles nimmt die Hacken zusammen und grüßt. So, wie umgekehrt Bild und Diekmann unreflektiert niedergebügelt werden, so wird völlig unreflektiert sofort Habacht-Stellung eingenommen, wenn Schneider den Raum betritt. Ich behaupte, niemand setzt sich mehr wirklich mit Schneider und seinen Büchern und seinen Theorien auseinander. Geschrieben wird nur noch Quark wie der von Turi in der Vanity Fair (kein Link, weil sonst wieder alles kollabiert): Schneider ist heute nötiger denn je. Ach herrje, ist er das? Die letzte Initiative, mal wieder die bedrohte deutsche Sprache zu retten, beinhaltete den Vorschlag, Laptops künftig Klapprechner zu nennen. Mutig fände ich jemanden, der sich Schneider entgegen stellt und mit ihm eine Debatte über einen solchen Unfug führt. Stattdessen sind wir alle unglaublich mutig und couragiert und murmeln und raunen: Wenn Schneider das sagt, muss es richtig sein. Er ist ja schließlich nötiger denn je, der alte General, der, hohoho, seine Schüler “bis aufs Blut gequält hat”. Dass sich da möglicherweise einer großartig und selbstgefällig selbst inszeniert, ist auf die Idee eigentlich außer Harald Schmidt, der sich gerne mal über ihn lustig macht, mal jemand gekommen?

Böser Diekmann, großer Schneider, so einfach sind wir Journalisten manchmal gestrickt.

Die Kommentare bleiben übrigens offen, auch wenn ich jetzt beschimpft werde.

(Disclaimer: Ich schreibe einmal im Monat für Springers Jepblog und bin dort an der Akademie auch als Dozent eingesetzt. Sonst aber von Springer völlig unabhängig. Nur für den Fall, dass jemand herauszufinden versucht, inwieweit man mich für diesen Beitrag unter Druck gesetzt oder bedroht haben könnte.)

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Grimme Online Award

14. Mai 2007 - 8:46 Uhr

Wer dieses Blog schon länger als zwei, drei Tage liest, der weiß, dass die Bekanntgabe der Nominierten und der Gewinner des Grimme Online Awards bei mir regelmäßig krampfartige Bauchschmerzen auslöste, so stark, dass ich für drei Tage nicht mehr wusste, ob ich ein Männlein oder Weiblein bin. Im Regelfall bisher: 23 Angebote der ARD, 17 des ZDF. Und zwei Alibiblogs.

Die virtuellen Menstruationsbeschwerden sind dieses Jahr ausgeblieben. Well done. Keine Einwände. Persönlicher Favorit: Stefan Niggemeier. Go for it. 

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